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Lernen als Weg

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Abt Dr. Daniel Schönbächler

ZfU-Faculty: Sozial-Kompetenz: Führung & Kommunikation
Mitglied der Benediktiner-abtei Disentis; Lizentiat der Theologie (Rom), Doktorat in Germanistik & Kunstwissenschaft (München, Zürich). Gymnasiallehrer und langjähriges Mitglied der ZfU-Faculty.

 

Eigentlich wäre das Leben ganz einfach

Ein jedes Ding und ein jedes Lebewesen hat die innere Bestimmung, das zu verwirklichen, was es im eigentlichen ist. Das ist schon bei den elementaren Dingen so: Wasser z.B. hat die Bestimmung, abwärts zu fliessen - Hinunterfliessen ist sein Lebensgesetz. Verschüttet ihm jedoch ein Bergsturz den Lauf, dann darf und kann es nicht mehr fliessen, von dem Augenblick an muss es fliessen. Es wird entweder gegen das Hindernis anrennen - oder sich einen Umweg suchen. Auf jeden Fall wird die Sache nun aufsehenerregend und spannend. Auch bei uns Menschen gibt es elementare Lebensvollzüge wie Sich-bewegen, Essen, Schlafen oder die Sexualität. Diese "Lebenssegmente" oder vitalen Bedürfnisse wollen gelebt werden. Man kann ihnen nicht ungestraft Hindernisse oder Verbote in den Weg legen, sonst "müssen" sie gelebt werden: entweder drängen sie sich dann zwangshaft auf oder sie werden auf Umwegen und Ersatzhandlungen "auf die Rechnung kommen". Nun ist der Mensch aber ein höchst komplexes Lebewesen. Er kennt Bedürfnisse der verschiedensten Art und muss sie sehr oft gegeneinander abwägen. So kann er unter Umständen vitale Bedürfnisse zugunsten emotionaler Bedürfnisse (Sicherheit, Bindung, Selbstwert) zurückstellen und diese wiederum geistigen Werten (Erkenntnis, Ästhetik, Selbstverwirklichung) unterordnen. Entscheidend ist, dass er die Prioritäten bewusst herstellt. Nur so bleibt das Zurückgestellte integriert und wird nicht verdrängt. Allgemein gesagt: Wenn wir einen Lebensimpuls leben dürfen und können, ist die Sache sehr einfach. Denn das Leben lebt sich eigentlich von selbst. Wenn es jedoch für einen Aspekt des Lebens ein Hindernis gibt, dann müssen wir diesen Aspekt zwangshaft leben. Unsere "Lebensverbote" und "Schwächen" entwickeln dabei ein ungeheures schöpferisches Potential!


Leben will gelebt werden! -
Aber Leben entfaltet sich entsprechend unserer Persönlichkeitsstruktur

Wir tun uns zunehmend schwerer in der rasant fortschreitenden Entwicklung unserer beruflichen und gesellschaftlichen Umwelt. Verunsicherung und Angst breiten sich aus und führen nicht selten zu psychosomatischen Manifestationen, von Schlafstörungen über Depression bis zu Essstörungen und Suchterkrankungen. Dennoch will Leben gelebt werden. Somit sind unsere Belastungen und Schwächen auch Chancen. Wer selber verwurzelt ist, vermag in den Stürmen des Lebens zu bestehen.


Leben wäre eigentlich ganz einfach
Eine jede Kreatur hat als innere Bestimmung, das zu vollziehen, was sie im eigentlichen ist. So hat Wasser die Bestimmung, abwärts zu fliessen - jedenfalls, solange es im flüssigen Aggregatszustand ist. Wasser kann und darf hinunterfliessen. Das ist für das Wasser ganz einfach, Hinunterfliessen ist sein Lebensgesetz. Allerdings kann es geschehen, dass sich ihm bei diesem Vollzug Hindernisse in den Weg stellen. Verschüttet ihm ein Bergsturz den Lauf, dann darf und kann das Wasser nicht mehr fliessen. Von dem Augenblick an muss es fliessen. Es wird entweder ostentativ gegen das Hindernis anrennen - oder sich einen Umweg suchen. Auf jeden Fall wird die Sache nun aufsehenerregend und spannend.
Wir Menschen gleichen dem Wasser. Auch unser Leben ist darauf angelegt, vollzogen zu werden. Unser Leben hat jedoch sehr viele Lebenssegmente, und jedes Segment will gelebt werden. Wenn wir einen Lebensimpuls leben dürfen und können, ist die Sache sehr einfach. Denn das Leben lebt sich eigentlich von selbst. Wenn es jedoch für einen Aspekt des Lebens ein Hindernis gibt, dann müssen wir diesen Aspekt leben. Im existentiellen "Zugzwang" reagiert dann der eine Mensch mit Angriff (Überkompensation), ein anderer mit Flucht (Verdrängung, die aber irgendwie zu einer Ersatzhandlung, d.h. zur Sublimation führen wird). So kann man also sagen - und das ist sehr tröstlich: Unsere "Lebensverbote" und "Schwächen" entwickeln ein ungeheures kreatives Potential!


