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Karlheinz Kurt Naumann

aus São Paulo

 

Brasilien und Lateinamerika: Wachstumsmärkte trotz sozialistischer Rahmenbedingungen?

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Lateinamerika wird, was den Sozialismus angeht, früher oder später von der Wirklichkeit überholt werden, denn Marx hat ausgedient:

  • DDR, UdSSR, Jugoslawien und andere kommunistische Länder(wobei die DDR für mich als Berliner nie ein Land war), deren Namen heute nur noch in Geschichtsbüchern zu finden sind,sind vergessen, in Venezuela hätte Chávez ohne Öl keine Überlebenschance,Nordkorea und Kuba befinden sich „in Wartestellung“ und Rotchina praktiziert Frühkapitalismus
  • der „zum Untergang verurteilte Kapitalismus“ mit seinen freien Märkten und der privatwirtschaftlichen Initiative blüht
  • selbst in den sozialistisch angehauchten Ländern Lateinamerikas sind Imperialismus, Ausbeutung, Proletariat und Bourgeoisie kaum gehörte Begriffe und Planwirtschaft hat wenig Chancen, wenn man vielleicht von Venezuela absieht.

Allerdings gibt auch der Kapitalismus Anlaß zu Fragen, die mit Globalisierung, Liberalisierung und Freihandel zusammenhängen sowie mit Konzentration von Wirtschaftsmacht, die Konzernen mehr Einfluß auf die Weltwirtschaft gibt, als sie viele Staaten haben.

Glücklicherweise hat sich die Privatwirtschaft von der Politik in Lateinamerika ziemlich abgekoppelt
und eine linksgerichtete Regierung ist nicht gleich eine Katastrophe, es sei denn, sie
verstaatlicht wie in Bolivien die Erdöl- und Erdgasgesellschaften und setzt sich über bestehende
Lieferverträge hinweg.

Die These Marx’s von der Verelendung der Arbeitermassen stimmt auch in den armen Ländern Lateinamerikas nicht, noch weniger z.B. in Brasilien, auch wenn er Recht hatte mit der bis heute bestehenden ungleichmäßigen Verteilung von Einkommen und Produktionsvermögen.

Dieses Ungleichgewicht ist sicher einer der Gründe für die hohe Kriminalität Lateinamerikas,die das Leben nicht nur der Bevölkerung schwer macht, sondern auch Geschäfte mit und in Lateinamerika belastet. Laut UNO werden in Lateinamerika dreimal mehr Menschen mit Feuerwaffen umgebracht als im Weltmittel, 60 % aller weltweiten Entführungen finden in Lateinamerika statt und die Kriminalität kostet nur für die Wiederherstellung der Infrastruktur und den Unterhalt der Ordnungskräfte 23 Mrd. € jährlich. Alle Länder dieser Region, selbst Chile, sind gleichermaßen betroffen. Der brasilianischen kriminellen Organisation PCC (Primeiro Comando da Capital, d.h. São Paulo) wird nachgesagt, daß sie 230.000 € pro Woche „verdient“ und nötigenfalls über 150.000 Verbrecher verfügt. Eng verbunden mit der Kriminalität ist die Korruption der Behörden, Justiz und Polizei inbegriffen.

Das Managermagazin hat eine Riskmap 2007 veröffentlicht, danach sind die hier interessierenden Länder so eingestuft:

Land Politisches Risiko Sicherheitsrisiko
Argentinien mittel niedrig
Brasilien mittel niedrig
Chile niedrig niedrig
Venezuela hoch mittel

Bevor diese Länder der Reihe nach betrachtet werden, muß allgemein gesagt werden, daß der ausländische Geschäftsmann in Lateinamerika, regional mehr oder weniger ausgeprägt, nach wie vor auf auslegungsbedürftige regulatorische Rahmen mit manchmal hoher Rechtsunsicherheit stößt, die Korruption noch lange nicht eingedämmt ist und selbst die Gefahr von Enteignungen wie jüngste Beispiele in Bolivien, Venezuela und selbst Brasilien zeigen, nicht von der Hand zu weisen ist.

Argentinien

Das Land hat 36 Mio. Einwohner, von denen 11,5 Millionen im Großraum Buenos Aires und über 89 % in Städten wohnen. Die Krise von 2002 ist überwunden und 2005 überstieg das BIP endlich wieder den hohen Wert von 1998. Argentinien importiert zu 68 % für den verarbeitenden Sektor für Industrieerzeugnisse, zu 22 % Dienstleistungen, zu 5 % für den Sektor Energie und Brennstoffe, 3 % Rohstoffe und 2 % für den verarbeitenden Sektor für Erzeugnisse aus der Agrarproduktion.

