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Vera F. Birkenbihl

ZfU-Faculty: Sozial-Kompetenz: Führung & Kommunikation
Fachbereich Brain Management
Lehrauftrag für Brain Management

D, Leiterin des Instituts für gehirn-gerechtes Arbeiten und Autorin zahlreicher Publikationen, eine der erfolgreichsten Management-Trainer/innen im deutschsprachigen Raum.

 

Peinlich? Oder: Der Umgang mit Kritik

Die meisten von uns fürchten Kritik oder Angriffe auf unsere Meinung. Wir meinen oft, der Angreifer bringt de facto zum Ausdruck: Mein Verhalten (oder meine Meinung) ist besser als deine! Das heißt, daß negative Reaktionen uns sehr leicht verunsichern können. Und umgekehrt: Jede positive Reaktion zeigt uns, daß wir ok sind.

Allerdings sollten wir überlegen: Wenn es uns so wichtig ist, was der Mensch jetzt von uns denkt, dann geben wir ihm eine Menge Macht über uns. Und je mehr der andere merkt, daß wir von seinem Urteil abhängen, desto mehr kann er diese Macht auch mißbrauchen!

Es gibt jedoch einen wunderbaren Ausweg aus dem Dilemma. Und zwar in Form der in diesem Beitrag vorgestellten Strategie. Sie bietet Ihnen eine Hilfestellung für den konkreten Moment, in dem jemand Sie kritisiert oder angreift und sie bewirkt (quasi beiläufig), daß Sie solche Angriffe langfristig dramatisch reduzieren können.
  • Wie reagieren Sie, wenn Sie einen Fehler machen?
  • Wie reagieren Sie, wenn andere einen Fehler machen?
  • Wie reagieren Sie, wenn Ihnen eine Panne passiert?

Meine Seminar-Teilnehmer/innen deuten jetzt oft an, daß es ihnen peinlich ist. (Vor allem, wenn andere es merken!) Warum? Weil wir ein Anti-Fehler-Mem im Kopf spazierentragen: "Fehler sind schlecht!" ("Pannen müssen vermieden werden!"/"Mißerfolge sind negativ!")

Stellen Sie sich einen Dreijährigen vor. Er versucht etwas, es mißlingt; er stutzt, er studiert die Sache mit großem Interesse, er versucht es wieder und wieder - bis er es schafft (bzw. bis die Mutti ihn aus seiner faszinierenden Forscher-Tätigkeit herausreißt)! Er weiß (und er lebt die Weisheit noch), daß man durch Fehler unglaublich viel lernen kann! Aber nur wenn wir mit einem neugierigen "Nanu?!" reagieren können! Wenn uns der Fehler nachdenklich stimmt. Wenn wir ihn analysieren! Wenn wir eine Lehre aus ihm ziehen.

Und wie reagiert ein Neunjähriger, wenn ihm eine Panne unterläuft? Er schaut sich verstohlen um, ob es jemand gesehen hat! Denn er hat bereits gelernt, seinen Fehlern mit negativen Gefühlen zu begegnen. Er fürchtet bereits die Reaktion anderer! Für ihn bedeutet ein Fehler bereits "das Ende einer mißglückten Handlung". Er ist bereits mit dem Anti-Fehler-Mem "infiziert".

Ab jetzt sind seine Energien vor allem auf Fluchtmanöver gerichtet. Mal sucht er Schuldige, die er jetzt angreifen kann (nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung!"), mal bastelt er sich (teilweise recht aufwendige) Rechtfertigungen, weil er im nachhinein Recht (an-)fertigen will.

Kommen wir zurück zu einer Situation, in welcher uns ein Fehler unterläuft. Die Reaktion des (psychologisch) Erfolgreichen kann wie folgt beschrieben werden: Wenn eine Panne passiert, dann reagiert er/sie neugierig mit einem erstaunten "Nanu?". Jetzt will er/sie es wissen. Jetzt kann man etwas lernen, auf daß man denselben Fehler später nicht laufend wiederholen muß.

Wenn wir zurückdenken, dann erinnern wir uns in der Regel daran, wie wir mit dem Anti-Fehler-Mem infiziert wurden. Denken Sie nur an die Schule! Da wird jeder Fehler rot angestrichen. (Erwachsene markieren das, was sie sich gut merken wollen, farbig und wundern sich, wenn Schüler sich an den rot hervorgehobenen Fehler besonders gut erinnern, sprich, ihn morgen wiederholen.) Jedenfalls werden Fehler in der Schule nicht nur rot angestrichen sondern auch gezählt - der absolute Wahnsinn! Nun überlegen Sie einmal, wie absurd das ist.

