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30.12.2015

Hirschhausens kleine Humor-Heilkunde

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Wir kommen aus Staub – wir werden zu Staub. Daher meinen die meisten Menschen, es muss im Leben darum gehen, möglichst viel Staub aufzuwirbeln.

Es ist doch paradox: Jeder Mensch meint von sich, er habe Humor. Gleichzeitig kennen wir viele, die keinen haben. Das geht nicht auf. Wollen Sie wissen, zu welcher Gruppe Sie gehören? Ein kleiner Test: „Statistisch ist jeder dritte Deutsche hässlich. Wenn Sie jetzt einmal unauffällig rechts und links schauen, und die beiden neben Ihnen sehen ganz ok aus – ja dann – haben Sie Humor!“

Wenn ich das auf der Bühne sage, kann ich ziemlich sicher sein, dass die Menschen lachen. Aber was, wenn Sie diese Zeitung lesen, und gerade niemand rechts und links von Ihnen sitzt? Dann ist es der perfekte Einstieg, um über das Wichtigste bei Witzen zu sprechen: nicht die Pointe, sondern den Kontext. Was an „Witzeerzählern“ nervt, ist ihre völlige Ignoranz der Situation gegenüber. Was guten Erzählern gelingt: mit einer kleinen Geschichte, einem Zitat, einem Bild oder einer Metapher und vielleicht auch einem Witz beim Gegenüber ein ganzes Feuerwerk an gedanklicher Umstrukturierung zu erreichen. Denn darum geht es beim Humor: die größte Freiheit in unserem Denken besteht darin, freiwillig die Perspektive zu wechseln. Und deshalb ist es unfreiwillig komisch, wenn wir uns ertappen, in einer Denkfalle zu stecken. Wie der Betrunkene, der im Kreis sich um eine Litfaßsäule herumtastet und ruft: „Hilfe, ich bin eingemauert!“ Für jeden Außenstehenden ist es offensichtlich, dass er sich nur umzudrehen bräuchte, um frei zu sein. Nur er hält an der scheinbar endlosen Wand und seiner „Weltsicht“ fest. Warum es Witze und Humor gibt, und warum wir Lachen so genießen, darüber haben sich schon viele große Geister den Kopf zerbrochen. Von Kant, Schopenhauer über Freud bis hin zu modernen Kognitionswissenschaftlern, bleibt es eines der großen Rätsel des Menschen. Eine der für mich überzeugendsten Theorien lautet: Menschen lieben einfache Erklärungen für die Phänomene um sie herum, und erliegen dabei oft Irrtümern über Ursache-Wirkungs-Beziehungen. So wie der Mann, der durch die Straße läuft und gefragt wird, warum er dabei ständig in die Hände klatscht. „Ich vertreibe die Elefanten“. „Aber hier gibt es doch gar keine Elefanten.“ „Sehen Sie!“ Offenbar liefert der Humor die Möglichkeit, über seine eigenen falschen Annahmen über die Welt zu lachen und sie zu korrigieren. Deshalb ist es auch eines der sichersten Anzeichen für jede Form von Ideologie, dass sie stets komplett humorbefreit daher kommt. Wer sich im Besitz der einzigen Wahrheit wähnt, der hält eine andere Perspektive gar nicht aus.

Ein Mann hat sich beim Wandern verlaufen. Endlich kommt er an einen Fluss, in der Hoffnung irgendwann eine Brücke und die Zivilisation wieder zu finden. Es kommt aber kein Pfad, keine Brücke, nichts. Da sieht er auf dem Acker auf der anderen Seite des Flusses einen Bauern, der sein Feld bestellt. Frohen Mutes ruft er hinüber: „Landmann, wie komme ich auf die andere Seite?“ Der Bauer überlegt eine Weile und ruft zurück: „Du bist schon auf der anderen Seite!“

