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Hanspeter Lebrument

Direktionspräsident Gasser Gruppe, Verleger «Die Südostschweiz», Chur.

 

Strategische Fusion oder das Umdenken der KMUs

Was ist Unabhängigkeit in der Wirtschaft und wenn ja, ist sie überhaupt erstrebenswert? Die Wirtschaft der kleineren und mittleren Unternehmen schaut ungläubig auf die Riesen. Sie waren doch Konkurrenten, der Bankverein und die Bankgesellschaft, Chrysler und Mercedes, Sandoz und Ciba, Calanda und Haldengut. Und heute? Verschmolzen. Manchmal ging es prima. Manchmal war es – zumindest am Anfang – ein Flop. Aber das war doch unsere Wirtschaft. Unabhängigkeit. Am besten kundgetan durch eine Marke, eine besondere Dienstleistung. Und heute? Sorgfältig und manchmal weniger sorgfältig wird sortiert, analysiert, neu zusammengesetzt.

Die strategische Fusion haben die sich immer mehr breitmachende, wirtschaftliche Heimatbegriffe in Frage gestellt. Das beginnt mit der Treue zum Standort. Die moderne Fusion basiert nicht auf der historisierenden Standorttreue. Sie fragt nach der Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes. Für ein internationales Unternehmen sind die Steuern, das Vorhandensein eines Flugplatzes, Verkehrswege, Bewilligungsvorschriften, Ausbildungseinrichtungen etc. für kleinere Unternehmen sind – bis auf den Flugplatz – die gleichen Werte, von ausschlaggebender Bedeutung. Wer nicht standortgebunden ist, hat die Treue durch die Wettbewerbs- und Konkurrenzfähigkeit eines Standortes ersetzt.

Die strategische Fusion setzt Konzern- oder Firmenleitungen anders zusammen als früher.
Der Pass oder der Dialekt sind in der Skala wichtiger Merkmale für eine Kaderfrau oder einen Kadermann weit nach hinten gerutscht. Wichtig sind Fähigkeiten, Ausbildung, Kommunikationsmöglichkeiten.

Der Markt ist im Zeichen des Wettbewerbes neu definiert worden. Die heimlichen und unheimlichen Absprachen gelten nicht mehr. Was einst – von Konzernen bis zur Gemeinschaft von Handwerkern gültig war – Gebiets- und Preisabsprachen sind am zerbrechen. Von der öffentlichen Hand verlangt man immer weniger, dass sie zu berücksichtigen hat wer Steuerzahler ist, sondern , dass ausgewählt wird, wer durch ein tiefes Angebot einen Beitrag leistet, den Staatshaushalt – auf welcher Ebene auch immer – zu schonen.

So hat sich die Wirtschaft, vor allem in diesen letzten paar Jahren des auslaufenden Jahrtausends wieder verstärkt auf ihre ureigensten Aufgaben konzentriert: wettbewerbsfähig, den von ihr selbst definierten Markt zu bedienen, um zum Wohle der eigenen Gesellschaft, soviel Mehrwert wie möglich zu schaffen.

Viele, vor allem gut gehende Unternehmen haben sich in den letzten Jahren auf ein Terrain begeben, wo die öffentliche Hand zu Hause ist:
Es gibt Unternehmen, die sich nicht für sich, sondern für eine ganze Region verantwortlich fühlten. Sie predigen Heimattreue und verlieren Markt, sie predigen Eigenständigkeit und verpassen wichtige Netzwerke. Ihnen ist das politische Urteil oder die Meinung dritter wichtiger als das Wohlergehen ihrer Unternehmung. Ihnen ist abhanden gekommen, was jede volkswirtschaftliche Lehre darlegt: ein Unternehmen, vor allem eine Aktiengesellschaft hat nur einem Zweck zu dienen: den Gewinn zu maximieren. Viele einst gute Unternehmen sind im Laufe der Zeit niedergegangen. Und wie oft hört man die Geschichte von längst verstorbenen Patrons und Unternehmen, die Kirchenglocken gespendet, Gesangsvereine unterstützt, Sportanlässe gesponsort haben. Wieviel Geld ist hier verloren gegangen? Geld, das man in die Marktbearbeitung, in die Ausbildung des Personals, in Investitionen hätte stecken können. Viele Unternehmen haben auf dem Gipfel ihrer Wohlhabenheit nicht an die Zukunft gedacht, sondern nur an unwesentliche gesellschaftliche Verpflichtungen, an den Augenblick und nicht an die Zeit danach.


 

 

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