myzfu
Villa Diana
Lernen als Weg

Fachartikel

nach Referenten sortiert

Artikel
 

Prof. Dr. Georg von Krogh

Professor an der Universität St. Gallen/HSG; Gastprofessor am MIT, Boston

 

HSG-Professor Georg von Krogh im Gespräch Hyper-Growth: Wie man Wachstum erfolgreich managt

Sie haben in Ihrer Funktion als Gastprofessor am MIT in Boston eine Studie über "Hyper-Growth-firms" geleitet. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse daraus?
Wir sind mit unserer Studie zur Erkenntnis gelangt, dass ein Unternehmen zum Überleben zwingend eine Wachstumsstrategie entwickeln muss. Man darf beispielsweise nicht ausschliesslich eine Kosten-führer- oder eine Nischen-Strategie verfolgen, sondern auch gezielt eine Wachstumsstrategie. Zudem muss die Wachstumsstrategie zwingend verknüpft sein mit einer systematischen Wissensentwicklung in der eigenen Organisation. Es ist dabei unabdingbar, die Fähigkeiten im Unternehmen aufzubauen, die einen systematischen Umgang mit Wissen ermöglichen. So gesehen ist eine Wachstumsstrategie wesentlicher Bestandteil einer Unternehmensstrategie.

Welche Strategien gibt es, mit welchen ein nachhaltiger und profitabler Wachstum erzielt wird?
Wir haben herausgefunden, dass sich 3 unterschiedliche Strategien unterscheiden lassen:

Scaling: Darunter versteht man eine Skalierung der Produkte-, der Marketing- und Verkaufsaktivitäten, d.h. ein Unternehmen spezialisiert sich auf die Bedürfnisse einer besonderen Kundengruppe und standardisiert seine Produkte. In der Konsequenz erschliesst man sich einen grösseren Markt. Geeignet ist die Skalierungsstrategie insbesondere für Massenprodukte. In diesem Kontext entscheidend ist die Fähigkeit, Wissen in den Bereichen Massen-Marketing und Produktion aufzubauen, um einem rasch wachsenden Kundenpotenzial auch einen einwandfreien Support anbieten zu können.

Duplication: Bei der Duplizierung erobert ein Unternehmen mit einem bestehenden und erprobten Business-Modell neue Märkte. Am Beispiel von Ikea kann diese Strategie sehr gut nachvollzogen werden. Ikea hat eine Wachstumsstrategie, um mit dem bestehenden Businesskonzept in neue Märkte einzutreten. Das Konzept beinhaltet den Aufbau der Ladeninfrastruktur, Planung der Personal-Ressourcen, Initialisierung von Marketingaktivitäten u.a.m. Nach der erfolgreichen Initialisierung wird eine lokale Länderorganisation für den Roll-out aufgebaut. Damit kann ein Geschäft sehr schnell Profit generieren. Duplication eignet sich deshalb für Geschäfte, bei welchen Kunden weltweit die gleichen Bedürfnisse haben, d.h. die Unterschiede klein und lokal sind. (Bsp. Bettgrössen in Japan). Man kann Produkte standardisieren, muss aber als Voraussetzung Zugriff auf eine gut funktionierende Distribution haben.

Granulation: Wenn Wachstum in neue Märkte nicht möglich ist, müssen neue Produkte-Kategorien, Technologien und Kundengruppen aufgebaut werden. Dies kann nur durch Integration von Wissen entstehen. Wissen von Mitarbeitern, von Kunden und vom Markt. Granulation heisst Lernen und systematischer Aufbau von Wissen.

Sehen Sie Parallelen zwischen Wachstumsstrategien in den USA und in Europa?
In den USA steht mehr Venture Capital zur Verfügung und es ist leichter, Geldquellen zu erschliessen. Nehmen Sie als Beispiel die Schweizer Firma Phonak: Parallel zu Ihrem Wachstum hat es dieses Unternehmen verstanden, auch die Fähigkeiten im Management, in der Produktion, in der Marktdurchdringung aber auch im Knowledge-Management so aufzubauen, dass ein nachhaltiges Wachstum entstanden ist. Wachstum ohne Profit und Nachhaltigkeit ist ein willkürliches Wachstum, jedoch kein strategisches Wachstum. Deshalb müssen Investoren auch die Fähigkeit besitzen zu beurteilen, ob ein Unternehmen effektiv nachhaltiges oder eher willkürliches Wachstum produziert.

"At Netigy, knowledge management is a way of life. It is integrated into everything we do on a daily basis, and it promotes exchange among colleagues, between consultants and clients, and even among our clients. By empowering our people and clients with key knowledge assets, Netigy is able to consistently exceed client expectations through: 1. innovative solutions 2. enhanced, consistent performance 3. leveraged expertise 4. accelerated service delivery"
(Aus den Unternehmensgrundsätzen von Netigy Corporation; www.netigy.com; 23.03.01)

Welche Funktion spielt Knowledge-Management bei der Umsetzung von Wachstumsstrategien?
Ich bin In den USA während meiner Forschungstätigkeit auf eine interessante Firma gestossen: Netigy, einen Internet-Service-Provider. Dieses Unternehmen hat es erfolgreich verstanden, eine Firma innerhalb von 8 Monaten aus dem Nichts aufzubauen und mehr als 650 Angestellte in kürzester Zeit zu integrieren. Den Verantwortlichen ist es von Anfang an bestens gelungen, ein griffiges Knowledge-Management für ihre Prozesse und Technologien umzusetzen. So ist eine wirkliche, gelebte "Knowledge-sharing" Kultur entstanden.

