myzfu
Villa Diana
Lernen als Weg

Fachartikel

nach Referenten sortiert

Artikel
 

Abt Dr. Daniel Schönbächler

ZfU-Faculty: Sozial-Kompetenz: Führung & Kommunikation
Mitglied der Benediktiner-abtei Disentis; Lizentiat der Theologie (Rom), Doktorat in Germanistik & Kunstwissenschaft (München, Zürich). Gymnasiallehrer und langjähriges Mitglied der ZfU-Faculty.

 

Regula Benedicti als Leitlinie
bei Führungs- und Organisationsfragen

Führungs- und Organisationsfragen scheinen eine rein profane Angelegenheit zu sein, etwas für „die Kinder dieser Welt“. Ist es deshalb nicht erstaunlich, dass Sie zu Ihrem Intensivstu­dium für Führungskräfte in Klein- und Mittelunternehmen mich als Abt einer Klostergemeinschaft eingeladen haben, damit ich Ihnen ein Referat halte zum Thema: „Regula Benedicti als Leitlinie bei Führungs- und Organisationsfragen“? Aber Sie stehen mit diesem Entschluss nicht allein. Manch­mal erhalte ich an einem einzigen Tag mehrere Anfragen aus Wirtschafts- und Managementkreisen für entsprechende Vorträge. Und für meine Seminare im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung tragen sich die Interessenten in Wartelisten ein. Irgendwie stehen also die Orden, jedenfalls die Ordensgründer, im Trend.

Der Gabler Verlag, ein Unternehmen der Bertelsmann Fachinformation GmbH, in Wiesbaden scheint so etwas wie eine Anlaufstelle für entsprechende Buchprojekte zu sein. 1994 brachte er das Buch von Baldur Kirchner „Benedikt für Manager. Die geistigen Grundlagen des Führens“ auf den Markt. Bereits drei Nachdrucke waren inzwischen nötig. 1997 folgte das Buch von Helmut Geiselhart „Das Managementmodell der Jesuiten. Ein Erfolgskonzept für das 21. Jahrhundert“, auch das bereits in einem Nachdruck. Haben also „die Kinder dieser Welt“ gemerkt, dass es etwas „von jenseits dieser Welt“ geben muss, etwas „Spirituelles“ – was immer man darunter auch vage versteht –, das durchaus in diese Welt hineinwirken und ihr behilflich sein könnte?

Benedikt von
Nursia und seine Regel
Ich soll Ihnen von einem dieser Ordensgründer berichten, vom heiligen Benedikt und seiner Regel, die auch nach 1500 Jahren noch immer die Grundlage für die klösterlichen Gemeinschaften der Benediktiner und Benediktinerinnen bildet. Benedikt wurde um 480 im umbrischen Nursia (heute Norcia) geboren. Nach kurzem Studienaufenthalt in Rom zog er sich mit etwa 20 Jahren in die Einsamkeit Latiums zurück, zuerst nach Enfide, dann nach Subiaco, wo er sich in Gebet, Schweigen und Busse auf seine Sendung vorbereitete. Als sich zahlreiche Schüler um ihn sammelten, übernahm er auf ihre Bitte hin ihre geistliche Leitung und verteilte sie auf 12 kleine Klöster. In schmerzlichen Erfahrungen – in Vicovaro wollten ihn die Brüder wegen seiner Strenge und Konsequenz gar vergiften – reifte sein endgültiges monastisches Ideal. Um das Jahr 529 verwirklichte er seinen Plan einer klösterlichen Gemeinschaft auf dem Monte Cassino. Durch viele Wunder ausgezeichnet, vollendete der Heilige sein Leben um das Jahr 547. Die Brüder stützten den Sterbenden und sahen, wie seine Seele in den Himmel stieg. Als Todestag gilt der 21. März.
Dass Benedikt nicht wie andere zeitgenössische italische Mönchsväter in der Anonymität versunken ist, verdankt er zwei Umständen. Einerseits hat Papst Gregor in seinem „Zweiten Buch der Dialoge“1 das Leben des heiligen Benedikt beschrieben, den Heiligen in die Tradition der biblischen Wundertäter gestellt und damit den Beweis angetreten, dass der Westen Geistesmänner hervorbringen konnte, die denjenigen des Ostens ebenbürtig waren. Andererseits aber muss es an der Qualität und römischen Praktikabilität der Benediktusregel gelegen haben, dass sie sich gegenüber andern Regeln durchgesetzt hat und von Karl dem Grossen – durchaus mit politischem Kalkül – für alle Klöster des Reichs für verbindlich erklärt wurde. In den frühen Klöstern schrieb und aktualisierte jeder Abt für seine Gemeinschaft eine Regel (Mischregel-Zeitalter). Natürlich gab es Vorbilder. So hat Benedikt u.a. die sogenannte «Regula Magistri» benutzt. Seine Regel zeichnet sich jedoch durch Ausgewogenheit (Mass) und durch eine realistische Haltung aus. Sie bezieht den einzelnen Mönch in die Verantwortung ein und behält nicht zuletzt dadurch bis heute ihre Aktualität.2
Zwar ist der zeitliche Abstand von der frühmittelalterlichen Gemeinschaftsregel bis zur heutigen Gesellschaft gross, und wer etwas von der Weisheit der Benediktusregel erahnen möchte, muss genau hinsehen. Dann allerdings wird er wertvolle Anregungen und Ermutigungen für sein Leben finden, selbst wenn er zum Mönchtum keinen Bezug hat. Die Regula Benedicti will nichts anderes, als die Lebenslehre der Bibel in eine praktische Gestalt übersetzen. Dabei geht es um so zentrale Themen wie: Gebet und Meditation, aber auch menschliches Miteinander, Arbeit, persönliche Reifung und Heilwerden in der Gemeinschaft. Die Regula Benedicti ist in guten Buch­ausgaben und Kommentaren zugänglich und auch im Internet zu finden.3

