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Lernen als Weg

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Dr. Reinhard K. Sprenger

ZfU-Faculty: Sozial-Kompetenz: Führung & Kommunikation
Fachbereich Leadership & Führung
Lehrauftrag für Führung & Motivation, Führungsphilosophie

Selbständiger Berater für Personalentwicklung und Managementtraining in Essen. Er berät viele internationale Unternehmen und nahezu alle DAX-100-Unternehmen. Er ist zudem bekannt als Autor der Bestseller.

 

Die Magie des Konflikts

Ein kurzer Krieg macht bessere Schlagzeilen als ein langer Frieden. Zeitungen leben davon, Fernsehnachrichten und Sondersendungen. Auch in den Firmen: Klatsch und Tratsch über Streit und Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Personen, Abteilungen, ganzen Unternehmensbereichen erhöhen den Unterhaltungswert des Angestelltendaseins. Man sieht: Konflikte ziehen uns an; «magisch», wie man so sagt. Und stossen uns ab. Betrachtet man einige Meter Management-Aufrüstungsliteratur, dann springt das zu Vermeidende ins Auge: «Konfliktfrei führen», «Wie man Konflikte löst» und «Konflikte positiv bewältigen» heisst es da. «Konflikt» scheint ein Unwort zu sein, etwas, das man als negativ erlebt, dem man gerne aus dem Weg geht.

Dabei ist der Konflikt das Normalste und Natürlichste der Welt: weil jeder Mensch nun mal ein Unikat ist, weil er anders ist, andere Erfahrungen hat, andere Interessen hat. Es ist der Skandal des «Anderssein», das uns den Umgang mit Konflikten erschwert.In den Unternehmen zerstört ein defizitärer Umgang mit Dissens und dem «Anderssein des Anderen» unendlich viel Motivation und Commitment. Denn nur oberflächlich kämpft man mit weichen Bandagen - dafür mit um so härteren unter dem Tisch. Aber jede Konfliktlösung, die einen Verlierer produziert, funktioniert nicht. Man wird nachher mit den Problemen der Problemlösung schwer beschäftigt sein.

Einige Fallstricke der Konfliktlösung:

  • Harmoniesucht. Der Hang zur Harmonie, Konformismus und übersteigertes Sicherheitsdenken liegen wie Mahltau über vielen Leitungsgremien.
  • Die Schweigespirale: Man schweigt, weil man den «lieben Frieden» nicht stören will, der Meinungstrend in eine andere Richtung geht oder der Chef an seinem Durchsetzungswillen keinen Zweifel gelassen hat.n Eine verquere Fürsorglichkeit: Man will den anderen «schonen». Jemanden schonen heisst aber jemanden entmündigen. Man stellt sich über ihn, wertet ihn ab, erklärt ihn implizit zum Pflegefall.
  • Tabus. Sie erschweren nicht nur, sie verunmöglichen jeden Lösungsweg. Wenn es ein Tabu gibt, dann ist genau das Tabu das Problem.
  • Pseudosolidarität und Lagerdenken: Wir, die good guys - die anderen, die bad guys. Untereinander tun wir uns nicht weh, aber auf die anderen hauen wir drauf. Freundlich natürlich.
  • Vorschnelle Kausalitätsvermutung: «Wer hat Schuld?» und «Wer hat angefangen?» - diese beiden Fragen führen mit mechanischer Sicherheit ins Drama.
  • Die «einzig mögliche Lösung»: Vorschnelle Lösungsfixierung führt dazu, dass nicht ergebnisoffen miteinander gesprochen wird, sondern hochselektiv alles ausgeblendet wird, was nicht der «einzig möglichen Lösung» entspricht. Das ist der Auftakt für den neuen Konflikt.

Jede Verhandlung, jede Zielvereinbarung ist im Kern konfliktär. Jede Veränderung im Unternehmen ist mit Spannungen verbunden. In Projekten und Teams ist Konfliktfreiheit wirklichkeitsfremd. Fusionen, Restrukturierungen und der Change-Management-Aktivismus lassen die Konfliktpotentiale anschwellen. Und je widersprüchlicher, schneller und komplexer die Unternehmensprozesse im globalisierten Hyperwettbewerb werden, um so mehr wird Konfliktkompetenz zur gesuchten Fähigkeit.

Unternehmer müssen streiten, nicht schmusen. Ein Unternehmen, das im echten Wettbewerb steht, ist nicht das Zusammenspiel gutwilliger Wächter der ökonomischen Wohlfahrt, sondern die nach festen Regeln organisierte Auseinandersetzung zwischen widerstreitenden Handlungsmöglichkeiten. Wozu brauchte man sonst mehr als einen Vorstand? Ein lernendes und insofern überlebensfähiges Unternehmen beruht nicht auf der Suche nach Übereinstimmung, sondern auf der Einübung in den konstruktiven Umgang mit der permanenten Nichtübereinstimmung. Einigkeit macht starr.

Denn Konflikte binden nicht nur Energie, sie sind auch «produktiv» im besten Sinne. Sie erhöhen die Komplexität, insofern die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens - wenn, ja wenn gelernt wurde, mit Konflikten klug umzugehen. Insbesondere wenn eine langfristige Kooperationsbeziehung auf dem Spiel steht, gilt es, Konflikte so auszutragen, dass die Verbindung auf Dauer keinen Schaden nimmt.

Wenn wir also wirklich die Komplexität der Unternehmen erhöhen wollen, wenn wir wirklich unternehmerische Energie in der ganzen Breite des Unternehmens freisetzen wollen, wenn wir am Point of Sale die Schlagkraft erhöhen wollen - dann müssen wir Konflikte nicht zudecken, sondern aufdecken. Der wahre Konkurrenzkampf der Zukunft wird sich mithin nicht um wichtige Kunden drehen, sondern um aussergewöhnliche Menschen. Diese Top-Führungskräfte besitzen vor allem die Fähigkeit, Konflikte als Chancen zu nutzen. Aber auch für sie gilt: Wir irren uns voran.


Veranstaltungen

Dr. Reinhard K. Sprenger: Führung - Reduced to the Max! 
Radikal Führen: An der Freiheit des anderen kommt niemand vorbei! 

 

 

  • ZfU International Business School
  • Im Park 4 - CH-8800 Thalwil/Zürich
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