Ein jedes Ding und ein jedes Lebewesen hat die innere Bestimmung,
das zu verwirklichen, was es im eigentlichen ist. Das ist schon
bei den elementaren Dingen so: Wasser z.B. hat die Bestimmung, abwärts
zu fliessen - Hinunterfliessen ist sein Lebensgesetz. Verschüttet
ihm jedoch ein Bergsturz den Lauf, dann darf und kann es nicht mehr
fliessen, von dem Augenblick an muss es fliessen. Es wird entweder
gegen das Hindernis anrennen - oder sich einen Umweg suchen. Auf
jeden Fall wird die Sache nun aufsehenerregend und spannend. Auch
bei uns Menschen gibt es elementare Lebensvollzüge wie Sich-bewegen,
Essen, Schlafen oder die Sexualität. Diese "Lebenssegmente"
oder vitalen Bedürfnisse wollen gelebt werden. Man kann ihnen
nicht ungestraft Hindernisse oder Verbote in den Weg legen, sonst
"müssen" sie gelebt werden: entweder drängen
sie sich dann zwangshaft auf oder sie werden auf Umwegen und Ersatzhandlungen
"auf die Rechnung kommen". Nun ist der Mensch aber ein
höchst komplexes Lebewesen. Er kennt Bedürfnisse der verschiedensten
Art und muss sie sehr oft gegeneinander abwägen. So kann er
unter Umständen vitale Bedürfnisse zugunsten emotionaler
Bedürfnisse (Sicherheit, Bindung, Selbstwert) zurückstellen
und diese wiederum geistigen Werten (Erkenntnis, Ästhetik,
Selbstverwirklichung) unterordnen. Entscheidend ist, dass er die
Prioritäten bewusst herstellt. Nur so bleibt das Zurückgestellte
integriert und wird nicht verdrängt. Allgemein gesagt: Wenn
wir einen Lebensimpuls leben dürfen und können, ist die
Sache sehr einfach. Denn das Leben lebt sich eigentlich von selbst.
Wenn es jedoch für einen Aspekt des Lebens ein Hindernis gibt,
dann müssen wir diesen Aspekt zwangshaft leben. Unsere "Lebensverbote"
und "Schwächen" entwickeln dabei ein ungeheures schöpferisches
Potential!
Leben will gelebt werden! -
Aber Leben entfaltet sich entsprechend unserer Persönlichkeitsstruktur
Wir tun uns zunehmend schwerer in der rasant fortschreitenden Entwicklung
unserer beruflichen und gesellschaftlichen Umwelt. Verunsicherung
und Angst breiten sich aus und führen nicht selten zu psychosomatischen
Manifestationen, von Schlafstörungen über Depression bis
zu Essstörungen und Suchterkrankungen. Dennoch will Leben gelebt
werden. Somit sind unsere Belastungen und Schwächen auch Chancen.
Wer selber verwurzelt ist, vermag in den Stürmen des Lebens
zu bestehen.
Leben wäre eigentlich ganz einfach
Eine jede Kreatur hat als innere Bestimmung, das zu vollziehen,
was sie im eigentlichen ist. So hat Wasser die Bestimmung, abwärts
zu fliessen - jedenfalls, solange es im flüssigen Aggregatszustand
ist. Wasser kann und darf hinunterfliessen. Das ist für das
Wasser ganz einfach, Hinunterfliessen ist sein Lebensgesetz. Allerdings
kann es geschehen, dass sich ihm bei diesem Vollzug Hindernisse
in den Weg stellen. Verschüttet ihm ein Bergsturz den Lauf,
dann darf und kann das Wasser nicht mehr fliessen. Von dem Augenblick
an muss es fliessen. Es wird entweder ostentativ gegen das Hindernis
anrennen - oder sich einen Umweg suchen. Auf jeden Fall wird die
Sache nun aufsehenerregend und spannend.
