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Dr. Reinhard K. Sprenger
ZfU-Faculty: Sozial-Kompetenz: Führung & Kommunikation Fachbereich Leadership & Führung Lehrauftrag für Führung & Motivation, Führungsphilosophie
Selbständiger Berater für Personalentwicklung und Managementtraining in Essen. Er berät viele internationale Unternehmen und nahezu alle DAX-100-Unternehmen. Er ist zudem bekannt als Autor der Bestseller. |
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Traue keinem unter 35! |
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Gefragt sind Eigenschaften, die man der Jugend
zuspricht: mobil, flexibel, belastbar. Deutlich abzulesen
an der
Besetzung von Topmanagement-Positionen: immer jüngere
Kandidaten, Mitte bis Ende 30. „Die quietschen
ja noch“ flüsterte mir ein mittelalter Sachbearbeiter
bei der Vorstellung zweier neuer Vorstände zu.
Das Neue, das Innovative, das Vorwärtsbringende – man
kann es sich offenbar nur faltenlos vorstellen. Gefragt
sind Eigenschaften, die man der Jugend zuspricht: mobil,
flexibel, belastbar. Hier dominiert die Unschuldsvermutung;
ganz übermannt ist man von der Phantasie des Möglichen
und offener Zukünfte. Deutlich abzulesen an der
Besetzung von Topmanagement-Positionen: immer jüngere
Kandidaten, Mitte bis Ende 30. „Die quietschen
ja noch“ flüsterte mir ein mittelalter Sachbearbeiter
bei der Vorstellung zweier neuer Vorstände zu.
Richtungsgleich die Diagnose auch am anderen Ende der
Altersskala: In vielen Unternehmen findet man kaum
noch 60-Jährige, ja kaum noch 55-Jährige.
Glaubt man der Publizistik, dann scheint diese Entwicklung
gestoppt. Eine Gegenbewegung, ja eine Renaissance des
Alters habe eingesetzt. Das verdanke man ...
... dem Niedergang der New Economy. Jugend gilt als
Pleite-Grund. Alter und Reife hätten gewusst,
dass Marktanteil nicht Profit ist. Mit jugendlichem
Ungestüm lasse sich jedenfalls kein Unternehmen
lenken.
... der Bevölkerungsentwicklung. Berücksichtigt
man alle Geburten-, Sterbe- und Migrationsraten, so
werden wir in Deutschland in den nächsten Jahren
jährlich netto etwa 200.000 Menschen vom Arbeitsmarkt
verlieren. Das Wachstum etlicher Unternehmen wird – sektoral
unterschiedlich – vor allem durch Engpässe
auf den Personalmärkten begrenzt. Lassen wir uns
den Blick nicht von aktuellen Entwicklungen trüben:
Schon bald wird die Demographie Menschen zu Mangelwesen
machen.
... der Diversity-Diskussion. Dieses noch vorrangig
in den USA virulente Thema sieht in möglichst
grosser Mischung der Mitarbeiterschaft einen Wettbewerbsvorteil.
Je heterogener sie sei, desto besser sei die Perspektive
des Kunden repräsentiert. Die Managementforschung
sekundiert: eine Kombination aus Jung und Alt gilt
als komplexer und mithin als erfolgreicher.
... den harten Zeiten: In jenen fernen Tagen, wo man
Produkte noch verteilen konnte (und nicht verkaufen
musste), wo man den Sieg des Kapitalismus noch als
ungebremst aufsteigende Linie nachzeichnete, damals,
ja, da war man schon mal offen für kalkuliertes
Risiko, für das eine oder andere Experiment. Man
konnte es sich ja leisten. In Krisenzeiten verlässt
man sich auf Bewährtes. Wie das Sprichwort sagt:
Neue Besen kehren gut – aber die alten kennen
die Ecken.
Das ist die veröffentlichte Meinung. Das ist keineswegs
die Öffentliche. Die Realität in den Unternehmen
sieht anders aus. In der Praxis ist vom Paradigmenwechsel
zugunsten der Beschäftigung Älterer nicht
viel zu merken. Im Gegenteil: Leute mit Erfahrung werden
oft wie Vorbestrafte behandelt. Die Diskriminierung
beginnt dabei schon in Stellenanzeigen: „Wir
sind ein junges, dynamisches Team...“ Mit 45
ist man in manchen Unternehmen nicht einmal mehr lateral
zu bewegen. Und wenn gerade wieder eine Entlassungswelle
durch das Land schwappt, sind es vorrangig die Älteren,
die zuerst gehen müssen. Nach der jüngst
veröffentlichen Bertelsmann-Studie arbeiten in
Deutschland nur 36,8 Prozent aller arbeitsfähigen
55- bis 64-Jährigen. Zum Vergleich Norwegen: 67,4
Prozent, in der Schweiz sind es 73 Prozent.
