Führungs- und Organisationsfragen
scheinen eine rein profane Angelegenheit zu sein, etwas
für „die Kinder dieser Welt“. Ist
es deshalb nicht erstaunlich, dass Sie zu Ihrem Intensivstudium
für Führungskräfte in Klein- und Mittelunternehmen
mich als Abt einer Klostergemeinschaft eingeladen haben,
damit ich Ihnen ein Referat halte zum Thema: „Regula
Benedicti als Leitlinie bei Führungs- und Organisationsfragen“?
Aber Sie stehen mit diesem Entschluss nicht allein.
Manchmal erhalte ich an einem einzigen Tag mehrere
Anfragen aus Wirtschafts- und Managementkreisen für
entsprechende Vorträge. Und für meine Seminare
im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung tragen
sich die Interessenten in Wartelisten ein. Irgendwie
stehen also die Orden, jedenfalls die Ordensgründer,
im Trend.
Der Gabler Verlag, ein Unternehmen der Bertelsmann
Fachinformation GmbH, in Wiesbaden scheint so etwas
wie eine Anlaufstelle für entsprechende Buchprojekte
zu sein. 1994 brachte er das Buch von Baldur Kirchner „Benedikt
für Manager. Die geistigen Grundlagen des Führens“ auf
den Markt. Bereits drei Nachdrucke waren inzwischen
nötig. 1997 folgte das Buch von Helmut Geiselhart „Das
Managementmodell der Jesuiten. Ein Erfolgskonzept für
das 21. Jahrhundert“, auch das bereits in einem
Nachdruck. Haben also „die Kinder dieser Welt“ gemerkt,
dass es etwas „von jenseits dieser Welt“ geben
muss, etwas „Spirituelles“ – was
immer man darunter auch vage versteht –, das
durchaus in diese Welt hineinwirken und ihr behilflich
sein könnte?
Benedikt von
Nursia und seine Regel
Ich soll Ihnen von einem dieser Ordensgründer
berichten, vom heiligen Benedikt und seiner Regel,
die auch nach 1500 Jahren noch immer die Grundlage
für die klösterlichen Gemeinschaften der
Benediktiner und Benediktinerinnen bildet. Benedikt
wurde um 480 im umbrischen Nursia (heute Norcia) geboren.
Nach kurzem Studienaufenthalt in Rom zog er sich mit
etwa 20 Jahren in die Einsamkeit Latiums zurück,
zuerst nach Enfide, dann nach Subiaco, wo er sich in
Gebet, Schweigen und Busse auf seine Sendung vorbereitete.
Als sich zahlreiche Schüler um ihn sammelten, übernahm
er auf ihre Bitte hin ihre geistliche Leitung und verteilte
sie auf 12 kleine Klöster. In schmerzlichen Erfahrungen – in
Vicovaro wollten ihn die Brüder wegen seiner Strenge
und Konsequenz gar vergiften – reifte sein endgültiges
monastisches Ideal. Um das Jahr 529 verwirklichte er
seinen Plan einer klösterlichen Gemeinschaft auf
dem Monte Cassino. Durch viele Wunder ausgezeichnet,
vollendete der Heilige sein Leben um das Jahr 547.
Die Brüder stützten den Sterbenden und sahen,
wie seine Seele in den Himmel stieg. Als Todestag gilt
der 21. März.
Dass Benedikt nicht wie andere zeitgenössische
italische Mönchsväter in der Anonymität
versunken ist, verdankt er zwei Umständen. Einerseits
hat Papst Gregor in seinem „Zweiten Buch der
Dialoge“1 das Leben des heiligen Benedikt beschrieben,
den Heiligen in die Tradition der biblischen Wundertäter
gestellt und damit den Beweis angetreten, dass der
Westen Geistesmänner hervorbringen konnte, die
denjenigen des Ostens ebenbürtig waren. Andererseits
aber muss es an der Qualität und römischen
Praktikabilität der Benediktusregel gelegen haben,
dass sie sich gegenüber andern Regeln durchgesetzt
hat und von Karl dem Grossen – durchaus mit politischem
Kalkül – für alle Klöster des
Reichs für verbindlich erklärt wurde. In
den frühen Klöstern schrieb und aktualisierte
jeder Abt für seine Gemeinschaft eine Regel (Mischregel-Zeitalter).
Natürlich gab es Vorbilder. So hat Benedikt u.a.
die sogenannte «Regula Magistri» benutzt.
Seine Regel zeichnet sich jedoch durch Ausgewogenheit
(Mass) und durch eine realistische Haltung aus. Sie
bezieht den einzelnen Mönch in die Verantwortung
ein und behält nicht zuletzt dadurch bis heute
ihre Aktualität.2
Zwar ist der zeitliche Abstand von der frühmittelalterlichen
Gemeinschaftsregel bis zur heutigen Gesellschaft gross,
und wer etwas von der Weisheit der Benediktusregel
erahnen möchte, muss genau hinsehen. Dann allerdings
wird er wertvolle Anregungen und Ermutigungen für
sein Leben finden, selbst wenn er zum Mönchtum
keinen Bezug hat. Die Regula Benedicti will nichts
anderes, als die Lebenslehre der Bibel in eine praktische
Gestalt übersetzen. Dabei geht es um so zentrale
Themen wie: Gebet und Meditation, aber auch menschliches
Miteinander, Arbeit, persönliche Reifung und Heilwerden
in der Gemeinschaft. Die Regula Benedicti ist in guten
Buchausgaben und Kommentaren zugänglich und
auch im Internet zu finden.3
Unterscheidendes
und Verbindendes
Was hat ein Kloster mit einem Klein- oder Mittelunternehmen
gemein? Auf den ersten Blick gesehen sehr wenig! Benedikt
setzte die Bewegung des frühchristlichen Mönchtums
fort, in dem es um nichts anderes ging, als dass der
Mensch „Gott suche“. Gott suchen aber kann
nur der Einzelne, auf ganz persönliche Weise.
So steht denn auch am Anfang des Mönchtums das
Eremitentum.4 Kronzeugen dafür sind
die ägyptischen Einsiedler in der sketischen und
nitrischen Wüste. Ihre geistliche Lehre – nach
wie vor aktuelle Ratschläge für die Persönlichkeitsbildung5 – gaben
sie denen weiter, die sie aufsuchten. Den entscheidenden
Schritt über das Eremitentum hinaus machte Pachomius
(um 287 – 347), der in Tabennisi einen eingefriedeten
Klosterverband (Koinobium) gründete, damit
der Mönch auch Gelegenheit zur Erprobung des Gehorsams
und zur Ausübung der Nächstenliebe erhalte.
