Thomas Vettiger* und Rudolf Volkart**Die
Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts ist daran, in die Wissensgesellschaft, den
digitalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts überzugehen. Man spricht in
diesem Zusammenhang gerne von der sogenannten New Economy. Viele Dinge
scheinen sich grundlegend zu verändern. Bei zahlreichen Gesichtspunkten ist es indessen
angebracht, die wahren Dimensionen nicht zu verlieren. Dies betrifft insbesondere die
Bewertung von Internet- und Technologiegesellschaften.
Wertexplosion in der New Economy?
Nicht selten ist im Zusammenhang mit der Wertbildung von Aktien und Unternehmen der New
Economy die Rede davon, dass die herkömmlichen Bewertungsmodelle nicht mehr
anwendbar seien und mithin neue Massstäbe für die Wertzumessung solcher Gesellschaften
gefunden werden müssten. Phasen einer übersteuerten Bewertung von Titeln der New
markets waren natürlich dazu angetan, solche Standpunkte zu entwickeln.
In den vergangenen Monaten hat der Markt die Antwort auf die oben angesprochene Frage
gegeben. Die Ernüchterung ist nicht ausgeblieben. Bei allem Respekt für die
grundlegenden Veränderungen der Welt des digitalen Zeitalters gilt es zu beachten, dass
die zentralen Gesetzmässigkeiten der Welt im Allgemeinen und der Ökonomie im Besonderen
dadurch nicht obsolet werden, im Gegenteil. Fortbestand werden auf Dauer nur Unternehmen
haben, die imstande sind, qualitative und quantitative Werte zu begründen. Die aus einer
Geschäftstätigkeit realistisch zu erwartenden Free Cash-flows sind dabei entscheidend.
Der Behauptung, die Bewertungsregeln der alten Ökonomie würden nicht mehr
gelten, ist entschieden entgegenzutreten. Gleiches trifft auf die gelegentlich zu hörende
Ansicht zu, die verfügbaren Theoriekonzepte wären nicht in der Lage, die Wertentwicklung
von Internet- und Technologiesgesellschaften zu erklären. Dies insbesondere bezogen auf
die entsprechenden Börsenkursentwicklungen. Zum tieferen Verständnis dieser Sachverhalte
ist allerdings eine gute Kenntnis der Bewertungstheorie notwendig. Dies gilt für die
Unternehmensbewertung als Ganzes wie auch für die Kursbildung der einzelnen Aktientitel.
Veränderte Rahmenbedingungen in der New Economy
Was kann bei der finanziellen Wertfindung im digitalen Kapitalismus als grundlegend neu
oder anders im Vergleich zur alten Welt betrachtet werden? Wichtige
Gesichtspunkte sind sicher die folgenden:
- Substanzwerte (z.B. Liegenschaften, Vorräte) werden vermehrt durch immaterielle Werte
abgelöst (z.B. Know-how, Patente, Kundenpotentiale).
- Junge Gesellschaften der New Economy können mehrere Jahre einen negativen Free
Cash-flow aufweisen.
- Die wertrelevanten positiven Rückflüsse liegen in einer vergleichsweise fernen,
langfristigen Zukunft.
- Die zukünftige Entwicklung solcher Gesellschaften lässt sich nicht mehr
eindimensional abbilden. Sie ist vielmehr durch eine Vielzahl von
Teilentscheidungen geprägt.
- Die dynamisch zu betrachtenden potentiellen Entscheidungsabfolgen hängen von
verschiedenen Umwelt-, Branchen- und Konkurrenzentwicklungen ab und weisen zum Teil
spieltheoretischen Charakter auf.