Eine Scherenentwicklung: Die Gesellschaft wird immer älter;
die Belegschaft in den Unternehmen immer jünger.
Strukturellen Rahmenbedingungen unterstützen das.
Der Rausschmiss älterer Mitarbeiter wird durch
gewerkschaftsstaatliche Vorruhestandsregelungen subventioniert.
Bis 2009 sind sie jüngst fortgeschrieben worden.
Nichts geändert wurde auch am überzogen hohen
Kündigungsschutz für Ältere. Und warum
ein Pensionierungszwang obligatorisch auf 65 Jahre
festlegt werden muss, kann niemandem wirklich einleuchten.
Ist der Ruhestand im Sinne von „sich-ausruhen-können“ heute
wirklich noch – wie in Zeiten der Frühindustrialisierung – Lebensqualität?
Warum nicht jedem einzelnen überlassen, wann er
sich „auf’s Altenteil“ zurückzieht?
Nur dann würde die Personalpolitik der Unternehmen
von der einseitigen Jugendfokussierung befreit. Kein
Unternehmen könnte es sich mehr leisten, die Alten
links liegen zu lassen.
Vor allem die unheilige Wohlfahrtsgesinnung hat dazu
beigetragen, dass die Sicht dessen, was „alt“ ist
und was „Alte“ leisten können, völlig
verschoben wurde. Da können die Autoren des dritten
Altenberichts der Bundesregierung noch so oft feststellen,
es gäbe „keinen oder nur einen geringen
Zusammenhang zwischen Alter und Produktivität“,
wie Alzheimer haben sich die altbekannten Vorwürfe
in den Köpfen festgefressen:
- Älteren wird unterstellt, sie sperrten sich
gegen Veränderung, seien erstarrt in ihrer Alltagshypnose,
gesundheitlich labil, erfahrungshörig. Nach
wie vor dominiert ein negatives Altersstereotyp,
das Abbauprozesse
unterstellt.
Leistungsdifferenzen aber bestehen innerhalb
einer Altersgruppe in deutlich höherem Masse als zwischen
verschiedenen Altersgruppen. Natürlich gibt es
die, die von Zukunft sprechen und die Rente meinen.
Aber ist Erfahrung etwas Schlechtes? Hat sie nicht
auch ihre Berechtigung? Niemand fragt einen Staatsmann
nach seinem Alter, keiner interessiert sich für
das Alter eines grossen Dirigenten. Beim Erklimmen
der Gipfel des Himalaja nehmen Bergsteiger keinen unter
25 mit. Und was ist mit der langsam gewachsenen Expertenkompetenz
des Wissensarbeiters, der über Jahre Wissen angehäuft
hat?
- Zudem sei ihr Wissen oft veraltet. Einverstanden.
Aber ist nicht all unser Wissen veraltet,
heute mehr denn je? In manchen Branchen
veraltet Wissen so schnell,
dass es auch die Jüngsten im Quartalsabstand trifft.
Spielt da Alter überhaupt noch
eine Rolle?
- Ältere wollten ihr Leben nicht mehr vollständig
in den Dienst der Firma stellen. So ist es wohl. Aber
ist zu grosse Nähe nicht kontraproduktiv? „From
a distance“ sieht man besser. Der 70-jährige
ehemalige Chrysler-Manager Bob Lutz, nach den Gründen
für seinen neuerlichen Vertrag bei GM befragt,
begründete seinen Schritt mit genau seiner Unabhängigkeit.
- Die Denkgeschwindigkeit, die
fluide Intelligenz, so sagt die
Forschung, lasse
im Alter nach.
Abermals: Ist das ein Nachteil?
In gewissen Situationen sicherlich.
Aber ebenso gilt: Schnelle Menschen
denken
nicht. Sie urteilen bloss. Und
eines sind schnelle Menschen
mit
Sicherheit nicht: kreativ.
