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01.06.2016

Das Recht zur Führung – woher nehmen und nicht stehlen?

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Es wird viel (zu viel?) über Führung geredet und geschrieben – und der Autor dieses Beitrags beteiligt sich nun auch noch daran – und es wird viel zu wenig einfach geführt. Auch die Liste der Adjektive, mit denen der Begriff Führung versehen wird, wird immer länger. Führen Sie noch situativ, partizipativ, transformational und empathisch, oder führen Sie schon radikal? Vielfach geht es jedoch nur um die Funktion von Führung – zu selten aber um die Person, die führen soll. Es scheint (mal wieder?) an der Zeit zu sein, über den Menschen und damit über die Personalität von Führung zu sprechen.

Geben Sie das Wort Führungskompetenz bei Google ein, so erhalten Sie ca. 556.000 Ergebnisse. ‚Führungsstile‘ ergibt ca. 137.000 Ergebnisse und die Begriffe Führungsgrundsätze und Führungstechniken können immerhin noch mit ca. 74.600 und 61.000 Ergebnissen aufwarten. Kombinieren Sie das Wort Führung noch mit Systeme oder mit Kultur, so erhalten Sie weitere einige Hunderttausend Suchergebnisse. Führungskräfte brauchen demnach Kompetenz, Stil, Grundsätze, Techniken, System und Kultur. Fast hätte ich vergessen die Visionen zu erwähnen.

Der Jahrmarkt der Führung

Falls Sie den Jahrmarkt der Führung einmal inhaltlich durchforsten, dann finden Sie z.B. Führungsgrundsätze wie diese: “Wirksame Führungspersönlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich auf das Wesentliche konzentrieren und sich nicht im Detail verzetteln. Wesentlich heißt: Ziele setzen - den Betrieb optimal organisieren - richtige Entscheidungen zur richtigen Zeit treffen - offen und verständlich kommunizieren - Ergebnisse kontrollieren”. Und die Führungsgrundsätze dieses Unternehmens enden dann mit folgendem Gebet – ja, Sie haben richtig gelesen, Gebet: “Gott gebe mir den Mut und die Kraft, die Dinge zu erledigen, die wesentlich sind und die ich erfolgreich erledigen kann. Er gebe mir die Gelassenheit, die Dinge beiseite zu lassen, die unwesentlich sind und an denen ich scheitern muss. Und er gebe mir die Klugheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!” Ob die Mitarbeiter dieses Unternehmens auch hinreichend oft Gebetserhörungen erleben?

Wenn Sie dann alle für die Führung notwendigen Kompetenzen, Stile, Grundsätze, Techniken, Systeme und Kulturen kennen - und mühsam erlernt haben, sind Sie wahrscheinlich schon zu alt geworden, als dass es für ein Unternehmen noch Sinn machen würde, Sie als Führungskraft zu beschäftigen. Es sei denn, Sie haben sich in Turbogeschwindigkeit zum Feel-Good Manager entwickelt.

Die Führung und der Kreis

Erinnern Sie sich noch an Ihren Mathematikunterricht? Was beschreibt eine Tangente am Kreis? Ich stelle diese Frage immer wieder gerne und bin erstaunt darüber, wie viele Menschen auch in Führungspositionen erst einmal überlegen müssen, bevor sie die richtige Antwort geben. Eine Tangente beschreibt ihren Berührungspunkt am Kreis – sie beschreibt aber nicht den Kreis.

Führung steht vielfach unter dem Paradigma des Rechthabens, des Besserwissens und des Expertentums. Und deshalb glauben viele Führungskräfte, dass ihr Ausschnitt von Wirklichkeit die Wirklichkeit sei. Objektivität und Professionalität sind die siamesischen Zwillinge moderner Führungsparadigmen einerseits. Andererseits werden Führungskräfte in unzähligen Seminaren und Workshops in Rhetorik, Kommunikation (seit einiger Zeit auch gerne gewaltfrei), Körpersprache (immer wieder gerne mit Hilfe von Pferden und neuerdings auch mit Hilfe von Katzen und Hunden) zu omnipotenten Allroundern ausgebildet. Das alles ändert aber gar nichts an den grundsätzlichen Bedingungen des Menschseins.

Führung - Alles nur Fasade?

„Wissen Sie eigentlich, worauf Sie sich einlassen?“ Meine Erfahrung ist: Stelle ich diese Frage 100 Menschen mit Führungsambitionen, haben sich weniger als zehn Menschen darüber wirklich Gedanken gemacht. Frage ich Menschen danach, wie ihre zukünftige Führungsarbeit und Karriere aussehen soll, dann können die meisten sehr beredt darüber Auskunft geben. Frage ich sie aber nach dem Fundament und der Statik für das Ganze, antworten sie meistens mit der Gegenfrage, wie denn meine Frage gemeint sei.