 Im Lachen können Widersprüche bestehen bleiben, ohne dass sie aufgelöst zu werden brauchen. Unser Verstand will die Welt sortieren, die ist aber viel zu komplex, um sich in gut/böse, rechts/links, richtig/falsch einteilen zu lassen. Es gibt drei Zustände der Seele, wo Widersprüche existieren dürfen, ohne aufgelöst werden zu müssen: der Traum, die Psychose und der Humor. An der Nicht-Begreifbarkeit des Lebens kann man verrückt werden, man kann daran verzweifeln oder man kann darüber lachen. Lachen ist die gesündeste Art und überhaupt nicht oberflächlich. Ein großes deutsches Missverständnis. Im Lachen akzeptiert man die Doppelbödigkeit des Seins. Schopenhauer meinte schon, jedes Lachen ist eine kleine Erleuchtung. In allen Religionen der Welt kommen humorvolle Geschichten als Transportmittel für Paradoxien, Optimismus, Verständnis und Heilung vor. Lachen hilft nachweislich gegen Schmerzen, senkt den Blutdruck und baut Stress ab. Lachen ist die beste Medizin – das weiß der Volksmund schon lange. Seit 20 Jahren wächst das Interesse, Humor auch gezielt therapeutisch einzusetzen, zum Beispiel in der provokativen Therapie, in der Hypnotherapie mit heilsamen Geschichten und Metaphern oder auch mit Clowns in Krankenhäusern, die große und kleine Patienten aufmuntern, Hoffnung wecken und Lebensmut stärken. Ich unterstütze diese Bewegung von Anfang an und seit 2008 konkret mit meiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN. Das Ziel: Spender und Akteure vernetzen, Ärzte, Pflegekräfte und Clowns weiterbilden und therapeutisches Lachen in Medizin, Arbeitswelt und Öffentlichkeit fördern. Aktuell laufen Workshops für Pflegekräfte und größere Forschungsprojekte zur Wirkung von Humorinterventionen bei stationären Patienten nach einem Schlaganfall und ein ambulantes Training bei Herzpatienten. Und deshalb finde ich es auch gar nicht so abwegig, Ihnen als Arzt prophylaktisch ein bisschen Humor zu verschreiben. Humor kann man ja nicht als Tablette einnehmen, nur als Haltung. Und wenn Sie durch diese kleine Humorheilkunde am Ende vielleicht einmal geschmunzelt haben, einen Gedanken aus der Forschung mitgenommen und womöglich einmal jemand anderen mit einem neuen Witz in ihrem Repertoire überrascht haben, ist das doch schon viel.

Erwarten Sie bitte nicht, dass Sie laut lachen beim Lesen. Lachen ist ein soziales Phänomen. Wir können uns ja auch nicht selber kitzeln, wir brauchen andere um uns „anstecken“ zu lassen. Wer nur einen Hammer als Werkzeug kennt, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Was aber nicht heißt, dass eine Geschichte nicht auch „passend gemacht“ werden kann. Das genau ist die Kunst. Und jede Kunst erlernen wir weniger durch ein Handbuch oder Regelwerk, sondern durch Imitation und Ausprobieren. Daher ist der wichtigste Schritt, wenn Sie Humor in Ihren Alltag einbauen möchten, Dinge genau beobachten zu lernen. Und sie dann zu adaptieren und ein Leben lang in der Kunst besser zu werden und zu reifen. Dass viele TV-Comedians zwischen 20 und 40 Jahren alt sind, liegt eher an den Flachbildschirmen und dem Wahn der „werberelevanten Zielgruppe“ als an der Tiefe ihres Humors. Gute Komiker sind wie guter Wein und lassen sich lagern. Einige Loriot-Sketche sind solche Meisterwerke, dass sie sich durch die Wiederholung nicht abnutzen, sondern immer wieder neue Ebenen und Details offenbaren.
Beim Humor ist es wie bei der Liebe oder dem Fußball: Die, die am meisten darüber reden, sind nicht die mit der größten praktischen Erfahrung. Es gibt drei Dinge, die man beachten muss, um garantiert witzig zu sein. Leider ist keines davon bekannt. Dennoch gibt es eine Handvoll Grundregeln und Erfahrungen aus der Praxis. Ich verrate Ihnen gerne Stück für Stück, was ich aus der Witzetheorie und vor allen Dingen aus Tausenden von Stunden auf der Bühne vor echtem Publikum gelernt habe. Und zwar auf die harte Tour, indem ich mich immer wieder fragte, warum an dieser Stelle gelacht wurde, aber nicht da, wo ich es selber geplant hatte.