Unterscheidendes
und Verbindendes
Was hat ein Kloster mit einem Klein- oder Mittelunternehmen gemein? Auf den ersten Blick gesehen sehr wenig! Benedikt setzte die Bewegung des frühchristlichen Mönchtums fort, in dem es um nichts anderes ging, als dass der Mensch „Gott suche“. Gott suchen aber kann nur der Ein­zelne, auf ganz persönliche Weise. So steht denn auch am Anfang des Mönchtums das Eremi­ten­tum.4 Kronzeugen dafür sind die ägyptischen Einsiedler in der sketischen und nitrischen Wüs­te. Ihre geistliche Lehre – nach wie vor aktuelle Ratschläge für die Persönlichkeitsbildung5 – gaben sie denen weiter, die sie aufsuchten. Den entscheidenden Schritt über das Eremitentum hinaus machte Pachomius (um 287 – 347), der in Tabennisi einen eingefriedeten Klosterverband (Koi­nobium) gründete, damit der Mönch auch Gelegenheit zur Erprobung des Gehorsams und zur Aus­übung der Nächstenliebe erhalte. Benedikt konnte nicht hinter diese Entwicklung zurück, obwohl auch er das Eremitentum für die höchste Stufe der Gottsuche hielt, die einer aber erst beginnen dürfe, nachdem er zuvor das Leben in der Gemeinschaft bestanden habe (RB 1).

Mit dem Klosterverband näher wir uns vermutlich den möglichen Parallelen zu einem Unternehmen. Doch nach wie vor besteht ein wesentlicher Unterschied: Das Kloster hat als primäre Zielsetzung nicht eine Produktionsgemeinschaft, sondern will der Ort sein, wo der einzelne Mönch in optimaler Weise „Gott suchen“ kann. Das Kloster gleicht eher einer Akademie oder einem Campus. Eine „Schule für den Dienst des Herrn“ (dominici schola servitii) wollte Benedikt errichten (RB Prol.45), in der Christus selbst der Magister ist, dem der Mönch im Gebet und Studium der Heiligen Schrift nachfolgt. Damit aber ergibt sich vielleicht ein Vergleichspunkt zwischen einem Unternehmen und einem Klosters: die Mitarbeiterwerbung. Ein Blick in das entsprechende Regelkapitel über „Die Ordnung bei der Aufnahme von Brüdern“ (RB 58) macht uns jedoch stutzig. Da wird nicht mit Versprechungen bei der Anwerbung gebuhlt, sondern da werden den Interessenten offensichtlich alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt:

Kommt einer neu und will das klösterliche Leben beginnen, werde ihm der Eintritt nicht leicht gewährt, sondern man richte sich nach dem Wort des Apostels: „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind.“ Wenn er also kommt und beharrlich klopft und es nach vier oder fünf Tagen klar ist, daß er die ihm zugefügte harte Behandlung sowie die Schwierigkeiten beim Eintritt geduldig erträgt, aber trotzdem auf seiner Bitte besteht, gestatte man ihm den Eintritt, und er halte sich einige Tage in der Unterkunft für Gäste auf. Danach wohne er im Raum für die Novizen, wo sie lernen, essen und schlafen. (RB 58, 1–5)

Die unerwartete Härte im Aufnahmeverfahren ergibt sich daraus, dass im Kloster nicht ein zeitweiliger Job vergeben wird, sondern der Prozess auf eine definitive und lebenslänglich Entscheidung, auf eine dauernde Bindung hin eingeleitet wird. Im Kloster gibt es kein zeitweiliges Anstellungsverhält­nis, das Kloster ist eine verbindliche Lebensgemeinschaft. Mit diesem Gedanken tut sich unsere Zeit zunehmend schwer, wo doch sogar die stärkste zwischenmenschliche Bindung, die Ehe, weitgehend von der Lebensabschnittspartnerschaft abgelöst wurde. Ob wir damit aber nicht wesentliche Werte aufgeben, ist die Gegenfrage. Groteskerweise beginnen Unternehmen von ihren Mitarbeitern ein totales Zur-Verfügung-Stehen einzufordern, sie hätten dem Unternehmen 7 x 24 Stunden zu gehören. Einen solchen Absolutheitsanspruch darf nur Gott erheben. Der aber zwingt niemanden, sondern lässt dem Menschen die freie Entscheidung. Der Prolog der Benediktusregel geht von der Einladung Gottes aus, allerdings einer drängenden, liebenden Einladung, die das Heil-Werden und die „Weite des Herzens“ verspricht:

Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!“ Und wiederum: „Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ Und was sagt er? „Kommt, ihr Söhne, hört auf mich! Die Furcht des Herrn will ich euch lehren. Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen.“ Und der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Wenn du das hörst und antwortest: „Ich“, dann sagt Gott zu dir: „Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach! Wenn ihr das tut, blicken meine Augen auf euch, und meine Ohren hören auf eure Gebete; und noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da.“ Liebe Brüder, was kann beglückender für uns sein als dieses Wort des Herrn, der uns einlädt? Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens. (RB Prol 9–20) 

Im Horizont dieses Geschehens – der Gerufene antwortet – versteht sich die prüfende Härte im Aufnahmeverfahren. Männer und Frauen, die ins Kloster eintreten, unterschreiben nicht einen Arbeitsvertrag, sondern begeben sich auf einen geistlichen Weg.

Ein erfahrener Bruder werde für sie bestimmt, der geeignet ist, Menschen zu gewinnen, und der sich mit aller Sorgfalt ihrer annimmt. Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen. Offen rede man mit ihm über alles Harte und Schwere auf dem Weg zu Gott. Wenn er verspricht, beharrlich bei seiner Beständigkeit zu bleiben, lese man ihm nach Ablauf von zwei Monaten diese Regel von Anfang bis Ende vor und sage ihm: Siehe das Gesetz, unter dem du dienen willst; wenn du es beobachten kannst, tritt ein, wenn du es aber nicht kannst, geh in Freiheit fort. (RB 58, 6–10)

Die drei eben genannten Kriterien, die erweisen sollen, ob einer wirklich Gott sucht, bringt der Münsterschwarz­acher Benediktiner Anselm Grün mit den drei Grundbedingungen des gesunden Menschen in Verbindung: den Eifer für den Gottesdienst mit der Emotionsfähigkeit (denn das gemeinschaftliche Chorgebet und die Meditation vollziehen sich primär auf der emotionalen, nicht auf der intellektuellen Ebene) – die Bereitschaft, zu gehorchen und sich auf eine Gemeinschaft einzulassen, mit der Beziehungsfähigkeit – die Bereitschaft, sich in der Arbeit fordern zu lassen, mit der Leistungsfähigkeit.6 Diese drei Grundbedingungen des gesunden Menschen wären allerdings, so meine ich, auch Ausgangspunkt und Ziel jeder verantwortungsbewussten Unternehmenskultur und Führungsaufgabe. Der Mitarbeiter ist ein Mensch, der unsern Respekt verdient, und nicht Bestandteil eines auf Gewinnmaximierung zu trimmenden Arbeitspotentials. Der Kernpunkt der benediktinischen Spiritualität ist die Haltung, in jedem Menschen Christus zu sehen – im Fremden, im Gast, im Mitbruder, im Kranken, im Abt.

