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Alfons Cortés
ZfU-Faculty: Legal & Taxes / Financial Markets Fachbereich International Banking Lehrauftrag für Behavioral Finance
Geschäftsführer der Unifinanz AG und einer der meistbeachteten Finanzmarkt-Analysten Europas. Advisor to the Board der LGT Capital Management Aktiengesellschaft in Vaduz und Pfäffikon/SZ |
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Behavioral Finance für die Praxis |
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Behavioral Finance für die Praxis
von Alfons Cortés
Die Herausforderung an den Börsen liegt darin,
Entstehung und Ende von krassen und oft lange andauernden
Über- resp. Unterbewertungen zu erklären.
Dadurch rücken grosse Themen aus Behavioral Finance
(BF) ins Zentrum: Konservatismus und Repräsentativitätsheuristiken.
Mit Konservatismus wird der Umstand beschrieben, dass
in gewissen Marktphasen neue Meldungen, die im Widerspruch
zu eindrücklichen Erfahrungen stehen, nur langsam
zur Kenntnis genommen werden.
Nach der These der Repräsentativitätsheuristik
neigen Finanzmarktakteure in anderen Phasen dazu, künftige
Wahrscheinlichkeiten aufgrund bisheriger Entwicklungen
anzunehmen, die oft falschen Ursachen zugeordnet wurden.
Unterreaktion auf den Nachrichtenfluss wird auf das
Phänomen des Konservatismus zurückgeführt.
Die Aufhebung von Fehlbewertungen als dessen Folge geschieht
im Vergleich zu den sich verändernden fundamentalen
Daten zu langsam, da neue Erkenntnisse sich nur zögerlich
durchsetzen. Preisrückkoppelungen wirken auf das
Verständnis des ökonomischen Geschehens und
führen zur Bildung von Repräsentativitätsheuristiken,
des zweiten Phänomens. Diese verursachen das Gegenteil
des Konservatismus, nämlich ein Davoneilen der
Kurse weit über (in Hausse-Phasen) bzw. unter (in
Baisse-Phasen) jenen fundamentalen Werten, die als "normal"
erscheinen.
Stellen wir uns ein Kommunikations- und Rückkoppelungsprozess
vor, den wir als Börsenkreis bezeichnen wollen.
Dieser beginnt mit einer Mitteilung aus der Wirtschaft.
Die Problematik fängt damit an, dass zwischen der
realen Welt und der Wahrnehmung eine Diskrepanz besteht.
Da keine Mitteilung tatsächlich objektiv im Sinne
der Übereinstimmung von Faktum und Erkenntnis des
Faktums ist, kommt also bei den Empfängern etwas
an, was von Anfang an verfälscht ist.
Mitteilungen werden von den Empfängern einem Prozess
des Verstehens unterzogen. Ferner werden sie mit anderen
Mitteilungen vernetzt und eingeordnet. Der nächste
Schritt besteht in der Hypothesenbildung. Diese ist
zunächst wie ein Rohdiamant. Er wird geschliffen
in der Diskussion mit anderen Marktteilnehmern. Das
Ergebnis findet seinen Weg in den Börsenkreis zurück.
Diesen Vorgang wollen wir als Informationsprozess bezeichnen,
der für jeden Marktteilnehmer zu einem anderen
Zeitpunkt Anfang und Abschluss findet und entweder in
eine Handlung oder in eine Unterlassung der Handlung
mündet - beides Vorgänge mit Bedeutung für
die Preise. Erst die Handlung eröffnet den eigentlichen
Tauschprozess, der unweigerlich zu einem unbeabsichtigten
Ergebnis führt. Das unbeabsichtigte Ergebnis erscheint
immer in Form eines Preises, der auf zwei Arten Einflussnahme
auf die Hypothesenbildung nehmen kann: als Preisschock,
oder als Preisentwicklung in historischer Zeit, d.h.
als unumkehrbares Geschehen. Letzteres ist bei einer
Abweichung von den allgemeinen Erwartungen der Fall,
z.B. wenn ein Trend länger anhält und zu grösseren
Kursveränderungen führt als erwartet. Beide
zwingen die Betroffenen zu einer Überprüfung
ihrer Positionen. Dieser Vorgang koppelt die soziale
Dimension des Tauschprozesses an die individualistische
Dimension des Informationsprozesses an und führt
zu einer oft konfliktträchtigen, aber symbiotischen
Beziehung zwischen den beiden.
Die zwei neuralgischen Punkte des Börsengeschehens
sind das Verstehen als wissensabhängiger, individualistischer
Vorgang und die Rückkoppelung durch den Preis als
soziale Dimension der Börse. Die Analyse dieser
Prozesse gibt eine Antwort auf die Frage, wie es zu
den Handlungen kam und welche weiteren Einwirkungen
vom Tauschprozess auf den Informationsprozess zu erwarten
sind.
Der Individualismus ist ausgeprägt in der Wahl
der Methode, die zur Verarbeitung der Mitteilung und
der Bildung von Hypothesen führt. Unter Beibehaltung
ihrer unterschiedlichen Zugänge zum Verständnis
des Börsengeschehens können die Akteure zu
weitgehend übereinstimmenden Erwartungen kommen.
Je grösser der Anteil der übereinstimmenden
Erwartungen trotz unterschiedlicher Methode des Verstehens
ist, um so homogenere Aktionsbilder erscheinen in den
Märkten. Solche Aktionsbilder führen zu Trends
in den Länderindizes und in den Sektorenindizes,
die ihrerseits zur Überwindung der vom Konservatismus
geprägten Phasen führen.
Die Rückkoppelungen führen bei lang anhaltenden
Trends zur Bildung von Repräsentativitätsheuristiken.
Eine solche Heuristik kann z.B. dadurch entstehen, dass
mehrfach der Verkauf von Titeln, die aus herkömmlicher
fundamentaler Sicht zu teuer geworden waren, sich als
falsch herausstellte, weil die teuren Aktien danach
noch viel teurer wurden. Diese Art von Lektion besteht
im Grunde genommen darin, dass richtig eingesetztes
semantisches Wissen durch den Markt bestraft wurde.
So entsteht aus der Unterbewertung die Überbewertung
(bzw. umgekehrt in der Baisse), die sich bis zu dem
Zeitpunkt weiter entwickelt, als die Übereinstimmung
der Hypothesenbildung immer mehr abbröckelt und
der Marktkprozess wieder heterogen wird.
BF gibt uns eine Grundlage für eine holistische
Marktanalyse, die sich nicht darauf beschränkt,
technisch oder fundamental vorzugehen, sondern nach
beiden Methoden verlangt.
Mit der fundamentalen Analyse werden Meldungen zu mit
Wissen erfüllten Informationen. Die technische
Analyse sorgt für die Orientierung, ohne welche
die Informationen nicht eingeordnet werden können.
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