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Die Zukunft von Arbeit
und Weiterbildung
Die Aufwendungen der Unternehmen für Weiterbildung werden steigen. Entscheidend ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort das richtige Wissen intus zu haben.
Von Fritz Haselbeck,
22.12.01
Die Zukunft der Weiterbildung ist ein siamesischer
Zwilling und abhängig von den Zukunftsentwicklungen der
Arbeit. Ein wichtiger Trend bei der Arbeit ist die
Globalisierung: Die Arbeit wird dort vergeben, wo das
Lohn-/Leistungsverhältnis am günstigsten ist. Hier gibt es im
Dienstleistungssektor sehr bemerkenswerte Entwicklungen. Die
Ansagen auf dem Flugplatz Berlin-Tegel werden von 18 Uhr bis
24 Uhr von Kalifornien aus gemacht. Der Grund: Es gibt dort
keinen Zuschlag für Spätdienst und die Lohnkosten liegen
generell erheblich tiefer. Dezentralisieren und virtualisieren
heisst die Devise. So wird es möglich, sich nur auf die
Strategie für ein bestimmtes Produkt zu fokussieren. Das
Forschen, Entwickeln und Produzieren erledigen andere; sogar
Marketing und Verkauf werden «outgesourced». Gerade mal zwei
oder drei Leute führen ein solches virtuelles Unternehmen. Ein
Beispiel dafür ist die Firma Cargolifter. Die flachen
Hierarchien, die sich in den letzten Jahren eingebürgert
haben, werden bleiben. Die Folgen für Mitarbeiter: weniger
klassische Möglichkeiten in der Karriere-Entwicklung, dafür
höhere Selbstverantwortung und mehr Zugriff auf ganzheitliche,
übergreifende Informationen. Die Zeiten, in der Führungskräfte
Informationen horteten und als Machtinstrument einsetzten,
sind damit vorüber. Eigenverantwortliches Handeln erlaubt dem
Einzelnen, sich besser und individueller zu entfalten - mit
der Konsequenz, dass der Leistungsdruck zunimmt. Motivierend
ist, dass der Weg zu den Zielen weitgehend frei gestaltet
werden kann.
Informatik setzt Leute
frei Zwischen den
Branchen und Arbeitsmärkten wird es beträchtliche
Verschiebungen geben. Es bestehen Prognosen, wonach im Jahre
2020 nur noch 1% der Beschäftigten in der Agrarwirtschaft, 15%
in der Produktion und 34% in den uns bekannten
Dienstleistungen arbeiten werden. Das heisst: 50% der
Beschäftigten können dann im sozialen Bereich oder in Kunst
und Kultur eingesetzt werden. Dies ist möglich, weil die
Informatik zunehmend mehr Leute in den klassischen, jetzt vor
allem administrativen Arbeitsplätzen freisetzt. Es ist eine
ähnliche Bewegung im Gang wie das früher in der Landwirtschaft
war: die Traktoren kamen, die Pferde verschwanden.
Gefahrenherd für die Gemeinschaft
Nicht zu unterschätzen ist, dass
die Aus- und Weiterbildung ein Gefahrenherd für die
Gemeinschaft darstellt: Die Bildung einer
Zweiklassengesellschaft. Auf der einen Seite stehen jene mit
schwacher Grundausbildung, die auch während der Arbeit kaum
weitergebildet werden. Auf der anderen Seite jene mit einer
hochqualifizierten Grundausbildung, die sich kontinuierlich
während ihres gesamten Arbeitslebens weiterbilden.
Die schwach Ausgebildeten erfüllen
jene Arbeiten, die reine Hilfsarbeiten sind. In wenigen Tagen
ist man dafür angelernt. Häufig sind dies Tätigkeiten, bei
denen Mitarbeiter durch neue Technologien später freigesetzt
werden. Das bedeutet ein ständiger Kampf an der untersten
Skala der Einkommen. Der Working-poor balanciert sich so an
der Überlebens-Grenze entlang. Selbständige Portfolio-Worker Auf der anderen Seite gibt es die
hochqualifizierten, sehr gut Ausgebildeten, die eine
integrative Arbeit verrichten können, zu der nur wenige Leute
fähig sind. Hier sind die Firmen bereit, sehr hohe Saläre zu
zahlen; das öffnet die Einkommensschere.
Hierarchie-Unterschiede in Unternehmen gestalten sich dann
weniger struktur-, sondern eher projektbezogen. Mehr
selbstständige Portfolio-Worker denn je werden sich ihr
eigenes Know-how aufbauen, sich überlegen, was gefragt ist und
dies ganz gezielt anbieten. Während ihrer Arbeiten bilden sie
sich kontinuierlich weiter, um auch für die nächste
Herausforderung gewappnet zu sein. Das «Eingebettet sein» in
ein vertrautes Team und ein Zuhause werden viele
Portfolio-Worker vermissen. Ein Trend, der die Abkehr von
einem früheren Credo einläutet: Für den Einzelnen vermischt
sich mehr und mehr die Arbeit mit der Freizeit. Kreative
Arbeiten oder attraktive Weiterbildungsmodule werden vom
Mitarbeiter gar nicht mehr als Arbeit, sondern eher wie Hobby
und Freizeit empfunden. All dies ist durch die neuen
Informationstechnologien erst möglich geworden. Die
Weiterbildung wird in unserem ganzen Arbeitsleben einen
zentralen Stellenwert einnehmen. Dort, wo das beste und
neueste Wissen und Know-how ist, wird die grösste
Wertschöpfung erreicht. Dies ermöglicht, die höchsten Saläre
zu bezahlen und garantiert so einer Volkswirtschaft den besten
Lebensstandard. Deshalb lohnt es sich für jede Nation, in Aus-
und Weiterbildung zu investieren. Wissen und Kreativität sind
die Schlüssel für Erfolg in der Wirtschaft. Die neuen
technologischen Entwicklungen erfordern permanent aktuelles
Wissen - ein Wissen, das sich sehr rasch verändert. Die
virtuelle Arbeitswelt verlangt neue Führungskulturen und
Informationstechnologien. Zwischenkulturelle Unterschiede
erhalten in Zukunft einen ganz anderen Stellenwert.
