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Alfons Cortés
ZfU-Faculty: Legal & Taxes / Financial Markets Fachbereich International Banking Lehrauftrag für Behavioral Finance
Geschäftsführer der Unifinanz AG und einer der meistbeachteten Finanzmarkt-Analysten Europas. Advisor to the Board der LGT Capital Management Aktiengesellschaft in Vaduz und Pfäffikon/SZ |
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Behavioral Finance am Aktienmarkt |
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Behavioral Finance ist eine junge Wissenschaft mit
alten Wurzeln, die durch die Vergabe des Nobelpreises
für Wirtschaftswissenschaften 2002 an einen ihrer
hervorragendsten Vertreter, Daniel Kahneman, einen
zusätzlichen Auftrieb erhalten hat.
Ins Rampenlicht geriet Behavioral Finance jedoch vor
allem wegen ihrer im Gegensatz zu anderen Theorien
erkennbaren Nähe zu real beobachtbaren Börsenphänomenen.
Die Börsen unterscheiden sich von den Gütermärkten
Die Börsen unterscheiden sich vor allem aus zwei
Gründen ganz wesentlich von den Gütermärkten.
Der erste Grund besteht im Charakter einer öffentlichen
Veranstaltung, der die Börsen kennzeichnet. Das
Kapitalmarktrecht in allen führenden industrialisierten
Ländern sorgt für eine symmetrische Verteilung
von Unternehmensmeldungen, eine minimale Transparenz
der Rechnungslegung und Berichterstattung der Unternehmen
einerseits, sowie der Auftragsexekution und Preisfindung
andererseits und wehrt den Missbrauch von Insiderwissen
ab. Früher war das anders. Vor Errichtung der
Securities and Exchange Commission 1931 in den USA,
mit welcher der Grundstein für ein modernem Verständnis
entsprechendes Kapitalmarktrecht gelegt wurde, waren
manipulative Kampagnen, gezielte Indiskretionen, Irreführung,
Missbrauch von Insiderwissen usw. an der Tagesordnung.
Trotzdem war der öffentliche Charakter der Börse
gegeben, wenn er auch ganz anders geartet war als heute:
eine Kampagne ohne Einbezug der Öffentlichkeit
war für die Promotoren auch in der Frühzeit
des Kapitalismus ganz einfach nicht möglich. Ein
Teil des öffentlichen Charakters kommt jedoch
auch dadurch zustande, dass die kotierten Unternehmen
daran interessiert waren und sind, sich in der Öffentlichkeit
im besten Lichte darzustellen, wozu sie beispielsweise
immer öfters zu Mitteln der „Investors Relations“ greifen.
Ferner gehört es zum normalen Geschäftsgebaren
von Finanzintermediären wie Banken und Brokern,
dass sie in der Öffentlichkeit ihre Meinung zu
Finanzmarktdaten und Unternehmen ausbreiten, um dadurch
Geschäfte zu akquirieren. Andere Beispiele könnten
angeführt werden. Infolge des öffentlichen
Charakters ist die Kommunikationsintensität an
den Börsen qualitativ und quantitativ ganz anders
geartet als an den Gütermärkten.
Das andere bedeutsame Unterscheidungsmerkmal liegt
in der Art und Weise, wie sich Angebot und Nachfrage
zueinander verhalten. Während in den Gütermärkten
je nach Theorie die Nachfrage dem Angebot folgt oder
umgekehrt, gibt es keine Linearität zwischen der
Ausweitung der Nachfrage und des Angebots bzw. deren
Kontraktion an der Börse. Ganz im Gegenteil: die
Tendenz zur Gleichgewichtssuche fehlt. Steigt die Nachfrage,
kann es zu einem Schrumpfen des Angebots kommen, weil
die Halter von Wertschriften als Folge der erkennbar
zunehmenden Nachfrage auf anziehende Kurse spekulieren
und nicht als Anbieter auftreten. Das Aktienangebot
steigt in aller Regel in signifikanter Weise durch
Kapitalerhöhungen und Neueinführungen an
der Börse erst in der Endphase eines Bull Markets.
Spiegelverkehrt erfolgt die Verknappung des Angebots
durch Rückkäufe eigener Aktien, „Going
Private“ etc., erst nach einer grösseren
Baisse. Dadurch entstehen positive Rückkoppelungen,
d.h. selbstreferentielle Prozesse, die zu Kursen führen,
die weder mit den Fundamentdaten der Unternehmen noch
mit gesamtwirtschaftlichen Daten erklärt werden
können. Dieser Sachverhalt ist schon lange vor
Behavioral Finance das Einstiegstor für alle heterodoxen
Markttheorien gewesen, insbesondere jene von John Maynard
Keynes und Friedrich von Hayek.
