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Hans A. Wüthrich

ZfU-Faculty: Strategische Unternehmensführung & Entrepreneurship
Fachbereich Strategische Unternehmensführung
Lehrauftrag für Strategisches Management

Inhaber des Lehrstuhls für Internationales Management an der Universität der Bundeswehr, München



Dr. Andreas Philipp

Lehrbeautragter an der Universität der Bundeswehr München. Partner der Phil-Os Managementberatung, München



Dr. Dirk Osmet

Lehrbeautragter an der Universität der Bundeswehr München. Partner der Phil-Os Managementberatung, München

 

Musterbruch erwünscht: Warum wir neues Denken in der Unternehmensführung brauchen!

Der Hochseilartist Carl Walenda wurde während einer Vorführung in Brasilien von einer Windböe aus dem Gleichgewicht gebracht. Er hätte nur die Balancierstange loslassen und sich am Hochseil festhalten müssen. Stattdessen hielt er krampfhaft die Stange fest – solange, bis er am Boden aufschlug.

So lange krampfhaft an Bekanntem und Bestehendem festhalten, bis …?

Wir gerieten ins Stocken, wurden unruhig, haben über unsere eigenen Überzeugungen, Denkweisen und Wissensparadigmen nachgedacht. Was müssen wir wegwerfen? Was wird sich auch in Zukunft bewähren?

Wie lange arbeiten Sie z.B. schon mit den bewährten Tools des Projektmanagements, den Ansätzen des strategischen Managements, den Instrumenten eines zielgruppenfokussierten Marketings? Aus welcher Zeit stammt Ihr Wissen, wie man Unternehmen führt – auf welcher Grundlage wurden Sie ausgebildet? An welchen Mustern orientieren Sie sich?

Könnte es möglich sein, dass Sie über viele Jahre hinweg in stabilen Branchen, mit in etwa berechenbaren Kunden auf bekannten Märkten zu tun hatten?

Dann Vorsicht – es könnte sein, dass Sie versuchen, mit den Mustern von gestern die Probleme von heute zu lösen. Provokativer formuliert: Sie könnten sich zu lange an Ihrer «Balancierstange» festhalten, bis ...

Karl E. Weick, Professor für Organisationales Verhalten und Psychologie an der Universität von Michigan in Ann Arbor, gibt einen mutigen Rat für das Management im 21. Jahrhundert: «Drop your Tools!» - ‹Werft eure Werkzeuge, eure Gewohnheiten, die Art, wie ihr mit Menschen umgeht, die zwanghafte Neigung, alles unter Kontrolle haben zu wollen, über Bord.›

Globalisierung, Dynamik, Vernetzung, Stakeholder-Ansprüche, erodierende Märkte, neue Konkurrenten, Virtualisierung der Wertschöpfung etc. haben in den letzten 15 Jahren so ziemlich jede Grundlage verändert, auf der noch heute viele Lehrbücher der Betriebswirtschaft und Managementlehre aufbauen. Die Zeit des Managements von Stabilität ist spätestens seit der Jahrtausendwende vorbei. Heute erleben wir ein sich permanent änderndes wirtschaftliches Umfeld – das Management von Instabilität wird zur zentralen Herausforderung für jedes Unternehmen. Dabei ist die Diagnose eindeutig:

Die Komplexität, mit der Führungskräfte umgehen müssen, steigt gewaltig!

