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Maja Storch
Diplom-Psychologin mit Beratungspraxis in Deutschland, spezialisiert auf die Bereiche Selbstorganisation, Situative Kompetenz und Ressourcen-Management |
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Der Schatten steht immer mit am Ruder |
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"Der Schatten steht immer mit am Ruder", das hört sich
geheimnisvoll und interessant an, nicht wahr? In der Tat ist das jungsche Schattenkonzept
in meinen Augen eine der nützlichsten psychologischen Theorien, die wir in der heutigen
Zeit zur Verfügung haben.
Aber das können Sie ja bald selbst beurteilen. Mit dem Begriff "Schatten"
werden in der jungschen Psychologie alle Eigenschaften bezeichnet, die zwar zur
Persönlichkeit eines Menschen gehören, diesem Menschen aber nicht oder nicht genügend
bewusst sind. Im Schatten und damit im Unbewussten finden sich diejenigen
Persönlichkeitsanteile, die im Laufe des Heranwachsens verdrängt oder abgespalten
wurden, weil sie in dem Umfeld, in dem der betreffende Mensch aufwuchs, nicht erwünscht
waren. Ein Mensch, der dazu erzogen wurde, immer fleissig und pflichtbewusst seine Arbeit
zu erfüllen, hat im Schatten einen pflichtvergessenen Faulenzer. Ein Anwalt, der stets
korrekt gekleidet ist und sehr darauf achtet, sein Leben im Rahmen der gesellschaftlich
vorgegebenen Normen zu führen, träumt immer wieder von einem Penner, der in der Gosse
sitzt. Im Volksmund kennt man den Spruch, dass in jedem Feuerwehrmann ein Brandstifter
steckt. Ein Mensch, der ein sehr moralisches Leben führt und von seiner bewussten
Einstellung her sexuelles Ausschweifen verdammt, muss damit rechnen, dass in seinem
Schatten ein zügelloser Lüstling lauert.
Die Faustregel lautet: je extremer die bewusste Einstellung, desto extremer der Schatten,
der die gegenteilige Position vertritt. Der Mann, der immer fleissig gearbeitet hat und
zuverlässig für seine Familie da war und vom Zigarettenholen nicht wiederkommt, wurde
von seinem Abenteuerschatten eingeholt, die anspruchslose und fleissige Hausfrau, die Mann
und Kinder verlässt, um mit einem karibischen Tänzer zu leben, genauso. Je stärker wir
nach dem Licht streben, desto mehr müssen wir mit dem Dunkel kämpfen. Im Unbewussten
besteht die Tendenz, den Menschen nicht einseitig werden zu lassen. In der jungschen
Psychologie spricht man von dem Streben nach Ganzheit, welche durch das Unbewusste
vertreten wird.
Normalerweise haben die Menschen Angst davor, sich mit ihrem Schatten auseinander zu
setzen. Er erscheint ihnen böse und unangenehm, und sie wollen doch gute Menschen sein!
An dieser Stelle sei nochmals daran erinnert, dass Bewertungen immer von uns Menschen
kommen. Die meisten Schatteninhalte waren ursprünglich nicht schlecht, sie wurden
lediglich dort, wo das Kind aufwuchs, als schlecht bewertet. Ein Beispiel: ein Mädchen
wächst auf einem Bauernhof auf, wo praktisches Zupacken überlebensnotwendig ist. Diese
Mädchen ist jedoch eher zartfühlend und musisch begabt, es hat zierliche Gliedmassen und
liest gerne. Auf einem Bauernhof gilt nur das, was mit den Händen getan wird, vom Lesen
melken sich die Kühe nicht und wird der Stall nicht gemistet. Das Mädchen lernt, dass
seine musischen Eigenschaften schlecht sind, verdrängt diese Begabung und entwickelt
einen entsprechenden Schatten. Ihr Bruder, ein kräftiger Bub, der gerne körperlich
arbeitet, bekommt für seine Eigenschaften Lob und ist stolz darauf. Stellen wir uns die
beiden Geschwister in einem anderen Umfeld vor. Sie haben die gleiche körperliche und
seelische Grundausstattung, werden jedoch in eine Professorenfamilie in der Grossstadt
geboren. Das Mädchen wird für seine Eigenschaften viel Lob bekommen, der Bub wird als
Tollpatsch und als geistig träge beschimpft werden. Dieselbe Persönlichkeit in einem
unterschiedlichen Umfeld und dieselben Wesensmerkmale werden völlig unterschiedlich
bewertet!
Das obige Beispiel beschreibt ein individuelles Schicksal. Auch ganze Kulturen können
Schattenfiguren ausbilden, einfach deswegen, weil zum Beispiel ihre Religion bestimmte
Werte vorgibt und darum alle Menschen, die dieser Religion angehören, ähnliche Anteile
in sich unterdrücken müssen, wenn sie gemäss den Kriterien ihrer religiösen
Überzeugung "gute" Menschen sein wollen. In Kulturen, die christlich geprägt
sind, haben die meisten Menschen ihre sexuellen Vorlieben in den Schatten verbannt, weil
die christliche Religion relativ prüde daherkommt, Der Effekt hiervon ist ein Mensch, der
das ganze Jahr brav im Landratsamt Akten bearbeitet und dann in seinem Jahresurlaub auf
Mallorca bei Ballermann 6 die Sau rauslässt.
Aber" , werden Sie vielleicht einwenden, -so einfach ist das nicht. Wenn ich
ehrlich in mich hineinschaue, entdecke ich ganz üble Eigenschaften an mir, die nichts,
aber auch gar nichts Positives und Unschuldiges an sich haben! Ich entdecke Mordgelüste,
Phantasien über sexuelle Orgien und den Hang zu Lug und Betrug! Sie können mir nicht
erzählen, dass diese Bewertungen lediglich ein Produkt des Bewusstseins sind und dass ich
ruhig zu diesen Eigenschaften stehen soll! Das will ich nicht!"
Sie haben Recht, wenn Sie so etwas einwenden möchten. Und Sie verdienen eine Gratulation
für die grosse Ehrlichkeit, mit der Sie Ihr Innenleben durchforscht haben, wenn Sie über
solche offenbar abstossenden inneren Motivlagen berichten können. Die Tatsache, dass uns
unsere Schatteninhalte so verabscheuungswürdig erscheinen, hängt mit der Funktionsweise
des Unbewussten zusammen. Wie gesagt: Ursprünglich waren alle Inhalte, die wir in den
Schatten verbannt haben, weder gut noch schlecht. Sie waren einfach da. Erinnern Sie sich
an die Löwin, die ein Wild reisst. Sie tötet, und das ist ihre Natur. Sie bewertet
nicht. Die Natur und das Leben sind einfach da und kümmern sich nicht um Bewertungen.
Bewertungen sind eine Folge von Zivilisation und der zunehmenden Bewusstheit der
Menschheit. Menschen mussten sich irgendwann Gesetze geben, die das Zusammenleben
regelten, weil sie nicht mehr nur den Instinkten gehorchten und weil sie herausgefunden
hatten, dass Regeln ihre Überlebenschancen steigerten, wenn sie in Gemeinschaften
zusammenlebten. Darum wurde das Töten verboten, und der Impuls dazu, den wir mit der
Löwin gemeinsam haben, wanderte ins Unbewusste und bildete da einen Schattenanteil. |
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