Führungskräfte im Spannungsfeld zwischen Arbeit, Freizeit und Familie
Prof. Dr. Klaus LinnewehSeine umfangreiche Trainings- und Beratungspraxis
in den unterschiedlichsten Wirtschaftsbranchen hat er in vielen innerbetrieblichen
Projektentwicklungen und in zahlreichen Veröffentlichungen nachgewiesen.
Klaus Linneweh gehört zu en führenden Stress- und Kreativitäts-Experten
im deutschsprachigen Europa und ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Referenten des
ZfU Zentrum für Unternehmungsführung, CH-Thalwil. Anlässlich einer
ZfU-Kundenveranstaltung begeisterte er über 1200 Menschen mit seinen Gedanken und
Ratschlägen zum Thema Stressmanagement und Kreativitätsförderung.
«Nur wer mit sich selbst erfolgreich "umgehen" kann, kann auch
verantwortungsbewusst andere führen. Dies ist zugleich eine körperliche, psychische und
geistige Aufgabe.»

Prof. Dr. Klaus Linneweh
Gliederung
Vorwort
1. Die
"stresshafte" Situation
2. Rollenkonflikte
3. Traditionelle
Lösungsmuster
4. Die Lösung:
Persönlichkeitsmanagement
als aktive Konfliktlösungsstrategie
5. Das ganzheitliche Konzept:
Körper, Psyche,
Geist
6. Zehn Empfehlungen
Vorwort
Durch diesen Artikel wird die persönliche Kompetenz zur Einordnung und Handhabung von
Belastungssituationen gesteigert, ebenso die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Der Leser hat
am Ende gelernt, dass die Führung der eigenen Person unverzichtbarer Bestandteil der
Führung von Mitarbeitern ist. Er hat gelernt, die unterschiedlichen Rollenanforderungen
in ein aktives Persönlichkeitsmanagement zu integrieren und persönliche Perspektiven zu
entwickeln.
Inhaltsschwerpunkte
- Erkennen der unterschiedlichen Rollenanforderungen an eine Führungskraft im Berufs- und
im Privatleben:
Im Artikel werden die einzelnen Rollen einer Führungskraft aufgezeigt und deren
Anforderungen diskutiert. Das Spannungsfeld zwischen den Anforderungen aus dem Beruf, der
Familie und dem Freitzeitbereich wird thematisiert. Zur Bewältigung der einzelnen
Anforderungen bietet der Artikel Ansatzmöglichkeiten: Im Berufsfeld Hinweise zur
Arbeitsmethodik, Stresshandhabung und Ethik im Unternehmen; im Freizeitfeld zu Fitness und
Entspannung; im Familienfeld zu Zufriedenheitsfaktoren in der Partnerschaft.
- Bedeutung der inneren Balance in der ganzheitlichen Betrachtung (Körper, Psyche, Geist)
einer Führungskraft.
Im körperlichen Bereich geht es um das bewusste Umgehen mit dem eigenen Körper und um
einen ökonomischen Einsatz der zur Verfügung stehenden Kräfte. Im Bereich der Psyche
wird das eigene Anspruchsdenken sowie der Umgang mit den eigenen Bedürfnissen zum Thema.
Zielsetzung der Überlegung im geistigen Bereich ist das Erkennen von Stressursachen im
beruflichen wie im privaten Umfeld und die Möglichkeit, das eigene Konfliktpotential
bewusst zu verarbeiten. Die Überlegungen aus den einzelnen Bereichen münden in zehn
Empfehlungen zur Führung der eigenen Person.
1. Die
"stresshafte" Situation
Beruflicher Erfolg und Karriere haben für die meisten Führungskräfte einen hohen
Preis. Betrachtet man alle Einflussfaktoren, von denen unter Umständen ein ungünstiger
Einfluss auf die individuelle Lebenszufriedenheit und das eigene Wohlbefinden ausgehen
kann, wie z.B.
- der immense Arbeitsumfang,
- der permanente Zeitdruck,
- das Übermass an Sachaufgaben in Relation zu den eigentlichen Führungsaufgaben,
- die Erwartung des Unternehmens in Hinblick auf Mobilität, Flexibilität und die
Identifikation mit der Unternehmenskultur,
- die Vielfalt unterschiedlicher Rollenerwartungen,
- die oft konträren Forderungen, Einstellungen, Lebenserwartungen des Partners, der
Familie und der Freunde,
dann wir deutlich, dass sich viele Führungskräfte sowohl objektiv als auch subjektiv
in einer Lebenssituation befinden, die auf längere Sicht gesehen nicht nur die
Lebenszufriedenheit beeinträchtigen kann, sondern auch Leistungsmotivation und
Leistungsfähigkeit und letztlich sogar die psycho-physische Gesundheit gefährdet.
Führungskräfte beklagen diese Situation der Überforderung, der ständigen Hetze und
der Fremdbestimmtheit, der sie sich ausgesetzt fühlen und die immer weniger Zeit für
Lebensbereiche ausserhalb des Berufes lässt, halten sie aber oft genug für
unabänderlich oder nehmen sie als vorübergehende Begleiterscheinung von beruflichem
Erfolg in Kauf. Im Grunde wissen Führungskräfte aber, dass die Hoffnung, der Stress
werde sich vielleicht auf einer höheren Stufe der Karriereleiter verringern, ein
Trugschluss ist.
Allmählich geraten Führungskräfte so in einen Zustand, bei dem das Leben ausserhalb
des Berufes nämlich Familie, Freizeit, Erholung, Musse, soziale Kontakte,
persönliche Interessen, Hobbys zu einer "Restgrösse" zusammenschrumpft.
Dies gilt besonders dann, wenn ein grosser Teil der berufsfreien Zeit auch noch für
sogenannte "Funktionärstätigkeiten" aufgewandt wird, wie dies bei vielen
Führungskräften der Fall ist.