Gibt es neue Instrumente und Methoden zur Evaluation von Wachstumspotenzialen?
Es braucht eine Business-Planung mit Szenarien, welche die zentralen Fragen zu den Wachstumspotenzialen behandelt. Dazu zählen:

  • Wie und wodurch kann man mehr der bestehenden Produkte an bestehende Kunden verkaufen?
  • Wie und wodurch kann man neue Produkte an bestehende Kunden verkaufen?
  • Wie und wodurch kann man mit bestehenden Produkten neue Kunden gewinnen?
  • Mit welchen neuen Produkten können neue Kundenkreise erschlossen werden?
  • Wo bestehen neue geografische Gebiete, welche erschlossen werden können?
  • Wie kann man Zulieferer besser einbinden, Partnerschaften mit anderen Firmen eingehen um neue Technologien zu entwickeln?
  • Wie und mit welchem Ziel kann man Kunden, (Lead-Users) in die Produkte-Entwicklung einbinden?

Schnelles Wachstum bedeutet auch schnelle Entscheidungen. Gibt es finanzielle Kennzahlen, welche in Phasen des raschen Wachstums von spezieller Bedeutung sind?
Es braucht einen gesunden Umgang mit den finanziellen Kennzahlen, aber vor allem geht es darum, welches Business-Modell ein Unternehmen hat. Die zentrale Frage ist: Wie generiert man Profit. Dazu braucht es ein Businessmodell, welches nicht nur vom Management, sondern auch von allen Mitarbeitern verstanden wird. Denn die Mitarbeiter müssen über Gewinnschwellen, Break-Even und Kostenfaktoren Bescheid wissen. Die Mitarbeiter müssen wissen, dass es nicht allein Umsatz bedeutet, wenn ein Unternehmen in "good shape" ist. Ein Unternehmen ist dann in "good shape", wenn man Geld verdient. Die Mitarbeiter müssen deshalb wissen, bei welchen Umsatzzahlen und Produkten Geld verdient wird und wo das Unternehmen Geld verliert. In der Konsequenz heisst das, dass Mitarbeiter laufend informiert und geschult werden und so kontinuierlich Geschäftserfahrung sammeln.

"Hyper Growth" muss geführt werden. Mit welchen Anforderungen an Leadership und Kommunikation sieht sich ein Manager von heute konfrontiert?
Die Leadership-Anforderungen sind sehr hoch. Der Leader muss eine gewisse Kohärenz einbringen. Grundsatzwerte wie Kundenorientierung, Vertrauen unter den Mitarbeitern oder Kostenbewusstsein muss vorgelebt werden. Die Geschäfsmodelle müssen kommuniziert werden und die Vision täglich erlebbar und erkennbar sein. Eine zweite, sehr wichtige Führungsaufgabe ist: Train the high-potentials. Die Potenziale der Mitarbeiter müssen laufend geschult und gefördert werden. Zudem heisst Führung auch, sich sehr stark in operativen Dingen wie Produkte-Entwicklung, neue Technologien oder Verkauf zu beteiligen. Gleichzeitig muss ein Leader aber auch die Fähigkeiten besitzen, sich zurückzuziehen um über Strategien und Wettbewerbsfähigkeit nachzudenken. Sehr oft kommen Führungskräfte zu schnell nach oben und verharren immer noch zu stark im Operativen, weil die strategischen Fähigkeiten fehlen, da diese nicht geschult und gefördert wurden.
Durch die Integration neuer Mitarbeiter entstehen auch neue Ideen für Prozesse, Produkte oder das Marketing. Dies bedeutet zugleich Chance und Risiko für die Organisation und hier ist Leadership gefordert. Durch konsistentes Handeln in der Führung muss in solchen Phasen Einfluss genommen werden.

Strategie-Professoren zitieren oft den Grundsatz "Structures follows Strategies". Stimmt dies auch für Wachstumsstrategien?
Die beiden Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Bei Wachstumsstrategien ist das sehr offensichtlich. Firmen, die schnell wachsen, verändern ihre Organisations-Struktur sehr häufig und sehr schnell. Deshalb wurde bei Ikea für die Wachstumsstrategie eine spezielle Expansionsgruppe aufgebaut. Diese Division agierte neben den anderen operativen Einheiten und erarbeitete neue Wachstumsoptionen, welche Ikea die Möglichkeit bot, eine Wachstumsstrategie zu verfolgen und Wachstumspotenziale schnell und auch gezielt anzugehen, ohne bestehende Ressourcen und Strukturen zu belasten.

Welche kritischen Faktoren behindern Wachstumsstrategien in Unternehmen?
Lange Kommunikationswege verzögern die Entscheidungsprozesse. Grundproblem: fehlendes Wissen für neue Technologien. Fehlende Risikobereitschaft zu investieren. Fehlende Bereitschaft, aus gescheiterten Wachstumsprojekten zu lernen. Erfolg hat nur, wer bereit ist, aus den gemachten Erfahrungen - positiven und negativen - zu lernen. Diese Erkenntnisse müssen den Mitarbeitern systematisch zur Verfügung gestellt werden. Man muss sich für Learnings Zeit nehmen. Es lohnt sich auch, von Erfolgsgeschichten, aber auch von Misserfolgen anderer Firmen zu lernen.

Interview: Christophe Soutter/ZfU


 

 

  • ZfU International Business School
  • Im Park 4 - CH-8800 Thalwil/Zürich
  •