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Claus Epe

Dipl. Psychologe; Er ist selbständiger Berater und Trainer im Hamburger Team für Veränderungsmanagement und Organisationsentwicklung

 

DIAGNOSTIK - Schlüssel zur Persönlichkeit?

Diagnostik - ein ungewöhnliches Wort im Management Es gehört zum normalen Arbeitsalltag in Unternehmen, Erkenntnisse zu suchen über Persönlichkeit, Eigenschaften, Fähigkeiten, Einstellungen, Eignung, Leistung, Potentiale von Bewerbern bzw. Mitarbeitern, über interaktive Geschehnisse und Abläufe zwischen Einzelnen und Gruppen. In diesem Zusammenhang von Diagnostik zu sprechen ist nicht ganz unproblematisch, weil das Wort an Medizin und Krankheit erinnert und insofern eher unpassend für das Arbeitsleben ist. Bei manchen Menschen weckt der Begriff zudem die falsche Hoffnung von Objektivität, als müsse man bei der Beurteilung von Menschen nur die wissenschaftlich neuesten Methoden benutzen und würde hinterher ein hieb- und stichfestes Ergebnis bekommen.

Es hat aber auch einen entscheidenden Vorteil, von Personaldiagnostik, Einstellungsdiagnostik, Teamdiagnostik oder auch allgemein von Managementdiagnostik zu sprechen. Über die Verwendung dieser Begriffe meldet sich wie von selbst und unmissverständlich der Anspruch an, über den 'gesunden Menschenverstand' und die normale, jedem verfügbare Menschenkenntnis hinauszugehen.


Gesunder Menschenverstand reicht nicht aus
Bei Fragen von "Passung" von Menschen zueinander, Zusammensetzung von Projekten, Besetzung von Schlüsselpositionen, Erkennen von Potentialen, Förderung von Mitarbeitern, Konfliktklärungen zwischen Einzelnen oder zwischen Abteilungen, etc. verlassen sich Linienmanager und Personalleute oft ausschliesslich auf ihren Bauch. Mit ihren 'Bauchentscheidungen', die gern positiv als Intuition bezeichnet werden, fühlen sich die meisten Manager ganz wohl, was bei gefühlsmässigen Entscheidungen ja auch nicht verwundert. Subjektiver Entwicklungsbedarf entsteht meist an der Stelle, wo eigene Entscheidungen begründet werden müssen oder wo offensichtliche Fehler passiert sind.

Grundsätzlich gilt: Diagnostik spielt bei jeder Interaktion eine Rolle. Wir sind bewusst oder unbewusst ständig bemüht, Verhaltensweisen anderer Menschen zu verstehen, einzuordnen, zu beurteilen, zu bewerten, nächste Reaktionsweisen vorherzusehen etc., um uns darauf einzustellen und dann zu reagieren.
Je komplizierter Interaktionen und zwischenmenschliche Beziehungen sind, desto unsicherer fühlen sich Menschen, wenn sie helfend, klärend oder beurteilend tätig werden sollen. Teamarbeit und Projekte sind hoch im Kurs, die Bedeutung der "Chemie" zwischen Personen hat sich herumgesprochen. Dieser Ausdruck zeigt jedoch zugleich: psychologische Erkenntnisse über Persönlichkeit und Interaktionen werden auf vagem, alltagspraktischen Niveau abgehandelt: "Die Chemie stimmt" oder "Die Chemie stimmt nicht".

Erstaunlicherweise führen Unsicherheit und Fehler selten dazu, Diagnostik im zwischenmenschlichen Bereich zu verfeinern und zu systematisieren.


Hinderungsgründe für differenzierte Diagnostik
Vermutlich sind es zwei Hauptgründe, die verhindern, dass Manager sich systematisch und differenziert mit Diagnostik auseinandersetzen:

  1. Man gesteht es sich nicht gern ein, hier Defizite zu haben, schliesslich hat man schon sein Leben lang mit Menschen zu tun. Gute Menschenkenntnis gehört einfach dazu:
    "auf meine Intuition kann ich mich verlassen - meiner Frau habe ich schon nach drei Tagen einen Heiratsantrag gemacht".
  2. Diagnostik verlangt, dass man sich auch mit dem eigenen Innenleben beschäftigt: Wenn ich eine andere Person distanzlos finde, woher weiss ich dann, ob ich nicht vielleicht ein Problem mit Menschen habe, die jovial und locker sind? Wer sich mit Diagnostik auseinandersetzt, merkt recht bald, dass es nicht reicht, nur jeweils die Anderen zu betrachten. Als Diagnostiker sitzt man niemals auf dem Trockenen, sondern ist immer Teil eines interaktiven diagnostischen Geschehens. Insofern heisst Diagnostik immer auch, sich selbst in den Blick zu nehmen: zu jeder guten Fremddiagnostik gehört ein gründliches Kennen und Reflektieren der eigenen Person, der eigenen Vorlieben, Abneigungen, der momentanen Stimmungen etc..
    Dies ist für viele Manager fremdes, manchmal unangenehmes Terrain - schliesslich hat man Betriebswirtschaft oder Jura studiert hat - und nicht Psychologie.