Benedikt konnte nicht hinter diese Entwicklung zurück,
obwohl auch er das Eremitentum für die höchste
Stufe der Gottsuche hielt, die einer aber erst beginnen
dürfe, nachdem er zuvor das Leben in der Gemeinschaft
bestanden habe (RB 1).
Mit dem Klosterverband näher wir uns vermutlich
den möglichen Parallelen zu einem Unternehmen.
Doch nach wie vor besteht ein wesentlicher Unterschied:
Das Kloster hat als primäre Zielsetzung nicht
eine Produktionsgemeinschaft, sondern will der Ort
sein, wo der einzelne Mönch in optimaler Weise „Gott
suchen“ kann. Das Kloster gleicht eher einer
Akademie oder einem Campus. Eine „Schule für
den Dienst des Herrn“ (dominici schola servitii)
wollte Benedikt errichten (RB Prol.45), in der Christus
selbst der Magister ist, dem der Mönch im Gebet
und Studium der Heiligen Schrift nachfolgt. Damit aber
ergibt sich vielleicht ein Vergleichspunkt zwischen
einem Unternehmen und einem Klosters: die Mitarbeiterwerbung.
Ein Blick in das entsprechende Regelkapitel über „Die
Ordnung bei der Aufnahme von Brüdern“ (RB
58) macht uns jedoch stutzig. Da wird nicht mit Versprechungen
bei der Anwerbung gebuhlt, sondern da werden den Interessenten
offensichtlich alle möglichen Hindernisse in den
Weg gelegt:
Kommt einer neu und will das klösterliche Leben
beginnen, werde ihm der Eintritt nicht leicht gewährt, sondern
man richte sich nach dem Wort des Apostels: „Prüft
die Geister, ob sie aus Gott sind.“ Wenn
er also kommt und beharrlich klopft und es nach vier
oder fünf Tagen klar ist, daß er die ihm
zugefügte harte Behandlung sowie die Schwierigkeiten
beim Eintritt geduldig erträgt, aber trotzdem
auf seiner Bitte besteht, gestatte man ihm den Eintritt, und
er halte sich einige Tage in der Unterkunft für
Gäste auf. Danach wohne er im Raum für die
Novizen, wo sie lernen, essen und schlafen. (RB
58, 1–5)
Die unerwartete Härte im Aufnahmeverfahren ergibt
sich daraus, dass im Kloster nicht ein zeitweiliger
Job vergeben wird, sondern der Prozess auf eine definitive
und lebenslänglich Entscheidung, auf eine dauernde
Bindung hin eingeleitet wird. Im Kloster gibt es kein
zeitweiliges Anstellungsverhältnis, das Kloster
ist eine verbindliche Lebensgemeinschaft. Mit diesem
Gedanken tut sich unsere Zeit zunehmend schwer, wo
doch sogar die stärkste zwischenmenschliche Bindung,
die Ehe, weitgehend von der Lebensabschnittspartnerschaft
abgelöst wurde. Ob wir damit aber nicht wesentliche
Werte aufgeben, ist die Gegenfrage. Groteskerweise
beginnen Unternehmen von ihren Mitarbeitern ein totales
Zur-Verfügung-Stehen einzufordern, sie hätten
dem Unternehmen 7 x 24 Stunden zu gehören. Einen
solchen Absolutheitsanspruch darf nur Gott erheben.
Der aber zwingt niemanden, sondern lässt dem Menschen
die freie Entscheidung. Der Prolog der Benediktusregel
geht von der Einladung Gottes aus, allerdings einer
drängenden, liebenden Einladung, die das Heil-Werden
und die „Weite des Herzens“ verspricht:
Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht
und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns
die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft: „Heute,
wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure
Herzen nicht!“ Und wiederum: „Wer
Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist
den Gemeinden sagt!“ Und was sagt er? „Kommt,
ihr Söhne, hört auf mich! Die Furcht des
Herrn will ich euch lehren. Lauft, solange ihr
das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes
euch nicht überwältigen.“ Und
der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft,
einen Arbeiter für sich und sagt wieder: „Wer
ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu
sehen wünscht?“ Wenn du das hörst
und antwortest: „Ich“, dann sagt Gott zu
dir: „Willst du wahres und unvergängliches
Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine
Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu
das Gute; suche Frieden und jage ihm nach! Wenn
ihr das tut, blicken meine Augen auf euch, und meine
Ohren hören auf eure Gebete; und noch bevor ihr
zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da.“ Liebe
Brüder, was kann beglückender für uns
sein als dieses Wort des Herrn, der uns einlädt? Seht,
in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des
Lebens. (RB Prol 9–20)
Im Horizont dieses Geschehens – der Gerufene
antwortet – versteht sich die prüfende Härte
im Aufnahmeverfahren. Männer und Frauen, die ins
Kloster eintreten, unterschreiben nicht einen Arbeitsvertrag,
sondern begeben sich auf einen geistlichen Weg.
Ein erfahrener Bruder werde für sie bestimmt,
der geeignet ist, Menschen zu gewinnen, und der sich
mit aller Sorgfalt ihrer annimmt. Man achte genau darauf,
ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat
für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen
und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen. Offen
rede man mit ihm über alles Harte und Schwere
auf dem Weg zu Gott. Wenn er verspricht, beharrlich
bei seiner Beständigkeit zu bleiben, lese man
ihm nach Ablauf von zwei Monaten diese Regel von Anfang
bis Ende vor und sage ihm: Siehe das Gesetz, unter
dem du dienen willst; wenn du es beobachten kannst,
tritt ein, wenn du es aber nicht kannst, geh in Freiheit
fort. (RB 58, 6–10)
Die drei eben genannten Kriterien, die erweisen sollen,
ob einer wirklich Gott sucht, bringt der Münsterschwarzacher
Benediktiner Anselm Grün mit den drei Grundbedingungen
des gesunden Menschen in Verbindung: den Eifer für
den Gottesdienst mit der Emotionsfähigkeit (denn
das gemeinschaftliche Chorgebet und die Meditation
vollziehen sich primär auf der emotionalen, nicht
auf der intellektuellen Ebene) – die Bereitschaft,
zu gehorchen und sich auf eine Gemeinschaft einzulassen,
mit der Beziehungsfähigkeit – die Bereitschaft,
sich in der Arbeit fordern zu lassen, mit der Leistungsfähigkeit.6
Diese drei Grundbedingungen des gesunden Menschen wären
allerdings, so meine ich, auch Ausgangspunkt und Ziel
jeder verantwortungsbewussten Unternehmenskultur und
Führungsaufgabe. Der Mitarbeiter ist ein Mensch,
der unsern Respekt verdient, und nicht Bestandteil
eines auf Gewinnmaximierung zu trimmenden Arbeitspotentials.
