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Artikel
 

Dr. Eric Honegger

Verwaltungsratspräsident der Neuen Zürcher Zeitung und Vizepräsident der SAirGroup. Von 1987 bis 1999 war er Regierungsrat des Kantons Zürich.

 

Führung in Politik und Wirtschaft

Die Zeiten ändern sich. Der Student, der gegenüber seinem Professor den Wunsch äusserte, Wirtschaftspolitik zu studieren, und zur Antwort bekam: «Entscheiden Sie sich für das eine oder andere!», dürfte heute kaum mehr zu finden sein. Wirtschaft und Politik sind einander unzweifelhaft näher gekommen. Als Folge davon konvergieren auch die Anforderungen an die Führung. Dennoch sind einige Unterschiede unübersehbar und fallen ins Gewicht.

Unterschiedliche Ziele
Die Ziele eines Staates sind in der Regel zahlreich, mehrdimensional und zuweilen auch widersprüchlich. Zielkonflikte in Verfassung und Gesetz widerspiegeln unsere pluralistische Gesellschaft. Politiker haben zuweilen Mühe damit, weil sich ihre Führungsarbeit nicht an klaren, übergeordneten Zielen ausrichten kann. Die Wirtschaft hat indessen ein klares Ziel: Vereinfacht gesagt, geht es darum, die Konkurrenzfähigkeit laufend zu verbessern und langfristig das Überleben der Unternehmen durch Wertvermehrung zu sichern. Bei ungenügender Zielerreichung könten die Sanktionen unterschiedlicher nicht sein: Verschwindet ein Unternehmen vom Markt, wenn es den Wettbewerb nicht besteht, so überlebt der Staat immer – allerdings mit unterschiedlichen Folgen für seine Bürger.

Gesetze schränken zwar ein . . .
Politische Führer sehen sich vor ein komplexes staatliches Regelwerk gestellt, das (zu) viel regelt. Insbesondere ist die öffentliche Verwaltung an das Legalitätsprinzip gebunden. Das heisst, sie hat das – und nur das – zu tun, was ihr rechtlich vorgeschrieben ist. Das setzt kreativer Führung Grenzen und bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Betriebskultur. Staatliches Handeln ist zudem begrenzt durch die (direkte) Demokratie, die weniger auf konsequentes Umsetzen von Strategien denn auf Interessenausgleich zielt. Demgegenüber bewegt sich ein Unternehmen doch in einem relativ überschaubaren rechtlichen Rahmen, der einen nicht unerheblichen Spielraum bietet. Zudem stossen in der «Aktionärsdemokratie» die unterschiedlichen Meinungen nicht pausenlos aufeinander wie in den äusserst heterogen zusammengesetzten Parlamenten und den Volksabstimmungen.

 . . . doch auch in der Wirtschaft ist die Freiheit nicht grenzenlos
Damit soll nicht etwa behauptet werden, dass Führung in der Politik schwieriger sei als in der Wirtschaft. Unternehmensführer bewegen sich zwar in einem etwas freieren Korsett; ihre Aufgabe ist deswegen aber keineswegs einfacher. Im Gegenteil, der Markt verlangt bei aller strategischer Ausrichtung die Bereitschaft zu flexiblen Anpassungen der Unternehmenspolitik. Diese müssen innovativ sein, rasch erfolgen und konsequent umgesetzt werden. Damit sind nicht selten harte Eingriffe verbunden, die mit der eher auf Bewahrung und Kontinuität angelegten Verwaltungsführung deutlich kontrastieren.

Die Frage drängt sich auf, ob zielgerichtete Führung in der Politik überhaupt gefragt ist. Ist es ein Zufall, dass begnadete Führungspersönlichkeiten in der Politik die Ausnahme bilden? Zieht man die Auswahlkriterien zu Rate, denen Kandidaten für politische Exekutivämter zu genügen haben, scheint Führungsqualität nicht oberste Priorität zu haben. Das ist zu bedauern, aber wohl kaum zu ändern. Denn Wahlen gewinnt man eben mit Kandidaten, die das richtige Parteibuch haben, den richtigen Landesteil vertreten, das richtige Geschlecht haben… Würden Unternehmensleiter auf diese Art ausgewählt, wäre es um die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft wohl bald geschehen.

Konvergenzen
So augenfällig die grundsätzlichen Unterschiede für die Führung in Politik und Wirtschaft sind, so nähern sich doch die Anforderungen in mannigfachen Bereichen der täglichen Arbeit an. Nachdem sich der Standortwettbewerb intensiviert hat und (hoffentlich) weiter intensivieren wird, stehen beide, Wirtschaft und Politik, unter einem erhöhten Effizienzdruck. Hier wie dort hat die Komplexität der Entscheidungen und der Entscheidungsfolgen enorm zugenommen. Die herkömmlichen Instrumente der Führung reichen an beiden Orten oft nicht mehr aus, um über ausreichende Informationen als Entscheidungsgrundlagen zu verfügen. Schliesslich ist Kommunikation heute ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der betrieblichen wie der politischen Führung.

Zusammenarbeit
Mit dem New Public Management, das in der Verwaltungsführung erfreulicherweise rasch um sich greift, findet ein Transfer von Erfahrungen von der Wirtschaft in die Politik statt. Dieser Weg der Zusammenarbeit ist konsequent zu beschreiten. Effizienz darf nicht ein Privileg der Unternehmer und das Gemeinwohl bei der öffentlichen Hand nicht eo ipso besser aufgehoben sein.


 
 
       
 
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