Was ist Unabhängigkeit in der Wirtschaft und wenn ja, ist sie überhaupt
erstrebenswert? Die Wirtschaft der kleineren und mittleren Unternehmen schaut ungläubig
auf die Riesen. Sie waren doch Konkurrenten, der Bankverein und die Bankgesellschaft,
Chrysler und Mercedes, Sandoz und Ciba, Calanda und Haldengut. Und heute? Verschmolzen.
Manchmal ging es prima. Manchmal war es zumindest am Anfang ein Flop. Aber
das war doch unsere Wirtschaft. Unabhängigkeit. Am besten kundgetan durch eine Marke,
eine besondere Dienstleistung. Und heute? Sorgfältig und manchmal weniger sorgfältig
wird sortiert, analysiert, neu zusammengesetzt.
Die strategische Fusion haben die sich immer mehr breitmachende, wirtschaftliche
Heimatbegriffe in Frage gestellt. Das beginnt mit der Treue zum Standort. Die moderne
Fusion basiert nicht auf der historisierenden Standorttreue. Sie fragt nach der
Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes. Für ein internationales Unternehmen sind die
Steuern, das Vorhandensein eines Flugplatzes, Verkehrswege, Bewilligungsvorschriften,
Ausbildungseinrichtungen etc. für kleinere Unternehmen sind bis auf den Flugplatz
die gleichen Werte, von ausschlaggebender Bedeutung. Wer nicht standortgebunden
ist, hat die Treue durch die Wettbewerbs- und Konkurrenzfähigkeit eines Standortes
ersetzt.
Die strategische Fusion setzt Konzern- oder Firmenleitungen anders zusammen als
früher.
Der Pass oder der Dialekt sind in der Skala wichtiger Merkmale für eine Kaderfrau oder
einen Kadermann weit nach hinten gerutscht. Wichtig sind Fähigkeiten, Ausbildung,
Kommunikationsmöglichkeiten.
Der Markt ist im Zeichen des Wettbewerbes neu definiert worden. Die heimlichen und
unheimlichen Absprachen gelten nicht mehr. Was einst von Konzernen bis zur
Gemeinschaft von Handwerkern gültig war Gebiets- und Preisabsprachen sind am
zerbrechen. Von der öffentlichen Hand verlangt man immer weniger, dass sie zu
berücksichtigen hat wer Steuerzahler ist, sondern , dass ausgewählt wird, wer durch ein
tiefes Angebot einen Beitrag leistet, den Staatshaushalt auf welcher Ebene auch
immer zu schonen.
So hat sich die Wirtschaft, vor allem in diesen letzten paar Jahren des auslaufenden
Jahrtausends wieder verstärkt auf ihre ureigensten Aufgaben konzentriert:
wettbewerbsfähig, den von ihr selbst definierten Markt zu bedienen, um zum Wohle der
eigenen Gesellschaft, soviel Mehrwert wie möglich zu schaffen.
Viele, vor allem gut gehende Unternehmen haben sich in den letzten Jahren auf ein
Terrain begeben, wo die öffentliche Hand zu Hause ist:
Es gibt Unternehmen, die sich nicht für sich, sondern für eine ganze Region
verantwortlich fühlten. Sie predigen Heimattreue und verlieren Markt, sie predigen
Eigenständigkeit und verpassen wichtige Netzwerke. Ihnen ist das politische Urteil oder
die Meinung dritter wichtiger als das Wohlergehen ihrer Unternehmung. Ihnen ist abhanden
gekommen, was jede volkswirtschaftliche Lehre darlegt: ein Unternehmen, vor allem eine
Aktiengesellschaft hat nur einem Zweck zu dienen: den Gewinn zu maximieren. Viele einst
gute Unternehmen sind im Laufe der Zeit niedergegangen. Und wie oft hört man die
Geschichte von längst verstorbenen Patrons und Unternehmen, die Kirchenglocken gespendet,
Gesangsvereine unterstützt, Sportanlässe gesponsort haben. Wieviel Geld ist hier
verloren gegangen? Geld, das man in die Marktbearbeitung, in die Ausbildung des Personals,
in Investitionen hätte stecken können. Viele Unternehmen haben auf dem Gipfel ihrer
Wohlhabenheit nicht an die Zukunft gedacht, sondern nur an unwesentliche gesellschaftliche
Verpflichtungen, an den Augenblick und nicht an die Zeit danach.