Der Kernpunkt der benediktinischen Spiritualität
ist die Haltung, in jedem Menschen Christus zu sehen – im
Fremden, im Gast, im Mitbruder, im Kranken, im Abt.
Fassen wir eine weitere mögliche Parallele ins
Auge: Jedes Kloster muss seinen Lebensunterhalt verdienen
und wird so zwangsläufig zum Klein- oder Mittelunternehmen,
gewissermassen also doch zum Produktionsbetrieb. Was
sagt die Regula Benedicti dazu? Im kulturellen Kontext
seiner Zeit schwebte dem heiligen Benedikt eine weitestgehende
wirtschaftliche Autonomie vor:
Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden,
dass sich alles Notwendige, nämlich Wasser, Mühle
und Garten, innerhalb des Klosters befindet und die
verschiedenen Arten des Handwerks dort ausgeübt
werden können. So brauchen die Mönche
nicht draußen herumlaufen, denn das ist für
sie überhaupt nicht gut. (RB 66, 6–7)
Die Handwerker im Kloster sollen „in aller Demut
ihre Tätigkeit ausüben“. Wenn einer überheblich
wird, „weil er sich auf sein berufliches Können
etwas einbildet und meint, er bringe dem Kloster etwas
ein“, so werde ihm die Arbeit genommen (RB 57,
1–3). Auch Arbeit erfordert immer eine spirituelle
Grundhaltung. Die Mitbrüder sollen zu den Werkzeugen
und Geräten grösste Sorge tragen (RB 32).
Und was dem Cellerar an Achtsamkeit nahegelegt wird,
gilt für jeden Mitbruder: „Alle Geräte
und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als
heiliges Altargerät“ (RB 31, 10). Was der
Mönchsvater jedoch den klösterlichen Betrieben
als Verkaufsstrategie und Preispolitik empfiehlt, würde
den heutigen Klöstern in ihrer wirtschaftlichen
Verflechtung unweigerlich den Vorwurf des unlauteren
Wettbewerbs und entsprechende Repressalien ins Haus
regnen:
Bei der Festlegung der Preise darf sich das Übel
der Habgier nicht einschleichen. Man verkaufe
sogar immer etwas billiger, als es sonst außerhalb
des Klosters möglich ist, damit in allem
Gott verherrlicht werde. (RB 57, 7–9)
Sie sehen, die Regel des heiligen Benedikt lässt
sich weder auf Klein- und Mittelunternehmen noch auf
moderne Klöster tale quale übertragen. Als
benediktinische Herausforderung aber bleibt für
uns alle: Die Arbeit ist für den Menschen da,
nicht der Mensch für die Arbeit. Diese Akzentsetzung
gilt auch im bekannten „Bete und arbeite“ (ora
et labora), mit dem man gerne die Benediktiner charakterisiert.
Arbeit in einem menschenwürdigen Sinne ist Teilhabe
an der Schöpfung Gottes. Mit ihrer Arbeit haben
die Benediktiner das frühe Abendland mitgestaltet,
in Anerkennung ihrer Leistungen erhob Papst Paul VI.
den heiligen Benedikt 1964 in Monte Cassino zum Patron
Europas.
Organisation und Führung
Wo immer Menschen sich zum Erreichen eines gemeinsamen
Zieles zusammentun, braucht es Regelungen, Organisation
und Führung. Bezeichnenderweise geht es der
Benediktsregel nie um blosse Funktionalität,
alle organisatorischen Weisungen betonen den Vorrang
der geistlichen Dimension der Arbeit und die Respektierung
der individuellen Person. Wenn ein Mönch einen
Wochendienst antritt oder beendet, bittet er in der
Gemeinschaft um den Segen (RB 35, 15–16 von
den Tischdienern, RB 38,2 vom Tischleser). Werkzeug,
Kleidung und alle andern Dinge behandle der Mönch
mit grösster Sorgfalt (RB 32). Alles gehört
dem Kloster, das Laster des Eigenbesitzes „muss
mit der Wurzel aus dem Kloster ausgerottet werden“, „alles
sei allen gemeinsam, wie es in der Schrift heisst“ (RB
33). Doch werde jedem soviel zugeteilt, wie er nötig
hat: „Wer weniger braucht, danke Gott und sei
nicht traurig. Wer mehr braucht, werde demütig
wegen seiner Schwäche und sei nicht überheblich
wegen der ihm erwiesenen Barmherzigkeit. So werden
alle Glieder der Gemeinschaft im Frieden sein.“ (RB
34). Sogenannte Strafkapitel mit Bussen bei disziplinarischen
Verfehlungen finden sich auch bei Benedikt, allerdings
im Vergleich zu andern frühen Mönchsregeln
gemässigt und immer mit einer spirituellen Intention
(RB 43–46). Vom klugen Masshalten (discretio)
und gleichzeitigen Vertrauen auf Gottes Hilfe zeugt
das Kapitel von der „Überforderung durch
einen Auftrag“:
Wenn einem Bruder etwas aufgetragen wird, das ihm zu
schwer oder unmöglich ist, nehme er zunächst
den erteilten Befehl an, in aller Gelassenheit und
im Gehorsam. Wenn er aber sieht, dass die Schwere
der Last das Maß seiner Kräfte völlig übersteigt,
lege er dem Oberen dar, warum er den Auftrag nicht
ausführen kann, und zwar geduldig und angemessen,
ohne Stolz, ohne Widerstand, ohne Widerrede. Wenn
er seine Bedenken geäußert hat, der Obere
aber bei seiner Ansicht bleibt und auf seinem Befehl
besteht, sei der Bruder überzeugt, dass es so
für ihn gut ist; und im Vertrauen auf Gottes
Hilfe gehorche er aus Liebe. (RB 68, 1–5)
Die Kapitel „Der gegenseitige Gehorsam“ (RB
71) und „Der gute Eifer der Mönche“ (RB
72) bilden gleichsam die Magna Charta der „Unternehmenskultur“ des
Mönchsvaters Benedikt:
Wie es einen bitteren und bösen Eifer gibt, der