Was geschieht an der Börse?
An der Börse wird gehandelt. Vordergründig
sind es Wertpapiere, doch im Kern werden Erwartungen
gehandelt. Erwartungen sind im Grunde genommen nichts
anderes als mehr oder weniger begründete Phantasien über
die Zukunft. Folglich sind Erwartungen etwa so greifbar
wie eine Forelle im Bach mit blosser Hand. Die Börsianer
haben zwei Zugänge zur Phantasiewelt der Börsenzukunft
offengelegt. Einer führt über die Formulierung
materieller Erwartungen anhand von Rechenmodellen,
die vorwiegend aufgrund einer ganzen Reihe betriebs-
und volkswirtschaftlicher Daten aus der Vergangenheit
eine Vorstellung darüber entwickeln, wie Zinsen
und Unternehmensleistungen (meistens als Cash flow
oder Dividenden ausgedrückt) von ausgewählten
Volkswirtschaften bzw. Unternehmen sich in Zukunft
entfalten werden. Durch Abdiskontierung werden ein „fairer“ Wert
ermittelt und Prognosen künftiger Preise abgegeben.
Wie schon John Maynard Keynes in seinem Hauptwerk „The
General Theory of Employment, Interest and Money“ 1936
feststellte, haben Finanzmarktinformationen einen essentiell
dualen Charakter indem relevante Ereignisse auf zwei
Ebenen interpretiert werden: auf einer, die Erkenntnisse über
real zugrundeliegende Fakten vermitteln soll, womit
der obenerwähnte materielle Zugang zur Erwartungsbildung
gemeint ist. Die zweite Ebene betrifft den Einfluss,
den Informationen auf die Marktteilnehmer ausüben.
Hier ist die Psychologie angesprochen.
Was werden die anderen tun?
In allen Bereichen, in denen die Handlungen der anderen
bestimmend für den Erfolg der eigenen Dispositionen
sind, muss diese Frage wenigsten approximativ beantwortet
werden. Die Aufgabe von Behavioral Finance besteht
nicht darin, ein Psychogramm der Marktteilnehmer zu
erstellen und dann daran herum zu kritzeln. Das wäre
ein ebenso unerfüllbarer wie unnützlicher
Auftrag. Nützlich hingegen ist die Entwicklung
einer Erwartungsbildungs- und Informationsverarbeitungstheorie,
die einen statistisch relevanten Agenten entwerfen
lässt, der den überholten homo oeconomicus
der orthodoxen Finanztheorie ablöst. Es bietet
sich aufgrund der bisherigen Behavioral Finance-Erkenntnisse
der homo discens an. Dabei handelt es sich um das Bild
eines unter dem Regime von Ungewissheiten und unter
Zeitdruck subjektiv-rational Erwartungen bildenden
und pfadabhängig lernenden
Menschentypus.
Wie werden Erwartungen gebildet?
Am Anfang jeder Erwartungsbildung steht ein Reizereignis.
An der Börse entsteht dieser aus der öffentlichen
Kommunikation über Wirtschaft, Unternehmen, Recht,
Politik, Gesellschaft und – was oft vergessen
wird – durch Kursereignisse selbst. Kursschocks
sowie länger anhaltende Trends beeinflussen die
Wahrnehmung und stellen somit ein Reizereignis per
se dar. Schon John Maynard Keynes stellte die hohe
Abhängigkeit künftiger Erwartungen von vergangenen
Erfahrungen fest. Heute weiss man, dass die Börse
ein non-ergodisches System und nicht ein „Random
Walk“ ist, d.h. dass eine starke Korrelation
zwischen vergangenen Erfahrungen und künftigen
Erwartungen besteht. Das kann auch nicht weiter überraschen,
wenn man bedenkt, dass nach Wahrnehmung des Reizereignisses
im Gehirn der einzelnen Teilnehmer eine Anfangscodierung
stattfindet, mit deren Hilfe durch Abruf organisierten
Wissens aus dem Gedächtnis eine Kategorisierung
des Ereignisses erfolgt. In einem nächsten Zug
wird erneut auf das im Gedächtnis organisierte
Wissen Rückgriff genommen um Erwartungen zu bilden
und darauf basierend allfällige Verhaltensreaktionen
auszulösen. Dabei ist das Gedächtnis nach
dem vor allem auf Atkinson und Shiffrin zurückgehenden
Mehrspeichermodell auf vier Ebenen strukturiert, wovon
zwei für die Standardisierung von menschlichen
Informationsverarbeitungsprozessen relevant sind: das
semantische und das autobiografische Gedächtnis.