In Argentinien wird 2007 der Präsident gewählt und bis heute ist nicht klar, ob sich Kirchner der Wiederwahl stellt oder seine Frau Cristina vorschickt, die als populäre Senatorin gute Chancen hat und ihrem Mann die Möglichkeit geben könnte, sich nach ihrer Amtszeit wieder wählen zu lassen. Argentinien praktiziert Preiskontrolle und brät Extrawürste im Mercosur, was ein Zusammenwachsen der Mercosurländer ernsthaft behindert.

Die Wirtschaft wächst mit hohen BIP - Zuwachsraten - 2007 werden es 8,5 % sein und das BIP wird 338,1 Mrd. US$ erreichen -, aber von einem niedrigen Niveau aus. Dazu waren harte Maßnahmen Kirchners nötig:

  • Anhebung von Gehältern (die Unterscheidung von Lohn und Gehalt existiert hier nicht) und Renten (ebensowenig der zwischen Rente und Pension) zur Hebung der Kaufkraft
  • Preiskontrolle
  • Abwertung des Peso
  • Einführung einer Exportsteuer von 5 % auf Industriegüter, 20 % auf Commodities wie Fleisch, Soja, Mais und Weizen) und 35 bis 40 % auf Erdöl und seine Derivate

Gleichzeitig wurden die Auslandsschulden des Staates neu verhandelt und nur mit 30 % ihres Wertes bedient.

Die Weltwirtschaftslage begünstigte Argentinien, sein Export stieg von 29,6 Mrd. US$ in 2003 auf 46 Mrd. US$ in 2006. Die jährliche Handelsbilanz ist positiv mit 11 Mrd. US$. Der Bausektor boomt und wuchs 2005 um 22,7 % und 2006 um 19,6 %. Die Investitionen betragen 22 % des BIP, meist handelt es sich dabei um argentinisches Kapital. 2006 erreichten die Währungsreserven fast 28 Mrd. US$. Das Land emittiert jährlich 31 Mrd. Pesos, was inflationär wirkt, die Inflation beträgt über 10 % im Jahr und würde ohne staatliche Kontrolle wahrscheinlich 15 % erreichen. Weitere Risiken liegen in der Energieversorgung, das Angebot an Elektroenergie wächst weniger als die Nachfrage, weil wegen der unzureichenden Energiepreise niemand in Kapazitätsausweitung investiert. Auch darf nicht unterschätzt werden, daß die Regierung unverhofft und unvorhersehbar in die Wirtschaft eingreift und die Spielregeln ändert.

Günstig ist die Lage vor allem für Exporteure, die ihre Produkte im Maschinenbau, der IT - Branche, der Papierindustrie, der Pharmaindustrie und bei Kraftfahrzeugteileherstellern absetzen wollen. Eine spezielle Nische sind Erdgasleitungen. Die Umwelttechnik gewinnt zunehmend an Bedeutung, 2007 findet deshalb die Weltwindenergiekonferenz WWEC - World Wind Energy Conference and Exhibition in Argentinien statt.

Brasilien

Brasilien hat kontinentale Ausmaße und ebenso große Probleme, aber auch Chancen. Die Bevölkerung beträgt schon fast 190 Mio. Einwohner, die sich sehr ungleich verteilen, so leben z.B. nur 7 % der Bevölkerung im Norden Brasiliens auf knapp der Hälfte der gesamten Fläche des Landes, während im Südosten sich auf 42 % der Fläche 43 % der Einwohner drängen.

Das Bruttoinlandsprodukt von 605 Mrd. US$ in 2004 setzt sich so zusammen: 53,2 % Dienstleistungen,37,2 % Industrieproduktion, 9,6 % Agrarwirtschaft

Diese Struktur zeigt eigentlich, daß Brasilien den Status eines Schwellenlandes bereits verlassen hat, auch wenn es regional durchaus Entwicklungslandcharakter trägt.