Gerade unter diesem sich aufbauenden Druck beobachten wir reflexartiges Handeln und den Rückgriff auf vermeintlich bewährte Handlungsmuster. Derartige Automatismen haben durchaus ihre Berechtigung. Auf der einen Seite entlasten sie in Phasen zunehmender Unsicherheit und Instabilität. Auf der anderen Seite bleiben mehr und mehr ungute Gefühle bei Führungskräften und Mitarbeitern zurück. Hier nur exemplarisch die Ergebnisse einiger Studien:

  • Laut einer Untersuchung des Management-zentrums St. Gallen glauben 82 Prozent der Manager, dass ein radikaler Wechsel im Managementdenken erforderlich ist.
  • Nach Costas Markides, Leiter der Strategieabteilung der London Business School, verbringen Manager „… mehr als 60% ihrer Zeit mit Planung – die meisten dieser Planungsrunden werden als Zeitverschwendung angesehen.“
  • Ca. 20 Prozent der Manager leiden unter berufsbedingten Krankheiten an Herz oder Magen – weit häufiger als die restliche Bevölkerung, so das Karlsruher Institut für Arbeits- und Sozialhygiene.
  • Bis 2020 rechnet die Weltgesundheitsorganisation damit, dass die durch Stress am Arbeitsplatz bedingten depressiven Verstimmungen von heute Platz vier der weltweiten Krankheitsbelastungen auf Platz zwei gestiegen sein werden.
  • Gerade einmal 15 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland sind wirklich engagiert in ihrem Job, so die Ergebnisse einer Untersuchung der Gallup Organization.

Sind das nicht klare Signale an die Verantwortlichen? Macht es nicht – bereits aus Eigeninteresse und ganz pragmatischen Gründen – Sinn, sich etwas näher die Ursachen für eine derartige Ressourcenverschwendung anzusehen?

Ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Führung neu leben – lernen von Musterbrechern“, des Instituts für Internationales Management an der Universität der Bundeswehr in München, hat dies getan.

Die Autoren identifizierten sieben Handlungsreflexe, die in der Tiefenstruktur vieler europäischer Unternehmen verwurzelt sind, deren Führungsverhalten nachhaltig prägen und letztendlich einen entscheidenden Einfluss auf die Art der Unternehmensführung haben:

Muster 1: Führung steuert! Der Kapitän muss auf die Brücke.
Spätestens in Krisenzeiten muss die Führungskraft ans Ruder, klare Direktiven werden ausgegeben und definierte Massnahmen bringen das Unternehmen wieder auf Kurs.

Muster 2: Führung kontrolliert! – Vertrauen hat seine Grenzen.
Es gibt zu viele Anspruchsgruppen, jeder will mitreden, wer hat schon alle Informationen. Wir brauchen klare Regeln, nach denen wir Systeme auslegen – und diese Regeln machen nur Sinn, wenn ihre Einhaltung auch kontrolliert wird.

Muster 3: Führung standardisiert! – Normierung schafft Skaleneffekte.
Führung funktioniert mittels Standards und Normen. Beherrschbarkeit ist das Ziel, Normierung und Standardisierung sind die Mittel.

Muster 4: Führung entscheidet rational! – Es kannnur eine richtige Lösung geben.
In einem Unternehmen muss mit Hilfe bewährter, auf Fakten basierender, rationaler Entscheidungsmethoden die Objektivierung jeder Entscheidungssituation gelingen.

Muster 5: Führung sucht den kurzfristigen Erfolg! – Langfristig sind wir alle tot.
Bei aller geforderten Nachhaltigkeit: Das Problem tritt jetzt auf, die Lösung muss schnell gefunden werden. Volle Auftragsbücher für die nächsten zwei Jahre helfen wenig, wenn kurzfristig nicht Kapitalmärkte und Shareholder befriedigt werden.

Muster 6: Führung beschleunigt! – Zeit ist Geld.
Der Zeitwettbewerb lässt uns keine Wahl. Spätestens seit Frederick Winslow Taylor, der mit der Stoppuhr in der Hand sein Scientific Management begründete, ist es eindeutig: Schneller ist besser!

Muster 7: Führung orientiert sich an Rahmenbedingungen! – Man kann nicht alles ändern.
Das Wirtschaftssystem ist in einen äusseren Rahmen aus Politik, Medien, Staat eingebettet, der gangbare Wege bereits im Vorfeld festlegt. Daran kann man nichts ändern.

Wie vielen Punkten stimmen Sie zu?