Projektgruppen werden sich ganz selbstverständlich aus
verschiedensten Nationen zusammensetzen. Führungskräfte und
Mitarbeiter müssen daher gut darauf vorbereitet werden, damit
sie mit diesen Unterschieden gekonnt umgehen können.
Mit dem sich rasch verändernden
Umfeld kommt eine neue Verantwortung auf den Mitarbeiter zu:
Er ist für seine eigene Weiterbildung verantwortlich, um seine
«Employability» zu erhalten, das heisst, um auf dem
Stellenmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Die Aufwendungen der
Unternehmen für Weiterbildung werden steigen. Diese
fokussieren sich auf Investitionen, die dem konzentrierten
Umsetzen von Strategie und Vision dienen. Vier Berufe bis zur Pensionierung
Die Ausbildung wird kürzer werden.
Lange Ausbildungswege haben in Zukunft einen gravierenden
Nachteil: Inhalte, die mit den ersten Schritten gelernt
wurden, sind beim Eintreten in die praktische Arbeit bereits
veraltet. Am Anfang jeder Ausbildung müssen die grundlegenden
Fähigkeiten erarbeitet werden, die ein Leben lang gebraucht
werden: lesen, schreiben, rechnen und allgemein bildende
Fächer wie Lernen lernen, Probleme lösen, Kreativität,
Flexibilität, Teamwork oder Denkarbeit. In einer zweiten Phase
der Ausbildung gilt es herauszufinden, wo die eigenen Stärken
liegen, um dort ein Basiswissen zu erarbeiten. Heute - und in
Zukunft verstärkt - wird die Durchlässigkeit zwischen den
einzelnen Ausbildungsprofilen und Berufen bedeutend besser
sein als im Vergleich zu früher. Auf Grund von Untersuchungen
wird angenommen, dass im Schnitt künftig jeder Mensch vier
verschiedene Berufe bis zu seiner Pensionierung ausüben wird.
Umgang mit Veränderungen und Lernen ist für jeden einzelnen
angesagt. Für jedes Unternehmen ist die Investition in die
Mitarbeiter wichtig: besseres, neueres Wissen steigert das
Firmenvermögen. Durch die Investition in die Mitarbeiter
werden Bindungsprogramme wichtiger, weil Fluktuation im
Know-how empfindliche Lücken reisst. Der Engpass für das
Wachsen und Entwickeln eines Unternehmens bildet das Potenzial
seiner Mitarbeiter. Erhöhte Investitionen in Weiterbildung
erfordern ein professionelles Bildungs-Controlling. Eines, das
transparent die Ergebnisse liefert, ob und wie erfolgreich
vermitteltes Wissen im Betrieb angewendet und umgesetzt wird.
Veranstaltungen zur Entwicklung der Persönlichkeit werden
wichtiger denn je. Menschen, die einen Einblick in ihre
eigenen Stärken und Schwächen und in die Art und Weise wie sie
funktionieren gewinnen, steigern ihre persönliche Effizienz im
Unternehmen. Häufig ist eine solche Investition bedeutend
wirkungsvoller als eine weitere Vertiefung der fachtechnischen
Ausbildung. Meine Empfehlung: Die Grundausbildung verkürzen
und berufsbegleitendes Weiterbilden wesentlich verstärken. So
wird die «lernende Organisation» im Unternehmen Realität. Für
den Stelleninhaber ist in der Regel eine am Bedarf orientierte
Just-in-time-Weiterbildung am sinnvollsten. Längere Lernblöcke
bieten sich an, wenn grössere Veränderungsschritte
(Berufswechsel) zu bewältigen sind. Die vertikale Karriere
tritt allmählich in den Hintergrund und wird von der
Know-how-Karriere abgelöst. Zusätzliches Wissen auf
unterschiedlichen Gebieten erleichtert den Aufstieg auf der
sozialen Leiter und bewegt das Salär mit nach oben.
Spürbare Verbesserungen Am Arbeitsort selbst wird Coaching immer
wichtiger: Für die Führungskraft wird es selbstverständlich,
einen Coach zu haben, der die eigenen blinden Flecken
aufzeigt. Auch Lernen im Team an pragmatischen Fragestellungen
aus dem Unternehmen gewinnt an Boden. Mit den vermittelten
Lehrinhalten lassen sich sofort spürbare Verbesserungen direkt
im Betrieb umsetzen. Entscheidend ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort
das richtige Wissen intus zu haben.
http://www.micic.com/
Institut für Zukunftsmanagement. Methoden, Prozesse
und Werkzeuge zur Chancenerkennung.
http://www.wkr-ev.de/
Deutsche Vereinigung zur Förderung
der Weiterbildung von Führungskräften. Qualitätssicherung in
der Weiterbildung.
http://www.arbeitgeber.ch/ Aufsatz des Schweizerischen
Arbeitgeberverbands zur «Weiterbildung der Zukunft».
Dieser Artikel wurde im Alpha Kadermarkt vom 22./23. Dezember 2001 veroeffentlicht. |