Fassen wir eine weitere mögliche Parallele ins Auge: Jedes Kloster muss seinen Lebensunterhalt verdienen und wird so zwangsläufig zum Klein- oder Mittelunternehmen, gewissermassen also doch zum Produktionsbetrieb. Was sagt die Regula Benedicti dazu? Im kulturellen Kontext seiner Zeit schwebte dem heiligen Benedikt eine weitestgehende wirtschaftliche Autonomie vor:

Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden, dass sich alles Notwendige, nämlich Wasser, Mühle und Garten, innerhalb des Klosters befindet und die verschiedenen Arten des Handwerks dort ausgeübt werden können. So brauchen die Mönche nicht draußen herumlaufen, denn das ist für sie überhaupt nicht gut. (RB 66, 6–7)

Die Handwerker im Kloster sollen „in aller Demut ihre Tätigkeit ausüben“. Wenn einer überheblich wird, „weil er sich auf sein berufliches Können etwas einbildet und meint, er bringe dem Kloster etwas ein“, so werde ihm die Arbeit genommen (RB 57, 1–3). Auch Arbeit erfordert immer eine spirituelle Grundhaltung. Die Mitbrüder sollen zu den Werkzeugen und Geräten grösste Sorge tragen (RB 32). Und was dem Cellerar an Achtsamkeit nahegelegt wird, gilt für jeden Mitbruder: „Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als heiliges Altargerät“ (RB 31, 10). Was der Mönchsvater jedoch den klösterlichen Betrieben als Verkaufsstrategie und Preispolitik empfiehlt, würde den heutigen Klöstern in ihrer wirtschaftlichen Verflechtung unweigerlich den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs und entsprechende Repressalien ins Haus regnen:

Bei der Festlegung der Preise darf sich das Übel der Habgier nicht einschleichen. Man verkaufe sogar immer etwas billiger, als es sonst außerhalb des Klosters möglich ist, damit in allem Gott verherrlicht werde. (RB 57, 7–9)
Sie sehen, die Regel des heiligen Benedikt lässt sich weder auf Klein- und Mittelunternehmen noch auf moderne Klöster tale quale übertragen. Als benediktinische Herausforderung aber bleibt für uns alle: Die Arbeit ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Arbeit. Diese Akzentsetzung gilt auch im bekannten „Bete und arbeite“ (ora et labora), mit dem man gerne die Benediktiner charakterisiert. Arbeit in einem menschenwürdigen Sinne ist Teilhabe an der Schöpfung Gottes. Mit ihrer Arbeit haben die Benediktiner das frühe Abendland mitgestaltet, in Anerkennung ihrer Leistungen erhob Papst Paul VI. den heiligen Benedikt 1964 in Monte Cassino zum Patron Europas.

Organisation und Führung
Wo immer Menschen sich zum Erreichen eines gemeinsamen Zieles zusammentun, braucht es Regelungen, Organisation und Führung. Bezeichnenderweise geht es der Benediktsregel nie um blosse Funktionalität, alle organisatorischen Weisungen betonen den Vorrang der geistlichen Dimension der Arbeit und die Respektierung der individuellen Person. Wenn ein Mönch einen Wochendienst antritt oder beendet, bittet er in der Gemeinschaft um den Segen (RB 35, 15–16 von den Tischdienern, RB 38,2 vom Tischleser). Werkzeug, Kleidung und alle andern Dinge behandle der Mönch mit grösster Sorgfalt (RB 32). Alles gehört dem Kloster, das Laster des Eigenbesitzes „muss mit der Wurzel aus dem Kloster ausgerottet werden“, „alles sei allen gemeinsam, wie es in der Schrift heisst“ (RB 33). Doch werde jedem soviel zugeteilt, wie er nötig hat: „Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig. Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche und sei nicht überheblich wegen der ihm erwiesenen Barmherzigkeit. So werden alle Glieder der Gemeinschaft im Frieden sein.“ (RB 34). Sogenannte Strafkapitel mit Bussen bei disziplinarischen Verfehlungen finden sich auch bei Benedikt, allerdings im Vergleich zu andern frühen Mönchsregeln gemässigt und immer mit einer spirituellen Intention (RB 43–46). Vom klugen Masshalten (discretio) und gleichzeitigen Vertrauen auf Gottes Hilfe zeugt das Kapitel von der „Überforderung durch einen Auftrag“:
Wenn einem Bruder etwas aufgetragen wird, das ihm zu schwer oder unmöglich ist, nehme er zunächst den erteilten Befehl an, in aller Gelassenheit und im Gehorsam. Wenn er aber sieht, dass die Schwere der Last das Maß seiner Kräfte völlig übersteigt, lege er dem Oberen dar, warum er den Auftrag nicht ausführen kann, und zwar geduldig und angemessen, ohne Stolz, ohne Widerstand, ohne Widerrede. Wenn er seine Bedenken geäußert hat, der Obere aber bei seiner Ansicht bleibt und auf seinem Befehl besteht, sei der Bruder überzeugt, dass es so für ihn gut ist; und im Vertrauen auf Gottes Hilfe gehorche er aus Liebe. (RB 68, 1–5)

Die Kapitel „Der gegenseitige Gehorsam“ (RB 71) und „Der gute Eifer der Mönche“ (RB 72) bilden gleichsam die Magna Charta der „Unternehmenskultur“ des Mönchsvaters Benedikt:

Wie es einen bitteren und bösen Eifer gibt, der von Gott trennt und zur Hölle führt, so gibt es den guten Eifer, der von den Sünden trennt, zu Gott und zum ewigen Leben führt. Diesen Eifer sollen also die Mönche mit glühender Liebe in die Tat umsetzen, das bedeutet: Sie sollen einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen; ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie mit unerschöpflicher Geduld ertragen; im gegenseitigen Gehorsam sollen sie miteinander wetteifern; keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen; die Bruderliebe sollen sie einander selbstlos erweisen; in Liebe sollen sie Gott fürchten; ihrem Abt seien sie in aufrichtiger und demütiger Liebe zugetan. Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen. Er führe uns gemeinsam zum ewigen Leben. (RB 72, 1–12)

An Führungsaufgaben nennt die Regel in einer ersten Ämterreihe die „Funktionen“ von Abt, Dekane und Cellerar (Ökonom) (RB 2, 21, 31), in einer zweiten Ämterreihe Abt, Prior und Pförtner (RB 64–66). Die Führung der Klostergemeinschaft obliegt grundsätzlich dem Abt als dem Vorsteher des einzelnen Klos­ters.7 Der Abt wird demokratisch von den Brüdern mit Kapitelsrechten gewählt und dann im Glauben als „Stellvertreter Christi“ angenommen.8

Die zentrale
Führungsaufgabe des Abtes:
Die erste und zentralste Aufgabe des Abtes ist die Leitung der Seelen seiner Brüder. Die Regel gebraucht zur Veranschaulichung das biblische Bild vom Hirten und der Herde:

Der Abt muss wissen, welch schwierige und mühevolle Aufgabe er auf sich nimmt: Seelen zu führen und der Eigenart vieler zu dienen. Muss er doch dem einen mit gewinnenden, dem anderen mit tadelnden, dem dritten mit überzeugenden Worten begegnen. Nach der Eigenart und Fassungskraft jedes einzelnen soll er sich auf alle einstellen und auf sie eingehen. So wird er an der ihm anvertrauten Herde keinen Schaden erleiden, vielmehr kann er sich am Wachsen einer guten Herde freuen. Vor allem darf er über das Heil der ihm anvertrauten Seelen nicht hinwegsehen oder es geringschätzen und sich größere Sorge machen um vergängliche, irdische und hinfällige Dinge. Stets denke er daran: Er hat die Aufgabe übernommen, Seelen zu führen, für die er einmal Rechenschaft ablegen muss. (RB 2, 31–34)

In der zitierten Textpassage9 kommt dreimal das Wort „Seele“ vor, der Abt habe die Aufgabe übernommen „Seelen zu leiten“. Vermutlich empfinden Sie diesen Ausdruck als antiquiert, fromm und für Ihren Alltag und Ihre Führungsaufgaben sicher nicht brauchbar. Den modernen Regel­übersetzern geht es offenbar ähnlich, wenn sie das lateinische „Anima“ (Seele) nunmehr kon­se­quent mit „Menschen“ übersetzen. Doch gehen wir der Sache auf den Grund, es lohnt sich. Was der Mensch empfindet und fühlt und was ihn zum Handeln antreibt, ist ein gegenwärtiges, inneres Erleben, das nicht einfach in der Stofflichkeit seines Körpers aufgeht. Dieses „Zusätzliche“, den Körper Übersteigende nannten die griechischen Philosophen Seele (Psyche) und schrieben ihr Unsterblichkeit zu. Frühe Kulturen brauchten dafür Symbole wie Seelenvogel, Schmetterling oder Atem. Die Weisheit unserer Sprache schuf im Gegensatz zum Wort „Körper“ das Wort „Leib“, das etymologisch mit „Leben“ zusammenhängt und die Einheit von Körper und Seele bezeichnet. Seit der Renaissance jedoch versucht die Wissenschaft, dieses Unfassbare zu objektivieren und in den Griff zu bekommen. Das Seelenleben wird auf Bewusstsein und Geist verlagert und auf körperliche Funktionen und neurophysiologische Prozesse zurückgeführt, die in kleinste Einheiten aufgelöst, analysiert und dann in ihren Wechselwirkungen wieder zusammengesetzt werden. Unter dem Diktat dieser Sucht zu sezieren, zu messen und zu beschreiben verstricken sich nicht nur die Medizin und Psychologie10, sondern auch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Als ich in einem Ausbildungslehrgang für Bergführer-Aspiranten mit dem Block „Sozialkompetenz“ beauftragt wurde, sollte ich schon im voraus einen Bogen mit Prüfungsfragen liefern – als ob Sozialkompetenz quantifizierbar wäre. Ich weigerte mich und verwies auf meinen Gruppenleiter in der Skitourenleiter-Ausbildung, der mir beim Schlussgespräch sagte: „Eigent­lich bist du technisch und konditionell eine Wurst – aber ich würde dir meine 10jährige Tochter anvertrauen.“ Das nenne ich Entscheiden und Übernehmen von Verantwortung „aus der Seele“ heraus. Mögen wir uns heute auch scheuen, von „Seelen führen“ zu sprechen, die Sache selbst hat ihre Aktualität weit über das Seelsorgegespräch hinaus. „Seelen zu leiten“ heisst, der innersten, personalen Eigenart der mir Anvertrauten gerecht zu werden. Und was sollte denn die Führung von Menschen anderes? Vielleicht müssen wir uns noch etwas gedulden, bis sich ein neues geeignetes Wort für das mit „Seele“ Gemeinte anbietet. Vom „Selbst“ oder „höheren Selbst“ zu sprechen, kommt wohl auch nicht an („Seelsorge“ ist doch nicht „Selbstsorge“). Der Volksmund bleibt dabei und sagt weiterhin „mit Leib und Seele“, und die Werbung verkauft uns Ferienreisen unter dem Slogan: „Lasse deine Seele baumeln!“ „Seele“ meint das, was den einzelnen Menschen im Innersten betrifft, seine Erlebnisfähigkeit, das, was ihm den Glauben an sich selbst gibt und seine unverwechselbare Würde ausmacht. Und diesen von Gott geschenkten Personkern in jedem seiner Mitbrüder zu respektieren und zu fördern, legt Benedikt dem Abt mit grosser Dring­lichkeit nahe.11