Leben wird vielfach gestresst
Da sich unsere Umwelt ständig verändert, müssen wir uns immer wieder neu anpassen. Was Leben bedeutet, ist deshalb nicht ein- für allemal klar. Unser "Steuerungssystem", das zentrale Nervensystem, muss die Grundzüge unseres Fühlens, Denkens und Handelns immer wieder modifizieren. Das Gehirn ist also nicht ein "Fertigprodukt" wie eine Maschine, die nun einfach ihrem Konstruktionsplan ensprechend funktioniert. Die neuere Gehirn-forschung hat erkannt, dass die neuronalen Vernetzungen, die die Informationsverarbeitung im Gehirn bestimmen, wesentlich plastischer sind, als man das lange Zeit vermutet hatte. Das Gehirn reagiert auf Herausforderungen und Infragestellungen schöpferisch durch einen Prozess der Anpassung und Umbildung. Das geschieht allerdings im Leben eines Menschen, je älter er wird und je besser er sich in seiner Welt zurechtzufinden gelernt hat, immer seltener. Eine Krise bedeutet deshalb Gefahr und Chance zugleich. Bezeichnenderweise soll sich das chinesische Zeichen für "Krise" aus den Zeichen "Gefahr" und "Chance" zusammensetzen. Heute können sich in unserem Kultur- und Zivilisationskreis vor allem Menschen im Alter von 35-40 Jahren kaum über einen Mangel an Herausforderungen beklagen. Im Gegenteil, viele von ihnen fühlen sich unter den herrschenden Verhältnissen in Frage gestellt, sowohl im beruflichen und gesellschaftlichen wie im privaten Bereich. Das "ungute Gefühl im Bauch", das sich dabei einstellt, das "ambivalente Gefühl von gleichzeitiger Lähmung und Unruhe", das "sonderbare Urgefühl von Bedrohung und Angst" nennen die Mediziner Stress (Gerald Hüther). Doch eben: dieser Zustand kann eine Chance sein!

Solange die Anforderungen erfolgreich bewältigt werden, indem man feststellt, dass alles so funktioniert, wie man es sich gedacht hat, geht man aus ihnen "gestärkt, bestätigt und mit gefestigtem Selbstvertrauen" heraus. Die "kontrollierbare Herausforderung" stabilisert die bisherigen Vernetzungen im Gehirn. Doch wenn das "ungute Gefühl im Bauch" über Tage und Wochen anhält und ein bohrender Zweifel uns in Beschlag nimmt, dann ist ein Ausweg nur über grundlegende Veränderungen zu erreichen. Die gegenwärtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation schafft in vielen Menschen derart tiefgreifende Unsicherheiten, dass sich der Einzelne oft nicht mehr durchschaubaren Mechanismen ausgeliefert sieht und in ihm Ohnmacht und Angst aufsteigen.


