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Das klassische Management-Dilemma: Trotz – oder gerade infolge – steigender
Komplexität müssen rasche Entscheidungen getroffen werden. Und die
richtigen sollten es auch noch sein, hängen doch nicht selten existentielle
Konsequenzen davon ab. Doch in Zeiten der ungebremsten Beschleunigung bringen
nicht die sorgfältig austarierten Entscheidungen den Erfolg, sondern die
schnellen, sozusagen die Quadratur des Kreises dieses Management-Dilemmas: Der
Umgang mit Unsicherheiten bei der Notwendigkeit schneller Entscheidungen verlangt
das Ur-Vertrauen in die Fähigkeit der eigenen Intuition. Und diese Fähigkeit
lässt sich nicht durch Wissen „erarbeiten“, man muss sie erfahren,
erleben.
Der Faktor Zeit
Im Bewusstsein der westlichen Zivilisation steht das kognitiv rationale Denken
im Zentrum unserer Entscheidungen. Wir sind es gewohnt, Vor- und Nachteile
einer Entscheidung mit Intellekt und Ratio abzuwägen, um dann einen „fundierten“ Entscheid
zu fällen. Leider verlangt der ausgewogene kognitiv-rationale Entscheidungs-Prozess
nach vielen, ja gar nach allen, auch nur teilweise relevanten Fakten. Um
auf diesem„westlichen Weg“, zu einer „fundierten Entscheidung“ zu
gelangen, benötigen wir deshalb viel von jener heute knappen Ressource,
welche wir eh nicht haben: Zeit.
Percy Barnevik, erster CEO des ABB-Konzerns, hat bereits Ende der 80er Jahre
erkannt, dass schnelle Entscheidungen gefragt sind. Er proklamierte, dass er
nur „auf Basis von 70%“ aller Fakten entscheidet. Denn, so sein
Credo: Nicht die grossen Unternehmen werden gewinnen, sondern die schnellen.
Bleibt, im westlichen Denkmuster verharrend, zu hoffen, dass er die richtigen
Fakten (Selektion) berücksichtigt hat und die Frage, ob wirklich 70% aller
Fakten abrufbar sein müssen oder ob nicht weniger mehr ist.
Wie aber entscheidet man unter Zeitdruck und ohne relevante Fakten und Informationen,
richtig und schnell? Der Schlüssel dazu heisst Intuition. Die Intuition
beschreibt jene Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte von Entscheidungen
durch spontan sich einstellende Eingebungen zu erlangen. Diese Einsichten kommen
auf einem uns unbewusstem Wege zustande. Und gerade in diesem Unbewussten liegt
die besondere Kraft der Intuition, aber auch das für unsere westliche
Prägung nur schwer fassbare, zweifelhafte und damit nicht besonders vertrauenswürdige.
Zwar hat sich in unserem Sprachgebrauch der Begriff der „Bauchentscheidung“ durchaus
etabliert, doch ist er nach wie vor eher anrüchig. Wer oder was entscheidet
da, was wir wollen und tun, wenn wir unsere Wahl treffen? Gerne pflegen wir
die Illusion der Rationalität, auch wenn wir uns persönlich bewusst
sind, dass in Wirklichkeit der Bauch entschieden hat.
Wer oder was will, wenn wir wollen?
Während führende (westliche) Hirnforscher wie Prof. Gerhard Roth,
Prof. Wolf Singer und der Kognitionspsychologe Wolfgang Prinz sich mit anderen
Wissenschaftlern darüber streiten, ob wir überhaupt einen freien
Willen haben, oder das neuronengesteuerte Unbewusste nicht gänzlich unser
Denken und Handeln steuert, zweifeln Geisteswissenschaftler und Philosophen
die berühmte Schopenhauer-These, dass der Mensch zwar «tun kann,
was er will, aber nicht wollen, was er will» u.a. mit dem Argument der „freien
Erkenntnis von Gut und Böse“ an.
Prof. Gerd Gigerenzer, Berliner Psychologie-Professor und Direktor am Max-Planck-Institut
für Bildungsforschung ist der Überzeugung, dass „unsere Bauchgefühle
unverzichtbar sind für die Orientierung im Leben, ohne sie wären
wir dumm wie Bohnenstroh.“ Ein Grossteil unsers geistigen Lebens vollzieht
sich, nach den Erkenntnissen von Prof. Gigerenzer, unbewusst und beruht auf
Prozessen, die nichts mit Logik zu tun haben.
