Die Zeiten ändern sich. Der Student,
der gegenüber seinem Professor den Wunsch äusserte, Wirtschaftspolitik zu studieren, und
zur Antwort bekam: «Entscheiden Sie sich für das eine oder andere!», dürfte heute kaum
mehr zu finden sein. Wirtschaft und Politik sind einander unzweifelhaft näher gekommen.
Als Folge davon konvergieren auch die Anforderungen an die Führung. Dennoch sind einige
Unterschiede unübersehbar und fallen ins Gewicht.
Unterschiedliche Ziele
Die Ziele eines Staates sind in der Regel zahlreich, mehrdimensional und zuweilen auch
widersprüchlich. Zielkonflikte in Verfassung und Gesetz widerspiegeln unsere
pluralistische Gesellschaft. Politiker haben zuweilen Mühe damit, weil sich ihre
Führungsarbeit nicht an klaren, übergeordneten Zielen ausrichten kann. Die Wirtschaft
hat indessen ein klares Ziel: Vereinfacht gesagt, geht es darum, die Konkurrenzfähigkeit
laufend zu verbessern und langfristig das Überleben der Unternehmen durch Wertvermehrung
zu sichern. Bei ungenügender Zielerreichung könten die Sanktionen unterschiedlicher
nicht sein: Verschwindet ein Unternehmen vom Markt, wenn es den Wettbewerb nicht besteht,
so überlebt der Staat immer allerdings mit unterschiedlichen Folgen für seine
Bürger.
Gesetze schränken zwar ein . . .
Politische Führer sehen sich vor ein komplexes staatliches Regelwerk gestellt, das (zu)
viel regelt. Insbesondere ist die öffentliche Verwaltung an das Legalitätsprinzip
gebunden. Das heisst, sie hat das und nur das zu tun, was ihr rechtlich
vorgeschrieben ist. Das setzt kreativer Führung Grenzen und bleibt nicht ohne
Auswirkungen auf die Betriebskultur. Staatliches Handeln ist zudem begrenzt durch die
(direkte) Demokratie, die weniger auf konsequentes Umsetzen von Strategien denn auf
Interessenausgleich zielt. Demgegenüber bewegt sich ein Unternehmen doch in einem relativ
überschaubaren rechtlichen Rahmen, der einen nicht unerheblichen Spielraum bietet. Zudem
stossen in der «Aktionärsdemokratie» die unterschiedlichen Meinungen nicht pausenlos
aufeinander wie in den äusserst heterogen zusammengesetzten Parlamenten und den
Volksabstimmungen.
. . . doch auch in der Wirtschaft ist die Freiheit nicht grenzenlos
Damit soll nicht etwa behauptet werden, dass Führung in der Politik schwieriger sei als
in der Wirtschaft. Unternehmensführer bewegen sich zwar in einem etwas freieren Korsett;
ihre Aufgabe ist deswegen aber keineswegs einfacher. Im Gegenteil, der Markt verlangt bei
aller strategischer Ausrichtung die Bereitschaft zu flexiblen Anpassungen der
Unternehmenspolitik. Diese müssen innovativ sein, rasch erfolgen und konsequent umgesetzt
werden. Damit sind nicht selten harte Eingriffe verbunden, die mit der eher auf Bewahrung
und Kontinuität angelegten Verwaltungsführung deutlich kontrastieren.
Die Frage drängt sich auf, ob zielgerichtete Führung in der Politik überhaupt
gefragt ist. Ist es ein Zufall, dass begnadete Führungspersönlichkeiten in der Politik
die Ausnahme bilden? Zieht man die Auswahlkriterien zu Rate, denen Kandidaten für
politische Exekutivämter zu genügen haben, scheint Führungsqualität nicht oberste
Priorität zu haben. Das ist zu bedauern, aber wohl kaum zu ändern. Denn Wahlen gewinnt
man eben mit Kandidaten, die das richtige Parteibuch haben, den richtigen Landesteil
vertreten, das richtige Geschlecht haben
Würden Unternehmensleiter auf diese Art
ausgewählt, wäre es um die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft wohl bald geschehen.
Konvergenzen
So augenfällig die grundsätzlichen Unterschiede für die Führung in Politik und
Wirtschaft sind, so nähern sich doch die Anforderungen in mannigfachen Bereichen der
täglichen Arbeit an. Nachdem sich der Standortwettbewerb intensiviert hat und
(hoffentlich) weiter intensivieren wird, stehen beide, Wirtschaft und Politik, unter einem
erhöhten Effizienzdruck. Hier wie dort hat die Komplexität der Entscheidungen und der
Entscheidungsfolgen enorm zugenommen. Die herkömmlichen Instrumente der Führung reichen
an beiden Orten oft nicht mehr aus, um über ausreichende Informationen als
Entscheidungsgrundlagen zu verfügen. Schliesslich ist Kommunikation heute ein fester und
unverzichtbarer Bestandteil der betrieblichen wie der politischen Führung.
Zusammenarbeit
Mit dem New Public Management, das in der Verwaltungsführung erfreulicherweise rasch um
sich greift, findet ein Transfer von Erfahrungen von der Wirtschaft in die Politik statt.
Dieser Weg der Zusammenarbeit ist konsequent zu beschreiten. Effizienz darf nicht ein
Privileg der Unternehmer und das Gemeinwohl bei der öffentlichen Hand nicht eo ipso
besser aufgehoben sein.