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Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth
Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs in elmenhorst. Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Forschungs-Be-reiche: Kognitive und emotionale Neurobiologie, Theoretische Neurobiologie und Neurophilosophie. |
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Wie unser Gehirn Entscheidungen trifft |
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Verstand ist mit Intelligenz verwandt und
beinhaltet entsprechend die Fähigkeit, Aufgaben in einer
vorgegebenen Zeit zu identifizieren und vorhandenes
Expertenwissen richtig anzuwenden, z.B. um Probleme
zu lösen oder einen persönlichen Vorteil
zu gewinnen.
Unser Leben besteht aus ständigen Entscheidungen.
Dabei geht es nicht nur um „grosse“ Dinge
wie die Frage, ob ich einen beträchtlichen Teil
meines Vermögens in bestimmte Aktien anlegen oder
ein verlockendes Job-Angebot in X. annehmen soll. Jeder
Einkauf ist mit Entscheidungen verbunden und sogar
jede Bewegung, die wir ausführen, z.B. nach der
Kaffeetasse vor uns greifen. Hierbei müssen Gehirnzentren,
die für die Bewegungssteuerung zuständig
sind, aus einer sehr grossen Zahl möglicher Bewegungsabläufe
genau einen Ablauf auswählen und die anderen unterdrücken,
damit eine geordnete und flüssige Bewegung möglich
wird. Im Gegensatz zu den anderen Entscheidungen vollzieht
sich dieser Vorgang völlig unbewusst, und wir
entscheiden höchstens, wann wir die Bewegung ausführen.
Entsprechend findet sich in unserem Verhalten ein gleitender Übergang
zwischen hochgradig bewusst getroffenen und völlig
automatisierten Entscheidungen.
Dilemma:
Gefühl – Verstand – Vernunft
Kompliziertere Entscheidungen spielen sich im Spannungsbereich
zwischen Gefühlen einerseits und Verstand und
Vernunft andererseits ab. Der Widerspruch von Verstand
und Gefühlen macht einen Grossteil unseres Lebens
aus. Gefühle raten uns, bestimmte Dinge zu tun,
unser Verstand rät uns davon ab – oder umgekehrt.
Ein Verstandesmensch ist nach verbreiteter Meinung
jemand, der seine Gefühle weitgehend im Griff
hat, dazu neigt, die mittel- und langfristigen Konsequenzen
seines Handelns genau abzuwägen und sich dabei
von „zweckrationalen“ Erwägungen leiten
lässt, ein Gefühlsmensch ist hingegen jemand,
der seinen Impulsen und Neigungen bereitwillig nachgibt,
ohne zu genau an die Folgen seines Tuns zu denken.
Um diese Zusammenhänge genauer zu verstehen, müssen
wir uns darüber klar werden, was die Begriffe „Verstand", „Vernunft“ und „Gefühle“ bedeuten.
Unter Verstand kann man am besten die Fähigkeit
zum Problemlösen mithilfe erfahrungsgeleiteten
und logischen Denkens verstehen. Verstand ist mit Intelligenz
verwandt und beinhaltet entsprechend die Fähigkeit,
Aufgaben in einer vorgegebenen Zeit zu identifizieren
und vorhandenes Expertenwissen richtig anzuwenden,
z.B. um Probleme zu lösen oder einen persönlichen
Vorteil zu gewinnen. Unter Vernunft versteht man hingegen
meist die Fähigkeit zu mittel- und langfristiger
Handlungsplanung aufgrund übergeordneter zweckrationaler
und ethischer Prinzipien. Vernünftig bin ich,
wenn ich gewohnt bin abzuwägen, was die mittel-
und langfristigen Konsequenzen meines Handelns sind.
Dabei kommt es nicht nur auf meinen privaten Vorteil
an, sondern auch auf die soziale Akzeptanz meines Handelns.