Wir Menschen gleichen dem Wasser. Auch unser Leben ist darauf angelegt,
vollzogen zu werden. Unser Leben hat jedoch sehr viele Lebenssegmente,
und jedes Segment will gelebt werden. Wenn wir einen Lebensimpuls
leben dürfen und können, ist die Sache sehr einfach. Denn
das Leben lebt sich eigentlich von selbst. Wenn es jedoch für
einen Aspekt des Lebens ein Hindernis gibt, dann müssen wir
diesen Aspekt leben. Im existentiellen "Zugzwang" reagiert
dann der eine Mensch mit Angriff (Überkompensation), ein anderer
mit Flucht (Verdrängung, die aber irgendwie zu einer Ersatzhandlung,
d.h. zur Sublimation führen wird). So kann man also sagen -
und das ist sehr tröstlich: Unsere "Lebensverbote"
und "Schwächen" entwickeln ein ungeheures kreatives
Potential!
Leben wird vielfach gestresst
Da sich unsere Umwelt ständig verändert, müssen wir
uns immer wieder neu anpassen. Was Leben bedeutet, ist deshalb nicht
ein- für allemal klar. Unser "Steuerungssystem",
das zentrale Nervensystem, muss die Grundzüge unseres Fühlens,
Denkens und Handelns immer wieder modifizieren. Das Gehirn ist also
nicht ein "Fertigprodukt" wie eine Maschine, die nun einfach
ihrem Konstruktionsplan ensprechend funktioniert. Die neuere Gehirn-forschung
hat erkannt, dass die neuronalen Vernetzungen, die die Informationsverarbeitung
im Gehirn bestimmen, wesentlich plastischer sind, als man das lange
Zeit vermutet hatte. Das Gehirn reagiert auf Herausforderungen und
Infragestellungen schöpferisch durch einen Prozess der Anpassung
und Umbildung. Das geschieht allerdings im Leben eines Menschen,
je älter er wird und je besser er sich in seiner Welt zurechtzufinden
gelernt hat, immer seltener. Eine Krise bedeutet deshalb Gefahr
und Chance zugleich. Bezeichnenderweise soll sich das chinesische
Zeichen für "Krise" aus den Zeichen "Gefahr"
und "Chance" zusammensetzen. Heute können sich in
unserem Kultur- und Zivilisationskreis vor allem Menschen im Alter
von 35-40 Jahren kaum über einen Mangel an Herausforderungen
beklagen. Im Gegenteil, viele von ihnen fühlen sich unter den
herrschenden Verhältnissen in Frage gestellt, sowohl im beruflichen
und gesellschaftlichen wie im privaten Bereich. Das "ungute
Gefühl im Bauch", das sich dabei einstellt, das "ambivalente
Gefühl von gleichzeitiger Lähmung und Unruhe", das
"sonderbare Urgefühl von Bedrohung und Angst" nennen
die Mediziner Stress (Gerald Hüther). Doch eben: dieser Zustand
kann eine Chance sein!
Solange die Anforderungen erfolgreich bewältigt werden, indem
man feststellt, dass alles so funktioniert, wie man es sich gedacht
hat, geht man aus ihnen "gestärkt, bestätigt und
mit gefestigtem Selbstvertrauen" heraus. Die "kontrollierbare
Herausforderung" stabilisert die bisherigen Vernetzungen im
Gehirn. Doch wenn das "ungute Gefühl im Bauch" über
Tage und Wochen anhält und ein bohrender Zweifel uns in Beschlag
nimmt, dann ist ein Ausweg nur über grundlegende Veränderungen
zu erreichen. Die gegenwärtige wirtschaftliche und gesellschaftliche
Situation schafft in vielen Menschen derart tiefgreifende Unsicherheiten,
dass sich der Einzelne oft nicht mehr durchschaubaren Mechanismen
ausgeliefert sieht und in ihm Ohnmacht und Angst aufsteigen.
Leben kann nicht repariert werden
In unseren Breitengraden ist es üblich, im geschilderten Zustand
des bleibenden "unguten Gefühls" schliesslich, "wenn
alles nichts mehr nützt", zum Arzt zu gehen. Dabei werden
wir von einem mechanistischen Bild der Medizin geleitet. Wir fassen
unsere Natur als ein Maschine auf, die Störungen haben kann.
