Innovation und Kreativität in Kopf und BusinessVor
einigen Jahren wurde in einem Innovationsprojekt, das der Verfasser moderierte, die Idee
der selbstreinigenden Kleidung vorgestellt. Von "unmöglich" oder "das
kauft doch keiner" bis hin zur Drohung, den Workshop abzubrechen, reichten damals die
Reaktionen auf diese Idee.
Inzwischen existiert nicht nur ein Hersteller für solche Kleidung sondern das Prinzip der
Selbstreinigung wird zur Zeit auch für Autos, Küchenmöbel und Hauswände medienwirksam
als Lotus-Effekt" propagiert.
Das Scheitern ungewöhnlicher Ideen
An diesem Beispiel wird deutlich, daß der hohe Originalitätsgrad einer Idee wenig
nützt, wenn sie keine Chance bekommt, überhaupt in die Konkretisierungs- und
Realisierungs-Phase zu gelangen und so zur Innovation zu werden.
Ob wir eine ungewöhnliche Idee ablehnen oder weiterverfolgen, hängt von der inneren
Einstellung ab, von unserem (Denk-)Stil. Stil ist die Art und Weise, wie wir Aufgaben
angehen und Ausdruck der Unternehmenskultur.
Innovativer Stil zeigt sich dort, wo wir mit Dingen konfrontiert sind, die von Routine
und den bekannten Mustern abweichen. Wie z.B.bei (realisierten) Ideen wie der
selbstreinigenden Kleidung, Briefmarken zum Selbstausfüllen, dem intelligenten
Müllcontainer, der Joghurtbecher putzt" oder einem bedienungsfreien
Staub-sauger. Gehen wir an diese Ideen eher skeptisch-prüfend heran (interessant,
aber ist das denn verkaufbar?") oder sehen wir gerade in der
Unmöglichkeit" eine Herausforderung und setzen uns ein, dass die Idee
weiterverfolgt wird?
Kreatives Wissen
Der Stil entscheidet darüber, ob eine Idee weiterentwickelt wird oder nicht. Davor,
bei der Ideenfindung geben Wissen und Phantasie den Ausschlag.
Ideenfindungs-Techniken wie z.B, das klassische Brainstorming, das Brainwriting oder
die Morphologie liefern umso interessantere Ideen, je mehr und je unter-schiedlicheres
Wissen bei den Beteiligten vorhanden ist. Da die Techniken vorwiegend nach dem Prinzip der
Assoziation und Kombination arbeiten, kommt es besonders auf das ausser-fachliche Wissen
an, das in Kombination mit anderen Wissenspartikeln und dem Fachwissen zu ganz neuen
Verbindungen, d.h. Ideen führen kann, an die man bisher nicht gedacht hat. Für
Ideenfindungs-Teams sollten daher zusätzlich externe "Trigger" hinzugezogen
werden, Personen, die von dem zu bearbeitenden Sachthema möglichst weit entfernt sind.
Die persönliche Kreativität kann also auch dadurch weiterentwickelt werden, dass man
häufiger in ganz anderen Sachgebieten stöbert und wildert".
Phantastische Ideen
Andere Ideenfindungs-Techniken wie z.B. Reizwortanalyse, visuelle Konfrontation, oder
Synektik unterstützen eher die Phantasie, Phantasie als Vorstellungs-vermögen, was sein
k ö n n te.
Schon mit der einfachen Frage "was wäre wenn..?" oder der Formel
"angenommen, daß..." und der systematischen Variation der zugrunde-liegenden
Annahmen, können ganz neue Möglichkeiten und Ideen buchstäblich "konstruiert"
werden: angenommen, das Handy hätte kein Gehäuse - dann könnte man
- ein ganz neues Design anbieten
- es als Modul in den Organizer stecken
- Gewicht und Abmessungen reduzieren
- Akku und Elektronik trennen: Akku fest in der Tasche, Elektronik-Teil abnehmbar
Um eine Idee schliesslich zu realisieren, wird wiederum Phantasie benötigt:
wie könnte das zunächst Unvorstellbare Wirklichkeit werden? Wie könnten psychologische
und technische Schwierigkeiten überwunden werden? Hier ist ein eher experimenteller
Denk-Stil gefragt.
Kreative Realisierung
Kreativität" wird oft synonym für Ideenfindung" benutzt. Die
Realisierung einer Idee wird meist nicht als eine kreative Arbeit angesehen. Aber genau
hier, in dieser vergessenen Kreativität" steckt ein grosses Potential: wie
können Ideen für die Umsetzung von Ideen gefunden werden, wie können originelle Ideen
auch originell realisiert werden?
Die neuen Techniken der Ideen-Konkretisierung und -Realisierung zielen darauf, das
Innovative einer Idee im weiteren Bearbeitungsprozeß zu erhalten und zu kultivieren. So
ist es z.B. sinnvoll, direkt im Anschluß an die Ideenfindung und vor der Bewertung eine
Konzeptbildung mit der "Puzzling-Technik" durchzuführen, bei der einzelne
Ideen-Splitter wie in einem Puzzle zusammengefügt werden. Damit kann verhindert werden,
daß Ideen, die erst auf den zweiten, dritten oder fünften Blick machbar sind, zu früh
aus der Bewertung fallen.
Mit dem "Realisierungs-Judo" können in der Realisierungs-Phase gezielt
Einwände und Bedenken konstruktiv bearbeitet und in neue Lösungen überführt werden.In
Innovationsprojekten hat sich bewährt, mit regelmäßigen Reviews zu überprüfen, ob der
aktuelle Innovations-Grad noch dem der Ausgangsidee entspricht. Dabei wird systematisch
nach Lücken und Chancen gesucht, um den Originalitätsgrad wieder anzuheben.
Ansonsten droht die Gefahr, wieder nur bei einer "mee-too-Lösung" zu landen
statt bei Innovationen.
Fazit:
Die Frage, welchen Stil wir im Umgang mit ungewöhnlichen Ideen pflegen, ist oft
wichtiger als die, wieviel Kreativität wir in der Ideenfindung entwickeln.
Wir brauchen Phantasie und Wissen, um wirklich Neues zu erzeugen und nicht in
Phantasien stecken zu bleiben. Ideenfindungs-Techniken unterstützen dabei die Synergie
von Phantasie und Wissen.
Gute Ideen brauchen gute Ideen zu ihrer Umsetzung. Neue Verfahren der
Ideen-Konkretisierung und -Realisierung organisieren das Überleben und Reifen origineller
Lösungen.