Spätestens hier wird dann deutlich, dass auch das soziale Umfeld der Führungskraft
die Familie, die eigenen Kinder, Freunde, Verwandte und Bekannte - die Kosten einer
solchen Lebensweise mittragen müssen.
Aus all dem resultiert vielfach ein allgemeines Unbehagen, ein Gefühl, das eigene
Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben, von Ereignissen oder Prozessen bestimmt zu
werden, statt diese selbst zu bestimmen. Nicht selten wird der Wunsch nach einem
umfassenden Neuanfang zum Ausdruck gebracht, wobei die Hoffnung mitschwingt, dass man sich
dann in höherem Masse selbst verwirklichen könne.
Häufig aber sind gerade diejenigen, die erfolgreich verantwortungsvolle
Leitungsfunktionen ausüben, tagtäglich weitreichende unternehmerische Entscheidungen
fällen und umsetzen, die gewohnt sind, Mitarbeiter motivierend zu führen, hilflos, wenn
es darum geht, sich selbst und die eigene Lebenssituation genau so effektiv zu managen wie
die beruflichen Aufgaben.
2. Rollenkonflikte
Das erfolgreiche Management der eigenen Person ist aber eine unverzichtbare
Voraussetzung für Führungsfunktionen.
Nur wer sich selbst führen kann, wird auch andere
verantwortungsbewusst führen
können.
Dieses Persönlichkeitsmanagement bedeutet im Grunde nicht mehr, aber auch nicht
weniger als das selbstbestimmte Ausüben von Leitungsfunktionen in bezug auf die
eigene Person und das eigene Lebensumfeld. Zentrale Aktionsfelder des
Persönlichkeitsmanagements sind der Beruf, die Familie und die Freizeit, die als
integrative Lebensfelder gesehen werden müssen.
Ziel dieser Managementaktivitäten ist es, die eigene Person bewusst und selbstbestimmt
zu führen, sich selbst und die eigenen Lebensumstände so zu organisieren, dass man
unvermeidbaren Belastungssituationen des beruflichen wie des privaten Alltags wieder mit
grösserer Gelassenheit begegnen und die eigenen Lebenskraft sinnvoll mit Zufriedenheit
und auch mit Freude einsetzen kann.
Die Führung der eigenen Person beinhaltet damit zum einen die Bereitschaft, die
bisherige Lebensweise in Frage zu stellen, sich auch einmal kritisch im Licht der anderen
zu sehen, und zum anderen die Suche nach Wegen, um sich von unnötigen Fremdbestimmtheiten
frei zu machen, um in Zukunft stärker zu agieren und weniger zu reagieren.
Bei der Suche nach Ursachen für die subjektive Überforderungssituation, in der sich
viele Führungskräfte ihrer eigenen Einschätzung nach zur Zeit befinden, stösst man auf
zwei für diese Berufsgruppe spezifische Phänomene:
Das eine ist das Übergewicht der Arbeitszeit gegenüber der frei verfügbaren
"Freizeit" und die damit einhergehende permanente hohe physische und psychische
berufliche Beanspruchung, die ständig geforderte Flexibilität in Denken und Handeln:
- So sind 12 - 14 Arbeitsstunden pro Tag im mittleren und höheren Management eher die
Regel als die Ausnahme.
- Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt hier bei 55 Stunden bei einer Bandbreite
von 40 - 80 Stunden.
- Im Mittel werden 70 - 80 % der Wachzeit für die Erledigung beruflicher Aufgaben
aufgewendet.
- Die individuelle Freizeit, also die Zeit, in der die Führungskraft "tun und lassen
kann, was sie will", liegt zwischen maximal 28 und minimal 10 Stunden pro Woche. Dies
sind, das Wochenende eingeschlossen, 1,5 bis 4 Stunden am Tag.
Je höher die Führungskraft in der Unternehmenshierarchie angesiedelt ist, desto
geringer fällt das individuelle Freizeitbudget aus (vgl. Streich).
Das zweite ist die ausserordentlich grosse Vielfalt unterschiedlicher Rollen und mit
diesen einhergehender Rollenerwartungen bzw. anforderungen, denen sich dieser
Personenkreis gegenübersieht.
Rollenverhalten ist gelerntes Verhalten; das heisst, es wird durch das bestimmt, was
die Gesellschaft oder eine bestimmte Gruppe in einer bestimmten Situation vom Inhaber der
jeweiligen Rolle erwarten. Er entspricht diesen Erwartungen dann durch mehr oder minder
rollenkonformes Verhalten.
Die spezifische Situation der Führungskräfte besteht nun zum einen darin, dass bei
ihnen, zumal wenn sie noch nicht die Spitze der Karriereleiter erreicht haben, die eigene
Berufsrolle sich mehrfach ändert: Ein Studienrat an einem Gymnasium bleibt entweder bis
zu seiner Pensionierung Kollege der übrigen Lehrkräfte und Mitarbeiter des Schulleiters
oder wird selbst irgendwann Schulleiter. Eine Führungskraft wird im gleichen Zeitraum in
aller Regel mehrere Hierarchieebenen durchlaufen, u. U. mehrfach das Unternehmen wechseln
oder in unterschiedlichen Abteilungen bzw. Tochterunternehmen tätig sein, und auf diesem
Wege unterschiedliche Mitarbeiter-, Kollegen- und Vorgesetztenrollen ausfüllen müssen.
Aus den Kollegen von heute können morgen Vorgesetzte oder auch Mitarbeiter werden, aus
Vorgesetzten Kollegen usw.