Der Arzt wird dann als Experte erachtet, der Einsicht in die Maschine
hat, abgenutzte Teile identifiziert und sie repariert oder gegebenenfalls
auswechselt. Wir selber verhalten uns dabei als passive Erdulder
einer mehr oder weniger komplizierten Getriebestörung. "Wenn
die Reparatur gelingt, sind beide zufrieden und gehen mit einer
gefestigten, wenngleich nach wie vor falschen Vorstellung über
das, was Krankheit ist, auseinander. Der Rest ist vorprogrammiert:
Irgendwann ist der Maschinist am Ende seiner Kunst, und der Patient,
erstmals erschüttert in seinem festen Vertrauen, wechselt den
Arzt, einmal, zweimal, dreimal, traut am Ende keinem mehr und landet
unter Umständen bei einem Wunderheiler. Der schafft womöglich
das Erhoffte und entlässt den Patienten mit einer modifizierten,
aber noch immer falschen Vorstellung von Krankheit. Sein Fühlen,
Denken und Handeln bleibt nach wie vor bestimmt von der in seinem
bisherigen Leben immer wieder gemachten Erfahrung, dass (fast) alles,
was ihm wichtig, lieb und teuer war (sein Auto, sein Plattenspieler,
der Fernseher, die Waschmaschine), wenn es einmal nicht mehr funktionierte,
prinzipiell wieder repariert werden konnte. Dieses Reparaturdenken
wurde ja zeitlebens gefestigt, und es wird sich nicht auflösen,
solange immer wieder jemand gefunden werden kann, der, wie auch
immer, in der Lage ist, auch ihn und alles, was ihm wichtig ist,
falls erforderlich, zu "reparieren"" (Gerald Hüther).
Eine so praktizierte "Reparatur" wäre also immer
nur ein Pyrrhussieg, ein teuer erkaufter Scheinsieg, der die Problematik
nur allzubald auf einer anderen Ebene wieder zum Vorschein brächte,
im körperlich-somatischen oder im seelisch-psychischen Bereich.
Denn "wegrepariert" würden ja lediglich Symptome,
nicht erfasst blieben dabei die tatsächlichen Ursachen. Eine
so verstandene Medizin (und Psychologie), nannte der Heidelberger
Medizinhistoriker Heinrich Schipperges "eine Feuerwehrmedizin,
bei welcher die Wasserschäden oft grösser sind als die
Brandschäden".
Leben vollzieht sich ganzheitlich
"Ganzheitlichkeit" ist zwar ein Kennwort der Esoterik
geworden (holistisch). Hier möchte ich es einfach im Sinne
eines umfassenden Bildes unseres Lebensorganismus verstehen und
an diesem Modell die Ursachen von Gesundheit oder Krankheit lokalisieren.
Im Anschluss an die Psycho-Kinesiologie, wie sie der deutsche, in
den USA lehrende Arzt und Neurologe Dietrich Klinghardt vertritt,
und aufgrund meiner eigenen praktischen Erfahrungen unterscheide
ich fünf Ebenen:
1. Ebene: Die Basis der Pyramide bildet der physische Körper.
Unsere westliche Medizin hat es in diesem Bereich zu grosser Fertigkeit
gebracht und versteht es, "Defekte" auf dieser Ebene zu
diagnostizieren und zu "reparieren". Rückenprobleme
mit Ausstrahlungen über die Nerven zum Beispiel werden zunächst
physiotherapeutisch angegangen, unter Umständen wird mit Medikamenten
(Spritzen) nachgeholfen, im Notfall wird der Bandscheibenvorfall
operiert (der westliche Arzt wird für seine Kranken bezahlt).
2. Ebene: Der energetische Körper ist die bevorzugte Domäne
der östlichen Medizin. In ihr gilt die Vorstellung, dass alle
unsere physiologischen Systeme durch die Lebensenergie (Chi, Ki)
gespiesen werden. Über Massnahmen zum Energieausgleich wird
Prophylaxe betrieben (der östliche Arzt, heisst es sprichwörtlich,
wird für seine Gesunden bezahlt). Rückenprobleme zum Beispiel
können unter Umständen durch gezielte Behandlung des Energieflusses
in den Meridianen (Tai-Ji, Akupunktur usw.) behoben werden.
3. Ebene: Der mentale Körper wird gebildet durch unsere (meist
unbewusst) getroffenenen Entscheidungen. Mit dieser Ebene befassen
sich Psychologie und Psychiatrie. Dabei ist die individuelle Geschichte
eines Menschen von seinen systemischen Einflüssen zu unterscheiden.