Ersteres speichert angelerntes Wissen und letzteres
persönliche Erfahrungen. Die Interaktion der beiden
ist bei Entscheidungen unter Zeitdruck und unter dem
Regime der Ungewissheit unkontrollierbar. Ferner ist
kaum kontrollierbar, in welcher Weise über die
Zeit das semantische vom autobiografischen Gedächtnis
beeinflusst wird. Jedenfalls muss davon ausgegangen
werden, dass keine statistisch relevante Population
an der Börse Handlungen aufgrund der einst mit
grossen Genuss aufgesogenen „reinen akademischen
Lehre“ trifft.
Sind Verhaltensreaktionen rational?
Im Sinne einer materiellen Rationalität in Erfüllung
des von Neumann/Morgenstern-Axioms: nein. Daher können
keine auch nur einigermassen stabile Korrelationen
zwischen Aktienkursen und ihrem intrinsischen Wert über
längere Zeitspannen nachgewiesen werden. In der
Tat weichen die Kurse meistens von den fundamental-ökonomisch
angemessenen Werten ab. Das lässt jedoch nicht
den Schluss zu, dass die Marktteilnehmer irrational
handeln. Vielmehr ist zu unterstellen, dass die Marktteilnehmer
eingehende Reizereignisse mit dem von ihnen gespeicherten
Wissen prüfen und so zu ihrem Verständnis
des Geschehens gelangen um im bestverstandenen Eigeninteresse
zu handeln. Sie bilden ihr eigenes Informationsinventar,
auf welches sie bei Reizereignissen zurückgreifen.
Als Reizereignis sind – wie schon erwähnt – sowohl
neue Meldungen zu verstehen als auch Kursentwicklungen,
die die verfolgte Anlagestrategie bestätigen (was
oft zu einer Überschätzung des eigenen Wissens
führt) oder solche, die sich widerlegen, was meistens
wegen der Abwehr der Reizereignisse, die der eigenen
Zukunftsvorstellung widersprechen, recht spät
zu einer Anpassung des Portfolios an die realen Kurstrends
führt. Jedenfalls haben beide – Erfolg und
Verdruss – einen Einfluss auf das autobiografische
Gedächtnis. Nebst der materiellen gibt es daher
noch eine andere Art der Rationalität: Keynes
nannte sie „Signalrationalität“, Friedrich
von Hayek, der sowohl persönlich als auch akademisch
ein Antagonist von Keynes war, jedoch in der Beurteilung
der Finanzmärkte mit Keynes weitgehend übereinstimmte,
brachte die „subjektive Rationalität“ vor,
und heute wird diese andere Art der Rationalität,
die vom Rationalitätsparadigma der orthodoxen
Finanztheorie abweicht, als prozedurale Rationalität
bezeichnet. Für sie hatte Hayek das Diktum kreiert,
sie erlaube, das Richtige zu tun, ohne zu wissen, warum
es das Richtige sei. Und Keynes stellte fest, im Zusammenhang
mit den Börsen sei Information ein problematischer
Begriff, da die Substanz des Nachrichtenflusses nicht
objektiv bestimmbar sei, weil sie von der interpersonalen
Dynamik zwischen den aus der Anonymität agierenden
und lediglich über Preissignale kommunizierenden
Marktteilnehmern abhänge. Diese Erkenntnis der
beiden grossen Ökonomen ist immerhin so lange
in Vergessenheit geblieben bis Behavioral Finance mit
dem Begriff der Kontrollillusion nachdoppelte: dass
wir mit Meldungen überflutet werden, bedeutet
nicht, dass wir so informiert sind, dass eine materielle
Kontrolle über unsere Aktienanlagen ausgeübt
werden kann. Wer den Zeitpunkt des Rückflusses
von Aktienanlagen in Geld bestimmen will, hat keinen
Einfluss auf die Geldmenge, und wer letztere bestimmen
will, kann den Zeitpunkt nicht frei wählen. Möglich
ist bloss eine prozedurale Kontrolle: die Führung
eines Portfolios in steter Anpassung an die grössten
Geldströme. Dies, weil wir stets nur über
ein Teilwissen verfügen, sozusagen über viele,
aber nicht über alle Mosaiksteine, die für
ein vollständiges Bild erforderlich wären.