Das Seelische in ihm selbst und in den ihm Anvertrauten immer bewusst zu machen, bleibt für den Führenden eine ständige Aufgabe und Verpflichtung. Nur so kann er die Verantwortung in seinem Amt übernehmen. Der Abt muss sich immer gegenwärtig halten, dass er von Gott in sein Amt eingesetzt wurde, dass er im Kloster die Stelle Christi vertritt – d.h. dass er im Dienst der Einheit steht – und einst darüber Rechenschaft abzulegen hat:

Der Abt, der würdig ist, einem Kloster vorzustehen, muss immer bedenken, wie man ihn anredet, und er verwirkliche durch sein Tun, was diese Anrede für einen Oberen bedeutet. Der Glaube sagt ja: Er vertritt im Kloster die Stelle Christi; wird er doch mit dessen Namen angeredet nach dem Wort des Apostels: „Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ Deshalb darf der Abt nur lehren oder bestimmen und befehlen, was der Weisung des Herrn entspricht. Sein Befehl und seine Lehre sollen wie Sauerteig göttlicher Heilsgerechtigkeit die Herzen seiner Jünger durchdringen. Der Abt denke immer daran, dass in gleicher Weise über seine Lehre und über den Gehorsam seiner Jünger beim erschreckenden Gericht Gottes entschieden wird. So wisse der Abt: Die Schuld trifft den Hirten, wenn der Hausvater an seinen Schafen zu wenig Ertrag feststellen kann. Andererseits gilt ebenso: Hat ein Hirt einer unruhigen und ungehorsamen Herde all seine Aufmerksamkeit geschenkt und ihrem verdorbenen Treiben jede nur mögliche Sorge zugewandt, wird er im Gericht des Herrn freigesprochen. Er darf mit dem Propheten zum Herrn sagen: „Deine Gerechtigkeit habe ich nicht in meinem Herzen verborgen, ich habe von deiner Treue und Hilfe gesprochen, sie aber haben mich verhöhnt und verachtet.“ Dann kommt über die Schafe, die sich seiner Hirtensorge im Ungehorsam widersetzt haben, als Strafe der allgewaltige Tod. (RB 2, 1–10)

Führen setzt eine Grundeinstellung voraus. In der Benediktsregel ist es das Hören. Die Priorin des Benediktinerinnenklosters in Köln, Johanna Domek, charakterisiert diese Grundhaltung in präziser Weise: „Das Wort ‹hören› ist eines der Grundwörter jeder gelebten Spiritualität und so natürlich auch der benediktinischen. Für Benedikt beginnt alles damit. Es geht um ein gutes Hören auf Gott und auf die Menschen. Denn unmöglich kann ein Mensch zwei verschiedene Grundhaltungen gleichzeitig einnehmen. Zu einem guten Hören gehört, still und aufmerksam sein zu können, wach zu sein und wahrzunehmen, was ist, zu Wort kommen und aussprechen und gelten zu lassen, was lebt. Das kann man üben, unentwegt schlicht üben. Ein nicht gutes Hören geschieht immer dann, wenn darin etwas von Lauern oder Belauschen liegt. Gutes Hören hat vielleicht ‹den Geschmack der Frage›, aber niemals den Beigeschmack des ‹Verhörs›.12

Die Instrumente der Führung
Auf der Basis dieser Grundhaltung des Hörens, handhabt der Abt die einzelnen Instrumente der Führung. Das wichtigste der Führungsinstrumente ist das eigene Beispiel, der Abt soll das gemeinsame Ideal (modern gesprochen die „corporate identity“) glaubwürdig verkörpern:

Er mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar. Einsichtigen Jüngern wird er die Gebote des Herrn mit Worten darlegen, hartherzigen aber und einfältigeren wird er die Weisungen Gottes durch sein Beispiel veranschaulichen. In seinem Handeln zeige er, was er seine Jünger lehrt, dass man nicht tun darf, was mit dem Gebot Gottes unvereinbar ist. Sonst würde er anderen predigen und dabei selbst verworfen werden. Gott könnte ihm eines Tages sein Versagen vorwerfen: „Was zählst du meine Gebote auf und nimmst meinen Bund in deinen Mund? Dabei ist Zucht dir verhasst, meine Worte wirfst du hinter dich.“ Auch gilt: „Du sahst im Auge deines Bruders den Splitter, in deinem hast du den Balken nicht bemerkt.“ (RB 2, 1–5)

Der Abt bevorzuge keinen, denn „in Christus sind wir alle gleich“ (RB 2,20). Dennoch bedarf er der Gabe der Unterscheidung (discretio) und des aufmerksamen Gespürs für den rechten Augenblick beim Tadeln, Ermutigen und Zurechtweisen:

Er lasse sich vom Gespür für den rechten Augenblick leiten und verbinde Strenge mit gutem Zureden. Er zeige den entschlossenen Ernst des Meisters und die liebevolle Güte des Vaters. Härter tadeln muss er solche, die keine Zucht kennen und keine Ruhe geben; zum Fortschritt im Guten ermutige er alle, die gehorsam, willig und geduldig sind; streng zurechtweisen und bestrafen soll er jene, die nachlässig und wider spenstig sind. Auf keinen Fall darf er darüber hinwegsehen, wenn sich jemand verfehlt; vielmehr schneide er die Sünden schon beim Entstehen mit der Wurzel aus, so gut er kann. (RB 2, 24–26)

Immer sei der Abt sich bewusst, dass es um das Heil der ihm Anvertrauten geht. Da dürfen auch die Sorgen für das materielle Wohl der Gemeinschaft nicht im Wege stehen:

Vor allem darf er über das Heil der ihm Anvertrauten nicht hinwegsehen oder es geringschätzen und sich größere Sorge machen um vergängliche, irdische und hinfällige Dinge. Stets denke er daran: Er hat die Aufgabe übernommen, Menschen zu führen, für die er einmal Rechenschaft ablegen muss. Wegen des vielleicht allzu geringen Klostervermögens soll er sich nicht beunruhigen; vielmehr bedenke er das Wort der Schrift: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben.“  (RB 2, 33–35)