Zum anderen sind im Gegensatz zu vielen anderen Berufsgruppen Beruf und Privatleben
zwei Bereiche mit höchst unterschiedlichen ethischen und moralischen Anforderungen und
unterschiedlicher Wertigkeit. Viele Führungskräfte leiden darunter, dass sie in diesen
beiden Lebensbereichen nicht selten mit gegensätzlichen bzw. nur schwer miteinander zu
vereinbarenden Verhaltenserwartungen konfrontiert werden und dadurch immer wieder in eine
nur schwer lösbare Konfliktsituation geraten. Unternehmen verlangen von ihren
Führungskräften in der Regel ein hohes Mass an Mobilitätsbereitschaft, während Ehefrau
und Kinder einem Ortswechsel wegen der damit für sie verbundenen hohen sozialen Kosten
(wie etwa Verlust des Freundeskreises, Schulwechsel, Eingewöhnung in ein neues Soziales
Umfeld) meistens ablehnend gegenüberstehen.
Führungskräfte sind sich über die unterschiedlichen Rollenanforderungen durchaus
bewusst. Sie wissen, dass Eigenschaften, Einstellungen und Verhaltensweisen, die für die
erfolgreiche Bewältigung beruflicher Aufgaben unverzichtbar sind, im privaten Bereich
für die hier zu lösenden Aufgaben völlig ungeeignet sein können und vielfach auf
Ablehnung stossen. Und umgekehrt!
Beispielsweise sind nach einer Untersuchung von Streich Begriffe wie
"Effizienz", "Leistungswille" und "Rationalität" im
Empfinden der Führungskräfte sehr stark in die berufliche Sphäre eingebunden, während
sie für den privaten Bereich eine eher untergeordnete Bedeutung haben. Auch
"Komplexität", "Autorität" und "Macht" werden, wenn auch
in geringerem Masse eher dem Berufsleben zugeordnet. Gegenteilig eingeordnet wurde nur der
Begriff "Gefühl"; er spielt die wichtigste Rolle im privaten und die geringste
im beruflichen Bereich, d.h. Führungskräfte sind der Meinung, dass sie im Privatleben
eher gefordert sind und eher die Möglichkeit haben, Gefühle zu äussern als im
Arbeitsleben.
Die Bedeutung diese Ergebnisses erhöht sich noch, wenn man es in Beziehung setzt zu
den gleichzeitig ermittelten Sympathiewerten für die Berufs- und Freizeitrollen. Hier
zeigt sich ein deutliches Sympathiegefälle zwischen beiden Lebensbereichen: Am
sympathischsten ist den Befragen die Rolle des Ehemannes. Es folgen die Rollen des Vaters,
des Vorgesetzten, des Freundes, des Kollegen, des Mitarbeiters und als letzte die des
Funktionärs.
Die grösste Sympathie hegen Führungskräfte danach also gerade für diejenigen
Rollen, für die sie am wenigsten Zeit aufwenden können die Rolle des Ehemannes
und Vaters.
3. Traditionelle
Lösungsmuster
Die meisten Führungskräfte versuchen, sich den divergierenden Rollenanforderungen und
den mit ihnen immer wieder verbundenen Konfliktsituationen dadurch zu entziehen, dass sie
sich für eine der beiden folgenden Verhaltensweisen entscheiden, die allerdings beide im
Sinne eines erfolgreichen Persönlichkeitsmanagement wenig tauglich sind.
- Absolute Priorität des Berufs vor der Familie
- Strikte Trennung zwischen beiden Lebensfeldern
Führungskräfte, für die Beruf und Karriere das wichtigste in ihrem Leben sind,
werden ihr übriges Leben so organisieren, dass es ihnen auf jeden Fall ein Maximum an
Regenerationsmöglichkeiten für den Beruf sichert. Sie treiben z.B. regelmässig Sport,
tun dies aber in erster Linie, um sich ihre Fitness für den Beruf zu erhalten und mit
ihrer physischen und psychischen Spannkraft den Anforderungen des beruflichen Alltags
gewachsen zu sein. War für sie hierbei vor allem zählt, ist die messbare
Leistungssteigerung, nicht etwa der Spass an der Bewegung. Bevorzugt werden deshalb in
erster Linie Sportarten, bei denen eine Leistungssteigerung leicht erkennbar ist und bei
denen sie nicht auf andere angewiesen sind, sondern selbst entscheiden können, wann und
wie lange sie sie ausüben, wie z.B. Jogging oder Training im Fitness-Studio.
Der Bekanntenkreis dieser karriereorientierten Führungskräfte setzt sich meistens
ausschliesslich aus Berufskollegen und Personen zusammen, mit denen sie im Rahmen ihrer
vielfältigen Funktionärstätigkeiten zu tun haben. Diese homogene Zusammensetzung
reduziert zum einen die Wahrscheinlichkeit, sich auch einmal mit anderen, unvertrauten
Meinungen auseinandersetzen zu müssen; zum anderen lassen sich so berufliche
Angelegenheiten problemlos in der Freizeit weiterbehandeln. In den Stunden, die sie zu
Hause verbringen, möchten diese Menschen vor allem abschalten und in Ruhe gelassen
werden. Gemeinsamen Freizeitaktivitäten, wie sie vielleicht von der Ehefrau geplant
werden, stehen sie genau so ablehnend gegenüber wie Auseinandersetzungen über familiäre
Entscheidungen oder dem Wunsch ihrer Kinder nach gemeinsamen Spielen.
Allmählich entsteht so ein Lebensumfeld, das mit dem der Familie oder früherer
Freunde und Bekannter nur noch wenige Berührungspunkte aufweist. Die Führungskraft lebt
von der Familie her gesehen weitgehend in einer Welt für sich und ist dabei
stets in der Gefahr, durch die ausschliessliche Fixierung auf Beruf und Karriere den Blick
für alternative Lebensgestaltungsmöglichkeiten zu verlieren. Im Extremfall wird der
Führungskraft erst bei der Pensionierung deutlich, dass sie im Familienverbund, abgesehen
von der materiellen Versorgung, schon seit langem eigentlich keine Aufgabe mehr hat, dass
sie hier isoliert und vielleicht sogar überflüssig geworden ist.
