Ein kurzer Krieg macht bessere Schlagzeilen als ein langer Frieden. Zeitungen leben
davon, Fernsehnachrichten und Sondersendungen. Auch in den Firmen: Klatsch und Tratsch
über Streit und Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Personen, Abteilungen, ganzen
Unternehmensbereichen erhöhen den Unterhaltungswert des Angestelltendaseins. Man sieht:
Konflikte ziehen uns an; «magisch», wie man so sagt. Und stossen uns ab. Betrachtet man
einige Meter Management-Aufrüstungsliteratur, dann springt das zu Vermeidende ins Auge:
«Konfliktfrei führen», «Wie man Konflikte löst» und «Konflikte positiv
bewältigen» heisst es da. «Konflikt» scheint ein Unwort zu sein, etwas, das man als
negativ erlebt, dem man gerne aus dem Weg geht.
Dabei ist der Konflikt das Normalste und Natürlichste der Welt: weil jeder Mensch nun
mal ein Unikat ist, weil er anders ist, andere Erfahrungen hat, andere Interessen hat. Es
ist der Skandal des «Anderssein», das uns den Umgang mit Konflikten erschwert.In den
Unternehmen zerstört ein defizitärer Umgang mit Dissens und dem «Anderssein des
Anderen» unendlich viel Motivation und Commitment. Denn nur oberflächlich kämpft man
mit weichen Bandagen - dafür mit um so härteren unter dem Tisch. Aber jede
Konfliktlösung, die einen Verlierer produziert, funktioniert nicht. Man wird nachher mit
den Problemen der Problemlösung schwer beschäftigt sein.
Einige Fallstricke der Konfliktlösung:
- Harmoniesucht. Der Hang zur Harmonie, Konformismus und übersteigertes Sicherheitsdenken
liegen wie Mahltau über vielen Leitungsgremien.
- Die Schweigespirale: Man schweigt, weil man den «lieben Frieden» nicht stören will,
der Meinungstrend in eine andere Richtung geht oder der Chef an seinem Durchsetzungswillen
keinen Zweifel gelassen hat.n Eine verquere Fürsorglichkeit: Man will den anderen
«schonen». Jemanden schonen heisst aber jemanden entmündigen. Man stellt sich über
ihn, wertet ihn ab, erklärt ihn implizit zum Pflegefall.
- Tabus. Sie erschweren nicht nur, sie verunmöglichen jeden Lösungsweg. Wenn es ein Tabu
gibt, dann ist genau das Tabu das Problem.
- Pseudosolidarität und Lagerdenken: Wir, die good guys - die anderen, die bad guys.
Untereinander tun wir uns nicht weh, aber auf die anderen hauen wir drauf. Freundlich
natürlich.
- Vorschnelle Kausalitätsvermutung: «Wer hat Schuld?» und «Wer hat angefangen?» -
diese beiden Fragen führen mit mechanischer Sicherheit ins Drama.
- Die «einzig mögliche Lösung»: Vorschnelle Lösungsfixierung führt dazu, dass nicht
ergebnisoffen miteinander gesprochen wird, sondern hochselektiv alles ausgeblendet wird,
was nicht der «einzig möglichen Lösung» entspricht. Das ist der Auftakt für den neuen
Konflikt.
Jede Verhandlung, jede Zielvereinbarung ist im Kern konfliktär. Jede Veränderung im
Unternehmen ist mit Spannungen verbunden. In Projekten und Teams ist Konfliktfreiheit
wirklichkeitsfremd. Fusionen, Restrukturierungen und der Change-Management-Aktivismus
lassen die Konfliktpotentiale anschwellen. Und je widersprüchlicher, schneller und
komplexer die Unternehmensprozesse im globalisierten Hyperwettbewerb werden, um so mehr
wird Konfliktkompetenz zur gesuchten Fähigkeit.
Unternehmer müssen streiten, nicht schmusen. Ein Unternehmen, das im echten Wettbewerb
steht, ist nicht das Zusammenspiel gutwilliger Wächter der ökonomischen Wohlfahrt,
sondern die nach festen Regeln organisierte Auseinandersetzung zwischen widerstreitenden
Handlungsmöglichkeiten. Wozu brauchte man sonst mehr als einen Vorstand? Ein lernendes
und insofern überlebensfähiges Unternehmen beruht nicht auf der Suche nach
Übereinstimmung, sondern auf der Einübung in den konstruktiven Umgang mit der
permanenten Nichtübereinstimmung. Einigkeit macht starr.
Denn Konflikte binden nicht nur Energie, sie sind auch «produktiv» im besten Sinne.
Sie erhöhen die Komplexität, insofern die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens - wenn,
ja wenn gelernt wurde, mit Konflikten klug umzugehen. Insbesondere wenn eine langfristige
Kooperationsbeziehung auf dem Spiel steht, gilt es, Konflikte so auszutragen, dass die
Verbindung auf Dauer keinen Schaden nimmt.
Wenn wir also wirklich die Komplexität der Unternehmen erhöhen wollen, wenn wir
wirklich unternehmerische Energie in der ganzen Breite des Unternehmens freisetzen wollen,
wenn wir am Point of Sale die Schlagkraft erhöhen wollen - dann müssen wir Konflikte
nicht zudecken, sondern aufdecken. Der wahre Konkurrenzkampf der Zukunft wird sich mithin
nicht um wichtige Kunden drehen, sondern um aussergewöhnliche Menschen. Diese
Top-Führungskräfte besitzen vor allem die Fähigkeit, Konflikte als Chancen zu nutzen.
Aber auch für sie gilt: Wir irren uns voran.