Seit den 70er Jahren, jener Zeit, in der der Glaube an die Märkte seinen
unaufhaltsamen Siegeszug über Kommunismus und Planwirtschaft begann, ist viel Wasser die
Themse hinuntergeflossen. Die Verabschiedung von Berufserfahrung als wichtigster Grundlage
für dauerhafte und erfolgreiche Kundenbeziehung wurde restlos vollzogen und durch die
Nutzung «effizienter Märkte» ersetzt; jener Einrichtungen, die alle verfügbaren
Informationen rasch und vollständig verarbeiten und in Vorschläge umsetzen, die den
Kundenpräferenzen entsprechen.
Informationen über Marktpreise und -volumina ersetzten Menschenkenntnis und
Kulturbezüge. Statt mit Persönlichkeiten war mit jungen Analysten gedient, insbesondere
solchen, die der Handhabung des Instruments Mathematik mächtig waren.
Das mächtige Instrument der formalisierten Nutzung grosser Informationsmengen erweist
sich freilich nicht immer als hilfreich. Es ist die Perfektionierung des Blicks in den
Rückspiegel bei der Autofahrt. Diese Blickrichtung ist äusserst wichtig sie
erlaubt Rück-Sicht; sie ist nicht übermässig schädlich bei Geradeausfahrt und geringer
Verkehrsdichte; sie ist nachgerade gefährlich an Wendepunkten oder im dichten Verkehr.
Für sachgerechtes Handeln bedarf es statt dessen des Blicks durch die Frontscheibe, wenn
möglich des weiten Blicks und der Fähigkeit, «signal» von «noise» zu unterscheiden.
Für alle, die sich mit Zeitreihenanalyse beschäftigen, wird deutlich, dass
Erfahrungswissen durch kaum etwas zu ersetzen ist. Natürlich kann man ohne Kenntnisse der
Saisonbereinigung, der Trendberechnung, ohne Kenntnisse wichtiger struktureller
Zusammenhänge keine gute Analyse machen. Aber Extremwerte als Ausreisser zu erkennen, aus
dem Verlauf von Kurven den Beginn einer neuen Ära abzuleiten, in der alte Muster ausser
Kraft gesetzt sind, das bleibt dem geschulten und geübten Auge vorbehalten.
Warum führen Wachstumsraten von über 3% in den USA nicht zu Inflation, warum kann die
Arbeitslosigkeit unter 5% sinken, ohne dass die Lohnkosten beschleunigt steigen, dies sind
die Typen von Fragen, die für den Markt besonders wichtig sind, womit man bei
richtigen Antworten sein Haus und seine Kunden reich machen kann.
Oder aber die Geschäfte der sogenannten Hedge Fonds, voll abgesichert wie es
hiess.
Eigentlich ja nur Arbitragegeschäfte, also ohne Risiko eigentlich! Wie konnten
solche Geschäftsansätze mit Research bestückte Häuser ins Verderben reissen und gar
systemische Risiken auslösen? Was war da passiert? Die historischen Volatilitäten
hüpften aus der Weiche (Schwanken des Yen zum Dollar innerhalb von wenigen Handelstagen
von 20%) und Verhaltensmuster von wirtschaftspolitisch Verantwortlichen kippten um:
Wechselkursregime hielten nicht dem Druck der Probleme stand, wirtschaftliche Giganten
wie Japan benahmen sich in der Wirtschaftspolitik wie aufgeregte Hühner.
Damit wurden bisher bewährte Denkmodelle entwurzelt; die Architekten allerdings hielten
dies für nicht möglich es lag ausserhalb ihres Erfahrungsbereichs: Die Datenbasis
reichte nicht über die Zeit der Geradeausfahrt hinaus. Zur guten Analyse sollte deshalb
künftig neben dem Rüstzeug guter formaler Analysekompetenz wieder eine Ausbildung
gehören, die den Kontext, kulturell, historisch und wirtschaftlich kennt und eine
verständige Analyse und Prognose ermöglicht.
Zu solch qualifizierter Beratung gehört dann auch die Erkenntnis, dass es Fälle gibt, in
denen Erkenntnis nicht vorliegt und die Entscheidung hohe Risiken birgt. Klugheit im
Management, die auch einmal Zurückhaltung statt Forschheit nahelegen kann, ist dann
gefragt.