Leben kann nicht repariert werden
In unseren Breitengraden ist es üblich, im geschilderten Zustand des bleibenden "unguten Gefühls" schliesslich, "wenn alles nichts mehr nützt", zum Arzt zu gehen. Dabei werden wir von einem mechanistischen Bild der Medizin geleitet. Wir fassen unsere Natur als ein Maschine auf, die Störungen haben kann. Der Arzt wird dann als Experte erachtet, der Einsicht in die Maschine hat, abgenutzte Teile identifiziert und sie repariert oder gegebenenfalls auswechselt. Wir selber verhalten uns dabei als passive Erdulder einer mehr oder weniger komplizierten Getriebestörung. "Wenn die Reparatur gelingt, sind beide zufrieden und gehen mit einer gefestigten, wenngleich nach wie vor falschen Vorstellung über das, was Krankheit ist, auseinander. Der Rest ist vorprogrammiert: Irgendwann ist der Maschinist am Ende seiner Kunst, und der Patient, erstmals erschüttert in seinem festen Vertrauen, wechselt den Arzt, einmal, zweimal, dreimal, traut am Ende keinem mehr und landet unter Umständen bei einem Wunderheiler. Der schafft womöglich das Erhoffte und entlässt den Patienten mit einer modifizierten, aber noch immer falschen Vorstellung von Krankheit. Sein Fühlen, Denken und Handeln bleibt nach wie vor bestimmt von der in seinem bisherigen Leben immer wieder gemachten Erfahrung, dass (fast) alles, was ihm wichtig, lieb und teuer war (sein Auto, sein Plattenspieler, der Fernseher, die Waschmaschine), wenn es einmal nicht mehr funktionierte, prinzipiell wieder repariert werden konnte. Dieses Reparaturdenken wurde ja zeitlebens gefestigt, und es wird sich nicht auflösen, solange immer wieder jemand gefunden werden kann, der, wie auch immer, in der Lage ist, auch ihn und alles, was ihm wichtig ist, falls erforderlich, zu "reparieren"" (Gerald Hüther).

Eine so praktizierte "Reparatur" wäre also immer nur ein Pyrrhussieg, ein teuer erkaufter Scheinsieg, der die Problematik nur allzubald auf einer anderen Ebene wieder zum Vorschein brächte, im körperlich-somatischen oder im seelisch-psychischen Bereich. Denn "wegrepariert" würden ja lediglich Symptome, nicht erfasst blieben dabei die tatsächlichen Ursachen. Eine so verstandene Medizin (und Psychologie), nannte der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges "eine Feuerwehrmedizin, bei welcher die Wasserschäden oft grösser sind als die Brandschäden".


Leben vollzieht sich ganzheitlich
"Ganzheitlichkeit" ist zwar ein Kennwort der Esoterik geworden (holistisch). Hier möchte ich es einfach im Sinne eines umfassenden Bildes unseres Lebensorganismus verstehen und an diesem Modell die Ursachen von Gesundheit oder Krankheit lokalisieren. Im Anschluss an die Psycho-Kinesiologie, wie sie der deutsche, in den USA lehrende Arzt und Neurologe Dietrich Klinghardt vertritt, und aufgrund meiner eigenen praktischen Erfahrungen unterscheide ich fünf Ebenen:

1. Ebene: Die Basis der Pyramide bildet der physische Körper. Unsere westliche Medizin hat es in diesem Bereich zu grosser Fertigkeit gebracht und versteht es, "Defekte" auf dieser Ebene zu diagnostizieren und zu "reparieren". Rückenprobleme mit Ausstrahlungen über die Nerven zum Beispiel werden zunächst physiotherapeutisch angegangen, unter Umständen wird mit Medikamenten (Spritzen) nachgeholfen, im Notfall wird der Bandscheibenvorfall operiert (der westliche Arzt wird für seine Kranken bezahlt).

2. Ebene: Der energetische Körper ist die bevorzugte Domäne der östlichen Medizin. In ihr gilt die Vorstellung, dass alle unsere physiologischen Systeme durch die Lebensenergie (Chi, Ki) gespiesen werden. Über Massnahmen zum Energieausgleich wird Prophylaxe betrieben (der östliche Arzt, heisst es sprichwörtlich, wird für seine Gesunden bezahlt). Rückenprobleme zum Beispiel können unter Umständen durch gezielte Behandlung des Energieflusses in den Meridianen (Tai-Ji, Akupunktur usw.) behoben werden.

