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Innovation und Verwaltungsrat, geht das zusammen? Dieser scheinbare Widerspruch
fusst in der immer noch weit verbreitenden Vorstellung des Verwaltungsrats (VR)
als Kopfnickergremium und Altherrenclub mit dem man vielleicht Starrheit, Passivität
oder gar Unfähigkeit aber sicherlich nicht Innovation verbindet. Diese Zeiten
sind nicht nur wegen dem Swissair-Grounding seit längerem vorbei. Spätestens
mit der vorletzten Aktienrechtsrevision anfangs der 90er Jahre ist der VR oberstes
Führungsorgan und mit einer langen Liste herausfordernder Aufgaben konfrontiert
(siehe OR 716a).
Obschon der Verwaltungsrat gemäss Schweizerischem Aktienrecht nicht direkt
für Innovationen im Unternehmen verantwortlich ist, so ist er trotzdem
indirekt vielmehr Ideenrat als „Verwaltungs“-Rat. Dies deshalb,
weil er viele unentziehbare Aufgaben mit Innovationskomponenten zu erfüllen
hat. Erstens ist er im Rahmen seiner Oberleitungsaufgabe letztlich verantwortlich
für die Unternehmensstrategie und das praktizierte Risikomanagement. Zweitens
ist er u.a. auch verantwortlich für die Finanzen im Unternehmen und muss
die Finanzierung (auch von Innovationen) sicherstellen. Drittens ist er als
oberstes Personalorgan zuständig für die Qualität des Managements.
Die erste dieser drei innovationsorientierten VR-Aufgaben impliziert einen
strategischen Dialog zwischen VR und der Geschäftsleitung, damit der VR
einerseits über die aktuellen Chancen und Risiken im Bilde ist und andererseits
der Geschäftsleitung auch wertvolle Impulse zur Weiterentwicklung des
Unternehmens geben kann. Mario Fontana, VR-Präsident bei vielen innovativen
Unternehmen wie Amazys (Bildbearbeitung), Swissquote (Online-Börsenhandel)
und ehemals bei Leica Geosystems benützt zur Thematisierung und Abgrenzung
der Aufgaben zwischen VR und GL die folgende Abbildung (1):

Abb. 1: Aufgabenteilung im Innovationsmanagement zwischen VR, GL und operativer
Führung (Quelle: in Anlehnung an Mario Fontana)
Dabei kann man zwischen drei Innovationstypen unterscheiden. Erhaltende Innovationen
sind solche, die dem Unternehmen die Teilnahme am Wettbewerb ermöglichen.
Dazu gehören prozessuale Änderungen aufgrund neuer gesetzlicher Anforderungen,
neue aber branchenübliche Preismodelle oder umweltfreundlichere Produktionsmethoden,
wie Sie auch der grosse Teil der Konkurrenz einsetzt. Verbessernde Innovationen
zielen darauf ab, das Kosten- und/oder Nutzenverhältnis gegenüber
der Konkurrenz zu verbessern. Dazu gehören viele Prozessinnovationen von
Toyota während der 1980er und 1990er Jahre. Sprung-Innovationen sind schliesslich
Ideen und Konzepte, bei denen ein Unternehmen etwas völlig Neues wagt.
Beispiele dafür sind der Eintritt in eine neue Branche, die erstmalige
Anwendung einer neuen Technologie oder die radikale Umstellung der betrieblichen
Wertschöpfungskette. In Abb. 1 ist ersichtlich, dass sich der VR insbesondere
darauf fokussieren sollte, im Unternehmen Verbesserungs-Innovationen auszulösen.
Zu einem kleineren Anteil sollte er aber auch Impulse geben, damit von Zeit
zu Zeit Sprung-Innovationen ermöglicht werden. Währenddessen liegt
der Fokus bei der Geschäftsleitung noch stärker auf den Verbesserungs-Innovationen.
Das zweite Element des VR-Innovations-Dreiecks ist eine straffe finanzielle
Führung. Straff heisst dabei nicht, dass der VR als Erbsenzähler
walten soll, sondern dass er einen Blick in den Rückspiegel (bzw. auf
die Zahlen) werfen muss, um den Risikoappetit des Unternehmens richtig einzuschätzen.
Nur so kann er kurzfristig die Liquidität sicherstellen, mittelfristig
neue unternehmerische Risiken nehmen und dadurch die langfristige Finanzierung
neuer Ideen überhaupt erst ermöglichen. Oder mit den Worten von Jack
Welch, dem Präsident von General Electric; «You can’t grow
long term if you can’t eat short term. Anybody can manage short. Anybody
can manage long. Balancing those two things is what management is».
Damit die beiden bereits diskutierten Aufgaben vom VR überhaupt wahrgenommen
werden können, ist eine gute Qualität des Managements unabdingbar.
Das Management motiviert und rekrutiert seinerseits die innovativen Mitarbeiter
und sorgt durch ein Vorleben der unternehmerischen Wertvorstellungen für
ein innovationsfreundliches Klima. Deshalb sollte der VR als Ideenrat immer
darauf bedacht sein, die wichtigen Positionen im Unternehmen mit veränderungswilligen
Führungskräften zu besetzen und diesen auch eine entsprechende Entwicklungsperspektive
im Unternehmen bieten. Nur so kann er die Kräfte ans Unternehmen binden,
die letztlich eine gute Idee zu einer am Markt erfolgreichen Innovation machen.
Bei der Diskussion vom VR als Ideenrat darf nicht vergessen werden, dass der
VR Innovationen nur ermöglichen und nicht top-down erzwingen kann. Mario
Fontana meint dazu, dass Innovationen häufig aus dem Unternehmen „gezogen“ werden
müssen und dazu gibt es einige Faktoren, die dies begünstigen. Das
eine ist sicherlich die vom Management (und VR) vorgelebte Unternehmenskultur.
Jacob Schmidheiny der VR-Präsident der Conzetta Holding bezeichnet das
als „tone on the top“ und meint damit die Offenheit und das (nicht
blinde) Vertrauen der Führung gegenüber neuen Ideen und Konzepten.
Dazu gehört auch eine gewisse Fehlertoleranz die sich daraus ausdrückt,
dass erfolglose Versuche „Neues zu wagen“ nicht hart sanktioniert
werden, sondern die Mitarbeiter ermutigt werden, immer wieder neues zu denken
und umzusetzen. Der VR ist in diesem Sinn nicht nur Ideenrat, sondern am Ende
des Tages auch Sinnstifter für die im Unternehmen arbeitenden Mitarbeiter.