Dafür, dass man Seniorität nicht mit Senilität
verwechseln darf, gibt es Beispiele: Die Bausparkasse
Nationwide und die PC-Kette Computer World in England,
der Spezialchemiehersteller DSM in Holland, die Supermarktkette
Netto in Berlin und der Textilhersteller Brandenbusch
in Düsseldorf – sie alle beschäftigen
nur Menschen, die älter als 50 sind. Sie haben
verstanden, was Ältere – und nur sie! – leisten
können. Denn da gibt es Stärken,
die in besonderem Mass an
das Alter gebunden sind:
- 1. Ältere sind souveräner bei Komplexität.
Je unübersichtlicher die Sachverhalte, desto zielführender
ihre Fähigkeit zur Prioritisierung. Bei IBM überträgt
man vorrangig gestandenen Fachkräften das Managen
komplexer Projekte. „Weil diese eher den Überblick
behalten“,
so die Personalchefin
Julia Wiemerslage.
- 2. Ältere sind in geringerem Masse eigenbetroffen.
In belastenden Situationen ist ihre milde Resigniertheit
eine Stärke. Die Konkurrenzsituation bei Beförderungen
nehmen sie gelassener.
- 3. Sie haben
tendenziell
eine höhere Toleranz
gegenüber
Unterschieden.
Sie anerkennen
verschiedene
Arbeitsstile
und unterschiedliche
Wege zum Ziel.
- 4. Besonders
eindrucksvoll
ist vielfach
ihre Handlungsökonomie.
Sie erreichen ihre Ziel in der Regel mit weit geringerem
Aufwand, als das Jüngere tun. Ausserdem erleichtert
Lebenserfahrung die Prioritätensetzung.
- 5. Ihre
Selbsteinschätzung ist realistischer.
Gezeichnet von so manchen Enttäuschungen haben
sie sich meist von Grandiositätsphantasien verabschiedet,
glauben nicht mehr, privilegierten Zugang zur Wahrheit
zu haben. Sie wissen um ihre Fähigkeiten, was
sie können
und was nicht.
- 6. Auch
ihr Entscheidungsverhalten
ist realistischer.
Sie wissen – spüren es zumindest – dass
die Welt voller Paradoxien und Widersprüchlichkeiten
steckt. Und dass zu einer „richtigen“ Entscheidung
eine gehöriges Mass Glück gehört.
- 7. Sie
haben
mehr
Sinn
für das Machbare. Möglichkeiten
und Grenzen dessen, was in Organisationen umzusetzen
ist, sind ihnen vertraut. Sie schauen pragmatisch auf
das, was unter diesen Umständen möglich ist. „Visionen“ halten
sie in der Regel für
eine Geisteskrankheit.
- 8.
Geringere
Belastung
durch
Privates:
Die
Kinder
sind
meist
flügge, das Haus gebaut, der Baum gepflanzt.
Auch der Partner hat sich in milder Nachsicht eingerichtet.
Man hat einander abgeschliffen und den Streit um die
offene Zahnpastatube begraben. Das hält den Rücken
frei.
- 9. Ältere können häufig auf ein gut
funktionierendes Netzwerk zurückgreifen. Das erleichtert
vieles, macht schnell und hat unbürokratische
Vorteile.
- 10.Man
mag Teams
mögen oder nicht: Die Fähigkeit,
in Teams ebenso rücksichtsvoll wie entschieden
zu arbeiten, ist mit 45 signifikant häufiger
zu finden als
mit 30.
Der
Londoner Neurobiologe
John Skoyles
hat 1999
eine Arbeit über die Leistungsfähigkeit des menschlichen
Gehirns publiziert („Brain Size and Expertise“).
Das ausserordentliche Grössenwachstum des Gehirns,
das in der Entwicklungsgeschichte des Menschen um das
Dreifache zunahm, steht danach in direktem Zusammenhang
mit der Zunahme individuellen Wissens. Diese individuelle
Expertenwissen wird zwar in Organisationen gefördert,
ist aber an den Einzelnen gebunden und wird nur von
Individuen ausgeübt. Es besteht wesentlich aus
Erfahrungsdaten. Frappierend der Zusammenhang zwischen
Umfang dieses Wissens und Lebenszeit (und deshalb zitiere
ich das): „Je grösser das brauchbare Erfahrungswissen,
desto länger
das Leben.“
Gestützt auf neuere anthropologische Studien sowie
auf umfangreiches experimentelles Material kommt Skoyles
zu dem Schluss, dass diese „expertise capacity“ zu
deutlichen Lebensvorteilen führe. Sie reift in
fast allen Kulturen unserer Erde erst im Alter von
40 Jahren zu wahrer Meisterschaft heran. Im besonderen
Masse gelte das – hört! hört! – für
die sozialen Techniken der Steuerung grösserer
Gruppen. Die Leitung von Gemeinschaften ist über
Jahrtausende hinweg eine Aufgabe, die man nur älteren
Mitgliedern zutraut.