Wir wollen

Erfolge ohne Mißerfolge und
Leistung ohne Fehler.
Das ist wie Tage ohne Nächte und
Berge ohne Täler!*

Das bringt uns zum Knackpunkt:

  1. Wer Angst vor eigenen Fehlern hat, kann zu wenig aus ihnen lernen. Also beraubt man sich einer der besten Möglichkeiten, die das Leben uns bietet, nämlich lebenslanges Lernen, geistige Flexibilität usw.
  2. Wer eigenen Fehlern gegenüber intolerant ist, wird ähnlich intolerant reagieren, wenn seine Mitmenschen einen Fehler machen!

Jetzt empfinden Sie bitte: Was fühlen Sie, wenn man Sie kritisiert? Und: Neigen Sie, öfter als Ihnen lieb sein sollte, zu relativ vorschneller Kritik an anderen ...?

Einerseits leiden wir, wenn andere uns kritisieren, unsere Meinungen angreifen etc. Andererseits kritisieren wir bei anderen oft recht locker vom Hocker.

Wer das Anti-Fehler-Mem nämlich verinnerlicht hat, wird erstens Schuldgefühle empfinden, wenn ihm ein Fehler unterläuft ("Ach, bin ich wieder blöd gewesen!") und er reagiert zweitens sauer, wenn andere einen Fehler machen. ("Was hast Du Dir eigentlich dabei gedacht??!")

Wenn uns das einleuchtet, dann werden Sie die folgende Strategie begrüßen, wenn andere Sie kritisieren oder angreifen! Sie erfordert zwei unabhängige Denk-Schritte:

  1. im Vorfeld (Vorbereitung) und
  2. in dem Augenblick, da jemand uns gerade kritisiert hat.

Schritt 1:    Es geht um Ihre innere Einstellung. Wenn Ihnen klar wird, daß Fehler genau so notwendig für Wachstumsprozesse und Ihre Entwicklung sind, und wenn Sie begreifen, daß manche Entwicklungen erst nach 100.000 Fehlschlägen einen Erfolg zeitigten (wie die berühmte Glühbirne, bzw. der Faden in der Lampe, von Thomas Alpha EDISON), dann können Sie relativ schnell lernen, innerlich zu ihren Fehlern JA zu sagen!

Schritt 2:     Wenn Sie bereit sind, aus Ihren Fehlern zu lernen, dann werden Sie bei einem Angriff anders verfahren als früher. Sie werden nämlich dezidiert nachfragen, was der andere genau meint; welche Verbesserungsvorschläge er anzubieten habe, etc.

Falls der Mensch nicht "nur so" herumgemeckert hat, dann lernen wir möglicherweise tatsächlich etwas, wenn er auf unsere Rückfrage etwas anzubieten hat, was uns weiterbringen kann. Somit schlagen wir drei Fliegen mit einer Klappe:

Erstens könnte es sein, daß wir von der Kritik profitieren, bzw. daß wir, weil wir bei einer Kritik (oder einem Angriff) nachgefragt haben, wirklich etwas hinzulernen. Das wäre also ein Vorteil.

Zweitens ist jede interessierte Frage an den anderen immer eine Streicheleinheit für sein Selbstwertgefühl. Zeigt sie doch, daß wir ihn ernst nehmen, daß wir ihn respektieren, daß wir von ihm lernen können etc. Also psychologisch ein großer Vorteil! Insbesondere in einem Augenblick, da er uns kritisiert, d.h., wenn er eher Ablehnung von uns erwarten würde.

Drittens entlarven wir die Meckerer, die prinzipiell herummeckern. Das ist die Sahne auf der Torte! Fällt Ihnen nicht auch die eine oder andere Person ein, bei der Sie die Strategie sofort in Ihre tägliche Praxis umsetzen wollen?

Aber selbst wenn wir die "Sahne" beiseite lasse, ist diese Strategie enorm konstruktiv! Wenn - und nur wenn - wir den Mut aufbringen; denn es erfordert in der Regel ein wenig Training, bis wir es "glatt rüberbringen" können!

Sagen Sie sich immer wieder: "Ich stehe zu meinen Fehlern!" oder: "Ich lerne aus meinen Fehlern!" bis Sie in der Lage sind, jeden Ihrer Fehler als Lern-Chance anzusehen.

Vielleicht kennen Sie den Spruch: "Probleme sind zum Lösen da!" Ähnlich könnten wir sagen: Fehler sind zum Lernen da!

Wenn wir das erst einmal verinnerlichen, dann wird es leicht, die Strategie des Nachfragens und Nachhakens umzusetzen!