Die übrigen Familienmitglieder haben dann schon längst ihren eigenen Freundeskreis
aufgebaut und gemeinsame Freizeitaktivitäten ohne den Vater ausgeführt; wichtige
Familienentscheidungen werden entweder von der Ehefrau oder von der
"Restfamilie" gemeinsam getroffen, und das älteste Kind ist häufig zum
Vertrauten der Mutter und zum Berater der jüngeren Geschwister geworden. Häufig wird der
Führungskraft erst jetzt bewusst, wie weit man sich in den Jahren auseinander entwickelt
hat. Es ist deshalb keineswegs unwahrscheinlich, dass in einer solchen Beziehung Familien-
oder Eheprobleme manifest werden: Kinder, die ihren Vater nur im Urlaub zu Gesicht
bekommen, für die der Vater jemand ist, auf dessen Ruhebedürfnis man zwar Rücksicht zu
nehmen hat, den man ansonsten aber kaum kennt, reagieren oft mit aggressivem Verhalten.
Eine Ehefrau, die sich vor allem auf den häuslichen Alltag beschränkt sieht, die sich
bei familiären Entscheidungen meistens alleingelassen weiss, deren eigenen Bedürfnisse
nach gemeinsamen sozialen Kontakten, nach kulturellen Anregungen (Theater, Konzerte,
Ausstellungen usw.) und nach der Gesellschaft Erwachsener im Denken ihre Partners kaum zum
Tragen kommen, wird sich vernachlässigt fühlen, entweder irgendwann resignieren,
Aggressionen gegenüber dem Partner und/oder seinen beruflichen Karrierewünschen
entwickeln oder nach anderen Kontaktpartnern suchen.
Eine strikte Trennung von Arbeit und Privatleben bringt für Führungskräfte das
Risiko mit sich, dass in Zeiten beruflicher Krisen kein unterstützendes privates Netzwerk
zu Verfügung steht: Eine Ehefrau, Kinder, Freunde oder Bekannte, die nichts von den
beruflichen Aufgaben der Führungskraft und der spezifischen Struktur des Unternehmens
wissen, sehen zwar durchaus deutlich die hohen psychischen und physischen Kosten der
Karriere, sind aber kaum in der Lage, bei beruflichen Problemen oder Konflikten wirksame
Hilfen zu geben. Die Führungskraft fühlt sich in ihrer Stresssituation alleingelassen.
Berufliche Krisensituationen können einem solchen Menschen zwar die Gefahr der
Vereinsamung deutlich machen, in die er sich selbst hineingebracht hat. Wenn er aber, wie
dies gerade bei vielen Managern immer noch der Fall ist, dem falschen Mythos von der
Führungskraft als dem allen Situationen gewachsenen "starken Mann" anhängt,
der keinesfalls Unsicherheiten zeigen darf, wird er kaum Mittel und Wege finden, um aus
dieser Isolation herauszukommen. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass gerade in dieser
Gruppe relativ viele zu finden sind, die auf beruflichen Stress mit Resignation,
Selbstwertverlust oder "innerer Kündigung" reagieren.
In Partnerschaftsseminaren zum Thema "Führen der eigenen Person" zeigt sich
immer wieder, dass sich nicht nur die Führungskräfte selbst dieser Gefahr durchaus
bewusst sind, sondern oft noch in stärkerem Masse deren Lebenspartner. Die Frauen sehen
deutlicher und in der Regel auch früher als ihre Ehepartner die hohen Kosten, die die
berufliche Karriere ihnen selbst und vor allem ihrem Mann abverlangt; etwa ein Drittel der
Frauen von Managern steht deshalb der derzeitigen beruflichen Position des Ehemannes
ablehnend gegenüber. Überproportional viele Scheidungen und Trennungen werden deshalb
- im Anschluss an
einen gemeinsamen Urlaub,
- nach dem "Aus-dem-Haus-Gehen" der Kinder (Situation des "leeren
Nestes"),
- nach der Pensionierung im Ruhestand beobachtet.
Die amerikanische Managementlehre hat in diesem Zusammenhang klare Prioritäten
entwickelt, die vielleicht auch für europäische Führungskräfte eine Orientierungshilfe
sein können:
Führung bezieht sich zunächst auf sich selbst, dann auf die Familie und das soziale
Umfeld und dann erst auf den Beruf. Wer dagegen den Beruf an die erste Stelle setzt, wird
u.U. zum Workaholic, zum gefährdeten Industrieschauspieler. Wir leben nicht, um zu
arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben. Jede Führungskraft ist für ihre physische,
psychische und geistige Gesundheit selbst verantwortlich nicht der Beruf, nicht die
Familie oder falsch organisierte Freizeit.
Konflikt: Vor wem verantworte ich mein Tun?

4. Die Lösung:
Persönlichkeitsmanagement als aktive Konfliktlösungsstrategie
An der hier skizzierten objektiv und subjektiv erlebten Situation wird sich nur dann
dauerhaft etwas ändern, wenn die Führungskraft selbst die Initiative zu Veränderungen
ergreift. Bezugspersonen in Berufs- und Privatleben können sie auf diesem Weg zwar
wirksam unterstützen und bekräftigen, die Wegrichtung und das Ziel müssen aber von ihr
selbst festgelegt werden anderenfalls bestünde die Gefahr, wiederum in neue
Fremdbestimmtheiten zu geraten.
Der erste Schritt auf dem Weg zu einem erfolgreichen
Persönlichkeitsmanagement besteht deshalb in dem Entschluss, in Zukunft selbst die
Verantwortung für das eigene Leben in allen seinen Bereichen zu übernehmen.