Die Bewertung von Gesellschaften der New Economy, z.B. von Internet-Start-ups, muss
demzufolge auf Chancenpotentialen beruhen, die in einer fernen Zukunft liegen. Diese sind
indessen nicht nur im betrachteten Unternehmen an sich zu sehen. Vielmehr lassen sie sich
auch durch spätere Veräusserung neu geschaffener Know-how- und Wertpotentiale an andere
Wettbewerber versilbern. Dies stellt den Finanzinvestoren der ersten Stunde
nicht selten eine attraktive Rendite in Aussicht.
Zwei mögliche Bewertungsansätze
Zur Bewertung von Unternehmen der New Economy bieten sich vor allem zwei Wege an. Der
eine basiert auf der Überlegung, dass nur eine sorgfältige Durchdringung möglicher
Zukunftsszenarien zu einer plausiblen Wertzumessung führt. Dabei gilt es, zukünftig
denkbare Positionierungen des Unternehmens beispielsweise in zehn Jahren
visionär zu umreissen. Daraus sind dann die notwendigen Investitionen sowie die daraus
langfristig zu erwartenden Free Cash-flows abzuleiten. Entscheidend sind hier die
Szenarien und die krititsche Hinterfragung der dabei unterstellten Annahmen (z.B.
Wachstumsraten, Anzahl Kunden, Umsatz pro Kunde sowie die Frage, ob das Wachstum
überhaupt verkraftet werden kann).
Ein zweiter Ansatz stellt die Bewertung mittels Realoptionstheorie ins Zentrum.
Real options sind zukünftige geschäftspolitische Chancen des Managements,
die dieses wahrnehmen oder verfallen lassen kann. Das Unternehmen wird dynamisch in seiner
zukünftig möglichen Entwicklung betrachtet. Dies verkörpert eine sehr realistische
Optik, ist doch die betriebliche Tätigkeit stets eine (zeitliche) Abfolge der Wahr- oder
Nichtwahrnehmung sich bietender Optionen erwarteter, aber auch unerwarteter.
Typische Beispiele für Realoptionen sind folgende: Zuwarten mit Investieren (option to
delay); zusätzliches Expandieren (option to expand); vorzeitiger Projektabbruch (option
to abandon).
Die in der Praxis beliebte Anwendung simpler Multiples (z.B.
Unternehmenswert = X mal Umsatz oder = X mal EBIT) ist nicht mehr sinnvoll umsetzbar. Das
für Firmen der New Economy besonders wichtige zukünftige Wachstum wird viel zu wenig
berücksichtigt, oder es erfolgt eine zu pauschalisierte Prospektion in eine ferne
Zukunft. Umgekehrt werden auch neue Bewertungsformeln angewendet, welche den
Wachstumsoptimismus zu unbeschwert in eine ewige Zukunft projizieren.
Die zentrale Schlussfolgerung ist folgende. Je dynamischeren Entwicklungen eine
Wirtschaft unterworfen ist, um so weniger lässt sich die wertrelevante Zukunft in Form
eindimensionaler Cash-flow-Projektionen erfassen. Notwendig ist vielmehr eine
gründliche Analyse der zu erwartenden Entscheidungsspielräume. Und dies vor dem
Hintergrund der generell in einer Branche und spezifisch mit Blick auf die Konkurrenten
möglichen Aussenentwicklungen.
Die Wertzumessungen sind dadurch Wissenschaft und Kunst zugleich. Erstere
hat logische Denk- und Vorgehenskonzepte zu liefern, und letztere soll zu einer kreativen
Durchdringung möglicher Zukunftsbilder führen. In Wertanalysen gewonnene Wertresultate
bedeuten nicht mehr, aber auch nicht weniger, als die unterstellten Szenarien es erlauben.
Dies erklärt die hohe Sensitivität der Börsennotierungen von Wachstumsgesellschaften.
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*Dr. Thomas Vettiger ist Managing Partner der IFBC Integrated Financial Business
Consulting AG, Zürich, und Lehrbeauftragter der Universität Zürich.
** Prof. Dr. Rudolf Volkart ist Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre und Direktor
des Swiss Banking Institute an der Universität Zürich.