Referat vom 8. Oktober 1998 / ZfU-Apéro-Forum im Swissôtel Zürich
Der Titel des Referates ist pointiert. Denn Schwächen einzugestehen, fällt uns für
gewöhnlich schwer, und vor anderen wollen wir sie möglichst verstecken. Dass wir gewisse
Schwächen kaum ablegen können, demütigt uns. Das Referat will das Wort Schwäche von
der moralischen Abwertung loslösen und aufzeigen, dass ein Mangel durchaus eine
schöpferische Kraft entwickeln kann.
Der Ursprung unserer Schwächen: unsere Zwänge
Schwächen gehen letztlich auf nicht gelebte Lebenssegmente zurück. Neurologische
Untersuchungen haben nachgewiesen, dass jeder Mensch schon im pränatalen Stadium und dann
eine kurze Zeit unmittelbar nach der Geburt sein «Gehirn vernetzt». Dabei werden
einzelne Lebensimpulse akzeptiert, andere verstärkt, wieder andere zurückgedrängt. Auf
die Dauer kann aber Leben nicht verdrängt werden - es muss gelebt werden und ist dabei
höchst erfinderisch! Wir gleichen dem Wasser, das hinunterfliessen darf/kann. So verläuft alles selbstverständlich. Wenn
das Wasser aber z.B. durch einen Erdrutsch am Fliessen gehindert wird, muss es
fliessen - dann wird die Sache aufsehenerregend!
So ist es auch bei uns: wenn wir etwas dürfen/können, leben
wir es in Freiheit und Souveränität. Andernfalls aber müssen wir es leben.
Dann reagieren die einen von uns mit Angriff (Überkompensation), die andern mit
Flucht (Verdrängung und in der Folge mit Sublimation): Unsere Schwächen haben
ein ungeheures kreatives Potential! Und wenn alles nichts nützt, sagen sie: «Bist du
nicht willig, so brauch ich Gewalt!»: Es kommt zu (noo)psychosomatischen Problemen.
Neurosen kann man als Konflikte zwischen unbewussten Motiven und darüber gestülpten
bewussten Werten definieren.
Wege zum Erkennen und Akzeptieren unserer Schwächen
Es stellt sich die Frage: Wie erkenne ich die Grundmotivation meines
Verhaltens? Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir die primären
«Weichenstellungen» für unser Verhalten in jener sehr früher Zeit gestellt haben, als
wir uns dessen gar nicht bewusst sein konnten. Seither greifen wir immer wieder
automatisch auf die damals «gelernten» Mechanismen zurück, selbst wenn sich die
Umstände mittlerweile grundlegend geändert haben. Wir leben aus der Vergangenheit.
Man kann andere nicht belügen, nur sich selber. Andere erkennen unsere
Schwächen oft besser als wir selber. Somit wäre ihr Urteil eine Hilfe zur
Selbsterkenntnis. Nehmen wir ihre Kritik an? Oder bekommen wir schlechte Gefühle und
projizieren den Ärger sofort zurück, indem wir sie ablehnen?
Sigmund Freud hat das Un- und Unterbewusste erkannt. Doch eine Psychoanalyse
ist nicht jedermanns Weg und muss es auch nicht sein. In jüngster Zeit wurden neue
psychologische Wege entdeckt. In meiner Arbeit hat sichdie Psycho-Kinesiologie
bewährt. Der sogenannte «Muskeltest» ermöglicht Informationen aus dem Unbewussten zu
erhalten. Doch braucht es dazu grosse Erfahrung, denn man erhält nur Antwort auf die
Fragen, die man stellt, und ausserdem besteht die Gefahr der Suggestion.
(Literatur: Dietrich Klinghardt: Lehrbuch der Psycho-Kinesiologie.
Verlag Hermann Bauer, Freiburg i.B. 1996.)
Zur Erkenntnis des Charakters wurden seit alters her Typologien
entworfen. Es gibt mittlerweile über 250 Modelle. Für mich selber ist das Enneagramm
das dynamischste und findet seine Stütze in den aktuellen neurologischen Forschungen. Ich
gebe in diesem Referat eine Einführung dazu. Ein Grobraster:
«Kopfmenschen» kämpfen ihr Leben lang gegen das tiefe Gefühl,
unfähig zu sein.
«Herzmenschen» kämpfen ihr Leben lang gegen das tiefe Gefühl,
nicht liebenswert zu sein.
«Bauchmenschen» kämpfen ihr Leben lang gegen das tiefe Gefühl,
nicht wichtig zu sein.
Jeder Mensch hat seine Schwächen, die aus der frühkindlich geprägten
Charakterstruktur voraussagbar sind. Die Strategien, solche Schwächen zu überwinden,
sind zum einen Teil typisch, zum andern Teil höchst individuell (so dass eine Typologie
immer auch offen bleiben muss auf das jeweilige Individuum!). Bei der Bestimmung der
Enneagrammstruktur bieten Fragebogen keine Gewähr - ich wende deshalb auch dazu
kinesiologische Methoden an. (Literatur: Zur Einführung geeignet: Richard Rohr / Klaus
Ebert: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele. Claudius Verlag, München 13. Aufl.
1991. - Oder u.a.: Kathleen V. Hurley / Theodor Dobson: Wer bin ich?
Persönlichkeitsfindung mit dem Enneagramm. Herder-Spektrum 4312.)
Chancen der Veränderung
Erkenne ich meine Charakterstruktur und die meiner Mitmenschen, wird sich mein
Umgang mit ihnen (und mit mir selbst) wesentlich vertiefen oder verbessern. Bewusstwerdung
ist der erste Schritt zur Veränderung.
Was einst «gute Vorsätze» hiess, nennt man heute Affirmationen. Das
sind Sätze, die ich mir immer wieder sage, bis sie ganz stark in mir sind und «ich mich
in sie verwandle». Es gibt kaum mehr Spitzensportler, die nicht mental arbeiten. Die
Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass ich tatsächlich die richtige Affirmation
anwende, die mir in der jetzigen Situation und im jetzigen Augenblick weiterhilft. Auch da
bietet sich die kinesiologische Methode zur Verifizierung an. Sehr oft hilft blosse
mentale Arbeit allerdings nicht wesentlich weiter. Dann kann die Verankerung der
Affirmation über die Körperebene geschehen: auf der energetischen oder auf der
neurologischen Ebene. Diesbezügliche Methoden in diesem Referat vorzuführen, würde
allerdings zu weit gehen. Es sei auch da auf die Psycho-Kinesiologie verwiesen.
Erst wenn das kreative Potential unserer Schwächen sich frei und
souverän entfalten darf/kann, wird sie wahrhaft fruchtbar.