Die menschliche Grundausstattung
Gefühle im weiteren Sinne umfassen zum einen körperliche
Bedürfnisse wie Müdigkeit, Durst, Hunger,
Geschlechtstrieb und den Drang nach dem Zusammensein
mit anderen Menschen. Diese Bedürfnisse gehören
zu unserer menschlichen „Grundausstattung“,
und wir können gegen sie entweder überhaupt
nichts oder nur in sehr begrenztem Masse etwas tun.
Zum zweiten gehören dazu die Affekte wie Wut,
Zorn, Hass und Aggressivität, die uns übermannen
oder mitreissen, und die wir genauso wenig lernen müssen
wie die körperlichen Bedürfnisse, und die
beinahe ebenso schwer zu kontrollieren sind. Schliesslich
gibt es Emotionen oder Gefühle im engeren Sinne
wie Furcht, Angst, Freude, Glück, Verachtung,
Ekel, Neugierde, Hoffnung, Enttäuschung, Erwartung,
Hochgefühl und Niedergeschlagenheit. Soweit wir
wissen, sind auch diese Gefühle angeboren, denn
ausgedehnte Untersuchungen zeigen, dass alle Menschen
auf der Welt solche „Grundgefühle“ haben,
gleichgültig, wie sie diese sprachlich benennen.
Sie können sich jedoch im Prozess der emotionalen
Konditionierung in nahezu beliebiger Art mit Objekten
und Situationen verbinden. Unser psychischer Alltag
ist eine unendliche Mischung dieser drei Arten von
Gefühlen im weiteren Sinne.
Verstand und Vernunft sind Funktionen des menschlichen
Gehirns, genauer des Stirnhirns. Verstandesfunktionen
können dabei vornehmlich im oberen Stirnhirn,
dem dorsolateralen präfrontalen Cortex, zugeordnet
werden. Dieser Hirnteil hat mit dem Erfassen der handlungsrelevanten
Sachlage, mit zeitlich-räumlicher Strukturierung
von Wahrnehmungsinhalten zu tun, mit planvollem und
kontextgerechtem Handeln und Sprechen und mit der Entwicklung
von Zielvorstellungen. Vernunft hingegen ist vornehmlich
eine Funktion des unteren, über den Augen liegenden
Stirnhirns, des orbitofrontalen Cortex. Dieser Teil
der Hirnrinde überprüft die längerfristigen
Folgen unseres Handelns und lenkt entsprechend dessen
Einpassung in soziale Erwartungen. Eine wesentliche
Funktion des orbitofrontalen Cortex besteht in der
Kontrolle impulsiven, individuell-egoistischen Verhaltens.
Erfassen von Details
Dass Verstand und Vernunft etwas mit der Grosshirnrinde
zu tun haben, verwundert uns nicht, denn bei der Grosshirnrinde
handelt es sich um ein aus vielen Milliarden von Nervenzellen
bestehendes Netzwerk für die schnelle Verarbeitung
und Zusammenführung grosser und untereinander
zum Teil sehr verschiedener Datenmengen. Diese Fähigkeiten
stehen im Dienst des Erfassens und Verarbeitens von
Details der Wahrnehmungsinhalte und deren Vergleich
mit Gedächtnisinhalten, der Gliederung des Wahrgenommenen
in Bedeutungseinheiten und der Vorbereitung von Handlungsentwürfen.
Hierzu gehört vor allem das Entwickeln komplexer
Vorstellungen, das schnelle Abrufen von Erinnerungen
an Geschehnisse und von Wissen, und das Pläneschmieden – also
dasjenige, was einen verständigen und vernünftigen
Menschen auszeichnet.
Gefühle hingegen scheinen erst einmal gar nichts
mit dem Kopf bzw. dem Gehirn zu tun zu haben, sondern
mit unserem Körper. Uns hüpft das Herz vor
Freude, wir haben vor einer unangenehmen Situation
Magendrücken, uns zittern die Hände und schlottern
die Knie vor Angst, uns platzt der Kragen. Es ist schwer,
diese körperlichen Zustände zu verbergen,
wenn wir starke Gefühle haben. Natürlich
können wir durch langes Training einen Zustand
des „sich in der Gewalt Habens“ erreichen,
aber ganz wird uns dies wohl nicht gelingen. Vielmehr
ist es so, dass mit den verminderten körperlichen
Reaktionen auch die Gefühle schwinden. Der enge
Zusammenhang zwischen Affekten bzw. Gefühlen und
körperlichen Zuständen ist leicht einzusehen.