Eine Umfrage nach detaillierten Wünschen von Führungskräften in bezug auf berufliche
Tätigkeit und Privatleben (Streich) kam zu folgenden Ergebnissen: Eine Konfliktreduktion
im Berufsleben erhofft man sich durch
- Gleichlauf von Sach- und Führungsaufgaben im Arbeitsvollzug,
- Stabilisierung des zwischenmenschlichen Bereichs durch Steigerung der Kommunikation mit
den Mitarbeitern,
- verbessertes eigenes Arbeitsverhalten besonders im Bereich des Zeitmanagements und
- stärkere Persönlichkeitsförderung durch das Unternehmen (beispielsweise im Rahmen
einer Führungskräftepolitik, einer Intensivierung von Personalentwicklungsmassnahmen
sowie einer Stärkung der Eigenverantwortlichkeit).
Ein weniger konfliktträchtiges Privatleben glaubt man durch eine stärkere
Familienhinwendung erreichen zu können. Hierbei steht die Zielvorstellung einer
partnerschaftlichen Gemeinschaft im Vordergrund.
Im Hinblick auf konkrete Freizeitaktivitäten wünschen sich Führungskräfte neben
vermehrten Möglichkeiten zu individuellen Aktivitäten wie Lesen oder Reisen als
Ausgleich zu den beruflichen Belastungen vor allem mehr Zeit für intensive sportliche
Betätigung.
Ein erfolgversprechender Schritt in diese Richtung sind z.B. die in den Vereinigten
Staaten schon relativ weit verbreiteten "Sabbaticals", bei denen der Mitarbeiter
einen Teil seines Urlaubs anspart und sich so die Möglichkeit schafft, einmal mehrere
Monate hintereinander nicht arbeiten zu müssen und so Distanz gewinnen und neue Kräfte
"auftanken" kann.
Denkbar ist auch die Einrichtung eines "Familientelefons", dessen Nummer nur
den Familienangehörigen bekannt ist und das der Familie die Möglichkeit gibt, dringliche
Angelegenheiten zumindest kurz unmittelbar zu besprechen.
Leiden an einem Übermass an Fremdbestimmtheiten lässt nur zwei Lösungsmöglichkeiten
zu: Entweder ich verändere die Umwelt oder mich selbst.
Es wurde viele Jahre versucht, Menschen an Organisations- und Führungsstrukturen
anzupassen. Gefordert und gefördert wurde vor allem Anpassungsfähigkeit. Das Ergebnis
waren Menschen ohne Profil, zu jedem Kompromiss bereit, "Ja-Sager" und"
Quallen". Was unsere Gesellschaft aber in allen Bereichen des Lebens braucht, sind
Menschen, die nach ihrer eigenen Überzeugung handeln, die auch einmal "nein"
sagen, die Kreativität als Provokation begreifen, die als Führungskräfte wissen, dass
sie nicht für Routine, sondern für eigene Ideen bezahlt werden. Was wir brauchen, sind
"Schwertfische", Persönlichkeiten mit Profil auf der Suche nach Identität und
mit deutlich sichtbaren individuellen Charaktereigenschaften.
In diesem Sinne ist Persönlichkeitsmanagement ein "induktiver" Weg der
Personalentwicklung. Das Ziel ist, den einzelnen so stark zu machen, dass er unvermeidbare
Fremdbestimmtheiten als positive Herausforderung annehmen kann.
Persönlichkeitsmanagement ist damit ein Prozess der Persönlichkeitsausformung, der
Selbstverwirklichung. Durch bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, d.h. den
eigenen Fähigkeiten, Bedürfnissen, Interessen, Wünschen, Hoffnungen und Ängsten und
den von aussen herangetragenen Erwartungen und Forderungen, lernt der einzelne zunächst
einmal sich selbst in den für ihn relevanten Lebensbezügen und Rollen besser kennen.
Auf dieser Basis kann er dann bewusste mittel- und langfristige Lebensstrategien
entwickeln, die ihn zu einer höheren Lebenszufriedenheit zurückführen, indem sie ihm
helfen,
- seine personale Identität zu entwickeln und zu leben, d.h. sich selbst als
eigenständige Persönlichkeit zu erkennen und zu akzeptieren,
- die Selbstkontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen und selbstbestimmte
Verhaltensstrukturen zu entwickeln, die nicht unbedingt den fremdbestimmten Rollenmustern
der Gesellschaft entsprechen,
- seine individuellen Handlungspotentiale in den unterschiedlichen Lebensbereichen voll
auszuschöpfen,
- Konfliktpotential zu reduzieren und Lösungen für festgefahrene Konfliktsituationen zu
entwickeln und
- ein stabiles Gleichgewicht in der Balance zwischen Beruf und Privatleben aufzubauen.
Persönlichkeitsmanagement heisst, das eigene Ich so in einen zu akzeptierenden
sozialen Rahmen einzubringen, dass es möglich ist, trotz der unvermeidbaren Belastungen
Sinn, Spass und Zufriedenheit zu erleben.
Das individuelle Persönlichkeitsmanagement gliedert sich in folgende Schritte:
- die Standortbestimmung bzw. das Bewusstmachen der eigenen Situation, Antworten zu finden
auf die Frage: "Wer bin ich, und wo stehe ich jetzt?"
- die Formulierung eines realistischen Zielkatalogs: "Wie möchte ich künftig leben?
Wo will ich selbst von jetzt an in meinem Leben die Prioritäten setzen?"
- die Entwicklung von Strategien zur Erreichung der persönlichen Zielsetzung:
"Welche Schritte sind notwendig, damit meine Lebensvorstellungen Realität
werden?"