3. Ebene: Der mentale Körper wird gebildet durch unsere (meist unbewusst) getroffenenen Entscheidungen. Mit dieser Ebene befassen sich Psychologie und Psychiatrie. Dabei ist die individuelle Geschichte eines Menschen von seinen systemischen Einflüssen zu unterscheiden. Systemisch sind Erwartungen, die wir (aus dem Familienzusammenhang) übernommen haben. Chronisch wiederkehrende Rückenprobleme können auf einen "ungelösten seelischen Konflikt" hinweisen. Wird dieser Konflikt psychologisch aufgearbeitet und gelöst, fallen die Symptome auf der Körperebene weg.

4. Ebene: Der Symbolkörper wird durch "archetypische" Muster gebildet, die unser Verhalten beeinflussen. Archetypen werden in der Psychologie nach C.G. Jung "kollektive Bewusstseinsvorstellungen" genannt.

5. Ebene: Die oberste Ebene der Persönlichkeit ist der Transzendenz-Bezug. Auf dieser Ebene stellt sich die Sinn-Frage. In der Psychotherapie hat die "Logotherapie" nach Viktor Frankl ihr besonderes Augenmerk auf diese Sinn-Ebene gerichtet. Natürlich ist diese Ebene auch die Domäne von Religion und Spiritualität.

Probleme auf der ersten, physischen Ebene können eine Akutbehandlung nötig machen. Liegt die Ursache aber auf einer höheren Ebene, kann das Problem auch nur auf der höheren Ebene wirklich gelöst werden. Wohl alle Krankheiten haben eine "seelische" Komponente, sind also "noo-psycho-somatisch" (geistig-seelisch-körperlich). Setzt die Behandlung auf einer höheren Ebene an, erfolgt in der Regel eine Kettenreaktion: die Symptome auf den unteren Ebenen verschwinden.


Leben gleicht dem Eisberg
So einleuchtend die fünfstufige Pyramide unseres Lebensorganismus sein mag, so schwierig wird es im Einzelfall zu entscheiden, wo die letzte Ursache einer Störung anzusiedeln ist. Denn sehr vieles, was sich in uns abspielt, bleibt im Unbewussten. Wir gleichen einem Eisberg. Beim Eisberg ragt nur etwa 1/7 über die Wasseroberfläche hinaus, 6/7 liegen darunter. Ähnlich macht unser Bewusstsein nur einen kleinen Teil unseres "Geistes" aus - auch wenn wir nur zu oft meinen, in ihm sei alles enthalten. Der weit grössere Teil unserer Lebensprozesse liegt aber tatsächlich im Unbewussten. Ein Hinweis kann die Hirntätigkeit des schlafenden Menschen sein, die nicht nur eine intensive Informationsverarbeitung, sondern auch mannigfaltige Strategieentwicklungen leistet. Was die Vernetzung unseres Zentralnervensystems betrifft, so haben neurologische Untersuchungen nachgewiesen, dass jeder Mensch schon im pränatalen Stadium und dann eine kurze Zeit unmittelbar nach der Geburt sein "Gehirn vernetzt". Dabei werden einzelne Lebensimpulse akzeptiert, andere verstärkt, wieder andere zurückgedrängt. Mit diesen unbewussten "Programmen" haben wir ein Leben lang zu tun. Wir können unseren Charakter nicht ändern - aber wir können lernen, mit ihm immer besser umzugehen. Und wie eingangs schon erwähnt wurde, sind wir zunächst sehr "konservativ" veranlagt: was wir einmal gelernt haben und was sich als sinnvoll und effizient erwiesen hat, behalten wir möglichst lange bei. Jede erfolgreiche Anwendung verstärkt noch das praktizierte Verhalten. Eine tiefgehende Krise aber könnte bestensfalls zur Chance für eine flexible Neu-Anpassung unserer neuronalen Strukturen werden.