Affekte und Gefühle sollen uns zu einem bestimmten
Verhalten veranlassen, und zwar umso mehr, je stärker
sie sind. Wir sollen gezwungen werden, etwas Bestimmtes
zu tun oder zu lassen, zu kämpfen oder zu fliehen,
Dinge anzupacken oder sie möglichst zu meiden.
Erlebniszustände
Als bewusste Erlebniszustände sind Gefühle
zwar mit Aktivitäten in der Grosshirnrinde verbunden,
aber im Gegensatz zu Verstand und Vernunft haben sie
nicht dort ihre Wurzeln, sondern im limbischen System.
Das limbische System ist im menschlichen Gehirn vollständig
von der Grosshirnrinde umgeben und besteht aus vielen
Zentren mit den unterschiedlichsten Funktionen, die
völlig unbewusst arbeiten und am unbewussten Entstehen
von körperlichen Bedürfnissen, Affekten und
Gefühlen beteiligt sind.
Sie bewerten alles, was wir tun, nach „gut“ und „schlecht“ und
steuern hierüber unser Verhalten. Körperliche
Bedürfnisse und Affekte werden vom Hypothalamus
erzeugt und reguliert, während für die Emotionen
und die emotionale Konditionierung der Mandelkern,
die Amygdala, zuständig ist. Bei der Verbindung
von Geschehnissen mit angenehmen und gar lustvollen
Gefühlen arbeitet sie eng mit dem so genannten
mesolimbischen System zusammen, vor allem mit dem Ventralen
Tegmentalen Areal im Boden des Mittelhirns. Dieses
System ist bei der Registrierung und Verarbeitung natürlicher
Belohnungsereignisse aktiv und stellt das Belohnungssystem
des Gehirns dar, indem sie die bekannten hirneigenen
Opiate produzieren, die in uns Wohlgefühl erzeugen.
Emotionale Konditionierung
Emotionale Konditionierung gehört zu unserem täglichen
Leben. Viele Dinge und Geschehnisse in unserem Leben
sind ja nicht unter allen Umständen und für
alle Personen gleichermassen positiv oder negativ,
sondern das müssen wir durch lust- oder leidvolle
Erfahrung herausfinden. Nicht jede Herdplatte erzeugt
schmerzhafte Verbrennungen, nicht jeder unfreundlich
aussehende Mensch ist tatsächlich unfreundlich,
und nicht jeder freundlich aussehende Mensch meint
es gut mit uns.
In aller Regel bilden sich emotionale Konditionierungen
auch nicht aufgrund einmaliger Erlebnisse aus, sondern
bestimmte negative oder positive Erfahrungen müssen
wiederholt gemacht werden, um sich fest in unserem
emotionalen Erfahrungsgedächtnis zu verankern.
Gefühle – gleichgültig ob bewusst oder
unbewusst – sind in diesem Sinne Ratgeber, und
zwar entweder als spontane Affekte, indem sie uns in
Hinblick auf Dinge zu- oder abraten, die „angeborenermassen“ positiv
oder negativ sind, oder aufgrund der Erfahrungen der
positiven oder negativen Folgen unseres Handelns.
Im Prinzip ist dies die vernünftigste Art, Entscheidungen
zu treffen und Verhalten zu steuern.
