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Arno Dirlewanger

Studium der Informatik und visueller Kommunikation, seit 1985 selbständiger Innovationsberater und Kreativitäts-Trainer. Beratung und Moderation der Ideenfindung bei Innovationsprojekten grosser Unternehmen.

 

Von der selbstreinigenden Kleidung zum Lotus-Effekt...

Innovation und Kreativität in Kopf und Business

Vor einigen Jahren wurde in einem Innovationsprojekt, das der Verfasser moderierte, die Idee der selbstreinigenden Kleidung vorgestellt. Von "unmöglich" oder "das kauft doch keiner" bis hin zur Drohung, den Workshop abzubrechen, reichten damals die Reaktionen auf diese Idee.
Inzwischen existiert nicht nur ein Hersteller für solche Kleidung sondern das Prinzip der Selbstreinigung wird zur Zeit auch für Autos, Küchenmöbel und Hauswände medienwirksam als „Lotus-Effekt" propagiert.

Das Scheitern ungewöhnlicher Ideen

An diesem Beispiel wird deutlich, daß der hohe Originalitätsgrad einer Idee wenig nützt, wenn sie keine Chance bekommt, überhaupt in die Konkretisierungs- und Realisierungs-Phase zu gelangen und so zur Innovation zu werden.

Ob wir eine ungewöhnliche Idee ablehnen oder weiterverfolgen, hängt von der inneren Einstellung ab, von unserem (Denk-)Stil. Stil ist die Art und Weise, wie wir Aufgaben angehen und Ausdruck der Unternehmenskultur.

Innovativer Stil zeigt sich dort, wo wir mit Dingen konfrontiert sind, die von Routine und den bekannten Mustern abweichen. Wie z.B.bei (realisierten) Ideen wie der selbstreinigenden Kleidung, Briefmarken zum Selbstausfüllen, dem intelligenten Müllcontainer, der Joghurtbecher „putzt" oder einem bedienungsfreien Staub-sauger. Gehen wir an diese Ideen eher skeptisch-prüfend heran („interessant, aber ist das denn verkaufbar?") oder sehen wir gerade in der „Unmöglichkeit" eine Herausforderung und setzen uns ein, dass die Idee weiterverfolgt wird?

Kreatives Wissen

Der Stil entscheidet darüber, ob eine Idee weiterentwickelt wird oder nicht. Davor, bei der Ideenfindung geben Wissen und Phantasie den Ausschlag.

Ideenfindungs-Techniken wie z.B, das klassische Brainstorming, das Brainwriting oder die Morphologie liefern umso interessantere Ideen, je mehr und je unter-schiedlicheres Wissen bei den Beteiligten vorhanden ist. Da die Techniken vorwiegend nach dem Prinzip der Assoziation und Kombination arbeiten, kommt es besonders auf das ausser-fachliche Wissen an, das in Kombination mit anderen Wissenspartikeln und dem Fachwissen zu ganz neuen Verbindungen, d.h. Ideen führen kann, an die man bisher nicht gedacht hat. Für Ideenfindungs-Teams sollten daher zusätzlich externe "Trigger" hinzugezogen werden, Personen, die von dem zu bearbeitenden Sachthema möglichst weit entfernt sind.

Die persönliche Kreativität kann also auch dadurch weiterentwickelt werden, dass man häufiger in ganz anderen Sachgebieten stöbert und „wildert".

Phantastische Ideen

Andere Ideenfindungs-Techniken wie z.B. Reizwortanalyse, visuelle Konfrontation, oder Synektik unterstützen eher die Phantasie, Phantasie als Vorstellungs-vermögen, was sein k ö n n te.

Schon mit der einfachen Frage "was wäre wenn..?" oder der Formel "angenommen, daß..." und der systematischen Variation der zugrunde-liegenden Annahmen, können ganz neue Möglichkeiten und Ideen buchstäblich "konstruiert" werden: angenommen, das Handy hätte kein Gehäuse - dann könnte man

  • ein ganz neues Design anbieten
  • es als Modul in den Organizer stecken
  • Gewicht und Abmessungen reduzieren
  • Akku und Elektronik trennen: Akku fest in der Tasche, Elektronik-Teil abnehmbar

Um eine Idee schliesslich zu realisieren, wird wiederum Phantasie benötigt:
wie könnte das zunächst Unvorstellbare Wirklichkeit werden? Wie könnten psychologische und technische Schwierigkeiten überwunden werden? Hier ist ein eher experimenteller Denk-Stil gefragt.

Kreative Realisierung

„Kreativität" wird oft synonym für „Ideenfindung" benutzt. Die Realisierung einer Idee wird meist nicht als eine kreative Arbeit angesehen. Aber genau hier, in dieser „vergessenen Kreativität" steckt ein grosses Potential: wie können Ideen für die Umsetzung von Ideen gefunden werden, wie können originelle Ideen auch originell realisiert werden?

Die neuen Techniken der Ideen-Konkretisierung und -Realisierung zielen darauf, das Innovative einer Idee im weiteren Bearbeitungsprozeß zu erhalten und zu kultivieren. So ist es z.B. sinnvoll, direkt im Anschluß an die Ideenfindung und vor der Bewertung eine Konzeptbildung mit der "Puzzling-Technik" durchzuführen, bei der einzelne Ideen-Splitter wie in einem Puzzle zusammengefügt werden. Damit kann verhindert werden, daß Ideen, die erst auf den zweiten, dritten oder fünften Blick machbar sind, zu früh aus der Bewertung fallen.

Mit dem "Realisierungs-Judo" können in der Realisierungs-Phase gezielt Einwände und Bedenken konstruktiv bearbeitet und in neue Lösungen überführt werden.In Innovationsprojekten hat sich bewährt, mit regelmäßigen Reviews zu überprüfen, ob der aktuelle Innovations-Grad noch dem der Ausgangsidee entspricht. Dabei wird systematisch nach Lücken und Chancen gesucht, um den Originalitätsgrad wieder anzuheben.
Ansonsten droht die Gefahr, wieder nur bei einer "mee-too-Lösung" zu landen statt bei Innovationen.

Fazit:

Die Frage, welchen Stil wir im Umgang mit ungewöhnlichen Ideen pflegen, ist oft wichtiger als die, wieviel Kreativität wir in der Ideenfindung entwickeln.

Wir brauchen Phantasie und Wissen, um wirklich Neues zu erzeugen und nicht in Phantasien stecken zu bleiben. Ideenfindungs-Techniken unterstützen dabei die Synergie von Phantasie und Wissen.

Gute Ideen brauchen gute Ideen zu ihrer Umsetzung. Neue Verfahren der Ideen-Konkretisierung und -Realisierung organisieren das Überleben und Reifen origineller Lösungen.


 

 

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