Es stellt sich die Frage, ob es denn nicht Wege gibt, in unser Unbewusstes hinabzusteigen und dort gelagerte Inhalte ins Bewusstsein heraufzuholen. Bekanntlich benützt die Psychoanalyse als Zugang die Träume und das assoziative Gespräch. Ihr Vorgehen ist allerdings zeitaufwendig und bleibt - trotz aller "Wissenschaftlichkeit" - mehr oder weniger arbiträr. In jüngster Zeit wurden neue psychologische Methoden entdeckt. Der sogenannte kinesiologische "Muskeltest" ermöglicht Informationen aus dem Unbewussten zu erhalten. Es ist dies eine Art "Bio-Feddback", das zum Beispiel die Indianer brauchten, um zu prüfen, ob das Wasser einer Quelle trinkbar war. In der chinesischen Medizin ist der Muskeltest als Diagnosemittel üblich. Er wirkt über die energetische Ebene und hängt wohl mit einem "Feld des Unbewussten" zusammen, in welches sich der Behandler und der Behandelte einschalten können. Der englische Biologe Rupert Sheldrake hat die Hypothese der "morphischen Felder" und der "kosmischen Resonanz" formuliert und damit einen revolutionären Paradigmawechsel in der Wissenschaft provoziert. Aber auch für das Muskeltesten gilt: es ist immer ein subjektives Moment mit im Spiel, man erhält nur Antworten auf jene Fragen, die man stellt, und Fragen und Antworten sind an ein begrenztes verbales System gebunden.

Wenn wir aber wissen wollen, was in uns wirklich vorgeht, kommen wir nicht darum herum, unser Unbewusstes mit einzubeziehen! Um sich einer psychologischen oder psychotherapeutischen Arbeit anzuvertrauen, braucht es allerdings Mut - und vor allem auch das Gespür für Echtheit und Kompetenz in der Beziehung zum Therapeuten. In meinen Führungsseminaren im Kloster Disentis und bei meinen Einzelbegleitungen wende ich entsprechende Methoden an und habe dabei den Vorteil, dass in diesem Rahmen das noch immer "Anrüchige" der Psychotherapie entfällt.


Leben konstituiert den Charakter
Ich möchte noch etwas verdeutlichen, warum das Unbewusste in unserem Leben eine so entscheidende Rolle spielt. Weitgehend im Unbewussten hat sich unser Charakter gebildet. Bereits pränatal, also schon als Fötus im Mutterleib, und noch kurze Zeit nach der Geburt haben wir unsere grundlegenden Entscheidungen getroffen, Lebenssegmente bejaht und zugelassen, andere übertrieben oder zurückgedrängt. Das alles vollzog sich im Unbewussten und in einer Schicht unseres Gedächtnisses, das im Bruchteil eines Augenblicks lernt. "Charakter" leitet sich vom Griechischen Wort "charaxo" her und bedeutet "eingravieren". Das Wort bezieht sich auf das, was in einer Person konstant ist, auf die verhaltensmässigen, emotionalen und kognitiven Konditionierungen (Claudio Naranjo). Der Charakter mit seinen Wesenszügen macht die individuelle Persönlichkeit aus. Dabei ist es in der praktischen Arbeit müssig darnach zu fragen, was genetisch vererbt und was angelernt ist. Was ist zuerst: das Huhn oder das Ei?

Tiere sind rein vom Instinkt geleitet. Beim Menschen spielt der Instinkt neben dem Intellekt und dem Gefühl noch immer eine bedeutsame Rolle. Als Motivationszentrum steuert er den Lebenserhaltungstrieb, etwa den Trieb zur Lust (Sexualität) und den Trieb zur sozialen Beziehung. Nun befindet sich der Mensch aber - nach einhelliger Erfahrung aller Kulturen und spirituellen Traditionen - gegenüber dem eigentlichen Sein im Defizit ("Verlust des Paradieses"). Sein Instinktleben ist beeinträchtigt. Als Notreaktion angesichts erlebter Frustration (bei Freud libidinöser Art, in der neueren Psychoanalyse infolge mangelnder Zuwendung) ergab sich zwangshaft eine folgenschwere Fehlmotivation oder Defizitmotivation ("deficiency motivation"). Der Mensch verliert dadurch zumindest ein Stück weit die Freiheit, neu Gelerntes in die Tat umzusetzen oder dies auch zu unterlassen; er hat vielmehr auf "Automatik geschaltet", indem er ein bestimmtes Reaktionsmuster in Gang setzt, ohne die Gesamtheit seines Geistes zu "befragen" oder ohne auf die in der Gegenwart gegebene jeweilige Situation kreativ zu antworten. Anstelle der Freiheit tritt der Zwang. Deshalb halten wir an diesen primären existentiellen "Weichenstellungen" fest, selbst dann noch wenn sich die Umstände inzwischen grundlegend geändert haben.