Somit ist der rote Faden durch die Börse der:
Heterogene Erwartungen werden durch die spontane Ordnung,
die sich der Markt in Phasen positiver Rückkoppelungen
durch starke Autokorrelationen gibt, homogenisiert.
Das heisst dann despektierlich „Herdenverhalten“.
Der Begriff ist falsch. Richtig ist, dass die Börse
keine Aggregation von autonomen Individuen und kein
Kollektiv von übereinstimmend handelnden Akteuren
ist, sondern ein sozialer Prozess der die Interdependenz
von authentischen Individuen mit ihrer gemeinsamen
Institution Börse wiederspiegelt. Wer keine angemessene
Balance zwischen Authentizität und Anpassungsnotwendigkeit
findet, geht unter.
Was ist zu tun?
Um die Erkenntnisse von Behavioral Finance in die Praxis
umzusetzen, ist mindestens ein vierstufiges Analyseverfahren
auszuführen. Dieses beginnt mit einer Analyse
der Geldströme anhand eines sorgfältig ausgewählten
globalen Analysehorizonts von Indizes und Aktien mit
dem Zweck, zusammenhängende Erwartungsmuster aus
den Handlungen der Marktteilnehmer zu erkennen. Die
Geldströme werden anhand der relativen Stärke
einzelner Objekte im Vergleich zu einem kollektiv von
Objekt gemessen. Dabei soll nicht die statische relative
Stärke über eine bestimmte Periode ermittelt
werden, sondern die Veränderungsrate der relativen
Stärke. In einer zweiten Stufe erfolgt die Preisanalyse.
Dabei werden Elemente der fundamentalen Analyse ebenso
berücksichtigt wie solche der technischen Analyse.
Im Lichte der Erkenntnis, dass eine starke Abhängigkeit
zwischen Erfahrung und Erwartungsbildung besteht, ist
es sträflich nachlässig, wenn eine systematische
Analyse der Kurshistorie unterlassen wird. Das dritte
Interessensgebiet gilt dem Kursmomentum. Phantasien,
die sich nur langsam ausbreiten können sind auf
andere Marktteilnehmer nicht ansteckend, während
eine konstante Veränderungsrate der Kurse die
mit der Kursbewegung übereinstimmende Vision in
die Köpfe anderer Marktteilnehmer befördert.
Ausserdem sind abrupte Kursschübe meist auf spezifische
Nachrichtenschocks (positive oder negative) zurückzuführen,
die nur manchmal nachhaltige Wirkung entfalten. Wann
mit einer solchen gerechnet werden kann, bzw. wann
nicht, lässt sich aus der Vernetzung vom Momentum
mit den Relative-Stärke- und Kursdaten recht gut
ausarbeiten.
Schliesslich sind Mengendaten wichtige Informanten.
Wie Robert J. Shiller im Kapitel „Herd Behavior
and Epidemics“ im Buch „Irrational Exuberance“ schreibt,
haben Experimente gezeigt, dass die Menschen eher bereit
sind, der Ansicht der Mehrheit zu folgen als den Tatsachen
zu glauben, die sie selbst ermittelten. Folglich ist
es nicht überraschend, dass neuere Studien einen
Bezug zwischen Börsenumsätzen und künftigen
Kursentwicklungen herstellen konnten. Zur Volumenanalyse
gehören nebst den getätigten Umsätzen
selbstverständlich auch Daten, die Einfluss auf
die Menge der zum Handel verfügbaren Wertschriften
ausüben, wie vor allem Aktienrückkäufe
durch Unternehmen, Kapitalerhöhungen und Börseneinführungen.
Ferner sind Statistiken über Leerverkäufe
und kreditfinanzierte Aktienkäufe, soweit erhältlich,
aufschlussreich.
Was soll das Zielder Analysen sein?
Das Ziel besteht nicht darin, vorherzusagen, welche
Preise zu welchem Zeitpunkt bezahlt werden. Kursziele
zu nennen greift weit über die Möglichkeiten
von Börsenanalysen hinaus. Das Ziel muss bescheidener
bleiben: es besteht darin, erfolgreich an den Börsen
zu navigieren. Eine erfolgreiche Navigation ist erreicht,
wenn auf Jahresfrist eine gegebene Messlatte, z.B.
ein Renditeziel oder ein Index, überboten wird.
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