- die Realisierung der geplanten Veränderungen
- und schliesslich in einer erneuten Standortbestimmung die Kontrolle: "Was habe ich
erreicht? Welche Auswirkungen haben die Veränderungen auf mich selbst und auf meine
Beziehungen zu meinen Mitmenschen in Beruf und Privatleben? Was könnte ich in Zukunft
noch verändern bzw. verbessern?"
Denn: Jede reflektierte Erfahrung, die wir mit uns und unserem Leben machen, dient der
Entwicklung unserer Persönlichkeit.
5. Das ganzheitliche Konzept:
Körper, Psyche, Geist
| Führung
der eigenen Person |
| Körper |
Psyche |
Verhalten |
| Passiv
Vermeidung
von:
- Nikotin
- Alkohol
- Drogen
- Übergewicht
|
Passiv
- Progr.
Muskelentspannung
- Autogenes
Training
- Meditation
|
Arbeitsmethodik
- Zeitplanung
/ Störfaktoren
- Rationelle
Informationsaufnahme
|
|
Aktiv
|
Aktiv
- Konfliktverarbeitung
- Positives
Denken
|
Grundsätzlich sollte ein Konzept zur aktiven, selbstbestimmten Lebensführung immer
ganzheitlich angelegt sein.
Alles menschliche Denken, Handeln und Empfinden resultiert aus dem Zusammenwirken von
körperlichen, geistigen und psychischen Faktoren. Die menschliche Persönlichkeit, also
das, was wir selbst als Ich erleben, ist immer eine ganzheitliche Gestalt aus Körper,
Geist und Seele. Anlagen, Dispositionen, Eigenschaften und Persönlichkeitszüge hängen
eng miteinander zusammen. Die individuelle personale Ganzheit formt sich im Verlauf des
Lebens in Wechselbeziehung mit der Umwelt ein Veränderungsprozess, der bis zum
Ende des Lebens andauert.
Veränderungen in einem der drei Bereiche bewirken immer auch Veränderungen in den
beiden anderen Bereichen. Deshalb gehen beispielsweise starke und langandauernde geistige
Über- oder Unterforderungen häufig mit psychischen Belastungsreaktionen und/oder
körperlichen Stresssymptomen einher. Weiter nehmen bei eingeschränkter körperlicher
Belastbarkeit meistens auch das psychische Wohlbefinden und die geistige
Leistungsfähigkeit ab.
So wird man beispielsweise nach einem beruflich erfolgreichen Arbeitstag eher in
heiterer, optimistischer Stimmung nach Hause fahren, bereitwillig auf die Freizeitwünsche
der Ehefrau eingehen und vielleicht sogar mit Freude eine lange geplante, körperlich
anstrengende Arbeit im Garten in Angriff nehmen.
Nach einem Tag beruflicher Misserfolge hingegen ärgert man sich über jede kleine
Stockung im Feierabendverkehr, reagiert gereizt auf die temperamentvolle Begrüssung der
Kinder, fühlt sich körperlich ausgelaugt und möchte nur noch in Ruhe gelassen werden.
Die ganzheitliche Betrachtung berücksichtigt diese Wechselbeziehungen zwischen
Körper, Psyche und Geist und macht sie sich gleichzeitig zunutze. Im körperlichen
Bereich geht es dabei um das bewusste Umgehen mit dem eigenen Körper, um die Fähigkeit,
Körpersignale bewusst wahrzunehmen, sie zu verstehen und in angemessener Weise darauf zu
reagieren. Mit Sicherheit gehört zu einem effektiven Führen der eigenen Person in diesem
Bereich das Bemühen
- gesundheitliche Risikofaktoren zu minimieren, wie sie beispielsweise durch mangelnde
Bewegung, Übergewicht, falsche Essgewohnheiten, zu hohen Alkohol- oder Nikotinkonsum,
Abhängigkeit von Medikamenten oder Drogen ausgelöst werden,
- durch bewusste Ernährung und regelmässiges körperliches Training gesundheitlichen
Schäden vorzubeugen und verlorengegangene Fitness wiederzugewinnen,
- durch gezielte Entspannung etwa im autogenen Training oder bei Muskelentspannungs- und
Meditationsübungen sowie durch ausreichend lange, regelmässige Erholungspausen
(Feierabend, arbeitsfreie Wochenenden, stressfreier Urlaub, ausreichender Schlaf) und
Musse (Nichtstun, Lesen, Musik hören und dgl.) körperliche und psychische Verspannungen
zu lösen, das allgemeine Erregungsniveau zu senken und wieder innerlich und äusserlich
zur Ruhe zu kommen.
Im psychischen Bereich geht es um das subjektive Stresserleben. Die körperlichen
Risikofaktoren lassen sich objektivieren, das persönliche Stresserleben ist dagegen das
Ergebnis einer subjektiven Interpretation. Was für den einen positiver Stress ist, kann
für den anderen ein negativer Stress sein. Es geht einmal um das Gewinnen einer richtigen
Einstellung, um die Gelassenheit, um das "dicke" Fell. Wer seine Stresstoleranz
erhöhen will, sollte seine eigenen Freuden und seine per
sönlichen Ärgernisse kennen. Er sollte versuchen, viel Positives, viel Schönes, viel
Freude und Erfolg zu erleben. Positive Erlebnisse erhöhen die Stresstoleranz, negative
Erlebnisse senken sie.
Zum anderen sollten das eigene Anspruchsdenken, eigene Gefühle, Wünsche, Hoffnungen,
Träume, Befürchtungen und Ängste sowie das Umgehen mit den eigenen Bedürfnissen in der
Auseinandersetzung mit den von aussen kommenden Erwartungen und Anforderungen zum Thema
werden.