Diagnostik ist und bleibt subjektiv
Niemand kann heute mehr ernsthaft behaupten, dass eine Person eine andere Person objektiv wahrnehmen oder beurteilen kann. Physiker wissen es schon lange: man kann nichts messen, ohne durch den Messvorgang selbst das Ergebnis zu beeinflussen. Diese Beeinflussung durch den Diagnostiker gilt um so mehr, wenn Menschen mit Menschen umgehen. Dazu kommt: auch unsere Wahrnehmung ist subjektiv. Wir konstruieren unsere Wirklichkeit, nehmen so wahr, wie es uns entspricht, wie es uns gefällt, wie wir gewohnt sind, wahrzunehmen. Von der Vielfalt der Informationen, die wir in jeder Sekunde wahrnehmen können, filtern wir das meiste heraus, nur ein Bruchteil dessen, was wir aufnehmen, wird uns bewusst. Wenn wir z.B. hungrig durch die Stadt gehen, riechen wir an jeder Ecke Essensdüfte, die uns sonst gar nicht auffallen. In dieser Weise ist jegliche zwischenmenschliche Diagnostik ein subjektives Unikat, geprägt durch individuelle Eigenarten, Stimmungen, Vorlieben und Abneigungen des Diagnostikers. Sollte man es dann nicht doch besser beim Alten lassen?


Prozessorientierte und zielorientierte Diagnostik Die Lösung des Problems liegt im Gegenteil: es geht nicht darum, Subjektivität auszuschalten, sondern sie zu nutzen.Die Unterscheidung, ob eine innere Reaktion mit mir selbst oder mehr mit dem Gegenüber zu tun hat, verlangt gute Kenntnis der eigenen Person und die ständige Bereitschaft zur Introspektion. Dann wird die eigene Subjektivität zu einer diagnostischen Fundgrube. Eigene Gefühle und Impulse sind wertvolle Hinweise und dienen als Ausgangspunkt für weiteres diagnostisches Vorgehen. Dies könnte man dann eine bewusste Handhabung von Intuition nennen. Sie unterscheidet sich von der blossen 'Entscheidung aus dem Bauch heraus' durch ein Bewusstsein der eigenen Subjektivität und durch die Vorläufigkeit der eigenen Hypothesen, die durch weiteres diagnostisches Vorgehen verifiziert werden müssen.
Ein solches Vorgehen könnte man als Columbo-Technik bezeichnen (vgl. Edwin C. Ne-vis. Organisationsberatung, Köln 1988). Columbo geht mit offener, ungerichteter Aufmerksamkeit vor. Er vertieft sich in eine Situation und wartet, bis die Informationen sich zeigen. Er weiss zunächst nicht, wohin er seine Aufmerksamkeit lenken soll, fokussiert nicht, ist offen für scheinbar Nebensächliches und behandelt zunächst alle Informationen als gleichwertig. Er erscheint naiv, unlogisch, planlos und langsam. Er arbeitet nicht mit einem besonderen "diagnostischen" Leitfaden. Informationen werden zunächst diffus verarbeitet, bis eine Art von intuitiver Integration erfolgt. Die diagnostische Ergänzung liegt in dem Vorgehen eines anderen berühmten Detektivs: Sherlock Holmes ist ein gründlicher Beobachter, der aus seinen Daten scharfsinnig und logisch schlussfolgern kann. Holmes holt sich seine Informationen präzise und planvoll und entwickelt dann deduktiv den Ablauf der Geschichte in seinem Kopf. Er geht mit aktiver, gerichteter Aufmerksamkeit auf die Dinge zu. Seine Werkzeuge sind analytisches Denken, Scharfsinnigkeit und Logik.

Man könnte die beiden Vorgehensweisen auch als prozessorientiert bzw. zielorientiert
bezeichnen. Ein Diagnostiker beherrscht sinnvollerweise beide Varianten. Das analytische, zielgerichtete Vorgehen von Sherlock Holmes heisst im Unternehmen, dass man sich klar darüber werden muss, wonach man sucht. Um die Komplexität der äusseren Eindrücke bewältigen zu können, bedarf es einer Reduktion - wir benötigen Filter bzw. Raster, mit deren Hilfe wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können. Wenn eine Führungskraft eine Situationsanalyse zur Teamentwicklung vornehmen will, benötigt sie Kriterien und Blickwinkel - sie muss wissen, auf welche Aspekte der Zusammenarbeit sie schauen will.
In der betrieblichen Praxis fehlen den Managern oft die geeigneten Kriterien: Bei Einstellungen wird "ein guter Mann" gesucht. Die Operationalisierung, was das genau bedeutet, findet oft nicht statt. Noch seltener stellt man sich die Frage, wie man vorgehen will, um Antwort auf seine Fragen und Kriterien zu bekommen. Im Grunde ist es erstaunlich: ein zielgerichtetes Vorgehen passt zur Kultur der meisten Unternehmen viel eher als das 'Columbo-artige' intuitive Vorgehen. Dennoch mangelt es an letzerem noch mehr.

Mein Fazit lautet:

  • Diagnostik im Unternehmen beinhaltet Intuition. Diese lässt sich schulen, schärfen, üben. Vor allem muss sie bewusst gehandhabt werden, um nicht zur willkürlichen 'Bauchentscheidung' zu verkommen.
  • Diagnostik im Unternehmen braucht als Ergänzung zur Intuition ein zielgerichtetes Vorgehen, mit dem sichergestellt werden kann, dass die Dinge untersucht und geprüft werden, die einem nicht beiläufig, intuitiv oder ganzheitlich ins Auge fallen.


 
 
       
 
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