Gleichsam in einem Nachtragskapitel, geschrieben unter dem Einfluss der Spiritualität des heiligen Augustinus, empfiehlt Benedikt dem Abt kluge Besonnenheit, Milde und aufrichtige Liebe:

Immer gehe ihm Barmherzigkeit über strenges Gericht, damit er selbst Gleiches erfahre. Er hasse die Fehler, er liebe die Brüder. Muss er aber zurechtweisen, handle er klug und gehe nicht zu weit; sonst könnte das Gefäß zerbrechen, wenn er den Rost allzu heftig auskratzen will. Stets rechne er mit seiner eigenen Gebrechlichkeit. Er denke daran, dass man das geknickte Rohr nicht zerbrechen darf. Damit wollen wir nicht sagen, er dürfe Fehler wuchern lassen, vielmehr schneide er sie klug und liebevoll weg, wie es seiner Absicht nach jedem weiterhilft; wir sprachen schon davon. Er suche, mehr geliebt als gefürchtet zu werden. Er sei nicht stürmisch und nicht ängstlich, nicht maßlos und nicht engstirnig, nicht eifersüchtig und allzu argwöhnisch, sonst kommt er nie zur Ruhe. In seinen Befehlen sei er vorausschauend und besonnen. Bei geistlichen wie bei weltlichen Aufträgen unterscheide er genau und halte Maß. Er denke an die maßvolle Unterscheidung des heiligen Jakob, der sprach: „Wenn ich meine Herden unterwegs überanstrenge, werden alle an einem Tag zugrunde gehen.“ Diese und andere Zeugnisse maßvoller Unterscheidung, der Mutter aller Tugenden, beherzige er. So halte er in allem Maß, damit die Starken finden, wonach sie verlangen, und die Schwachen nicht davonlaufen. (RB 64, 10–19)

Dekane und Prior:
Grundlegend für alle weiter Ämter und Dienste ist für Benedikt das paulinische Bild vom Leib mit seinen Gliedern (1 Kor 12, 12–29). Wie jeder „Chef“ hat auch der Abt bei seinen Führungsaufgaben seine Stellvertreter. Diesbezüglich gibt es in der Benediktusregel eine Entwicklung. Zunächst ist von Dekanen die Rede, einer Art Gruppenvorsteher (Dekanie = Zehnerschaft). Das Führen in kleinen Gruppen trägt offenbar dem Bedürfnis der Mönche nach persönlicher Zuwendung Rechnung. Bei der Ernennung der Dekane sollen nicht Prestigegründe, sondern einzig deren Erfahrung, Bewäh­rung und Weisheit sein:

Wenn die Gemeinschaft größer ist, sollen aus ihrer Mitte Brüder von gutem Ruf und vorbildlicher Lebensführung ausgewählt und zu Dekanen bestellt werden. Sie tragen in allem Sorge für ihre Dekanien nach den Geboten Gottes und den Weisungen ihres Abtes. Als Dekane sollen nur solche ausgewählt werden, mit denen der Abt seine Last unbesorgt teilen kann. Nicht die Rangordnung sei bei der Wahl entscheidend, sondern Bewährung im Leben und Weisheit in der Lehre. Wenn einer der Dekane Tadel verdient, weil der Stolz ihn aufbläht, werde er einmal, ein zweites und ein drittes Mal zurechtgewiesen; wenn er sich nicht bessern will, wird er abgesetzt, und ein anderer, der geeignet ist, soll an seine Stelle treten. (RB 21, 1–6)
In den abschliessenden Kapiteln der Regel kommt Benedikt nach den nochmaligen Gedanken über die „Einsetzung des Abtes“ auf den Prior, den „Zweiten im Kloster“ zu sprechen. Offenbar hat sich in der Praxis in Ergänzung (und allmählich sogar Ablösung) zu den Dekanen dieses Stellvertreteramt aufgedrängt, auch wenn Benedikt sich nur ungern dazu entschliesst. Die entsprechende Regelpassage weist auffallend viele emotionale Begriffe auf, die nur einmal im gesamten Regeltext vorkommen. Benedikt liegt offensichtlich an der Regelung der Priorenfrage sehr viel:
Erfordern es aber die örtlichen Verhältnisse oder äußert die Gemeinschaft begründet und mit Demut die Bitte und hält es der Abt für gut, wähle er mit dem Rat gottesfürchtiger Brüder einen aus und setze ihn selber als seinen Prior ein. Der Prior führe in Ehrfurcht aus, was ihm sein Abt aufträgt; er tue nichts gegen den Willen oder die Anordnung des Abtes. Denn je höher er über andere gestellt ist, um so sorgfältiger muss er die Weisungen der Regel beobachten. (RB 65, 14–17)

Benedikt weiss allerdings sehr wohl, dass durch die „Machtkonzentra­tion“ im Prior in den Klöstern ein gefährliches Konfliktpotential gegeben ist. Denn manche bilden sich ein „zweite Äbte zu sein“, und reissen die Herrschaft über andere an sich, sie verursachen Ärger und Streit verursachen und schüren Zwietracht in ihren Gemeinschaften (RB 65, 1–2). Mit aller Strenge begegnet Benedikt solchen verderblichen Entwicklungen:

Stellt sich heraus, dass der Prior voller Fehler ist oder, vom Hochmut betört, sich stolz überhebt oder nachweislich die Regel verachtet, werde er bis zu viermal mit Worten zurechtgewiesen. Bessert er sich nicht, treffe ihn die in der Regel vorgesehene Strafe. Ändert er sich auch so nicht, werde er seines Amtes als Prior enthoben, und ein anderer, der geeignet ist, soll an seine Stelle treten. Ist er auch danach in der Gemeinschaft nicht ruhig und gehorsam, werde er sogar aus dem Kloster gestoßen. Doch bedenke der Abt, dass er über alle seine Entscheidungen vor Gott Rechenschaft ablegen muss, damit nicht die Flamme des Neids oder der Eifersucht seine Seele verzehrt. (RB 65, 18–22)
Der Brüderrat und die Älteren:
Unmittelbar an das erste Abtskapitel schliesst Benedikt das Kapitel von der „Einberufung der Brüder zum Rat“ an (RB 3). Inhaltlich und sprachlich unterscheidet er sich darin deutlich von der Regula Magistri, so dass wir also sein ganz persönliches Engagement spüren. Mit dem Brüderrat wird das hierarchische Element der äbtlichen Leitung „demokratisch“ ergänzt, und nicht zuletzt das verleiht der Benediktusregel ihre Aktualität bis in die heutige Zeit. Mit dem Rat der Brüder wird die ganze Gemeinschaft in die Verantwortung für das Kloster einbezogen. Auch wenn dem Abt die Initiative zukommt und er die Materie darlegt, so ist er doch auf das Gespräch mit den Mitbrüdern verpflichtet. Dabei liegt das „Demokratische“ natürlich fernab von jeglichem klassenkämpferischen oder gewerkschaftlichen Gehabe, vielmehr ist auch da das biblische Ideal der apostolischen Urgemeinde die spirituelle Basis. Im Dialog suchen alle nach einer Antwort im Geist des Evangeliums auf ihre konkrete Situation:

Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist, soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und selbst darlegen, worum es geht. Er soll den Rat der Brüder anhören und dann mit sich selbst zu Rate gehen. Was er für zuträglicher hält, das tue er. Dass aber alle zur Beratung zu rufen seien, haben wir deshalb gesagt, weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist. Die Brüder sollen jedoch in aller Demut und Unterordnung ihren Rat geben. Sie sollen nicht anmaßend und hartnäckig ihre eigenen Ansichten verteidigen. Vielmehr liegt die Entscheidung im Ermessen des Abtes: Was er für heilsamer hält, darin sollen ihm alle gehorchen. (RB 3, 1–5)

Vom Brüderrat unterscheidet sich die Aufgabe der Älteren (seniores), die in der Benediktsregel in verschiedenen Zusammenhängen genannt werden:

Wenn weniger wichtige Angelegenheiten des Klosters zu behandeln sind, soll er nur die Älteren um Rat fragen, lesen wir doch in der Schrift: „Tu alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“ (RB 3, 12–13)

Das Wort „Ältere“ ist keine Altersangabe. Gemeint sind erfahrene, bewährte und im monastischen Leben gereifte Mönche. Sie können mit besonderen, institutionellen Aufgaben betraut werden, wie der Novizenmeister (RB 58,6) der Cellerar (RB 31, 1) oder der Pförtner (RB 66, 1). Sie können aber auch punktuell in schwierigen Situationen der Gemeinschaft eine vermittelnde Rolle übernehmen. Den geistlichen Begleitern (spirituales seniores) gegenüber soll sich ein Mönch bei Belastungen öffnen. Der Ältere „versteht es, eigene und fremde Wunden zu heilen, ohne sie aufzudecken und bekannt zu machen“ (RB 46, 5–6). In der Sorge für die Brüder, die sich verfehlt haben, soll der Abt als Vermittler sogenannte „Senpekten“ schicken, „das heisst ältere, weise Brüder. Diese sollen den schwankenden Bruder im persönlichen Gespräch trösten, damit er nicht in zu tiefe Traurigkeit versinkt“ (RB 27, 2–3). Dabei geht es nicht um Vertrösten oder Bagatellisieren, sondern um die Klärung der Situation, im Aussprechen des Tatbestandes, vor allem aber in der Rückgewinnung des Bruders.13 Auch der Einbezug der Seniores dient dem Abt also zu nichts anderem als zur Wahrung seiner primären Aufgabe, „Seelen zu führen“.

Tradition bleibt nur lebendig,
wenn sie verwandelt wird
Kann die Regula Benedicti noch heute als Leitlinie bei Führungs- und Organisationsfragen dienen? Haben sich die Zeiten und Verhältnisse in den vergangenen 1500 Jahren nicht grundlegend geändert? Lassen Sie mich, aus meiner persönlichen Erfahrung einige Schwerpunkte setzen.

Unbestreitbar ist, dass Benediktiner und Benediktinerinnen von heute Zeitgenossen sind und auf ihre Art den Durchschnitt unserer Gesellschaft repräsentieren. Das macht Aktualisierungen und Anpassungen der Ordensregel notwendig. Eine Tradition bleibt nur lebendig, wenn sie sich wandelt. Um dieses Paradox kommen wir nicht herum. Wegmarken im Prozess der Wandlung und Erneuerung sind die von Zeit zu Zeit festgehaltenen Satzungen. Für die Schweizerische Benediktinerkongregation geschah das zuletzt im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil in den „Satzungen und spirituellen Richtlinien“ von 1970/1986.14 Im Einklang mit dem allgemeinen Ordensrecht werden Verpflichtungen und Rechte der einzelnen Mönche, der Ämter und der verschiedenen Gremien geregelt. Dabei erfahren vor allem die sogenannten „demokratischen Elemente“ eine Klärung und Festschreibuung. Die schon von Benedikt getroffene Unterscheidung vom allgemeinen Rat der Brüder (Kapitel, „Vollversammlung“) und Seniorenrat (Consilium, „Bereichsleitersitzung“) wird in Wahl, Einberufung und Kompetenzen klar umschrieben und zueinander und zum Leitungsamt des Abtes in Beziehung gesetzt. Allerdings bleiben den einzelnen Klöstern noch Spielräume in der konkreten Ausgestaltung dieser Gremien, die auch erweitert werden können, z.B. durch eine Baukommission, eine liturgische Kommission und Ähnliches. Wie sehr die Benediktinerklöster im Kern autonom sind, so ist die Vernetzung doch ein Merkmal unserer Zeit. Klöster haben sich seit Beginn der Neuzeit zu Kongregationen zusammengeschlossen, die deutschsprachigen Äbte treffen sich jährlich zur Tagung der „Salburger Äbtekonferenz“, alle fünf Jahre findet in Rom der globale „Äbtekongress“ statt. Wenn der rechtliche Einfluss dieser Zusammenkünfte auch gering ist, so dienen diese Treffen doch dem Austausch und der „brüderlichen Stärkung“ der mit der Klosterleitung Beauftragten.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, als ich am 18. Dezember 2000 zum 65. Abt des Klosters Disentis gewählt wurde.15 Ein Karrieredenken liegt mir grundsätzlich fern. In der biblischen Tradition sind diejenigen, die sich für ein Amt aufdrängen möchten, stets die falschen. Wer in der Bibel berufen wird – Propheten, Könige, Johannes der Täufer, Maria, Jesus von Nazareth – schreckt stets vor dem Anruf zurück und muss vom „Engel“ erst ermutigt werden. Berufung umschreibt Friedrich Weinreb am Beispiel der Taufe Jesu folgendermassen: Zuerst ist eine Vorstellung da, weit weg und verschwommen, sie kommt dann näher und erhält Konturen, und dann ist sie unversehens da und man kann nicht anders, als in sie eintreten.16 Vielleicht schon am Tag darnach erschrickt man und fragt sich, ob das Ganze nicht wieder rückgängig zu machen wäre. Das Dilemma, in das ich geriet, hatte ein Freund schmunzelnd auf den Punkt gebracht: Ja, man kann nicht gleichzeitig Medizinmann und Häuptling sein. Von meinem Sprachstudium und von der Theaterarbeit her war ich zur Rhetorik gekommen, wurde aber schnell inne, dass rhetorische Probleme nicht im Kehlkopf und nicht mit Musterbüchern gelöst werden können. Wenn ein Mensch zu andern spricht, klingt sein Innerstes an, seine Personmitte. Also hat Rhetorik immer mit Persönlichkeitsstrukturen und individuellen, oft unbewussten Lebenserfahrungen zu tun. Aus der Rhetorik wurde für mich Kommunikationspsychologie. Der Sachverhalt gilt natürlich auch für den Umgang mit Führungs- und Organisationsfragen. Diesbezüglich zu Klärungen zu helfen, ist der Gegenstand meiner Seminare im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Und nun eben das Dilemma: schliessen sich die Leitungsaufgabe des „Häuptlings“ und die therapeutische Arbeit des „Medizinmannes“ nicht aus? Tatsächlich darf nie jemand zu einer therapeutischen Arbeit gezwungen werden. Und doch macht ausgerechnet der heilige Benedikt diesen Spagat, wenn er den Abt im Kapitel über „Die Sorge für die Ausgestossenen“ mit einem Arzt vergleicht:17