Es geht hierbei um die aktive Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Ich und
Umwelt, zwischen den eigenen und fremden Ansprüchen in bezug auf die unterschiedlichen
Lebensbereiche und Rollen und den für den Betreffenden in Frage kommenden
Realisierungsmöglichkeiten. Es geht um die Überprüfung eigener Ziele, auch um den
falschen Ehrgeiz. Überprüfung eigener Ziele heisst, wieder zu entdecken, dass es auch
selbstbestimmte Zielsetzungen und Wünsche gibt, die ausserhalb des täglich
fremdbestimmten Umfeldes Freude, Erfolg und eine höhere Stresstoleranz ermöglichen.
Zielsetzung der Standortbestimmung und der Veränderungsstrategien im geistigen Bereich
ist das Erkennen von Belastungsfaktoren und Stressursachen in den einzelnen
Lebensbereichen und die Suche nach Möglichkeiten, die eigenen Konfliktpotentiale bewusst
zu verarbeiten. Dabei geht es auch darum, den persönlichen Umgang mit den eigenen Rollen
in Beruf, Familie und Freizeit zu überprüfen, persönliche Zielsetzungen und eventuelle
Blockaden und Barrieren zu überdenken, Verhaltensgewohnheiten, wie z.B. die eigene
Arbeitsmethodik und Zeitplanung, das Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Mitarbeitern,
Kollegen, Ehepartner, Familie, Freunden usw., einer kritischen Prüfung zu unterziehen und
nach realisierbaren Alternativen zu suchen.
Der Entschluss, das eigene Leben in bestimmten Bereichen zu verändern, sollte nach
Möglichkeit auch dazu führen, dass man versucht, für dieses Vorhaben möglichst
kompetente Hilfe und Unterstützung von aussen zu bekommen. Manches wird sich gemeinsam
mit anderen leichter verwirklichen lassen als allein. Anregungen und erste Erfahrungen im
Umgang mit neuen Verhaltensformen bieten, z.B.
- Seminare, in denen effektive Techniken der Arbeitsorganisation oder des Zeitmanagements
trainiert werden,
- Kurse, in denen Entspannungstechniken (autogenes Training, progressive Muskelentspannung
usw.) erlernt werden können,
- Seminare zur Stressbewältigung,
- Coaching als individuelle Hilfestellung.
Eine umfassende Standortbestimmung, Selbstbesinnung und das Zurückfinden zu sich
selbst sind nicht unter Zeitdruck und Stress zu realisieren. Gerade Führungskräfte
sollten den Mut haben, sich regelmässig für einige Zeit den Anforderungen aus Beruf,
Familie und Freizeit zu entziehen und sich ungestört in Musse, ohne Zeitdruck und
Störungen von aussen, mit sich selbst beschäftigen, z.B. am Wochenende oder im Urlaub
einmal allein einen längeren Spaziergang machen, an Seminaren, Kursen oder kulturellen
Angeboten teilnehmen, die einem selbst für die persönliche Entwicklung wichtig sind. Ein
"Wochenende der Stille" in einem Kloster erleben usw. Es geht um das
"Loslassen" von Macht, Rollen und Erfahrungen. Musse, Mass und Meditation kommen
aus einer Wortfamilie und meinen den Zeitraum, den man sich nimmt, um nachzudenken.
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Im körperlichen Bereich geht es um das Erkennen physischer
Stressreaktionen, um das bewusste Umgehen mit dem eigenen Körper und einen ökonomischen
Einsatz der zur Verfügung stehenden Kräfte.
Im psychischen Bereich geht es um das subjektive Stresserleben, um das
selbstbestimmte Handhaben eigener Bedürfnisse und Zielsetzungen.
Im geistigen Bereich geht es um das Erkennen von Stressursachen
vor allem auch im beruflichen Bereich und der Möglichkeit, das eigene
Konfliktpotential bewusst zu verarbeiten.
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6. Zehn Empfehlungen
Für den Weg zum erfolgreichen Persönlichkeitsmanagement gibt es keine Patentrezepte,
wohl aber eine Fülle von Anregungen, Techniken und Methoden sowie einige Grundregeln, an
die man sich halten sollte:
- Selbstverantwortung
Übernehmen Sie die Verantwortung für sich selbst! Sehen Sie Stress als
Herausforderung, und bemitleiden Sie sich nicht in aller Stille. Betrachten Sie sich nicht
als "Gefangener Ihres Schicksals". Bejahen Sie den Stress, denn Leben und
Leistung sind ohne Stress nicht möglich. Flucht vor dem Stress ist keine
Stressbewältigung, sondern führt eher zu neuem Stress. Akzeptieren Sie nicht
widerstandslos Stresssituationen, sondern versuchen Sie, Dis-Stress aktiv umzugestalten.
Der grösste Teil der negativ empfunden Stresssituationen ist selbst verursacht.
Akzeptieren Sie aber auch für bestimmte Zeitabschnitte den herausfordernden aktiven und
kreativen Stress!
- Selbstbestimmung
Realisieren Sie soweit wie möglich selbstbestimmte Ziele! Nehmen Sie nur
Aufgaben an, die herausfordernd, befriedigend und für Sie selbst wertvoll sind, deren
Erfüllung für Sie eine Selbstbestätigung darstellt. Trainieren Sie Ihre Fähigkeit zur
Selbstmotivation, das heisst, bleiben Sie fähig, Ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und
Gefühle auszudrücken, ohne sich immer rechtfertigen zu müssen. Überprüfen Sie aber
auch Ihre bisherigen Zielsetzungen. Übersteigerte Ansprüche und utopische Ziele sind
ständige Quellen für Stressreaktionen. Versuchen Sie, Misserfolge, Krisen und Konflikte
zur geistigen Neubesinnung zu nutzen. Die Erfüllung materieller Bedürfnisse sowie
Anerkennung und Status können die eigene Selbstverwirklichung nicht ersetzen.
- Bewusst handeln
Tun Sie das, was Sie tun, überzeugt! Leben Sie im Hier und Jetzt. Entwickeln Sie
eine Sensibilität für den Augenblick. Trainieren Sie Ihre Wahrnehmungsfähigkeit.