von Gott trennt und zur Hölle führt, so
gibt es den guten Eifer, der von den Sünden trennt,
zu Gott und zum ewigen Leben führt. Diesen Eifer
sollen also die Mönche mit glühender Liebe
in die Tat umsetzen, das bedeutet: Sie sollen
einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen; ihre
körperlichen und charakterlichen Schwächen
sollen sie mit unerschöpflicher Geduld ertragen; im
gegenseitigen Gehorsam sollen sie miteinander wetteifern; keiner
achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des
anderen; die Bruderliebe sollen sie einander selbstlos
erweisen; in Liebe sollen sie Gott fürchten; ihrem
Abt seien sie in aufrichtiger und demütiger Liebe
zugetan. Christus sollen sie überhaupt nichts
vorziehen. Er führe uns gemeinsam zum ewigen
Leben. (RB 72, 1–12)
An Führungsaufgaben nennt die Regel in einer
ersten Ämterreihe die „Funktionen“ von
Abt, Dekane und Cellerar (Ökonom) (RB 2, 21, 31),
in einer zweiten Ämterreihe Abt, Prior und Pförtner
(RB 64–66). Die Führung der Klostergemeinschaft
obliegt grundsätzlich dem Abt als dem Vorsteher
des einzelnen Klosters.7 Der Abt wird demokratisch
von den Brüdern mit Kapitelsrechten gewählt
und dann im Glauben als „Stellvertreter Christi“ angenommen.8
Die zentrale
Führungsaufgabe des Abtes:
Die erste und zentralste Aufgabe des Abtes ist die
Leitung der Seelen seiner Brüder. Die Regel gebraucht
zur Veranschaulichung das biblische Bild vom Hirten
und der Herde:
Der Abt muss wissen, welch schwierige und mühevolle
Aufgabe er auf sich nimmt: Seelen zu führen und
der Eigenart vieler zu dienen. Muss er doch dem einen
mit gewinnenden, dem anderen mit tadelnden, dem dritten
mit überzeugenden Worten begegnen. Nach der
Eigenart und Fassungskraft jedes einzelnen soll er
sich auf alle einstellen und auf sie eingehen. So wird
er an der ihm anvertrauten Herde keinen Schaden erleiden,
vielmehr kann er sich am Wachsen einer guten Herde
freuen. Vor allem darf er über das Heil der ihm
anvertrauten Seelen nicht hinwegsehen oder es geringschätzen
und sich größere Sorge machen um vergängliche,
irdische und hinfällige Dinge. Stets denke
er daran: Er hat die Aufgabe übernommen, Seelen
zu führen, für die er einmal Rechenschaft
ablegen muss. (RB 2, 31–34)
In der zitierten Textpassage9 kommt dreimal das Wort „Seele“ vor,
der Abt habe die Aufgabe übernommen „Seelen
zu leiten“. Vermutlich empfinden Sie diesen Ausdruck
als antiquiert, fromm und für Ihren Alltag und
Ihre Führungsaufgaben sicher nicht brauchbar.
Den modernen Regelübersetzern geht es offenbar ähnlich,
wenn sie das lateinische „Anima“ (Seele)
nunmehr konsequent mit „Menschen“ übersetzen.
Doch gehen wir der Sache auf den Grund, es lohnt sich.
Was der Mensch empfindet und fühlt und was ihn
zum Handeln antreibt, ist ein gegenwärtiges, inneres
Erleben, das nicht einfach in der Stofflichkeit seines
Körpers aufgeht. Dieses „Zusätzliche“,
den Körper Übersteigende nannten die griechischen
Philosophen Seele (Psyche) und schrieben ihr Unsterblichkeit
zu. Frühe Kulturen brauchten dafür Symbole
wie Seelenvogel, Schmetterling oder Atem. Die Weisheit
unserer Sprache schuf im Gegensatz zum Wort „Körper“ das
Wort „Leib“, das etymologisch mit „Leben“ zusammenhängt
und die Einheit von Körper und Seele bezeichnet.
Seit der Renaissance jedoch versucht die Wissenschaft,
dieses Unfassbare zu objektivieren und in den Griff
zu bekommen. Das Seelenleben wird auf Bewusstsein und
Geist verlagert und auf körperliche Funktionen
und neurophysiologische Prozesse zurückgeführt,
die in kleinste Einheiten aufgelöst, analysiert
und dann in ihren Wechselwirkungen wieder zusammengesetzt
werden. Unter dem Diktat dieser Sucht zu sezieren,
zu messen und zu beschreiben verstricken sich nicht
nur die Medizin und Psychologie10, sondern auch die
Geistes- und Sozialwissenschaften. Als ich in einem
Ausbildungslehrgang für Bergführer-Aspiranten
mit dem Block „Sozialkompetenz“ beauftragt
wurde, sollte ich schon im voraus einen Bogen mit Prüfungsfragen
liefern – als ob Sozialkompetenz quantifizierbar
wäre. Ich weigerte mich und verwies auf meinen
Gruppenleiter in der Skitourenleiter-Ausbildung, der
mir beim Schlussgespräch sagte: „Eigentlich
bist du technisch und konditionell eine Wurst – aber
ich würde dir meine 10jährige Tochter anvertrauen.“ Das
nenne ich Entscheiden und Übernehmen von Verantwortung „aus
der Seele“ heraus. Mögen wir uns heute auch
scheuen, von „Seelen führen“ zu sprechen,
die Sache selbst hat ihre Aktualität weit über
das Seelsorgegespräch hinaus. „Seelen zu
leiten“ heisst, der innersten, personalen Eigenart
der mir Anvertrauten gerecht zu werden. Und was sollte
denn die Führung von Menschen anderes? Vielleicht
müssen wir uns noch etwas gedulden, bis sich ein
neues geeignetes Wort für das mit „Seele“ Gemeinte
anbietet. Vom „Selbst“ oder „höheren
Selbst“ zu sprechen, kommt wohl auch nicht an
(„Seelsorge“ ist doch nicht „Selbstsorge“).