Systemisch sind Erwartungen, die wir (aus dem Familienzusammenhang)
übernommen haben. Chronisch wiederkehrende Rückenprobleme
können auf einen "ungelösten seelischen Konflikt"
hinweisen. Wird dieser Konflikt psychologisch aufgearbeitet und
gelöst, fallen die Symptome auf der Körperebene weg.
4. Ebene: Der Symbolkörper wird durch "archetypische"
Muster gebildet, die unser Verhalten beeinflussen. Archetypen werden
in der Psychologie nach C.G. Jung "kollektive Bewusstseinsvorstellungen"
genannt.
5. Ebene: Die oberste Ebene der Persönlichkeit ist der Transzendenz-Bezug.
Auf dieser Ebene stellt sich die Sinn-Frage. In der Psychotherapie
hat die "Logotherapie" nach Viktor Frankl ihr besonderes
Augenmerk auf diese Sinn-Ebene gerichtet. Natürlich ist diese
Ebene auch die Domäne von Religion und Spiritualität.
Probleme auf der ersten, physischen Ebene können eine Akutbehandlung
nötig machen. Liegt die Ursache aber auf einer höheren
Ebene, kann das Problem auch nur auf der höheren Ebene wirklich
gelöst werden. Wohl alle Krankheiten haben eine "seelische"
Komponente, sind also "noo-psycho-somatisch" (geistig-seelisch-körperlich).
Setzt die Behandlung auf einer höheren Ebene an, erfolgt in
der Regel eine Kettenreaktion: die Symptome auf den unteren Ebenen
verschwinden.
Leben gleicht dem Eisberg
So einleuchtend die fünfstufige Pyramide unseres Lebensorganismus
sein mag, so schwierig wird es im Einzelfall zu entscheiden, wo
die letzte Ursache einer Störung anzusiedeln ist. Denn sehr
vieles, was sich in uns abspielt, bleibt im Unbewussten. Wir gleichen
einem Eisberg. Beim Eisberg ragt nur etwa 1/7 über die Wasseroberfläche
hinaus, 6/7 liegen darunter. Ähnlich macht unser Bewusstsein
nur einen kleinen Teil unseres "Geistes" aus - auch wenn
wir nur zu oft meinen, in ihm sei alles enthalten. Der weit grössere
Teil unserer Lebensprozesse liegt aber tatsächlich im Unbewussten.
Ein Hinweis kann die Hirntätigkeit des schlafenden Menschen
sein, die nicht nur eine intensive Informationsverarbeitung, sondern
auch mannigfaltige Strategieentwicklungen leistet. Was die Vernetzung
unseres Zentralnervensystems betrifft, so haben neurologische Untersuchungen
nachgewiesen, dass jeder Mensch schon im pränatalen Stadium
und dann eine kurze Zeit unmittelbar nach der Geburt sein "Gehirn
vernetzt". Dabei werden einzelne Lebensimpulse akzeptiert,
andere verstärkt, wieder andere zurückgedrängt. Mit
diesen unbewussten "Programmen" haben wir ein Leben lang
zu tun. Wir können unseren Charakter nicht ändern - aber
wir können lernen, mit ihm immer besser umzugehen. Und wie
eingangs schon erwähnt wurde, sind wir zunächst sehr "konservativ"
veranlagt: was wir einmal gelernt haben und was sich als sinnvoll
und effizient erwiesen hat, behalten wir möglichst lange bei.
Jede erfolgreiche Anwendung verstärkt noch das praktizierte
Verhalten. Eine tiefgehende Krise aber könnte bestensfalls
zur Chance für eine flexible Neu-Anpassung unserer neuronalen
Strukturen werden.
Es stellt sich die Frage, ob es denn nicht Wege gibt, in unser
Unbewusstes hinabzusteigen und dort gelagerte Inhalte ins Bewusstsein
heraufzuholen. Bekanntlich benützt die Psychoanalyse als Zugang
die Träume und das assoziative Gespräch. Ihr Vorgehen
ist allerdings zeitaufwendig und bleibt - trotz aller "Wissenschaftlichkeit"
- mehr oder weniger arbiträr. In jüngster Zeit wurden
neue psychologische Methoden entdeckt. Der sogenannte kinesiologische
"Muskeltest" ermöglicht Informationen aus dem Unbewussten
zu erhalten. Es ist dies eine Art "Bio-Feddback", das
zum Beispiel die Indianer brauchten, um zu prüfen, ob das Wasser
einer Quelle trinkbar war. In der chinesischen Medizin ist der Muskeltest
als Diagnosemittel üblich. Er wirkt über die energetische
Ebene und hängt wohl mit einem "Feld des Unbewussten"
zusammen, in welches sich der Behandler und der Behandelte einschalten
können. Der englische Biologe Rupert Sheldrake hat die Hypothese
der "morphischen Felder" und der "kosmischen Resonanz"
formuliert und damit einen revolutionären Paradigmawechsel
in der Wissenschaft provoziert. Aber auch für das Muskeltesten
gilt: es ist immer ein subjektives Moment mit im Spiel, man erhält
nur Antworten auf jene Fragen, die man stellt, und Fragen und Antworten
sind an ein begrenztes verbales System gebunden.