Geniessen Sie Ihr Leben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Wenn Sie
"sündigen", dann überzeugt. Verteilen Sie Ihre Kraft auf verschiedene
Lebensaktivitäten, nicht nur einseitig, zum Beispiel auf den Beruf. Handeln Sie bewusst
im Beruf, in sozialen Aktivitäten, in der Freizeit, in Ihrer Familie. Leben Sie bewusst,
lieben Sie bewusst, lernen Sie bewusst, lachen Sie bewusst, leiden Sie bewusst.
- Positives Denken
Sehen Sie auch die guten Seiten! Sehen Sie an Krisen und negativen Ereignissen
auch die positiven Seiten. Beunruhigen Sie sich nicht schon vorher über mögliche
Stressituationen, sondern stellen Sie bedrohlichen Ereignissen lohnende Ziele und positive
Ereignisse gegenüber. Sehen Sie das Leben nicht als eine überwiegend ernste und schwere
Sache an, sondern freuen Sie sich so oft wie möglich am Leben überhaupt. Lachen Sie auch
einmal über sich selbst, und entwickeln Sie Sinn für Humor.
- Bewusste Entspannung
durch Entspannungstechniken! Planen Sie Zeiten bewusster Entspannung ein,
mindestens 15 Minuten täglich. Pausen, Mittagszeiten, Wochenenden, aber auch der
Urlaub sollten "stressfreie" Zeiten sein. Sie sollten der
"Problementfernung" dienen. Dies gelingt durch bewusste Entspannungsübungen,
aber auch durch bewusste Freizeitgestaltung. Fitness, Sport, Sauna gehören ebenso dazu
wie Hobbys. Wichtig ist, dass die aktiv oder passiv genutzte Freizeit Freude macht und zu
einer "Umpolung" von Körper, Psyche und Geist führt.
- Bewusste Anspannung
durch aktive Lebensführung! Der Entspannung steht die aktive Stressbewältigung
gegenüber. Der körperliche Abbau des Affektstaus wird durch ein systematisches
sportliches Training erreicht. Wählen Sie sich eine Sportart, die Ihnen Spass macht, und
machen Sie sich immer bewusst: Übersteigerte Leistungsansprüche können Dis-Stress
erzeugen. Aktive Lebensführung heisst aber auch: Vermeidung körperlicher Risiken durch
gesunde Ernährung, Reduktion des Rauchens, Einschränkung des Alkoholkonsums und des
Medikamentenverbrauchs.
- Positive Umwelt
Schaffen Sie sich eine stressfreie Umgebung! Die Auswirkungen einer durch Stress
belasteten Umwelt hängen im Beruf wesentlich von den zwischenmenschlichen Beziehungen
innerhalb einer Firma, vom praktizierten Führungsstil und vom Betriebsklima ab.
Vergleichbares gilt auch für die Familie. Man kann zu einer positiveren Umwelt beitragen,
indem man seinen Mitmenschen mehr Vertrauen und Sympathie entgegenbringt. Betrachten Sie
Probleme im sozialen Bereich auch aus der Sicht der anderen. Hilfreich kann es sein,
weniger zu reden, mehr zuzuhören, zu beobachten und andere Meinungen zu tolerieren. Es
geht aber auch darum, in sozialen Beziehungen eigene Rechte und Bedürfnisse zu
artikulieren und Zonen gegenseitigen Respekts zu vereinbaren. Bei der Auswahl von sozialen
Kontakten sollte man vorsichtig vorgehen und Beziehungen herstellen, die stärkend und
unschädlich sind.
- Stressfreie Arbeitsorganisation
Agieren Sie, statt zu reagieren! Stress entsteht vor allem im reaktiven
Zeitstress. Bewahren Sie sich eine gut ausgewogene und herausfordernde Arbeitsmenge. Wer
dauernden Zeitdruck erfährt, sollte versuchen, aktiv zu planen, weniger wichtige Dinge zu
delegieren und Zeitpuffer einzuplanen. Überlastungen und Krisen werden durch Zeiten des
Aufatmens ausgeglichen. Ein voller Schreibtisch zeugt von schlechter Arbeitsorganisation
und zwingt zum Weitergrübeln am Feierabend. Zeitpolster sind unbedingt notwendig, um auch
wichtige Dinge in Ruhe erledigen zu können. Auch die Mitarbeiter können dazu beitragen,
"störungsfreie" Zonen zu schaffen.
- Distanz und Gelassenheit
Schaffen Sie sich Ruhe- und Rückzugszonen! Stress entsteht häufig deshalb, weil
die notwendigen Distanz zu Aufgaben, zu Menschen und zu sich selbst verlorengeht. Man
sollte den Mut finden, sich einmal in der Woche den Anforderungen aus Beruf, Familie und
Freizeit zu entziehen. Die vielen unterschiedlichen Rollenerwartungen verhindern sonst die
eigene Standortbestimmung. Selbstbesinnung und das Zurückfinden sich selbst sind
notwendige Voraussetzungen zur Stressbewältigung.
- Freude und Erfolgserlebnisse
Lernen Sie, sich wieder zu freuen! Verschaffen Sie sich positive Erlebnisse und
Freude. Viele haben verlernt, sich zu freuen und alltägliche Dinge zu geniessen. Finden
Sie Freude auch an einfachen Selbstverständlichkeiten. Es gibt viele Annehmlichkeiten des
täglichen Lebens, über die man sich freuen sollte. Positive Erlebnisse erhöhen die
Stresstoleranz. Versuchen Sie, wenigstens einmal täglich Freude zu empfinden!
Literaturhinweise:
Linneweh, K.: Bevor es mich zerreisst, 1991
Streich, R.: Managerleben, 1994