Unternehmenswert und Marketing ein Widerspruch?Die
Marketingverantwortlichen versuchen, der Wertschaffungsfrage auszuweichen, die sie
insgesamt als bedrohlich empfinden. Sie gehen in die Defensive und hoffen, dass die
Unternehmensspitze ihre Marketingtätigkeit von der scharfen Sichtweise der Wertschaffung
ausklammere.
Die Stärkung der Marke, der Marktanteil, das Einhalten der Umsatzbudgets und die
Verbesserung der Kundenzufriedenheit haben für Marketingleute klar Vorrang vor
irgendwelchen Wertüberlegungen der Aktionäre.
Sie wissen zwar, dass sie einen Wertbeitrag leisten müssen. Nur wo schafft ihr
Marketingwirken Wert? Wo wird Wert vernichtet?
Wertorientierung ein Paradigmawechsel verändert die Grundfesten des
Marketing
Man überlege sich, was bei grossen Unternehmensübernahmen wirklich akquiriert
wird und wofür «Goodwill» bezahlt wird. Ein Softdrink-Konzern, der einen andern
übernimmt, kauft nicht primär dessen Produktionsanlagen, sondern dessen Marken und die
darin verankerten Kundenbeziehungen.
Der Schlüsselgedanke ist, dass der Beitrag des Marketing an den Unternehmenswert dem
finanziellen Wert der gegenwärtigen und zukünftigen Kundenbeziehungen entspricht. Dieser
«Customer Value» ergibt sich aus der Verknüpfung folgender Marketinggrössen:
- Kundenspezifischer Deckungsbeitrag pro Kauf
- Individueller Marktanteil (Share of Wallet)
- Totale Kaufhäufigkeit des Kunden
- Dauer der Kundenbeziehung
- Cross-Selling-Potential
- Kundenspezifische Preisakzeptanz und Bereitschaft zum Markenwechsel
- Weiterempfehlungsverhalten
Sind diese «Werttreiber» für die Gegenwart bekannt und können sie in die Zukunft
projiziert werden, lässt sich der Wert der Kundenbeziehung zumindest näherungsweise
schätzen. So berechnet der Informatik-Dienstleister EDS für jeden einzelnen Grosskunden
den Kundenwert in Form eines MVA (Market Value Added).
Für grössere Kundenbasen ist die Segmentbetrachtung weitaus praktischer. Der Customer
Value eines Kundensegmentes entspricht der Summe der einzelnen Customer Values, ergänzt
um die Segmentdynamik (Wachstum, Kundenakquisition). Die Schätzung eines
segmentspezifischen Customer Value erfolgt in der Regel über einfache Simulationsmodelle,
wie dies Swissair zur Marketingbewertung von Allianz-Alternativen erfolgreich angewandt
hat.
Sind die Werttreiber einer einzelnen Kundenbeziehung oder eines ganzen Segmentes einmal
verstanden und verinnerlicht, ist der Weg zu oft dramatischen Verbesserungen des
Unternehmenswertes abgesteckt. Allerdings müssen altgediente Marketingstrategien radikal
umgeschrieben werden:
So müssen die als «wertzerstörend» identifizierten Segmente konsequent abgestossen
werden. Der Marketingmix wird auf wertschaffende und wertzerstörende Elemente
durchforstet und optimiert. Der Marketingmanager wird neu an der Schaffung von «Customer
Value» gemessen die Umsatzbolzer dürfen abtreten.
Die 4 «W» praktischer Ansatz zur Marketing-Wertsteigerung
Wie kann Ihr Unternehmen den Olymp der Wertsteigerung schrittweise, situationsgerecht
und vor allem pragmatisch erklimmen?
Die Praxis bietet einen einleuchtenden Weg: die 4 W der Wertsteigerung.
Wertsegmentierung
Im ersten Schritt wird die traditionelle Bedürfnissegmentierung durch eine konsequente
«Wertsegmentierung» ersetzt, die auf die Werttreiber der Kundenbeziehung gründen. Damit
kann zwischen aktuell wertschaffenden, potentiell wertschaffenden, neutralen und
wertvernichtenden Segmenten unterschieden werden. Nach Massgabe der Wertcharakteristik
wird das Kundenportfolio restrukturiert.
Wertorientierter Marketingmix
Für jedes wichtige Segment wird der Marketingmix in seine Faktoren zerlegt.
Danach wird jedes Element auf seinen potentiellen Beitrag zum Customer Value geprüft,
gegenüber den Benchmarks kalibriert und mit Kosteninformationen abgeglichen. Daraus
ergeben sich konkrete Handlungsprioritäten: Respezifikation der Produkte,
wertorientiertes Pricing und ein Umschichten der Marketingressourcen auf die
werttreibendsten Faktoren.
Wertorientiertes Kundenbeziehungs-Management
Auch im Verkauf ist Wertorientierung und Rollenwechsel angesagt. Aus dem
«Verkäufer» wird der wertorientierte Kundenbeziehungsmanager (Customer Relation
Management). Die CRM-Tools gilt es in eine wertorientierte Verkaufsstrategie zu
integrieren.
Wertführung
Werkzeuge wie wertorientiertes Marketing-Reporting, wertorientierte
Kunden-Data-Warehouses kundenwertorientierte Incentivierungssysteme helfen die Kräfte
besser zu bündeln.
Fazit
Die letzten Wertsteigerungsreserven der Unternehmen liegen im Marketing.
Praxisbewährte Konzepte und innovative technologische Instrumente CRM sind vorhanden. Sie
warten darauf, konsequent eingesetzt zu werden.