Mit größter Sorge muss der Abt sich um die Brüder kümmern, die sich verfehlen, denn nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Daher muss der Abt in jeder Hinsicht wie ein weiser Arzt vorgehen. (RB 27, 1–2a)

Im folgenden Kapitel über „Die Unverbesserlichen“ weitet er die Arzt-Metapher aus und gibt die Reihenfolge der „Behandlungen“ an:

Wenn ein Bruder öfter für ein Vergehen zurechtgewiesen und wenn er sogar ausgeschlossen wurde, sich aber nicht gebessert hat, verschärfe man die Strafe, das heißt, er erhalte noch Rutenschläge. Wenn er sich aber auch so nicht bessert oder wenn er gar, was ferne sei stolz und überheblich sein Verhalten verteidigen will, dann handle der Abt wie ein weiser Arzt. Er wende zuerst lindernde Umschläge und Salben der Ermahnung an, dann die Arzneien der Heiligen Schrift und schließlich wie ein Brenneisen Ausschließung und Rutenschläge. Wenn er dann sieht, dass seine Mühe keinen Erfolg hat, greife er zu dem, was noch stärker wirkt: Er und alle Brüder beten für den kranken Bruder, dass der Herr, der alles vermag, ihm die Heilung schenkt. Wenn er sich aber auch so nicht heilen lässt, dann erst setze der Abt das Messer zum Abschneiden an. Es gelte, was der Apostel sagt: „Schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte.“ Und an anderer Stelle: „Wenn der Ungläubige gehen will, soll er gehen.“ Ein räudiges Schaf soll nicht die ganze Herde anstecken. (RB 28, 1–8)

Wenn einer zum Abt gewählt wird, erwartet man von ihm einen Leitspruch. Mir fiel spontan Unitas in diversitate ein. In der deutschen Übersetzung „Einheit in Vielfalt“ sind zwei Richtungen enthalten: einerseits möge sich die eine Klostergemeinschaft optimal in die vielen Talente und Charismen ausfalten – andererseits sollen die individuellen Eigenheiten und Fähigkeiten der Mitbrüder immer auf die eine gemeinsame Mitte zentriert werden. Unschwer ist zu erkennen, dass in der gegenwärtigen Zeit des schier unbegrenzten Individualismus das Zweite das Schwierigere geworden ist. Darauf muss sich das Augenmerk des Abtes richten, auch dann wenn er mitten im Dschungel von Ansprüchen und Erwartungen steht. „Führung bestehe zu 80% in Kommunikation“, heisst es von der einen Seite, „ein Abt habe heute 70% seiner Zeit für das Fundraising einzusetzen“, tönt von der andern Seite.18 Auf der Gratwanderung dieser Aporien helfen Reglemente und Organigramme wenig. Da ist vom Abt und jeder Führungsperson persönliche Reife, Mut zur Entscheidung und Übernahme von Verantwortung gefordert. Dabei bleibt der Führende zwangsläufig ein Einsamer, was wohl nur aufgefangen werden kann in einem Urvertrauen oder Glauben. Das Bleibende der Regula Benedicti ist der unbedingte Vorrang der Achtung vor der einzigartigen, unverwechselbaren Persönlichkeit des Menschen, mit dem ich es zu tun habe. Spiritualität heisst, das Wort einlösen, das Gott gesprochen hat, als er mich ins Leben rief. Das gilt für mich selber und für jeden meiner Mitmenschen und Mitarbeiter. Ich bin überzeugt, dass auch ein KMU letztlich nur erfolgreich ist und seine humanitäre Funk­tion innerhalb der Gesellschaft erfüllt, wenn es sich diesen Primat immer wieder bewusst macht. In diesem Sinne ist und bleibt die Regula Benedicti eine Leitlinie bei Führungs- und Organisationsaufgaben.


Veranstaltungen

Ein Tag mit Benediktiner-Abt Daniel Schönbächler 
Kloster Disentis: Persönlichkeit - die Grundlage gelingender Kommunikation 

 

 

  • ZfU International Business School
  • Im Park 4 - CH-8800 Thalwil/Zürich
  •