Wenn wir aber wissen wollen, was in uns wirklich vorgeht, kommen
wir nicht darum herum, unser Unbewusstes mit einzubeziehen! Um sich
einer psychologischen oder psychotherapeutischen Arbeit anzuvertrauen,
braucht es allerdings Mut - und vor allem auch das Gespür für
Echtheit und Kompetenz in der Beziehung zum Therapeuten. In meinen
Führungsseminaren im Kloster Disentis und bei meinen Einzelbegleitungen
wende ich entsprechende Methoden an und habe dabei den Vorteil,
dass in diesem Rahmen das noch immer "Anrüchige"
der Psychotherapie entfällt.
Leben konstituiert den Charakter
Ich möchte noch etwas verdeutlichen, warum das Unbewusste in
unserem Leben eine so entscheidende Rolle spielt. Weitgehend im
Unbewussten hat sich unser Charakter gebildet. Bereits pränatal,
also schon als Fötus im Mutterleib, und noch kurze Zeit nach
der Geburt haben wir unsere grundlegenden Entscheidungen getroffen,
Lebenssegmente bejaht und zugelassen, andere übertrieben oder
zurückgedrängt. Das alles vollzog sich im Unbewussten
und in einer Schicht unseres Gedächtnisses, das im Bruchteil
eines Augenblicks lernt. "Charakter" leitet sich vom Griechischen
Wort "charaxo" her und bedeutet "eingravieren".
Das Wort bezieht sich auf das, was in einer Person konstant ist,
auf die verhaltensmässigen, emotionalen und kognitiven Konditionierungen
(Claudio Naranjo). Der Charakter mit seinen Wesenszügen macht
die individuelle Persönlichkeit aus. Dabei ist es in der praktischen
Arbeit müssig darnach zu fragen, was genetisch vererbt und
was angelernt ist. Was ist zuerst: das Huhn oder das Ei?
Tiere sind rein vom Instinkt geleitet. Beim Menschen spielt der
Instinkt neben dem Intellekt und dem Gefühl noch immer eine
bedeutsame Rolle. Als Motivationszentrum steuert er den Lebenserhaltungstrieb,
etwa den Trieb zur Lust (Sexualität) und den Trieb zur sozialen
Beziehung. Nun befindet sich der Mensch aber - nach einhelliger
Erfahrung aller Kulturen und spirituellen Traditionen - gegenüber
dem eigentlichen Sein im Defizit ("Verlust des Paradieses").
Sein Instinktleben ist beeinträchtigt. Als Notreaktion angesichts
erlebter Frustration (bei Freud libidinöser Art, in der neueren
Psychoanalyse infolge mangelnder Zuwendung) ergab sich zwangshaft
eine folgenschwere Fehlmotivation oder Defizitmotivation ("deficiency
motivation"). Der Mensch verliert dadurch zumindest ein Stück
weit die Freiheit, neu Gelerntes in die Tat umzusetzen oder dies
auch zu unterlassen; er hat vielmehr auf "Automatik geschaltet",
indem er ein bestimmtes Reaktionsmuster in Gang setzt, ohne die
Gesamtheit seines Geistes zu "befragen" oder ohne auf
die in der Gegenwart gegebene jeweilige Situation kreativ zu antworten.
Anstelle der Freiheit tritt der Zwang. Deshalb halten wir an diesen
primären existentiellen "Weichenstellungen" fest,
selbst dann noch wenn sich die Umstände inzwischen grundlegend
geändert haben.