Ein Konflikt zwischen verdrängten (unbewussten) Bedürfnissen und an deren Stelle gesetzten (bewussten) Werten kann als Neurose bezeichnet werden. Im neurotischen Verhalten wird der Instinkt durch eine Leidenschaft behindert, welche ihrerseits von einer kognitiven Voreingenommenheit gestützt wird. Diese beiden Pole bilden den Kern dessen, was den Charakter ausmacht. Charakter ist demnach das Gesamtergebnis einer angenommenen und fortdauernden Strategie der Anpassung, die sich gegen den Instinkt behauptet. Charakter hat mit dem "falschen Selbst" zu tun, in dem wir uns in dieser Schöpfung befinden, welche "insgesamt seufzt und in Wehen liegt bis zum Jetzt" (Röm 8,22). Sich des eigenen Charakters bewusst zu werden ist nun aber genau das Programm jeder echten Spiritualität.


Leben hat seine Vorlieben
Es hat von altersher Versuche gegeben, die menschlichen Charaktere in Gruppen einzuteilen, also zu typologisieren. Es gibt mittlerweile über 250 Modelle. Ich selber erachte das "Enneagramm" als das bisher dynamischste, das zudem durch die aktuellen neurologischen Forschungen gestützt wird. Dem Vorwurf der Vereinfachung und voreiligen Vereinnahmung des Individuums durch Typologisieren ist zu entgegnen, dass der Typ immer nur ein Wegweiser ist. Er deutet gleichsam auf einen Parcours hin, der gelaufen wird, niemals aber auf die Art und Weise, wie der einzelne Mensch diesen Parcour läuft. Jeder Mensch hat seine Schwächen, die aus der frühkindlich geprägten Charakterstruktur voraussagbar sind. Die Strategien, solche Schwächen zu überwinden, sind zum einen Teil typisch, zum andern Teil höchst individuell, so dass eine Typologie immer auch offen bleiben muss auf das jeweilige Individuum.

Ein paar Andeutungen mögen zur Veranschaulichung dienen. Das Enneagramm geht vom Grobraster der drei Gehirnzentren aus, die schon der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi erwähnte, wenn er den Erziehern riet, Kopf, Herz und Hand des Zöglings zu entfalten und in Harmonie zu bringen (statt "Hand" sagt man heute "Bauch"). Zweifellos hat jeder Mensch alle drei Zentren (und alle Enneagrammtypen), dennoch wird er in Situationen, in denen die frühen "Weichenstellungen" zum Tragen kommen, ein Zentrum bevorzugen, aus seinem Typ heraus agieren und die andern zurückstellen. Es gibt also Kopfmenschen, Herzmenschen und Bauchmenschen, allerdings jeweils mehr oder weniger ausgeprägt.

Jeder Typ hat seine bezeichnenden Schwächen und Stärken. Der Kopfmenschen begreift sich und seine Umwelt über den Verstand (Neocortex). Er kämpft jedoch sein Leben lang gegen das tiefe Gefühl, unfähig zu sein. Der Herzmensch wird primär von seinen Gefühlen bestimmt (limbisches System) und sucht sich im sozialen Ganzen zu bestimmen, Geltung und Prestige sind ihm wichtig. Er kämpft jedoch sein Leben lang gegen das tiefe Gefühl, nicht liebenswert zu sein. Der Bauchmensch sucht sich instinktiv (Stammhirn) seinen Platz in der Welt zu sichern, gleichsam sein Revier abzustecken und zu sichern. Er kämpft jedoch sein Leben lang gegen das tiefe Gefühl, nicht wichtig zu sein. Die Bevorzugung eines dieser drei Zentren kennt selber je drei Spielarten, so dass wir insgesamt auf neun (griech. ennea) Grundtypen kommen.

Enneagramm-Arbeit kann sehr hilfreich sein. Es gibt bereits eine vielfältige Literatur dazu. Als Einführung kann noch immer Richard Rohr / Klaus Ebert oder Helen Palmer empfohlen werden. Zumeist bleibt jedoch nach der Lektüre ein zwiespältiger Eindruck. Leichter scheint es, seine Mitmenschen einzuordnen als sich selber zu erkennen. Auch Fragebogen, und sind sie noch so raffiniert, bieten keine Gewähr. Ihre Fragen enthalten einen Katalog von Verhalten und Vorlieben. Sehr viel schwieriger jedoch ist, die Motivation, die uns zu einem bestimmten Verhalten treibt, zu erkennen und in die Antworten einzubringen. Bei einiger Erfahrung erhält man von Merkmalen der Körperkonstitution und der Physiognomie klare Hinweise. Doch ist man letztlich auch bei der Bestimmung des Enneagramms auf einen Zugang zum Unbewussten angewiesen, wenn man einen einigermassen gesicherten Bescheid erhalten möchte.