 1. Ökonomie

Komik ist Anti-Journalismus: Das Wichtigste kommt zum Schluss! Komik hat viel mit Ökonomie zu tun. Je weniger Worte gebraucht werden, um die Situation klarzumachen, desto schwächer darf der Witz sein, der folgt. Wir alle nehmen es Witzeerzählern übel, wenn sie lang und breit die Vorgeschichte ausschmücken und nachher kommt ein müder Gag. Das gleiche gilt für jede Form der „Aufmerksamkeit auf Kredit“. Je länger der Aufbau und die Hinführung zu einem Kunststück, desto stärker muss der Effekt sein, die Überraschung am Ende. Publikum und Vortragender haben eine ungeschriebene Vereinbarung: Ich, der Zuschauer, investiere Zeit und Aufmerksamkeit, du, Vortragender, belohnst mich mit etwas, das diese Investition rechtfertigt. So fühlt man sich bei schlechten Witzen auch regelrecht „betrogen“ um seine kostbare Zeit. Gleichermaßen bei einem schlechten Film oder einem Krimi, wenn sich am Ende die Stunden des Zuschauens oder Lesens nicht bezahlt machen.

 2. Die Dreier-Regel

Eine Linie wird durch zwei Punkte beschrieben. Und weil wir geradlinig denken, erwarten wir, dass auch ein dritter Punkt auf der gedachten Linie liegen wird. Aber die Pointe liegt gerade nicht dort. Sondern ganz woanders. Ein Beispiel:

 Ein Mann geht frühmorgens im Nebel aufs Eis, um zu angeln. Er will sich gerade ein Loch hacken, da hört er eine tiefe Stimme von oben: „Hier gibt es keine Fische!“ Er wundert sich, denkt, er habe das nur geträumt, und hackt weiter. Wieder kommt die Stimme: „Hier gibt es keine Fische!“ Diesmal ist er sich sicher, das war keine Einbildung! Und ganz zaghaft wendet er seinen Kopf gen Himmel und fragt: „Herr, bist du es?“ „Nein“, antwortet die Stimme, „ich bin der Sprecher des Eisstadions!“

 Die Pointe wäre beim zweiten „Hier gibt es keine Fische“ nicht so lustig wie beim dritten Mal. Sie würde beim sechsten „Hier gibt es keine Fische“ nicht noch besser werden. Im Gegenteil, zum Himmel stinken. Daher: die Dreier-Regel.

 3. Übung

Jetzt sind Sie dran. Nehmen Sie sich ihren Lieblingswitz und beginnen Sie ihn zu erzählen, wenn die Gelegenheit es zulässt. Und Gelegenheiten kann man auch schaffen, zum Beispiel am Ende eines Telefonates fragen, ob der andere noch eine Minute hat, man hätte neulich einen Witz gehört, der könnte ihm gefallen. Wer wird da nein sagen? Und so hat man über den Tag die Chance, denselben Witz erst vielleicht noch mit Stichworten neben dem Telefon und dann später ganz frei zu erzählen, bis er in das eigene Repertoire übergeht. Und wenn Sie 5 gute Witze in ihrem Köcher haben, die Sie frei erzählen können, sind Sie schon besser als die meisten! Und deshalb schenke ich Ihnen noch einen weiteren Witz. Was Sie damit machen, überlasse ich Ihnen. Sie können ihn ausreißen. Oder wegschmeißen. Oder sich. Aber vor allem, trauen Sie sich aus der Theorie in die Praxis, denn:

 Ein Mann betritt ein Bahnabteil, in dem bereits zwei Juden sitzen. Sie rufen abwechselnd Nummern, woraufhin der andere jeweils schallend lacht. „14!“ „Au ja, 14, sehr gut! 73!“ „73, hervorragend …“ Nachdem er dem seltsamen Schauspiel eine Weile zugeschaut hat, traut sich der Mann zu fragen, was es damit auf sich habe. „Ganz einfach. Wir beide lieben Witze. Aber weil wir irgendwann uns alle Witze schon einmal erzählt hatten, haben wir unsere 100 besten durchnummeriert und jetzt reicht es, die Nummer zu sagen.“ Der Mann ruft daraufhin: „25!“ Von den beiden kommt keine Reaktion. „Ist denn 25 kein guter Witz?“ „Doch, aber man muss ihn eben auch erzählen können!“

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