Ein Konflikt zwischen verdrängten (unbewussten) Bedürfnissen
und an deren Stelle gesetzten (bewussten) Werten kann als Neurose
bezeichnet werden. Im neurotischen Verhalten wird der Instinkt durch
eine Leidenschaft behindert, welche ihrerseits von einer kognitiven
Voreingenommenheit gestützt wird. Diese beiden Pole bilden
den Kern dessen, was den Charakter ausmacht. Charakter ist demnach
das Gesamtergebnis einer angenommenen und fortdauernden Strategie
der Anpassung, die sich gegen den Instinkt behauptet. Charakter
hat mit dem "falschen Selbst" zu tun, in dem wir uns in
dieser Schöpfung befinden, welche "insgesamt seufzt und
in Wehen liegt bis zum Jetzt" (Röm 8,22). Sich des eigenen
Charakters bewusst zu werden ist nun aber genau das Programm jeder
echten Spiritualität.
Leben hat seine Vorlieben
Es hat von altersher Versuche gegeben, die menschlichen Charaktere
in Gruppen einzuteilen, also zu typologisieren. Es gibt mittlerweile
über 250 Modelle. Ich selber erachte das "Enneagramm"
als das bisher dynamischste, das zudem durch die aktuellen neurologischen
Forschungen gestützt wird. Dem Vorwurf der Vereinfachung und
voreiligen Vereinnahmung des Individuums durch Typologisieren ist
zu entgegnen, dass der Typ immer nur ein Wegweiser ist. Er deutet
gleichsam auf einen Parcours hin, der gelaufen wird, niemals aber
auf die Art und Weise, wie der einzelne Mensch diesen Parcour läuft.
Jeder Mensch hat seine Schwächen, die aus der frühkindlich
geprägten Charakterstruktur voraussagbar sind. Die Strategien,
solche Schwächen zu überwinden, sind zum einen Teil typisch,
zum andern Teil höchst individuell, so dass eine Typologie
immer auch offen bleiben muss auf das jeweilige Individuum.
Ein paar Andeutungen mögen zur Veranschaulichung dienen. Das
Enneagramm geht vom Grobraster der drei Gehirnzentren aus, die schon
der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi erwähnte, wenn
er den Erziehern riet, Kopf, Herz und Hand des Zöglings zu
entfalten und in Harmonie zu bringen (statt "Hand" sagt
man heute "Bauch"). Zweifellos hat jeder Mensch alle drei
Zentren (und alle Enneagrammtypen), dennoch wird er in Situationen,
in denen die frühen "Weichenstellungen" zum Tragen
kommen, ein Zentrum bevorzugen, aus seinem Typ heraus agieren und
die andern zurückstellen. Es gibt also Kopfmenschen, Herzmenschen
und Bauchmenschen, allerdings jeweils mehr oder weniger ausgeprägt.
Jeder Typ hat seine bezeichnenden Schwächen und Stärken.
Der Kopfmenschen begreift sich und seine Umwelt über den Verstand
(Neocortex). Er kämpft jedoch sein Leben lang gegen das tiefe
Gefühl, unfähig zu sein. Der Herzmensch wird primär
von seinen Gefühlen bestimmt (limbisches System) und sucht
sich im sozialen Ganzen zu bestimmen, Geltung und Prestige sind
ihm wichtig. Er kämpft jedoch sein Leben lang gegen das tiefe
Gefühl, nicht liebenswert zu sein. Der Bauchmensch sucht sich
instinktiv (Stammhirn) seinen Platz in der Welt zu sichern, gleichsam
sein Revier abzustecken und zu sichern. Er kämpft jedoch sein
Leben lang gegen das tiefe Gefühl, nicht wichtig zu sein. Die
Bevorzugung eines dieser drei Zentren kennt selber je drei Spielarten,
so dass wir insgesamt auf neun (griech. ennea) Grundtypen kommen.
Enneagramm-Arbeit kann sehr hilfreich sein. Es gibt bereits eine
vielfältige Literatur dazu. Als Einführung kann noch immer
Richard Rohr / Klaus Ebert oder Helen Palmer empfohlen werden. Zumeist
bleibt jedoch nach der Lektüre ein zwiespältiger Eindruck.