Der Volksmund bleibt dabei und sagt weiterhin „mit
Leib und Seele“, und die Werbung verkauft uns
Ferienreisen unter dem Slogan: „Lasse deine Seele
baumeln!“ „Seele“ meint das, was
den einzelnen Menschen im Innersten betrifft, seine
Erlebnisfähigkeit, das, was ihm den Glauben an
sich selbst gibt und seine unverwechselbare Würde
ausmacht. Und diesen von Gott geschenkten Personkern
in jedem seiner Mitbrüder zu respektieren und
zu fördern, legt Benedikt dem Abt mit grosser
Dringlichkeit nahe.11
Das Seelische in ihm selbst und in den ihm Anvertrauten
immer bewusst zu machen, bleibt für den Führenden
eine ständige Aufgabe und Verpflichtung. Nur so
kann er die Verantwortung in seinem Amt übernehmen.
Der Abt muss sich immer gegenwärtig halten, dass
er von Gott in sein Amt eingesetzt wurde, dass er im
Kloster die Stelle Christi vertritt – d.h. dass
er im Dienst der Einheit steht – und einst darüber
Rechenschaft abzulegen hat:
Der Abt, der würdig ist, einem Kloster vorzustehen,
muss immer bedenken, wie man ihn anredet, und er verwirkliche
durch sein Tun, was diese Anrede für einen Oberen
bedeutet. Der Glaube sagt ja: Er vertritt im Kloster
die Stelle Christi; wird er doch mit dessen Namen angeredet nach
dem Wort des Apostels: „Ihr habt den Geist empfangen,
der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir
rufen: Abba, Vater!“ Deshalb darf der Abt
nur lehren oder bestimmen und befehlen, was der Weisung
des Herrn entspricht. Sein Befehl und seine Lehre
sollen wie Sauerteig göttlicher Heilsgerechtigkeit
die Herzen seiner Jünger durchdringen. Der Abt
denke immer daran, dass in gleicher Weise über
seine Lehre und über den Gehorsam seiner Jünger
beim erschreckenden Gericht Gottes entschieden wird. So
wisse der Abt: Die Schuld trifft den Hirten, wenn der
Hausvater an seinen Schafen zu wenig Ertrag feststellen
kann. Andererseits gilt ebenso: Hat ein Hirt einer
unruhigen und ungehorsamen Herde all seine Aufmerksamkeit
geschenkt und ihrem verdorbenen Treiben jede nur mögliche
Sorge zugewandt, wird er im Gericht des Herrn
freigesprochen. Er darf mit dem Propheten zum Herrn
sagen: „Deine Gerechtigkeit habe ich nicht in
meinem Herzen verborgen, ich habe von deiner Treue
und Hilfe gesprochen, sie aber haben mich verhöhnt
und verachtet.“ Dann kommt über die Schafe,
die sich seiner Hirtensorge im Ungehorsam widersetzt
haben, als Strafe der allgewaltige Tod. (RB 2, 1–10)
Führen setzt eine Grundeinstellung voraus. In
der Benediktsregel ist es das Hören. Die Priorin
des Benediktinerinnenklosters in Köln, Johanna
Domek, charakterisiert diese Grundhaltung in präziser
Weise: „Das Wort ‹hören› ist
eines der Grundwörter jeder gelebten Spiritualität
und so natürlich auch der benediktinischen. Für
Benedikt beginnt alles damit. Es geht um ein gutes
Hören auf Gott und auf die Menschen. Denn unmöglich
kann ein Mensch zwei verschiedene Grundhaltungen gleichzeitig
einnehmen. Zu einem guten Hören gehört, still
und aufmerksam sein zu können, wach zu sein und
wahrzunehmen, was ist, zu Wort kommen und aussprechen
und gelten zu lassen, was lebt. Das kann man üben,
unentwegt schlicht üben. Ein nicht gutes Hören
geschieht immer dann, wenn darin etwas von Lauern oder
Belauschen liegt. Gutes Hören hat vielleicht ‹den
Geschmack der Frage›, aber niemals den Beigeschmack
des ‹Verhörs›.12
Die Instrumente der Führung
Auf der Basis dieser Grundhaltung des Hörens,
handhabt der Abt die einzelnen Instrumente der Führung.
Das wichtigste der Führungsinstrumente ist das
eigene Beispiel, der Abt soll das gemeinsame Ideal
(modern gesprochen die „corporate identity“)
glaubwürdig verkörpern:
Er mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben
als durch sein Reden sichtbar. Einsichtigen Jüngern
wird er die Gebote des Herrn mit Worten darlegen, hartherzigen
aber und einfältigeren wird er die Weisungen Gottes
durch sein Beispiel veranschaulichen. In seinem Handeln
zeige er, was er seine Jünger lehrt, dass man
nicht tun darf, was mit dem Gebot Gottes unvereinbar
ist. Sonst würde er anderen predigen und dabei
selbst verworfen werden. Gott könnte ihm eines
Tages sein Versagen vorwerfen: „Was zählst
du meine Gebote auf und nimmst meinen Bund in deinen
Mund? Dabei ist Zucht dir verhasst, meine Worte wirfst
du hinter dich.“ Auch gilt: „Du sahst
im Auge deines Bruders den Splitter, in deinem hast
du den Balken nicht bemerkt.“ (RB 2, 1–5)
Der Abt bevorzuge keinen, denn „in Christus
sind wir alle gleich“ (RB 2,20). Dennoch bedarf
er der Gabe der Unterscheidung (discretio) und des
aufmerksamen Gespürs für den rechten Augenblick
beim Tadeln, Ermutigen und Zurechtweisen:
Er lasse sich vom Gespür für den rechten
Augenblick leiten und verbinde Strenge mit gutem Zureden.