Nach der Wiederwahl Lulas könnten die großen ausstehenden Reformen als da sind Steuerreform, Gesundheitsreform, Sozialversicherungsreform, Politische Reform und Justizreform angepackt werden, obwohl die Vergangenheit zeigt, daß die Wahrscheinlichkeit dafür gering ist. Auch das von Lula aus dem Zylinder gezauberte PAC - Programm zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums stößt auf Widerspruch und Skepsis. Ein großes Problem ist aktuell der schwache Dollar bzw. der starke Real, der den Import fördert und den Export hemmt, was aufgrund von Preissteigerungen bei Commodities nicht unbedingt sofort ersichtlich ist. Insgesamt 14 Sektoren sind von den Importen beeinträchtigt, sie verloren letztes Jahr 19,6 Mrd. R$ an lokaler Produktion, z.B. waren es 8 % bei Elektronikerzeugnissen, 6,2 % bei Transportmitteln und 3,8 % bei Textilien. Dagegen hilft nur eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Industrie. Dazu reicht allerdings die im PAC (Programm für die Beschleunigung des Wachstums) vorgesehene Steuererleichterung von 6 Mrd. R$ bei einer Gesamtbesteuerung der Unternehmen von 800 Mrd. R$ nicht aus, denn magere 0,7 % sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Industrialisierung ist weit vorangeschritten, dieses Jahr wird Brasilien mehr im Ausland investieren als das Ausland in Brasilien, die Grenze vom Schwellenland nach oben ist regional bereits überschritten.

Chile

Chile ist ein Land mit nur 15 Mio. Einwohnern, von denen ein Drittel in der Hauptstadt leben. Die Ausmaße des Landes sind außergewöhnlich, 180 km durchschnittliche Breite bei 4265 km Länge.

Chile ist ohne Zweifel immer noch Musterland Lateinamerikas. Es hat zwar in Michelle Bachelet eine linke Präsidentin, aber während der Diktatur hatte das Land Gelegenheit, die nötigen Reformen schnell und gründlich zu erledigen und das Glück, sie in der nachfolgenden anhaltenden demokratischen Epoche zu festigen. Die erste Präsidentin des Landes, in dem Wahlpflicht herrscht, steht vor der Herausforderung, die Früchte des anhaltenden Wirtschaftswachstums vor den Begierlichkeiten von Interessensgruppen zu schützen, was ihr aller Voraussicht nach gelingen wird. Dieses Ausnahmeland kann Geschäftsleuten uneingeschränkt wegen seiner geringen Korruption, den festen und beständigen Regeln und der hohen Rechtssicherheit empfohlen werden. Die chilenische Regierung hat es auch durch zahlreiche Freihandelsabkommen verstanden, sich den Zugang zu vielen Märkten zu verschaffen, die ideologisch verblendeten Regierungen anderer Länder verschlossen bleiben. Chile hat auch bewußt auf die Vollmitgliedschaft im Mercosur verzichtet, weil man mit der Marktöffnung schon weiter ist als z.B. Argentinien und Brasilien. So beträgt der einheitliche Einfuhrzoll nur 6 %, gilt aber nur noch für ein Drittel der Importe, deshalb betrug der effektive durchschnittliche Satz 2004 nur 2,1 % und für Lieferungen aus Deutschland 1 %, ein Paradies im Vergleich zu Brasilien, aber leider nur ein kleines, 2005 importierte das Land Güter für 32,6 Mrd. US$ und exportierte für 40,6 Mrd. US$. Deutschland ist fünftgrößter Lieferant Chiles und exportiert vor allem Maschinen, Hochtechnologieprodukte, chemische Erzeugnisse und Fahrzeuge.

Die chilenischen Problemfelder sind schnell genannt: Hohe Abhängigkeit vom Kupfer- und Zelluloseexport und daraus resultierende Verletzlichkeit, sehr ungleiche Einkommensverteilung, steigende Kriminalität und verbesserungsbedürftige Infrastruktur.

Der Kurs des Peso ist frei von jeglichen staatlichen Einflüssen, die Inflation niedrig (3 - 4 % per annum) und das BIP wächst mit über 6 % im Jahr und erreichte 2006 einen Wert von 140 Mrd. US$, die Devisenreserven betrugen über 17 Mrd. US$. Übrigens ist das BIP des sogenannten Interiors des Bundesstaates São Paulo, also ohne die Stadt São Paulo, größer als das Chiles.

Was Chile für ausländische Geschäftsleute attraktiv macht, sind diese Stärken:

  • Liberaler Handel mit 166 Nationen
  • Diverse Freihandelsabkommen

 

 

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