Leben offenbart sich
Trotzdem gibt es erprobte Hinweise, wie man - wenigstens ein Stück weit - zur Selbsterkenntnis gelangt. Voraussetzung ist eine achtsame Beobachtung, die man zunächst in seiner Umwelt einübt. Über die Kenntnisse der Charaktertypen lernt man seine eigene Prägung genauer kennen. Bei unvoreingenommener Selbstbeobachtung wird uns zum Beispiel auffallen, ob wir etwas in Freiheit und Souveränität tun oder ob wir zwangshaft auf etwas fixiert sind. Immer, wenn ich meine, etwas "unbedingt tun zu müssen", kann ich sicher sein, dass ich damit ein Problem habe, dass ich es nicht darf oder nicht kann. Was ich dagegen "darf und kann", steht mir frei zur Verfügung, und sollte ich einmal daran gehindert werden, stürzt deshalb die Welt nicht ein. Das Mass des Stresses ist also ein Indikator für meine persönliche Problematik. Und ebenso der Ärger: immer wenn ich mich über etwas oder jemanden ärgere, kann ich davon ausgehen, dass ich einen Anteil daran habe.

Hilfreich ist sodann, einen Menschen, der mich kennt und dem ich vertraue, um sein Urteil zu bitten. Andere kann man nämlich nicht belügen, nur sich selber. Das Leben offenbart sich, auch wenn wir es zu vertuschen suchen. So erkennen andere unsere Schwächen nicht selten besser als wir selber. Denn wir haben uns unsere Rechtfertigungen schon so lange zurecht gelegt, dass wir schon beinahe daran glauben und davon überzeugt sind. Anderen dagegen ist ein unverstellter Blick auf unser Fühlen, Denken und Handeln möglich. Die Frage ist dann nur die, ob wir ihre Kritik anzunehmen bereit sind oder uns sofort in Ausreden flüchten und den möglicherweise aufsteigenden Ärger sogleich zurückprojezieren.

Ein letzter Hinweis erinnert nochmals an die verschiedenen Ebenen in der Pyramide des ganzheitlichen Modells unseres Lebensorganismus. Wir könnten uns angewöhnen, somatische Beschwerden und Krankheiten nicht einfach als Störungen zu betrachten, die man im ärztlichen Reparaturservice beheben kann. Sie können vielmehr eine Zeichenfunktion haben, sind also Symptome für Störungen auf den höheren Ebenen, sehr häufig im mentalen Bereich. Statt nur nach dem "Warum" einer Krankheit zu fragen, lohnt sich, das "Wozu" zu überdenken. Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein sich selbst organisierender und deshalb störungsanfälliger Prozess. "Gesund bleiben sie, solange es ihnen immer neu gelingt, einen Grad an innerer Ordnung zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, der es gestattet, auf die sich oft unvorhersehbar verändernden äusseren Bedingungen flexibel zu reagieren" (Gerhard Hüther).


Leben lässt sich verändern
Erkenne ich meine Charakterstruktur und die meiner Mitmenschen, wird sich mein Umgang mit ihnen (und mit mir selbst) wesentlich vertiefen oder verbessern. Bewusstwerdung ist der erste Schritt zur Veränderung. "Wach werden und glücklich sein", lautet die Botschaft aller grossen spirituellen Meister (Anthony de Mello).