Er zeige den entschlossenen Ernst des Meisters und
die liebevolle Güte des Vaters. Härter
tadeln muss er solche, die keine Zucht kennen und keine
Ruhe geben; zum Fortschritt im Guten ermutige er alle,
die gehorsam, willig und geduldig sind; streng zurechtweisen
und bestrafen soll er jene, die nachlässig und
wider spenstig sind. Auf keinen Fall darf er darüber
hinwegsehen, wenn sich jemand verfehlt; vielmehr schneide
er die Sünden schon beim Entstehen mit der Wurzel
aus, so gut er kann. (RB 2, 24–26)
Immer sei der Abt sich bewusst, dass es um das Heil
der ihm Anvertrauten geht. Da dürfen auch die
Sorgen für das materielle Wohl der Gemeinschaft
nicht im Wege stehen:
Vor allem darf er über das Heil der ihm Anvertrauten
nicht hinwegsehen oder es geringschätzen und sich
größere Sorge machen um vergängliche,
irdische und hinfällige Dinge. Stets denke
er daran: Er hat die Aufgabe übernommen, Menschen
zu führen, für die er einmal Rechenschaft
ablegen muss. Wegen des vielleicht allzu geringen
Klostervermögens soll er sich nicht beunruhigen;
vielmehr bedenke er das Wort der Schrift: „Sucht
zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und
dies alles wird euch dazugegeben.“ (RB
2, 33–35)
Gleichsam in einem Nachtragskapitel, geschrieben unter
dem Einfluss der Spiritualität des heiligen Augustinus,
empfiehlt Benedikt dem Abt kluge Besonnenheit, Milde
und aufrichtige Liebe:
Immer gehe ihm Barmherzigkeit über strenges Gericht,
damit er selbst Gleiches erfahre. Er hasse die
Fehler, er liebe die Brüder. Muss er aber
zurechtweisen, handle er klug und gehe nicht zu weit;
sonst könnte das Gefäß zerbrechen,
wenn er den Rost allzu heftig auskratzen will. Stets
rechne er mit seiner eigenen Gebrechlichkeit. Er denke
daran, dass man das geknickte Rohr nicht zerbrechen
darf. Damit wollen wir nicht sagen, er dürfe
Fehler wuchern lassen, vielmehr schneide er sie klug
und liebevoll weg, wie es seiner Absicht nach jedem
weiterhilft; wir sprachen schon davon. Er suche,
mehr geliebt als gefürchtet zu werden. Er sei
nicht stürmisch und nicht ängstlich, nicht
maßlos und nicht engstirnig, nicht eifersüchtig
und allzu argwöhnisch, sonst kommt er nie zur
Ruhe. In seinen Befehlen sei er vorausschauend
und besonnen. Bei geistlichen wie bei weltlichen Aufträgen
unterscheide er genau und halte Maß. Er
denke an die maßvolle Unterscheidung des heiligen
Jakob, der sprach: „Wenn ich meine Herden unterwegs überanstrenge,
werden alle an einem Tag zugrunde gehen.“ Diese
und andere Zeugnisse maßvoller Unterscheidung,
der Mutter aller Tugenden, beherzige er. So halte er
in allem Maß, damit die Starken finden, wonach
sie verlangen, und die Schwachen nicht davonlaufen. (RB
64, 10–19)
Dekane und Prior:
Grundlegend für alle weiter Ämter und Dienste
ist für Benedikt das paulinische Bild vom Leib
mit seinen Gliedern (1 Kor 12, 12–29). Wie jeder „Chef“ hat
auch der Abt bei seinen Führungsaufgaben seine
Stellvertreter. Diesbezüglich gibt es in der Benediktusregel
eine Entwicklung. Zunächst ist von Dekanen die
Rede, einer Art Gruppenvorsteher (Dekanie = Zehnerschaft).
Das Führen in kleinen Gruppen trägt offenbar
dem Bedürfnis der Mönche nach persönlicher
Zuwendung Rechnung. Bei der Ernennung der Dekane sollen
nicht Prestigegründe, sondern einzig deren Erfahrung,
Bewährung und Weisheit sein:
Wenn die Gemeinschaft größer ist, sollen
aus ihrer Mitte Brüder von gutem Ruf und vorbildlicher
Lebensführung ausgewählt und zu Dekanen bestellt
werden. Sie tragen in allem Sorge für ihre
Dekanien nach den Geboten Gottes und den Weisungen
ihres Abtes. Als Dekane sollen nur solche ausgewählt
werden, mit denen der Abt seine Last unbesorgt teilen
kann. Nicht die Rangordnung sei bei der Wahl entscheidend,
sondern Bewährung im Leben und Weisheit in der
Lehre. Wenn einer der Dekane Tadel verdient, weil der
Stolz ihn aufbläht, werde er einmal, ein zweites
und ein drittes Mal zurechtgewiesen; wenn er sich nicht
bessern will, wird er abgesetzt, und ein anderer,
der geeignet ist, soll an seine Stelle treten. (RB
21, 1–6)
In den abschliessenden Kapiteln der Regel kommt Benedikt
nach den nochmaligen Gedanken über die „Einsetzung
des Abtes“ auf den Prior, den „Zweiten
im Kloster“ zu sprechen. Offenbar hat sich in
der Praxis in Ergänzung (und allmählich sogar
Ablösung) zu den Dekanen dieses Stellvertreteramt
aufgedrängt, auch wenn Benedikt sich nur ungern
dazu entschliesst. Die entsprechende Regelpassage weist
auffallend viele emotionale Begriffe auf, die nur einmal
im gesamten Regeltext vorkommen. Benedikt liegt offensichtlich
an der Regelung der Priorenfrage sehr viel:
Erfordern es aber die örtlichen Verhältnisse
oder äußert die Gemeinschaft begründet
und mit Demut die Bitte und hält es der Abt für
gut, wähle er mit dem Rat gottesfürchtiger
Brüder einen aus und setze ihn selber als seinen
Prior ein. Der Prior führe in Ehrfurcht aus,
was ihm sein Abt aufträgt; er tue nichts gegen
den Willen oder die Anordnung des Abtes. Denn je höher
er über andere gestellt ist, um so sorgfältiger
muss er die Weisungen der Regel beobachten. (RB 65,
14–17)
Benedikt weiss allerdings sehr wohl, dass durch die „Machtkonzentration“ im
Prior in den Klöstern ein gefährliches Konfliktpotential
gegeben ist. Denn manche bilden sich ein „zweite Äbte
zu sein“, und reissen die Herrschaft über
andere an sich, sie verursachen Ärger und Streit
verursachen und schüren Zwietracht in ihren Gemeinschaften
(RB 65, 1–2). Mit aller Strenge begegnet Benedikt
solchen verderblichen Entwicklungen:
Stellt sich heraus, dass der Prior voller Fehler ist
oder, vom Hochmut betört, sich stolz überhebt
oder nachweislich die Regel verachtet, werde er bis
zu viermal mit Worten zurechtgewiesen. Bessert
er sich nicht, treffe ihn die in der Regel vorgesehene
Strafe. Ändert er sich auch so nicht, werde
er seines Amtes als Prior enthoben, und ein anderer,
der geeignet ist, soll an seine Stelle treten. Ist
er auch danach in der Gemeinschaft nicht ruhig und
gehorsam, werde er sogar aus dem Kloster gestoßen. Doch
bedenke der Abt, dass er über alle seine Entscheidungen
vor Gott Rechenschaft ablegen muss, damit nicht die
Flamme des Neids oder der Eifersucht seine Seele verzehrt.