Intuition oder Projektion?
Der gebürtige Chinese Ron Jue, als Coach und Mitglied der ZfU-Associate
Faculty auf dem Gebiet von „Intuition and Decision Making“ tätig,
zeigt in seinen Workshops mit beeindruckenden Experimenten auf, wie auch westlich
geprägte Führungskräfte ihre Intuition in hektischen Situationen
gezielt einsetzen können und verlässliche Entscheidungen treffen.
Grundlage seiner Experimente sind innere Ruhe, die Fähigkeit Loszulassen
und die dabei entstehenden Gedanken, Impressionen und Bilder vorurteilsfrei
entgegenzunehmen. In seinen Experimenten erfahren Führungskräfte,
wie ihr „intuitive Mind“ auf sämtliche Fragen – auch
auf solche nach Entscheidungen – in Sekundenbruchteilen kraftvolle Bilder
liefert. Diese Bilder sind Metaphern der eigenen Intuition. Durch ein vorurteilsfreies
Hinterfragen dieser Metaphern erkennen wir die Botschaften unserer Intuition.
Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie in den von Ron Jue geführten
Experimenten, die Teilnehmer sich zaghaft vom westlich geprägten Bewusstsein
lösen und sich vorsichtig an das intuitive Potenzial herantasten. Und
wir haben wohl auch gute, rationale Gründe, die Kraft der Intuition in
Frage zu stellen. Denn wer gibt uns die Sicherheit, dass es sich bei unserem „Bauchgefühl“ auch
wirklich um Intuition handelt und uns nicht eine eigene, durch Erfahrung geprägte
Projektion einen Streich spielt?
Ron Jue weiss, dass wenn wir unser rationales Bewusstsein im entscheidenden
Lösungsfindungsprozess nicht abschalten können und zu einem vorurteilsfreien
Beobachten gelangen, der „bewusste“ Zugang zur Intuition nicht
möglich ist. So sind die durch die Intuition kreierten Metaphern wertungsfrei
auf Stimmigkeit zu hinterfragen, denn nur so kann zwischen Intuition und Projektion
unterschieden werden.
Intuition und Instinkt
Führungskräfte, welche sich das eigene Potenzial der Intuition zugänglich
machen wollen, benötigen eine ausgeglichene Work-Life-Balance und damit
ein umfassendes, ganzheitliches Intelligenz-Potenzial (Erkenntnis-Vermögen):
Kognitiv, emotional, somatisch und spirituell. Denn der Stress ist der grösste
Feind der Intuition und versperrt den Zugang zu diesen kraftvollen Metaphern.
In Stress-Situationen neigen wir nicht mehr zu intuitiven Handlungsweisen,
sondern werden ausschliesslich durch den Instinkt geleitet. Der Instinkt sichert
dann primär unser eigenes, kurzfristiges Überleben. Wer im Stress
die Ruhe bewahren will und kann, bleibt souverän und behält den Zugang
zu allen verfügbaren Handlungsoptionen, insbesondere jene, welche uns
durch die Intuition quasi frei Haus geliefert werden.
Wer aber in speziellen Belastungs-Situationen durch schlechte Stress-Balance
ausschliesslich noch durch den Instinkt gesteuert wird, hat leider nur noch
Zugriff auf die uns zur Verfügung stehenden 3 „animalischen“ Handlungsoptionen
des Instinkts. Diese, durch die ureigene, im limbischen System, dem Kleinhirn
ausgelösten Persönlichkeits-Impulse sind entweder Angriff, Totstellen
oder Flucht. Und hier unterscheidet sich dann der Mensch auch nicht vom Tier,
denn auch dieses wird in entsprechenden Stressmomenten ausschliesslich durch
diese instinktiven Impulse bestimmt und gesteuert.
Ob aber auch Tiere über eine intuitive Assoziation verfügen, darüber
streiten sich die Wissenschaftler genauso, wie darüber, ob wir Menschen
wirklich einen freien Willen haben oder doch nur unser Dasein von durch höhere
Existenzen neuronengesteuerte Automaten fristen. Denn wo Wissen nicht ausreicht,
da entscheidet der Glaube. Deshalb gilt – nicht nur bei dieser Frage:
Entscheiden Sie selbst, mit kognitiven Fakten oder durch Befragen ihrer Intuition.