Diese Liste erhebt selbstverständlich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Dennoch sind diese sieben reflexhaft eingesetzten Muster weit verbreitet. Sie stammen aus einer Zeit, in der Märkte noch ungesättigt und Branchen klar zuzuordnen waren – einer Zeit, in der es eher um ein mechanistisches Verwalten, Organisieren und Managen denn um das kreative Navigieren im Sturm ging.

Mag es noch so schwer fallen, wir müssen es akzeptieren: Die von vielen Unternehmen heute angewendete Managementlehre ist eine Lehre von Führung in stabilen Umfeldern. Die Marktverschiebungen und die gesellschaftlichen Veränderungen sind jedoch so gravierend, dass die Erfolgsmuster von gestern den Misserfolg von morgen bedeuten. Was wir zurzeit dringend benötigen, ist Anwendungs-Wissen für das Management von Instabilitäten.

Unternehmens-Führung mit einer anderen Haltung!

Sollen Führungskräfte nicht mehr steuern, blind vertrauen, auf alle Synergien verzichten, nach Gefühl entscheiden, nur an die Zukunft denken, kontemplativ den Stillstand zelebrieren und alle Sachzwänge ignorieren?

Nach der Untersuchung von mehr als 30 «Musterbrechern» u.a. aus Industrie und Wirtschaft, Kirche, Kunst, Staat, Armee, Schauspiel kommt das Forschungsprojekt zu folgendem vorläufigen Schluss:

Der Gegenreflex, wie oben pointiert formuliert, wird nicht die Lösung sein. Vielmehr wird es darauf ankommen, dass sich Führungskräfte zu Meistern im Umgang mit paradoxen Situationen entwickeln und …

  • die Nicht-Steuerbarkeit steuern
  • der vertrauten Kontrolle misstrauen
  • die Vielfalt als Standard etablieren
  • rational Gefühle zulassen
  • kurzfristig weitsichtig sind
  • im Beschleunigen innehalten
  • sich SELBST als den grössten Sachzwang erkennen

Zu abstrakt? Zwei Beispiele, die in aller Kürze sicherlich nur die Grundidee erläutern können.

Individuelle Vielfalt als Standard bei W.L. Gore & Associates:

Gore – 6.000 Mitarbeiter, 45 Werke, 1,3 Mrd. Dollar Umsatz – kennt keine Assessmentverfahren. Bei Neueinstellungen steht die individuelle Stärke des Einzelnen im Mittelpunkt. In einem ausgiebigen Prozess des gegenseitigen kennen lernens spricht der Bewerber mit allen, mit denen er später im Team zusammenarbeiten soll. Wenn sich diese Gruppe für ihn entscheidet, wird sein neues Tätigkeitsfeld nicht anhand einer detaillierten Stellenbeschreibung festgelegt, sondern das Team ordnet die anstehenden Aufgaben selbst. Oberstes Ziel ist es, das der neue Mitarbeiter gemäss seiner Fähigkeiten sein Bestes leisten und möglichst schnell an seiner Aufgabe wachsen kann.

Sachzwang durchbrechen – das alternative Geschäftsmodell von Betapharm:

Der viertgrösste Generika-Hersteller Deutschlands, Betapharm, mit 160 Millionen Euro Umsatz, stellt absolut austauschbare Produkte her. Nach der Gründung im Jahre 1993 glaubte man, sich über den Preis differenzieren zu können. Doch diese Strategie schlug fehl, als die Grossen der Branche – Ratiopharm, Hexal und Stada – Betapharm als Konkurrenz wahrnahmen. Daraufhin besann sich der Geschäftsführer Peter Walter auf seine feste Überzeugung: Unternehmen sind für Menschen da und nicht umgekehrt! So entschied sich das Unternehmen, konsequent soziale Verantwortung zu übernehmen. Mittlerweile wird alles Geld, das andere Unternehmen in die klassische Kundenbindung durch Werbegeschenke und Werbung stecken, fast zwei Prozent des Umsatzes, in soziale Projekte investiert. Ärzte und Apotheker sind die eigentliche Zielgruppe von Betapharm. Man verzichtet auf den goldenen Kugelschreiber oder die Fortbildungsreise nach Kitzbühl, sondern bietet kompetente und umfassende Beratung. Betapharm hat sich dem Sachzwang – nur über Kostenführerschaft, Preiskampf und ‚aggressive’ Werbung erfolgreich sein zu können – entzogen und «Social Responsibility» zum strategischen Wettbewerbsvorteil ausgebaut!