(RB 65, 18–22)
Der Brüderrat und die Älteren:
Unmittelbar an das erste Abtskapitel schliesst Benedikt
das Kapitel von der „Einberufung der Brüder
zum Rat“ an (RB 3). Inhaltlich und sprachlich
unterscheidet er sich darin deutlich von der Regula
Magistri, so dass wir also sein ganz persönliches
Engagement spüren. Mit dem Brüderrat wird
das hierarchische Element der äbtlichen Leitung „demokratisch“ ergänzt,
und nicht zuletzt das verleiht der Benediktusregel
ihre Aktualität bis in die heutige Zeit. Mit dem
Rat der Brüder wird die ganze Gemeinschaft in
die Verantwortung für das Kloster einbezogen.
Auch wenn dem Abt die Initiative zukommt und er die
Materie darlegt, so ist er doch auf das Gespräch
mit den Mitbrüdern verpflichtet. Dabei liegt das „Demokratische“ natürlich
fernab von jeglichem klassenkämpferischen oder
gewerkschaftlichen Gehabe, vielmehr ist auch da das
biblische Ideal der apostolischen Urgemeinde die spirituelle
Basis. Im Dialog suchen alle nach einer Antwort im
Geist des Evangeliums auf ihre konkrete Situation:
Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist,
soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und
selbst darlegen, worum es geht. Er soll den Rat
der Brüder anhören und dann mit sich selbst
zu Rate gehen. Was er für zuträglicher hält,
das tue er. Dass aber alle zur Beratung zu rufen
seien, haben wir deshalb gesagt, weil der Herr oft
einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist. Die
Brüder sollen jedoch in aller Demut und Unterordnung
ihren Rat geben. Sie sollen nicht anmaßend und
hartnäckig ihre eigenen Ansichten verteidigen. Vielmehr
liegt die Entscheidung im Ermessen des Abtes: Was er
für heilsamer hält, darin sollen ihm alle
gehorchen. (RB 3, 1–5)
Vom Brüderrat unterscheidet sich die Aufgabe
der Älteren (seniores), die in der Benediktsregel
in verschiedenen Zusammenhängen genannt werden:
Wenn weniger wichtige Angelegenheiten des Klosters
zu behandeln sind, soll er nur die Älteren um
Rat fragen, lesen wir doch in der Schrift: „Tu
alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts
zu bereuen.“ (RB 3, 12–13)
Das Wort „Ältere“ ist keine Altersangabe.
Gemeint sind erfahrene, bewährte und im monastischen
Leben gereifte Mönche. Sie können mit besonderen,
institutionellen Aufgaben betraut werden, wie der Novizenmeister
(RB 58,6) der Cellerar (RB 31, 1) oder der Pförtner
(RB 66, 1). Sie können aber auch punktuell in
schwierigen Situationen der Gemeinschaft eine vermittelnde
Rolle übernehmen. Den geistlichen Begleitern (spirituales
seniores) gegenüber soll sich ein Mönch bei
Belastungen öffnen. Der Ältere „versteht
es, eigene und fremde Wunden zu heilen, ohne sie aufzudecken
und bekannt zu machen“ (RB 46, 5–6). In
der Sorge für die Brüder, die sich verfehlt
haben, soll der Abt als Vermittler sogenannte „Senpekten“ schicken, „das
heisst ältere, weise Brüder. Diese sollen
den schwankenden Bruder im persönlichen Gespräch
trösten, damit er nicht in zu tiefe Traurigkeit
versinkt“ (RB 27, 2–3). Dabei geht es nicht
um Vertrösten oder Bagatellisieren, sondern um
die Klärung der Situation, im Aussprechen des
Tatbestandes, vor allem aber in der Rückgewinnung
des Bruders.13 Auch der Einbezug der Seniores dient
dem Abt also zu nichts anderem als zur Wahrung seiner
primären Aufgabe, „Seelen zu führen“.
Tradition bleibt nur lebendig,
wenn sie verwandelt wird
Kann die Regula Benedicti noch heute als Leitlinie bei Führungs- und Organisationsfragen
dienen? Haben sich die Zeiten und Verhältnisse in den vergangenen 1500
Jahren nicht grundlegend geändert? Lassen Sie mich, aus meiner persönlichen
Erfahrung einige Schwerpunkte setzen.
Unbestreitbar ist, dass Benediktiner und Benediktinerinnen
von heute Zeitgenossen sind und auf ihre Art den Durchschnitt
unserer Gesellschaft repräsentieren. Das macht
Aktualisierungen und Anpassungen der Ordensregel notwendig.
Eine Tradition bleibt nur lebendig, wenn sie sich wandelt.
Um dieses Paradox kommen wir nicht herum. Wegmarken
im Prozess der Wandlung und Erneuerung sind die von
Zeit zu Zeit festgehaltenen Satzungen. Für die
Schweizerische Benediktinerkongregation geschah das
zuletzt im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil
in den „Satzungen und spirituellen Richtlinien“ von
1970/1986.14 Im Einklang mit dem allgemeinen Ordensrecht
werden Verpflichtungen und Rechte der einzelnen Mönche,
der Ämter und der verschiedenen Gremien geregelt.
Dabei erfahren vor allem die sogenannten „demokratischen
Elemente“ eine Klärung und Festschreibuung.
Die schon von Benedikt getroffene Unterscheidung vom
allgemeinen Rat der Brüder (Kapitel, „Vollversammlung“)
und Seniorenrat (Consilium, „Bereichsleitersitzung“)
wird in Wahl, Einberufung und Kompetenzen klar umschrieben
und zueinander und zum Leitungsamt des Abtes in Beziehung
gesetzt. Allerdings bleiben den einzelnen Klöstern
noch Spielräume in der konkreten Ausgestaltung
dieser Gremien, die auch erweitert werden können,
z.B. durch eine Baukommission, eine liturgische Kommission
und Ähnliches. Wie sehr die Benediktinerklöster
im Kern autonom sind, so ist die Vernetzung doch ein
Merkmal unserer Zeit. Klöster haben sich seit
Beginn der Neuzeit zu Kongregationen zusammengeschlossen,
die deutschsprachigen Äbte treffen sich jährlich
zur Tagung der „Salburger Äbtekonferenz“,
alle fünf Jahre findet in Rom der globale „Äbtekongress“ statt.
