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Prof. Dr. Norbert Walter

ZfU-Faculty: Legal & Taxes / Financial Markets
Fachbereich International Banking
Lehrauftrag für Deutschland, Europa

Dipl.-Volkswirt, Dr. rer. pol., Geschäftsleiter Deutsche Bank Research und Chefvolkswirt der Deutschen Bank Gruppe, Buchautor.

 

Markthühner oder Qualitätsanalysten?

Seit den 70er Jahren, jener Zeit, in der der Glaube an die Märkte seinen unaufhaltsamen Siegeszug über Kommunismus und Planwirtschaft begann, ist viel Wasser die Themse hinuntergeflossen. Die Verabschiedung von Berufserfahrung als wichtigster Grundlage für dauerhafte und erfolgreiche Kundenbeziehung wurde restlos vollzogen und durch die Nutzung «effizienter Märkte» ersetzt; jener Einrichtungen, die alle verfügbaren Informationen rasch und vollständig verarbeiten und in Vorschläge umsetzen, die den Kundenpräferenzen entsprechen.

Informationen über Marktpreise und -volumina ersetzten Menschenkenntnis und Kulturbezüge. Statt mit Persönlichkeiten war mit jungen Analysten gedient, insbesondere solchen, die der Handhabung des Instruments Mathematik mächtig waren.

Das mächtige Instrument der formalisierten Nutzung grosser Informationsmengen erweist sich freilich nicht immer als hilfreich. Es ist die Perfektionierung des Blicks in den Rückspiegel bei der Autofahrt. Diese Blickrichtung ist äusserst wichtig – sie erlaubt Rück-Sicht; sie ist nicht übermässig schädlich bei Geradeausfahrt und geringer Verkehrsdichte; sie ist nachgerade gefährlich an Wendepunkten oder im dichten Verkehr. Für sachgerechtes Handeln bedarf es statt dessen des Blicks durch die Frontscheibe, wenn möglich des weiten Blicks und der Fähigkeit, «signal» von «noise» zu unterscheiden. Für alle, die sich mit Zeitreihenanalyse beschäftigen, wird deutlich, dass Erfahrungswissen durch kaum etwas zu ersetzen ist. Natürlich kann man ohne Kenntnisse der Saisonbereinigung, der Trendberechnung, ohne Kenntnisse wichtiger struktureller Zusammenhänge keine gute Analyse machen. Aber Extremwerte als Ausreisser zu erkennen, aus dem Verlauf von Kurven den Beginn einer neuen Ära abzuleiten, in der alte Muster ausser Kraft gesetzt sind, das bleibt dem geschulten und geübten Auge vorbehalten.

Warum führen Wachstumsraten von über 3% in den USA nicht zu Inflation, warum kann die Arbeitslosigkeit unter 5% sinken, ohne dass die Lohnkosten beschleunigt steigen, dies sind die Typen von Fragen, die für den Markt besonders wichtig sind, womit man – bei richtigen Antworten – sein Haus und seine Kunden reich machen kann.
Oder aber die Geschäfte der sogenannten Hedge Fonds, voll abgesichert – wie es hiess.
Eigentlich ja nur Arbitragegeschäfte, also ohne Risiko – eigentlich! Wie konnten solche Geschäftsansätze mit Research bestückte Häuser ins Verderben reissen und gar systemische Risiken auslösen? Was war da passiert? Die historischen Volatilitäten hüpften aus der Weiche (Schwanken des Yen zum Dollar innerhalb von wenigen Handelstagen von 20%) und Verhaltensmuster von wirtschaftspolitisch Verantwortlichen kippten um: Wechselkursregime hielten nicht dem Druck der Probleme stand, wirtschaftliche Giganten – wie Japan – benahmen sich in der Wirtschaftspolitik wie aufgeregte Hühner. Damit wurden bisher bewährte Denkmodelle entwurzelt; die Architekten allerdings hielten dies für nicht möglich – es lag ausserhalb ihres Erfahrungsbereichs: Die Datenbasis reichte nicht über die Zeit der Geradeausfahrt hinaus. Zur guten Analyse sollte deshalb künftig neben dem Rüstzeug guter formaler Analysekompetenz wieder eine Ausbildung gehören, die den Kontext, kulturell, historisch und wirtschaftlich kennt und eine verständige Analyse und Prognose ermöglicht.
Zu solch qualifizierter Beratung gehört dann auch die Erkenntnis, dass es Fälle gibt, in denen Erkenntnis nicht vorliegt und die Entscheidung hohe Risiken birgt. Klugheit im Management, die auch einmal Zurückhaltung statt Forschheit nahelegen kann, ist dann gefragt.


 

 

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