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Hans Kaufmann

ZfU-Faculty: Legal & Taxes / Financial Markets
Fachbereich Legal & Taxes
Lehrauftrag für Gesetzgebung Mehrwertsteuer

Inhaber der «Kaufmann Research» Wettswil, ehemals Chefökonom Bank Julius Bär, Zürich; Schweizer Nationalrat

 

Aktien- und Unternehmensbewertung: Back to basics

Anfangs 2000 predigten Investmentbanker und Analysten, die herkömmlichen Massstäbe für die Aktienbewertung hätten ausgespielt. Die "New Economy" rufe nach neuen Bewertungsmethoden. Die Kurseinbrüche an den Neuen Märkten seit dem Höchststand im März 2000, in Deutschland um 80%, in den USA um 65% haben jedoch viele dieser Wunderknaben wieder auf den Boden der Realität zurückgebracht. Nicht die Anzahl der Internet-Home-page-Besuche und ähnliche Phantasie-Bewertungs-Kennzahlen sind massgebend für den langfristigen Anlageerfolg, sondern das nachhaltige Ertragsniveau, die damit verbundenen Risiken und die Alternativanlagen, spricht das Zinsniveau.
Die Kurseinbrüche haben zwar viele Anleger überrascht, aber sie waren vorhersehbar, vorausgesetzt, der Investor bediente sich einer systematischen Analyse-Methode, welche die drei Grundfragen einer Kapitalanlage in Aktien beantwortete. Dazu brauchte es vor allem gesunden Menschenverstand und eine Bewertungsmethode, welche aufzeigt, ob einzelne Aktienmärkte insgesamt kaufenswert sind, insbesondere im Vergleich zu Alternativanlagen am Obligationen- oder Geldmarkt. Zweitens sollte die Analysen eine Übersicht über die relative Bewertung einzelner Branchen und Gesellschaften im Verhältnis zum Gesamtmarkt und davon abgeleitet Kauf- und Verkaufsempfehlungen erlauben.

Marktbewertungen repräsentieren Durchschnittswerte, die sich aus unter- und überbewerteten Aktien errechnen. Dennoch zeigen jüngere Untersuchungen, dass über 60% aller Analysten-Empfehlungen auf "kaufen" lauten, rund ein Drittel auf "halten" und nur 1-2% der Aktien werden als überbewertet eingestuft. Offensichtlich schrecken Analysten vor Verkaufsempfehlungen zurück, weil sie negativen Konsequenzen für sich oder ihren Arbeitgeber befürchten. Interessenskonflikte treten auf, weil analysierte Gesellschaften oft gleichzeitig Kunden einer Bank sind, sei es im Kredit- oder Emissionsgeschäft, sei es im Kapitalanlagesektor. Die Investoren können sich deshalb nicht blind auf Empfehlungen von Finanzhäusern verlassen. Sie tun gut daran, sich selbst auf dem Gebiet der Aktienanalyse auszubilden. Der Tageskurs "Erfolgsrezepte im Anlagegeschäft" fasst nicht nur die von den weltbekanntesten Gurus verwendeten Anlagestrategien zusammen, sondern präsentiert auch eine praxiserprobte Methodik der Aktienbewertung, die auch von Privatanlagern mit vertretbarem Aufwand eingesetzt werden kann.

Tägliche Kursschwankungen am Aktienmarkt, Revisionen von Gewinnschätzungen, aber auch die gelegentliche Neueinschätzung des Risikoprofils einzelner Gesellschaften erschweren die Überwachung der relativen Bewertung von Aktien. Eine professionelle Auswertung und Zusammenfassung aller Empfehlungen müsste aber sämtliche dieser Faktoren berücksichtigen. Dazu kommt, dass viele Analysten ihre Gewinnschätzungen nur für das laufenden und das Folgejahr bekannt geben. Damit wird in den gängigen Bewertungskennzahlen (Kurs/Gewinn- Verhältnis etc.) dem längerfristigen und nachhaltigen Wachstum häufig zu wenig Rechnung getragen, was speziell bei Turnaround-Situationen oder Gesellschaften mit forschungsintensiven, neuen Produkten zu Fehleinschätzungen führen kann. Es gibt zwar modernere Methoden (Diskontierung des künftigen freien Cashflow, EVA etc.), welche den längerfristigen Aspekt berücksichtigen, doch reagieren diese Methoden sehr sensibel auf die Zinsannahmen und sie sind in der Regel nur auf einen begrenzten Kreis von Gesellschaften anwendbar. Insbesondere lassen sich Industriewerte, Banken, Versicherungen und Beteiligungsgesellschaften in den seltensten Fällen mit den gleichen Bewertungsmodellen beurteilen. Es ist bis heute auch kaum der Nachweis erbracht worden, dass diese neuen Methoden bessere Anlageergebnisse bringen, was letztlich das entscheidende Kriterium für die Wahl der Bewertungsmethodik sein muss.

Auch die Auswahl der massgeblichen Kennzahlen ist keineswegs eindeutig, zumal Analysten oft die Bewertungsmassstäbe wechseln. Wie aus jüngeren Studien amerikanischer Brokerhäuser hervorgeht, haben Vergleiche der verwendeten Auswahlkriterien und Analyse-Methoden mit der tatsächlichen Performance über mehrere Jahre für einzelne Länder und Perioden unterschiedliche Ergebnisse zutage gebracht. Auch moderne Ansätze der Unternehmensbewertung, wie die Diskontierung des künftigen freien Cashflows etc., lösen aber nicht das Grundproblem einer jeden Aktien-Analyse. Unabhängig von der verwendeten Analyse-Methode muss der Investor vorerst das künftige Umfeld für eine einzelne Gesellschaft richtig einschätzen, wozu nebst der weltweiten realwirtschaftlichen und politischen Entwicklung eine Inflations-, Zins- und Währungsprognose gehören.


 

 

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