Leichter scheint es, seine Mitmenschen einzuordnen als sich selber
zu erkennen. Auch Fragebogen, und sind sie noch so raffiniert, bieten
keine Gewähr. Ihre Fragen enthalten einen Katalog von Verhalten
und Vorlieben. Sehr viel schwieriger jedoch ist, die Motivation,
die uns zu einem bestimmten Verhalten treibt, zu erkennen und in
die Antworten einzubringen. Bei einiger Erfahrung erhält man
von Merkmalen der Körperkonstitution und der Physiognomie klare
Hinweise. Doch ist man letztlich auch bei der Bestimmung des Enneagramms
auf einen Zugang zum Unbewussten angewiesen, wenn man einen einigermassen
gesicherten Bescheid erhalten möchte.
Leben offenbart sich
Trotzdem gibt es erprobte Hinweise, wie man - wenigstens ein Stück
weit - zur Selbsterkenntnis gelangt. Voraussetzung ist eine achtsame
Beobachtung, die man zunächst in seiner Umwelt einübt.
Über die Kenntnisse der Charaktertypen lernt man seine eigene
Prägung genauer kennen. Bei unvoreingenommener Selbstbeobachtung
wird uns zum Beispiel auffallen, ob wir etwas in Freiheit und Souveränität
tun oder ob wir zwangshaft auf etwas fixiert sind. Immer, wenn ich
meine, etwas "unbedingt tun zu müssen", kann ich
sicher sein, dass ich damit ein Problem habe, dass ich es nicht
darf oder nicht kann. Was ich dagegen "darf und kann",
steht mir frei zur Verfügung, und sollte ich einmal daran gehindert
werden, stürzt deshalb die Welt nicht ein. Das Mass des Stresses
ist also ein Indikator für meine persönliche Problematik.
Und ebenso der Ärger: immer wenn ich mich über etwas oder
jemanden ärgere, kann ich davon ausgehen, dass ich einen Anteil
daran habe.
Hilfreich ist sodann, einen Menschen, der mich kennt und dem ich
vertraue, um sein Urteil zu bitten. Andere kann man nämlich
nicht belügen, nur sich selber. Das Leben offenbart sich, auch
wenn wir es zu vertuschen suchen. So erkennen andere unsere Schwächen
nicht selten besser als wir selber. Denn wir haben uns unsere Rechtfertigungen
schon so lange zurecht gelegt, dass wir schon beinahe daran glauben
und davon überzeugt sind. Anderen dagegen ist ein unverstellter
Blick auf unser Fühlen, Denken und Handeln möglich. Die
Frage ist dann nur die, ob wir ihre Kritik anzunehmen bereit sind
oder uns sofort in Ausreden flüchten und den möglicherweise
aufsteigenden Ärger sogleich zurückprojezieren.
Ein letzter Hinweis erinnert nochmals an die verschiedenen Ebenen
in der Pyramide des ganzheitlichen Modells unseres Lebensorganismus.
Wir könnten uns angewöhnen, somatische Beschwerden und
Krankheiten nicht einfach als Störungen zu betrachten, die
man im ärztlichen Reparaturservice beheben kann. Sie können
vielmehr eine Zeichenfunktion haben, sind also Symptome für
Störungen auf den höheren Ebenen, sehr häufig im
mentalen Bereich. Statt nur nach dem "Warum" einer Krankheit
zu fragen, lohnt sich, das "Wozu" zu überdenken.
Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein sich selbst organisierender
und deshalb störungsanfälliger Prozess. "Gesund bleiben
sie, solange es ihnen immer neu gelingt, einen Grad an innerer Ordnung
zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, der es gestattet, auf die
sich oft unvorhersehbar verändernden äusseren Bedingungen
flexibel zu reagieren" (Gerhard Hüther).
Leben lässt sich verändern
Erkenne ich meine Charakterstruktur und die meiner Mitmenschen,
wird sich mein Umgang mit ihnen (und mit mir selbst) wesentlich
vertiefen oder verbessern. Bewusstwerdung ist der erste Schritt
zur Veränderung. "Wach werden und glücklich sein",
lautet die Botschaft aller grossen spirituellen Meister (Anthony
de Mello).
Was einst "gute Vorsätze" hiess, nennt man heute
Affirmation. Das sind Sätze, die ich mir immer wieder sage,
bis sie ganz stark in mir sind und "ich mich in sie verwandle".