Limbische Verhaltens-Steuerung
Wenn diese limbische Verhaltenssteuerung so wunderbar
klappt, warum haben wir dann überhaupt die Fähigkeit
zu Verstand und Vernunft? Der Grund hierfür liegt
darin, dass die limbischen Zentren zwar zur schnellen
und nachhaltigen emotionalen Bewertung von Dingen,
Personen und Geschehnissen in der Lage sind, dass sie
aber nicht komplexe Sachverhalte verarbeiten und entsprechend
auch nicht mittel- und langfristige Handlungsplanung
betreiben können. Das limbische System ist hierin
wie ein kleines Kind, das angesichts eines bestimmten
Geschehens nur unmittelbare Vorstellungen über
gut und schlecht, positiv und negativ, lustvoll und
schmerzhaft entwickeln kann und nicht über die
Stunde und den Tag hinaus denkt.
Aber anders als ein kleines Kind weiss das limbische
System, dass es beim Vorliegen einer komplexen Situation
gut daran tut, die Grosshirnrinde und damit Verstand
und Vernunft heranzuziehen. Dadurch werden wir zu vernünftigen
Personen, die in der Lage sind, die Folgen ihres Handelns
abzuwägen, anstatt impulsiv zu reagieren. Der
bewusstseinsfähige Cortex wird also immer dann
eingeschaltet, wenn es darum geht, neue Entscheidungen
von hinreichender Wichtigkeit zu treffen und in diesem
Zusammenhang grosse Detailmengen zu analysieren und
verschiedenartige Gedächtnisinhalte zusammenzufügen.
Grosshirnrinde
Wenn nun umgekehrt die Grosshirnrinde so grossartig
ist und so verständige und vernünftige Ratschläge
zu erteilen vermag, warum folgen wir diesen Ratschlägen
nicht immer bereitwillig? Eigentlich können wir
uns den teuren BMW gar nicht leisten, aber wir kaufen
ihn trotzdem. Es wäre vernünftig, im bisherigen
Betrieb zu bleiben, aber wir kündigen und gehen
nach X. Wir lassen uns auf eine Liebschaft ein und
ruinieren damit unsere (scheinbar) gut funktionierende
Ehe; oder wir halten aus irgendwelchen Gründen
an einer Beziehung fest, die uns eigentlich nur noch
Frustrationen verschafft.
Diese Beispiele sollen nicht suggerieren, wir würden
trotz vernünftigen Denkens immer nur „aus
dem Bauch heraus“ entscheiden. Sie sollen nur
demonstrieren, dass aus langem, vernünftigen Nachdenken
und Abwägen von Handlungsalternativen und ihren
Konsequenzen sich keineswegs automatisch eine vernünftige
Entscheidung ergibt. Dies liegt daran, dass das limbische
System, aber nicht das rationale System der Grosshirnrinde,
einen direkten Zugriff auf diejenigen Systeme in unserem
Gehirn hat, welche letztendlich unser Handeln steuern.
Dies geschieht über die so genannten Basalganglien,
die ebenfalls tief im Innern unseres Gehirns lokalisiert
sind und völlig unbewusst arbeiten. Sie bereiten
jede Art von Handlungen vor, bei denen wir das Gefühl
haben, wir hätten sie gewollt. Dies jedoch ist
eine Täuschung, denn die Basalganglien stehen
weitgehend unter Kontrolle des limbischen Systems und
damit des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses.
Das limbische System hat also gegenüber dem rationalen
corticalen System das erste und das letzte Wort. Das
erste beim Entstehen unserer Wünsche und Zielvorstellungen,
das letzte bei der Entscheidung darüber, ob das,
was sich Vernunft und Verstand ausgedacht haben, auch
wirklich getan werden soll.
Der Grund hierfür ist, dass alles, was Vernunft
und Verstand an Ratschlägen erteilen, für
denjenigen, der die Handlungsentscheidung trifft, emotional
akzeptabel sein, d.h. in unsere vergangene emotionale
Erfahrung hineinpassen muss. Es gibt also ein rationales
Abwägen von Handlungen und Alternativen und ihren
jeweiligen Konsequenzen, es gibt aber kein rein rationales
Handeln. Die Chance von Verstand und Vernunft ist es,
mögliche Konsequenzen unserer Handlungen so aufzuzeigen,
dass damit starke Gefühle verbunden sind, denn
nur durch Gefühle kann Verhalten verändert
werden.
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