Schön und gut, nette Beispiele, nachvollziehbare Überlegungen – aber wo soll ICH anfangen?

Eine Unternehmens- und Führungskultur, die Paradoxien akzeptiert und zulässt, kann nur langsam und in kleinen Schritten entstehen. Führungskräfte, die Interesse daran haben, aus eingefahrenen Verhaltensweisen auszubrechen, können bei sich und in ihrem eigenen Führungsbereich anfangen – kontinuierlich und Schritt für Schritt. Wem es gelingt, gelegentlich inne zu halten und das eigene Handeln zu hinterfragen, wer bewusst einmal eine andere Haltung einnimmt und einen der „Anti-Reflexe“ gedanklich ausprobiert, der hat bereits den ersten Schritt getan. Nach und nach können so Routinen durchbrochen und im eigenen Bereich eine alternative Führungskultur gelebt werden.

Es geht nicht um Tools. Es geht um Ihre Haltung, mit der Sie Führung leben!

Wir werden gar nicht daran vorbeikommen, dass Führungseliten auch [wieder] verstärkt Reflexionseliten sein müssen. Wirtschaft ist nicht abgekoppelt vom sozialen Leben einer Gesellschaft. Führungskräfte sind immer auch ein Spiegelbild der aktuellen gesellschaftlichen Situation, man schaut auf Sie – innerhalb und ausserhalb des Unternehmens.

Mut, eigene Wege zu gehen, unabhängig zu bleiben und dennoch vernetzt zu sein, scheint zwingend notwendig – in einer Zeit, in der wir alle die «… selben Zulieferer haben, unsere Prozesse nach gleichen Schemata optimieren, von den gleichen Beratern beraten werden und an den selben Managementkongressen das gleiche Wissen gelehrt bekommen, wie man Unternehmen zu führen hat» (in Anlehnung an ein Originalzitat eines Top Managers der Automobilindustrie am WEF 2005 in Davos).

Und letztendlich entscheidet über die «Qualität» der eigenen Haltung immer die Sichtweise des anderen. Bin ich in der Lage, meine Vorstellung vom «richtigen und erfolgreichen Weg» in Interaktion mit den Menschen um mich herum zu bringen? Weiss ich wirklich, was meine Kunden wünschen, wie meine Lieferanten «best in class» werden können, welche Punkte meinen Mitarbeitern wichtig sind, worauf meine Shareholder Wert legen und was die Gesellschaft von mir als Unternehmer und Top Manager fordert? Bin ich also in Beziehung, mit dem System, für das ich freiwillig Verantwortung übernommen und für eine Zeit geliehen bekommen habe?

Die Antwort auf die Frage also, was (Unternehmens-)Führung im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert auszeichnet, ist einfach und schwierig zu gleich: Arbeiten Sie an Ihrer Haltung – Beginnen Sie bei Sich!


Veranstaltungen

Der VR-Präsident - Das Praktiker-Seminar für erfahrene VR-Persönlichkeiten 
Dipl. HR Business Partner - Diplomlehrgang für HR-Professionals 
Diplomlehrgang Strategische Unternehmensführung 
Führen von Stammhaus & Töchtern 
Strategie-Tag mit Professor Wüthrich 
Strategisches Management 
Zertifizierter Verwaltungsrats-Lehrgang - Modul 1 

 

 

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