Fragen wir uns nun, wie wir reagieren, wenn anderen Fehler unterlaufen! Vielleicht könnten wir hier mit Fragetechnik (statt Sagetechnik) vorgehen? Lassen wir den anderen doch erst mal erklären, warum er es so und nicht anders gemacht hat? Vielleicht war der Gedanke dahinter gar nicht so falsch? Oft hat der andere sogar selbst eine bessere Idee, von der wir jedoch nichts erfahren, wenn wir nur herummeckern.

Fallbeispiel: Man erzählt sich folgendes von Andrew CARNEGIE, dem berühmten amerikanischen Stahlmagnaten der 30er Jahre (der als bettelarmer Einwandererjunge begann und später so viel Geld verdiente, daß er 365 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke - insbesondere für Bildungsprojekte und Stadtbüchereien - spenden konnte):

Ein neuer Manager hatte - noch in der Probezeit - eine voreilige falsche Entscheidung getroffen, die die Firma ca. US $ 1 Million kostete. (Das bedeutet natürlich weit mehr Kaufkraft nach heutigen Maßstäben.)

Nun wird der neue Mann zu CARNEGIE geholt. Er setzt sich auf die vorderste Stuhlkante und sagt: "Ich nehme an, Sie werden mich jetzt feuern ..." Darauf CARNEGIE: "Aber wieso denn? Wir haben doch gerade eine Million Dollar in Ihre Ausbildung investiert!"

Sie können Gift darauf nehmen, daß diesem Manager in seinem Leben kein vergleichbarer Fehler unterlaufen würde. Des weiteren wird der Schaden ja nicht rückwirkend behoben, wenn wir ihn in die Pfanne hauen. Aber mit dieser Strategie CARNEGIES entwickelt dieser Manager sich zu einem der loyalsten Mitarbeiter ...

Das ist ein Paradebeispiel der hohen Kunst, mit Fehlern anderer umzugehen. Was bringt es, den anderen mit Schimpfen erst ins "Reptilien-Gehirn" zu jagen? Entweder ist es ihm peinlich genug, weil er ja in der Regel ein Anti-Fehler-Mem hat. Oder aber es ist ihm noch gar nicht klargeworden, daß wir etwas falsch finden. Dann ist ein Frontal-Angriff strategisch besonders unklug ...

Denken Sie auch an die Nebenwirkungen dieser Strategie, d.h. die positiven Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl aller Beteiligten: unser eigenes wie auch das der anderen! Wenn wir andere in Zukunft selten/er in die Pfanne hauen, dann erhalten wir von unserer Umwelt ebenfalls mehr positive Signale. Es klingt so simpel, stimmt aber doch:

Wie man in den Wald hineinruft (schimpft, lobt, sachlich klärt, interessiert fragt usw.) so wird das Echo eben ausfallen.



Wobei Ron SMOTHERMON (siehe Literaturverzeichnis) darauf hinweist, wie lähmend eine gute Rechtfertigung ist, denn sie bietet uns in alle Zukunft eine Ausflucht, weil wir ja dann in der Zukunft die Rechtfertigung schon im Vorhinein besitzen. Wenn Sie sich z.B. einmal entschlossen haben, Sie hätten absolut kein Talent, Sprachen zu lernen, dann brauchen Sie es den Rest Ihres Lebens nie mehr zu versuchen, denn Ihre Rechtfertigung schützt Sie davor. Glauben Sie wirklich allen Ernstes, der liebe Gott hätte alle Leute mit Sprachentalent in die Benelux-Länder gejagt? (Da muß ein Nest sein ...)


Die Grundlage der Strategie ist Ihre eigene Einstellung gegenüber sogenannten Mißerfolgen.


Vgl. den Beitrag Meme - Chancen und Gefahren,
S. 131 ff.


Rechtfertigung = im nachhinein Recht anfertigen.


In anderen Ländern zählt man, wieviel die Schüler/innen richtig wußten! Aber bei uns werden die Fehler gezählt und dann auch noch bestraft (schlecht benotet)! Da muß man ja (panische) Angst vor Fehlern entwickeln!


Wobei es relativ gleichgültig ist, ob wir unseren Unmut laut und deutlich zur Sprache bringen, oder ob wir nur kritisch schauen. Das sind Nuancen; die Botschaft ist immer dieselbe.


Falls der andere "nur so rummeckert", wird ihm das peinlich sein! Mit dieser Strategie bekommen wir also die chronischen Nörgler in unserer Umgebung ganz nebenbei in den Griff, weil diese nämlich bald merken, daß wir es in Zukunft immer ganz genau wissen wollen!


Selbst wenn jemand einen "Super-Bock geschossen" hat kann eine vorsichtige Frage weit erfolgreicher sein, als eine Aussage (oder gar ein Angriff).


 
 
       
 
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