Setzen
wir bei
der Führung zu jung an? Die Selbstüberschätzung
junger Manager ist oft enorm. Wie junge Abenteurer,
die es „schon irgendwie schaffen“, aber
die Gefahren nicht mitbedenken. Jeder Praktiker weiss:
Eine Führungspersönlichkeit kann sich nur
da herausbilden, wo einer über lange Zeit Berufs-
und Lebenserfahrung gesammelt hat. Dafür braucht
man angehäuftes Leben. Es braucht Jahre, bis jemand
in der Lage ist, für ein betriebliches Umfeld
als Führungskraft wirklich wertvoll zu werden.
Natürlich, die schnelle Wirkung ist mit Schaulaufen
und hektischem Aktionismus schnell erzielt. Aber was
ist mit Nachhaltigkeit? Wie steht es um die Dauer?
Da sehen die Jungen oft ganz schön alt aus. Überdies – ich
höre schon die Einwände – ist die mentale
Selbstmumifizierung bei jüngeren mindestens so
ausgeprägt wie bei älteren Jahrgängen.
Viele Junggebliebene sind
einfach
nur Stehengebliebene.
Das
gilt vor
allem für männliche Führungskräfte.
Männer, so sagen Forscher, brauchen feste Regeln.
Männer orientieren sich an klaren Regelsystemen.
Was aber, wenn die Moderne diese Festigkeit verweigert?
Was, wenn statt einer „Leitkultur“ eine
chaotische Cafeteria von Glaubensätzen, Moralen
und Regeln aller Art im Angebot ist, die man wählen
oder abwählen kann? Männer
sind insofern Modernisierungsopfer.
Weil
ihnen Selbstmoralisierung
meist erst
im Alter
gelingt.
Für die Unternehmenskultur ist die Diskreditierung
von Alter ein kollektiver Gedächtnisverlust. Wie
viel oral und körperlich repräsentierter
Gedächtnisverlust kann sich ein Unternehmen erlauben,
ohne dass es Schaden nimmt? Können Unternehmen überleben,
die keine Geschichte generieren und denen die Leute
fehlen, die diese Geschichte immer wieder, immer wieder
anders und immer wieder neu erzählen?
Alle
menschlichen Lebensalter
haben ihre
Eigenschaften. Ob
es Stärken oder Schwächen sind, hängt
von der Situation, vom Einsatzort ab. Kein Lebensalter
besitzt ein in allen Situationen uneingeschränktes
Primat des Wissens und Entscheidens. Wir sollten deshalb
nicht abdankungslüstern auf „die Jugend“ blicken,
sie umschmeicheln und Wunder
von
ihnen erwarten.
Im
Gegenteil: Ein
Unternehmen, das
das Alter
nicht als
Alter ehrt,
hat immense
Nachteile. Das
für
komplexe Kooperationsbeziehungen notwendige Vertrauen
wird man in einer solchen Organisation nicht finden.
Zudem bin ich zunehmend skeptischer geworden, ob das
karriereorientierte „window dressing“ junger
MBA-Jop-Hopper grundsätzlich richtungsgleich ist
mit den Überlebensinteressen des Unternehmens.
Sehr häufig erlebe ich: Das Gegenteil ist der
Fall. Und vor dem Hintergrund der von den Finanzmärkten
oktroyierten Diktatur der kurzen Fristen: Wenn wir
eine vernünftige Langzeitperspektive wollen, wenn
wir emotionale Besonnenheit wollen, dann brauchen wir Ältere.
Und für die Personalpolitik heisst das: Wir brauchen
einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die Bewertung
des Leitungspotenzials der älteren
Mitarbeiter. Trau keinem
unter
35!
Aber
während ich dies schreibe, nagt an mir die
Frage: Hätte
ich das vor 20 Jahren auch
schon
so gesagt?
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Veranstaltungen
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Dr. Reinhard K. Sprenger: Führung - Reduced to the Max! |
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