Wenn der rechtliche Einfluss dieser Zusammenkünfte
auch gering ist, so dienen diese Treffen doch dem Austausch
und der „brüderlichen Stärkung“ der
mit der Klosterleitung Beauftragten.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, als ich
am 18. Dezember 2000 zum 65. Abt des Klosters Disentis
gewählt wurde.15 Ein Karrieredenken liegt mir
grundsätzlich fern. In der biblischen Tradition
sind diejenigen, die sich für ein Amt aufdrängen
möchten, stets die falschen. Wer in der Bibel
berufen wird – Propheten, Könige, Johannes
der Täufer, Maria, Jesus von Nazareth – schreckt
stets vor dem Anruf zurück und muss vom „Engel“ erst
ermutigt werden. Berufung umschreibt Friedrich Weinreb
am Beispiel der Taufe Jesu folgendermassen: Zuerst
ist eine Vorstellung da, weit weg und verschwommen,
sie kommt dann näher und erhält Konturen,
und dann ist sie unversehens da und man kann nicht
anders, als in sie eintreten.16 Vielleicht schon am
Tag darnach erschrickt man und fragt sich, ob das Ganze
nicht wieder rückgängig zu machen wäre.
Das Dilemma, in das ich geriet, hatte ein Freund schmunzelnd
auf den Punkt gebracht: Ja, man kann nicht gleichzeitig
Medizinmann und Häuptling sein. Von meinem Sprachstudium
und von der Theaterarbeit her war ich zur Rhetorik
gekommen, wurde aber schnell inne, dass rhetorische
Probleme nicht im Kehlkopf und nicht mit Musterbüchern
gelöst werden können. Wenn ein Mensch zu
andern spricht, klingt sein Innerstes an, seine Personmitte.
Also hat Rhetorik immer mit Persönlichkeitsstrukturen
und individuellen, oft unbewussten Lebenserfahrungen
zu tun. Aus der Rhetorik wurde für mich Kommunikationspsychologie.
Der Sachverhalt gilt natürlich auch für den
Umgang mit Führungs- und Organisationsfragen.
Diesbezüglich zu Klärungen zu helfen, ist
der Gegenstand meiner Seminare im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung.
Und nun eben das Dilemma: schliessen sich die Leitungsaufgabe
des „Häuptlings“ und die therapeutische
Arbeit des „Medizinmannes“ nicht aus? Tatsächlich
darf nie jemand zu einer therapeutischen Arbeit gezwungen
werden. Und doch macht ausgerechnet der heilige Benedikt
diesen Spagat, wenn er den Abt im Kapitel über „Die
Sorge für die Ausgestossenen“ mit einem
Arzt vergleicht:17
Mit größter Sorge muss der Abt sich um
die Brüder kümmern, die sich verfehlen, denn
nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Daher
muss der Abt in jeder Hinsicht wie ein weiser Arzt
vorgehen. (RB 27, 1–2a)
Im folgenden Kapitel über „Die Unverbesserlichen“ weitet
er die Arzt-Metapher aus und gibt die Reihenfolge der „Behandlungen“ an:
Wenn ein Bruder öfter für ein Vergehen zurechtgewiesen
und wenn er sogar ausgeschlossen wurde, sich aber nicht
gebessert hat, verschärfe man die Strafe, das
heißt, er erhalte noch Rutenschläge. Wenn
er sich aber auch so nicht bessert oder wenn er gar,
was ferne sei stolz und überheblich sein Verhalten
verteidigen will, dann handle der Abt wie ein weiser
Arzt. Er wende zuerst lindernde Umschläge
und Salben der Ermahnung an, dann die Arzneien der
Heiligen Schrift und schließlich wie ein Brenneisen
Ausschließung und Rutenschläge. Wenn
er dann sieht, dass seine Mühe keinen Erfolg hat,
greife er zu dem, was noch stärker wirkt: Er und
alle Brüder beten für den kranken Bruder, dass
der Herr, der alles vermag, ihm die Heilung schenkt.
Wenn er sich aber auch so nicht heilen lässt,
dann erst setze der Abt das Messer zum Abschneiden
an. Es gelte, was der Apostel sagt: „Schafft
den Übeltäter weg aus eurer Mitte.“ Und
an anderer Stelle: „Wenn der Ungläubige
gehen will, soll er gehen.“ Ein räudiges
Schaf soll nicht die ganze Herde anstecken. (RB 28,
1–8)
Wenn einer zum Abt gewählt wird, erwartet man
von ihm einen Leitspruch. Mir fiel spontan Unitas in
diversitate ein. In der deutschen Übersetzung „Einheit
in Vielfalt“ sind zwei Richtungen enthalten:
einerseits möge sich die eine Klostergemeinschaft
optimal in die vielen Talente und Charismen ausfalten – andererseits
sollen die individuellen Eigenheiten und Fähigkeiten
der Mitbrüder immer auf die eine gemeinsame Mitte
zentriert werden. Unschwer ist zu erkennen, dass in
der gegenwärtigen Zeit des schier unbegrenzten
Individualismus das Zweite das Schwierigere geworden
ist. Darauf muss sich das Augenmerk des Abtes richten,
auch dann wenn er mitten im Dschungel von Ansprüchen
und Erwartungen steht. „Führung bestehe
zu 80% in Kommunikation“, heisst es von der einen
Seite, „ein Abt habe heute 70% seiner Zeit für
das Fundraising einzusetzen“, tönt von der
andern Seite.18 Auf der Gratwanderung dieser Aporien
helfen Reglemente und Organigramme wenig. Da ist vom
Abt und jeder Führungsperson persönliche
Reife, Mut zur Entscheidung und Übernahme von
Verantwortung gefordert. Dabei bleibt der Führende
zwangsläufig ein Einsamer, was wohl nur aufgefangen
werden kann in einem Urvertrauen oder Glauben. Das
Bleibende der Regula Benedicti ist der unbedingte Vorrang
der Achtung vor der einzigartigen, unverwechselbaren
Persönlichkeit des Menschen, mit dem ich es zu
tun habe. Spiritualität heisst, das Wort einlösen,
das Gott gesprochen hat, als er mich ins Leben rief.
Das gilt für mich selber und für jeden meiner
Mitmenschen und Mitarbeiter. Ich bin überzeugt,
dass auch ein KMU letztlich nur erfolgreich ist und
seine humanitäre Funktion innerhalb der Gesellschaft
erfüllt, wenn es sich diesen Primat immer wieder
bewusst macht. In diesem Sinne ist und bleibt die Regula
Benedicti eine Leitlinie bei Führungs- und Organisationsaufgaben.