Menschen haben ein hohes Gefährdungspotenzial, Äußerlichkeiten wichtiger zu nehmen als Inhalte. “Mein Haus, mein Auto, mein Boot… meine Dusche, meine Badewanne, mein Schaukelpferd.” (Entschuldigung liebe Sparkassen) sind ja nur einige der Insignien von Erfolg haben.

Das Recht zur Führung wird vielfach ausschließlich aus der Funktion und der damit verbundenen Funktionsautorität abgeleitet. Für den ersten Tag in dieser Position ist das auch in Ordnung. Aber spä- testens am zweiten Tag muss die personale Autorität sichtbar sein. Funktionsautorität ist nur die Fassade von Führung und spiegelt meist nur wieder, was wir haben. Personale Autorität verkörpert Fundament und Statik von Führung, also das, was wir sind.

Vorsichtig erfolgreiche Menschen

Wer sich selbst nicht führen kann, kann auch andere nicht führen. Eigentlich eine Binsenweisheit, die sich auch in einem guten chinesischen Glückskeks finden lässt. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren Menschen erlebt, deren inneres Wachstum mit dem äußeren Wachstum ihrer Verantwortung nicht Schritt gehalten hat. Sie haben sich nicht wirklich mit sich selbst auseinandergesetzt und haben sich nicht ausreichend um ihre kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Selbstführungskompetenzen gekümmert. Viele haben ihre Karriere als Führungskraft zwar als homo sapiens begonnen, aber sie haben zu oft ihre schleichende Transformation bzw. Degeneration zum homo oeconomicus nicht mitbekommen.

Bube, Dame, König, As

Die Arbeit mit vielen Führungskräften hat mich in den vergangen 20 Jahren immer mehr das Quartett der Führung mit personaler Autorität gelehrt: Transparenz, Konsequenz, Konsistenz und Respekt – den vier Prinzipien (Fundament und Statik) wirksamer Menschen in Führung.

Menschen, die wirksam führen, benötigen wenig bis keine Funktionsautorität. Sie bauen durch diese vier Prinzipien personale Autorität auf und müssen sich deshalb nicht ständig hinter der funktionalen oder hierarchischen Autorität verstecken. Diese vier Prinzipien – oder sollte ich besser Charaktermerkmale sagen? – funktionieren wie ein stabiler Stuhl. Ist ein Bein zu kurz oder fehlt es gar komplett, ist keine Stabilität mehr im System. Das Sitzen auf diesem Stuhl ist ein ständiger Balanceakt.

Nun sind diese Prinzipien ja nicht wirklich neu. Häufig werden sie aber nur in Verbindung mit der Funktion von Führung benutzt und nicht in Verbindung mit der Person, die führt. Wenn Menschen transparent, konsequent, konsistent und respektvoll sind, dann ist es ihre Führung in der Regel auch. Umgekehrt stimmt das aber in vielen Fällen eben nicht. Prinzipien können sehr wohl auch als Mittel zum Zweck missbraucht werden. Nicht selten habe ich Führungskräfte kennengelernt, die in einem ‚so-tun-als-ob‘-Modus agiert haben. Sie waren jahrelang erfolgreiche Führungsschauspieler. Sie haben sich perfekt als homo sapiens getarnt, um den homo functionalis zu verbergen. Und die selbstkritische oder kritische Auseinandersetzung mit der Frage, ob es gute Führung gibt, gerät dann rasch einmal in den Verdacht, eine “Moral-Blähung” zu sein.

Warum blicken die Menschen zu Ihnen auf? Weil Sie einen tollen Posten haben, ein schickes Auto fahren und in einem großen Haus wohnen – also das „Design“ passt? Oder weil Sie jemand sind, dem Ihre Leute vertrauen können, den sie respektieren – also weil das „Fundament“ und die “Statik” passen.

Ich sage Ihnen was: Design gibt keinen Halt!

Auf die Untertitelfrage dieses Beitrages bin ich Ihnen ja noch eine Antwort schuldig. Das Recht zur Führung müssen Sie dann nicht stehlen, wenn sich Menschen Ihrer Führung anvertrauen, weil sie Ihnen vertrauen.

Unser Tipp!
Eberhard Jung hält zum Thema "Getrieben oder berufen" einen Vortrag an der ZfU Resilienz-Tagung.
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Autor: Eberhard Jung

Er berät und coacht seit 20 Jahren national und international Menschen mit Führungsverantwortung in Fragen ihrer persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung. Seine Kunden schätzen seine herausfordernde und oft auch unbequeme Art und Weise Fragen zu stellen und die Dinge auf den Punkt zu bringen. „Mach was Du willst, mache es bewusst und übernimm gefälligst die Verantwortung für das, was Du machst und für das, was Du nicht machst!“