Was einst "gute Vorsätze" hiess, nennt man heute Affirmation. Das sind Sätze, die ich mir immer wieder sage, bis sie ganz stark in mir sind und "ich mich in sie verwandle". Es gibt kaum noch Spitzensportler, die nicht mental arbeiten. Die "Kraft des positiven Denkens" hat sich in der Persönlichkeitsentwicklung herumgesprochen. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass ich tatsächlich die richtige Affirmation anwende, die mir in der jetzigen Situation und im jetzigen Augenblick weiterhilft. Man kann mit "positivem Denken" ja auch Probleme zuschütten, die sich dann früher oder später nur umso vehementer und in anderen Symptomen zurückmelden. Auch für die genaue Bestimmung der optimalen Affirmation bietet sich die kinesiologische Methode des Muskeltests zur Verifizierung an.

Sehr oft hilft blosse mentale Arbeit allerdings nicht wesentlich weiter. Dann kann die Verankerung der Affirmation über die Körperebene geschehen. Es ist möglich, durch eine energetische Arbeit eine bleibende Veränderung herbeizuführen. Die Psycho-Kinesiologie verwendet Akupressur-Klopf-Methoden oder auch die auf neurologischer Basis sich vollziehende Hirnhälftenintegration. Wer die Wirkung und den Segen der auf diesem Wege erreichten Veränderung erfahren hat, lässt sich nicht durch "Gegenpropaganda" davon abbringen. Leider gehört die "Zersplitterung der Gesellschaft in unterschiedliche, sich oft sogar gegenseitig bekämpfende Interessenverbände" zum Bild unserer Zeit. Natürlich gibt es immer auch Scharlatanerie. Aber auch ernsthafte Methoden im psycho-physischen Bereich werden heutzutage sofort durch Gegeninformation in Frage gestellt. Dem Überangebot der sich wiedersprechenden Informationsflut steht der Einzelne immer hilfloser gegenüber. Je länger je weniger reichen weder die Schaffung psychischer und materieller Unabhängigkeit, also die Schaffung von Macht und Reichtum, noch die Aneignung von Wissen und Kompetenz als Strategien aus, um innere Stabilität und Sicherheit zu erreichen. Immer dringlicher ist deshalb der Weg der erneuten sozialen Bindung, der Verankerung des einzelnen in der Gemeinschaft. Das bedingt jedoch ein Urvertrauen (Glaube) in den Sinn des Lebens, die 5. Ebene in der Pyramide des ganzheitlichen Modells ist die letztlich entscheidende Dimension.

Ich schliesse mit dem Bekenntnis Claudio Naranjos: "Wenn wir davon ausgehen, dass eine gesunde Gesellschaft nur aus gesunden Individuen bestehen kann, müssen wir auch den politischen Wert einer Veränderung des einzelnen Menschen erkennen. Unsere heutigen Institutionen sind jedoch kaum in der Lage, diese Veränderungen voranzutreiben. Was wir Bildungswesen nennen, hat mit der eigentlichen Erziehung nichts zu tun, es ist vielmehr eine unbedeutende Informationsmaschinerie. Und die öffentliche Gesundheit hat genauso wenig mit der seelischen Gesundheit des einzelnen zu tun. Wir sollten uns als erstes darum kümmern, was in unserem Herzen vorgeht. Alles weitere ergibt sich."

Literatur:
§ Hüther, Gerald: Gefahren des Erfolgs - Chancen der Ratlosigkeit. Über Angst und Stress: Universitas 53 (1998) 1179-1193.
§ Klinghardt, Dietrich: Lehrbuch der Psycho-Kinesiologie.
Freiburg im Breisgau: Hermann Bauer 1996.
§ Mello, Anthony de: Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein. Freiburg/Basel/Wien: Herder 1991.
§ Naranjo, Claudio: Das Enneagramm der Gesellschaft. Leiden der Welt, Leiden der Seele. Petersberg: Via Nova 1998.
§ Palmer, Helen: Das Enneagramm in Liebe und Arbeit. (Knaur Taschenbuch 86079). München: Knaur 1995.
§ Rohr, Richard / Ebert, Klaus: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele. Claudius Verlag, München 13. Aufl. 1991.
§ Sheldrake, Rupert / Fox, Matthew: Die Seele ist ein Feld. Der Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität. Bern/München/Wien: O.W.Barth/Scherz 1998.


Veranstaltungen

Ein Tag mit Benediktiner-Abt Daniel Schönbächler 
Kloster Disentis: Persönlichkeit - die Grundlage gelingender Kommunikation 

 

 

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  • Im Park 4 - CH-8800 Thalwil/Zürich
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