Was muss ein Redner beachten, damit seine Rede erfolgreich wird?Reden
Sie frei nur so können Sie Ihren Gedanken freien Raum geben. Die Rhetorik, wie
auch die Bühne, will dem Text neue Dimensionen erschliessen, den Text interpretieren. Nur
ein lebendiger Text wirkt.
Was da von Kanzeln, in Hörsälen, Symposien zelebriert wird, ist meist Friedhof. Die
«Rednerbühne» ist programmatisch gestaltet, Rednerpult mit Blumenarrangements wie bei
einer Aufbahrung. Wollen Sie Ihre Gedanken zu Grabe tragen, dann verbergen Sie sich hinter
einem solchen «Mumiensarg». Zeigen Sie möglichst wenig von sich. Maskieren Sie Ihre
Sprache. Verwenden Sie einen hochtrabenden, komplizierten Fachjargon. Verbrämen Sie das
dünne Surrogat mit einer Orgie von Substantivierungen.
Wie wichtig ist die Sprache?
Stimmt die Sprache nicht, haben Ihre Gedanken keinen Biss. Bilden Sie schlanke
Hauptsätze. Raus mit dem Firlefanz. Klar muss Ihre Sprache sein.
Gibts noch weitere Elemente einer guten Rede?
Vor allem muss ein Redner von sich und seinen Ideen überzeugt sein. Der Redner ist der
«Fleisch gewordene Gedanke.» Er baut den geistigen Raum, in dem das Publikum seine
eigenen Gedanken und Phantasien weiterspinnen kann.
In Ihren Seminaren verwenden Sie den Spruch: «Rhetorik ist ein Kampfsport».
Rhetorik will wirken will bewirken. Das Publikum muss am Ende der Präsentation
reicher sein, innerlich einen Weg gegangen sein. Wenn nicht, haben Sie was falsch gemacht.
Wer andere bewegen will, muss selbst bewegt sein. Wie in der Schule: Die
Lehrerpersönlichkeit zieht mich rein in den Stoff. Plötzlich bin ich gefangen,
plötzlich macht mir das Lernen Spass. Macht mir das Lernen Spass, geht auch was rein ins
Hirn. Spass ist das magische Wort.
Ich erinnere mich an Vorlesungen, da sassen Hörer aller Fakultäten drin. Sicher, der
Stoff war interessant, das Ereignis aber war der Professor. Beispiele, Apercus, Witz,
Situationen, ein Reichtum von sinnlichen Elementen machen den Text lebendig.
Die Gegenwelt kennen Sie: Das Publikum wird stundenlang malträtiert von einem
gediegenen Langeweiler, der Bedeutung zelebriert. Kein Mensch ist gekommen um zuzuhören,
wie ein Text schlecht vorgelesen wird, ohne Ausdruck, mit toten Augen. Die Sakkoknöpfe
dieser Redner haben mehr Ausdruck als ihre Augen. Interessant: In der anschliessenden
Diskussion wird plötzlich aus einer Papiermilbe ein Mensch mit Emotionen. Plötzlich
moduliert die Stimme, die Augen leben, der Körper reagiert mit ausdrucksstarker Gestik.
Stört Sie der Referent beim Nachdenken, wehren Sie sich. Zeigen Sie ihm, dass Sie sich
langweilen. Stehen Sie auf und verlassen den Raum, in dem Gedanken zu Grabe getragen
werden.
Muss der gute Redner ein guter Schauspieler sein?
Der Redner darf nicht schauspielern. Übrigens, kein guter Schauspieler
«schauspielert». Das unterscheidet ihn von der «Schmiere». Der echte Schauspieler
identifiziert sich so mit seiner Rolle, dass der Rollentext sein Text wird. Diesen Text
entwickelt er in jeder Vorstellung neu. Genauso entwickelt der Redner seine Gedanken in
einem stetigen innern Dialog mit dem Auditorium. Reden ist öffentliches Denken.
Welche Bedeutung hat die optische Unterstützung eines Vortrages?
Alle optischen Hilfsmittel sind Konkurrenten, sind Energiefresser. Das hab ich auf der
Bühne gelernt: Sei sparsam mit optischen Reizen! Weg mit dem Ornament. Der Redner muss
wirken, nicht die Dekoration, oder das Logo am Rednerpult.
Textfolien sind gefährlich. Sie kennen die Redner, die ihre Sentenzen nochmals wie ein
warnendes Menetekel auf der Leinwand erscheinen lassen. So versuchen sich impotente Redner
abzusichern: «wenn die schon nicht zuhören, dann lesen sie es wenigstens.» Keine
billigen Cartoons und Figuren aus dem Softwareprogramm amerikanischer Massenkultur. Wer
sich hinter Charts versteckt, verliert seine Persönlichkeit. Persönlichkeit muss
ständig gelebt werden, sonst verkümmert sie. Seien Sie eigenwilig seien Sie ein
Original.
Wie «original» darf ein Redner sein?
Die Konvention ist der Todfeind der Rhetorik. Antiquierte Anreden, all das «möchte»
und «würde» verschleiert die Wirkung. Das Gegenargument ist immer wieder: mein
Auditorium wünscht diese Formeln und Rituale. Quatsch! Das Publikum will gepackt werden
in interessante Gedankengebäude entführt werden nichts anderes.
Das Notenblatt ist nicht die Musik.
Das Textbuch ist nicht das Drama.
Das Manuskript ist nicht die Rede.
Denken Sie öffentlich reden Sie frei!