Es gibt kaum noch Spitzensportler, die nicht mental arbeiten. Die
"Kraft des positiven Denkens" hat sich in der Persönlichkeitsentwicklung
herumgesprochen. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass
ich tatsächlich die richtige Affirmation anwende, die mir in
der jetzigen Situation und im jetzigen Augenblick weiterhilft. Man
kann mit "positivem Denken" ja auch Probleme zuschütten,
die sich dann früher oder später nur umso vehementer und
in anderen Symptomen zurückmelden. Auch für die genaue
Bestimmung der optimalen Affirmation bietet sich die kinesiologische
Methode des Muskeltests zur Verifizierung an.
Sehr oft hilft blosse mentale Arbeit allerdings nicht wesentlich
weiter. Dann kann die Verankerung der Affirmation über die
Körperebene geschehen. Es ist möglich, durch eine energetische
Arbeit eine bleibende Veränderung herbeizuführen. Die
Psycho-Kinesiologie verwendet Akupressur-Klopf-Methoden oder auch
die auf neurologischer Basis sich vollziehende Hirnhälftenintegration.
Wer die Wirkung und den Segen der auf diesem Wege erreichten Veränderung
erfahren hat, lässt sich nicht durch "Gegenpropaganda"
davon abbringen. Leider gehört die "Zersplitterung der
Gesellschaft in unterschiedliche, sich oft sogar gegenseitig bekämpfende
Interessenverbände" zum Bild unserer Zeit. Natürlich
gibt es immer auch Scharlatanerie. Aber auch ernsthafte Methoden
im psycho-physischen Bereich werden heutzutage sofort durch Gegeninformation
in Frage gestellt. Dem Überangebot der sich wiedersprechenden
Informationsflut steht der Einzelne immer hilfloser gegenüber.
Je länger je weniger reichen weder die Schaffung psychischer
und materieller Unabhängigkeit, also die Schaffung von Macht
und Reichtum, noch die Aneignung von Wissen und Kompetenz als Strategien
aus, um innere Stabilität und Sicherheit zu erreichen. Immer
dringlicher ist deshalb der Weg der erneuten sozialen Bindung, der
Verankerung des einzelnen in der Gemeinschaft. Das bedingt jedoch
ein Urvertrauen (Glaube) in den Sinn des Lebens, die 5. Ebene in
der Pyramide des ganzheitlichen Modells ist die letztlich entscheidende
Dimension.
Ich schliesse mit dem Bekenntnis Claudio Naranjos: "Wenn wir
davon ausgehen, dass eine gesunde Gesellschaft nur aus gesunden
Individuen bestehen kann, müssen wir auch den politischen Wert
einer Veränderung des einzelnen Menschen erkennen. Unsere heutigen
Institutionen sind jedoch kaum in der Lage, diese Veränderungen
voranzutreiben. Was wir Bildungswesen nennen, hat mit der eigentlichen
Erziehung nichts zu tun, es ist vielmehr eine unbedeutende Informationsmaschinerie.
Und die öffentliche Gesundheit hat genauso wenig mit der seelischen
Gesundheit des einzelnen zu tun. Wir sollten uns als erstes darum
kümmern, was in unserem Herzen vorgeht. Alles weitere ergibt
sich."
Literatur:
§ Hüther, Gerald: Gefahren des Erfolgs - Chancen der Ratlosigkeit.
Über Angst und Stress: Universitas 53 (1998) 1179-1193.
§ Klinghardt, Dietrich: Lehrbuch der Psycho-Kinesiologie.
Freiburg im Breisgau: Hermann Bauer 1996.
§ Mello, Anthony de: Der springende Punkt. Wach werden und
glücklich sein. Freiburg/Basel/Wien: Herder 1991.
§ Naranjo, Claudio: Das Enneagramm der Gesellschaft. Leiden
der Welt, Leiden der Seele. Petersberg: Via Nova 1998.
§ Palmer, Helen: Das Enneagramm in Liebe und Arbeit. (Knaur
Taschenbuch 86079). München: Knaur 1995.
§ Rohr, Richard / Ebert, Klaus: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter
der Seele. Claudius Verlag, München 13. Aufl. 1991.
§ Sheldrake, Rupert / Fox, Matthew: Die Seele ist ein Feld.
Der Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität. Bern/München/Wien:
O.W.Barth/Scherz 1998.